Schreiben als Therapie

Wir lagen auf der Couch, starrten auf unsere Handys.

Wir checkten unsere SMS, immer wieder. Wir suchten nach einem technischen Fehler,

einem verpassten Anruf.  Es konnte doch nicht sein. Dieser ganz besondere Mensch  musste doch angerufen haben! Warum nicht einfach anrufen? dachte ich. Die SMS ist bestimmt im Spam gelandet. Die Mail versehentlich gelöscht. Ich werde  fragen und betteln. Sicher sitzt dieser einzigartige, anbetungswürdige Mensch  traurig vor seinem Handy, so wie ich gerade. Sicher bin auch ich für ihn dieser einzigartige, anbetungswürdige Mensch. Er traut sich nur nicht. Ist vielleicht traumatisiert. Oder kann weder schreiben, noch lesen. Oder hat eine Telefon-Phobie…

2004 gab es noch kein Facebook und Whatsapp. Zum Glück. 😉

 

„Ulrike, ich bin kurz davor, ihm hinterher zu laufen „, sagte mein guter Freund  plötzlich.

Auch er hatte so einen ganz besonderen Menschen.

Mehr brauchte ich nicht, um endlich mein Handy auszuschalten. „Ich auch“, sagte ich.

Wir sahen uns an: Was machen wir jetzt?

Wir haben alles versucht: Bewegung, shoppen, Filme, trinken, kiffen, Musik hören.

Als wir dann im Park saßen, am Wasser, weil das ja so gut helfen soll gegen Liebeskummer, hatte er plötzlich diese Idee.

„Komm, wir schreiben jetzt ein Theaterstück.“

Es gab nichts, was ich weniger wollte, in diesem Moment. Er ist aber zum Glück hart geblieben. Die Figuren hatten nichts mit uns zu tun. Nichts mit unserem Leben. Es ging nicht um Liebe. Nicht um Kummer. Nicht um Weltschmerz.

Das Stück sollte auch nie aufgeführt werden. Wir schrieben einfach, ganz diszipliniert bis zum Ende.

Danach war alles anders. Danach sah ich wieder die ganze Welt, nicht nur ein nicht klingelndes Handy. Und unsere Angebeteten wurden  nur unbedeutende Typen. Unser   Leben ging weiter.

Er ist  ihm nicht hinterhergelaufen. Ich auch nicht. 😉

Sommer 2014. Diskussionen über Israel. Demos in der Stadt. Die Stimmung ist aufgeladen.

Man möchte lieber nicht rausgehen. Man möchte lieber keine Meinungen kundtun.

 

Sich nicht einreihen in diese Meute, die „Juden ins Gas“ brüllt. Nicht in die Meute der „Ja, aber“ Leute. Und schon gar nicht selbst etwas dazu sagen. Denn das würde wieder für neue aufgeheizte Diskussionen sorgen, gekündigte Freundschaften, Hysterie.

Am Samstag die Demo. Am Sonntag Facebook-Krieg. Am Montag Straßenmusik mit einer Freundin. Und wir fragten uns ernsthaft, ob es eine gute Idee ist, jetzt „Oh Hanukkah, Oh Hanukkah“ von „the Barenaked Ladies“ zu singen, ein Song, der eigentlich zu unserem Repertoire gehört.Da wurde  es absurd. Ich nahm  mein Notizbuch.  Sie spielte eine Melodie, ich schrieb einen Text. Eine intellektuelle Meisterleistung wurde das nicht. Aber darum ging es nicht.  Wir setzten uns in die Fußgängerzone. Wir sangen „Oh Hanukkah“, danach unser neues Lied. Wir spielten einfach, was uns einfiel. Und dann passierte  etwas: Niemand schaute uns mehr hasserfüllt und missmutig an. Sie fragten alle nach dem Song, manche bedankten sich sogar. Die Atmosphäre wurde auf einmal schön.

Ein alter Mann tanzte zu „Oh Hanukkah“  Niemand hat mich an diesem Tag nach meiner Meinung gefragt. Es gab keine Diskussionen.

Ich rege mich schrecklich auf. Bin wütend. Rufe eine Freundin an und berichte ihr wutschnaubend von einem  empörenden Ereignis. Sie soll sich gefälligst auch aufregen.

Doch cool wie immer, sagt sie: „Schreib doch ein Gedicht darüber.“

Du nimmst mich ja gar nicht ernst sage ich. „Doch“, sagt sie. „Das ist doch dein Beruf. Wozu ist dieses Talent denn sonst gut? Jetzt setz dich an den Schreibtisch, verdammt! Ich will einen guten Text hören.“

Ich schreibe- und bekomme plötzlich eine neue Idee. Aus einem Text werden viele Texte.

Und dann kommt dieser Tag, den alle schreibenden Menschen erleben, manchmal sind es sehr viele Tage. Ich kann nichts. Nicht mal schreiben. Und dann ist da diese Lesung. Na gut, man hatte ja zugesagt, muss also hin. Ich stehe da, alle lachen. Ich lese einen Text vor, den ich in dieser beschissenen Stimmung geschrieben habe. Und beim Lesen merke ich, wie sehr ich gerade genau hier sein möchte. Mir ist es egal, ob die mich für einen Freak halten. Oder für eine Möchtegern-Dichterin. Ist mir alles so egal. Ich will lesen und diese Leute unterhalten. Und dann merke ich: Sie lachen, weil sie meinen Humor verstehen. Wir kommunizieren miteinander. Nach der Lesung werden alle Gedichtbände verkauft, Gespräche, Komplimente und eben all das, was ich nicht erwartet hätte, passiert.

Vier Begebenheiten, an die ich denke, wenn ich nicht daran glaube, dass Schreiben mehr ist, als ein endloses Selbstgespräch. Schreiben ist handeln. Schreiben bewirkt etwas.

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Klappentexte

Wenn ich Klappentexte schreibe, versuche ich mir immer vorzustellen, wie schnell die Entscheidung bei den Lesern fallen wird. Was sie an meinem Text stören oder erfreuen wird. Warum sie das Buch kaufen

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Traveler Z 14

oder es bleiben lassen.

Mit 16 habe ich oft nur Klappentexte von Büchern gelesen, die man gelesen haben muss.

Um all das zu sagen, was eben nötig war, um in pseudointellektuellen Kreisen geduldet zu werden. Da alle die gleichen Phrasen droschen, fragte ich mich, ob wir alle nur die Klappentexte gelesen hatten. Ein Blick und man weiß Bescheid. Ein Satz und das Urteil steht fest. Wir haben Vorstellungen und Erfahrungswerte. Deshalb machen wir es uns einfach und lesen nur die Klappentexte. Das ist ziemlich dumm und kann peinlich werden.

Oft ist es aber einfach nur traurig. Manchmal haben wir Glück, liegen richtig mit unserer Einschätzung. Doch oft genug merken wir gar nicht, dass wir nur zu selbstverliebt und besserwisserisch sind, um zuzugeben, dass wir keine Ahnung haben.

Wer keine Meinung hat, wer noch nicht weiß, gilt als dumm und uninformiert. Dabei ist das vielleicht einfach Teil des Prozesses, der zum Verstehen dazu gehört. Doch wer sich traut, mal keine Meinung zu haben, wird mit etwas viel Wertvollerem belohnt: Einem Buch, das nicht nur im Regal steht um Gäste zu beeindrucken, sondern weil man es absichtslos gelesen und daher verstanden hat. Wenn ich einen Artikel schreibe, kann ich mich oft nicht konzentrieren, weil ich ja über Konzert, Lesung oder Ausstellung berichten muss. Ich soll mir ein Urteil bilden. die besten Artikel schreibe ich, wenn ich das ausblende. Ich lasse mich darauf ein. Nur dann muss ich mich nicht für das schämen was ich schreibe. Nur dann ist es wahr.

Wenn ich etwas richtig gut finde, fällt mir gar nichts mehr ein. Jedes Wort würde nur zerstören, was ich dann denke und  empfinde.

Morgen werde ich wieder über ein Konzert berichten. Und ich werde wieder all die Leute mit Handy sehen, die sich komisch vorkämen, wenn sie einfach nur zuhören würden. Auch finde es toll, nicht nur blöd rumzusitzen. Mir Notizen zu machen, zu filmen.

Letzte Woche habe ich mal ganz bewusst nichts getan-nicht fotografiert, nichts geschrieben. Nur zugehört. Irgendwann war ich dann drin in der Musik.

Es war schön, danach darüber zu sprechen. Denn ich hatte es erlebt.

 

Realität

Immer wieder-gerade an freien Tagen höre ich das: Endlich frei. Endlich Zeit für das wahre Leben. Das da wäre: Beziehungen, Familie, Freundschaften, Alltagsnervkram, Arztbesuche, Haushalt, Behördengänge, Nichtstun. Und im Urlaub: Nichtstun, Sonne, essen, trinken, feiern, Meer, Sonne, Sonnenbrand. Und danach: Das falsche Leben. Die Realität. Ein Leben, das aus Arbeit besteht. Eine abstrakte Tätigkeit, die aber immerhin die Miete und das Geld zum Leben einbringt. Für das „wahre“ Leben. Denn während der Arbeit lebt man nicht.

Auch von Schriftstellern hört man das oft: Nein, schreiben hat nichts mit der Realität zu tun. Schreiben, das gelingt nur abseits von Beziehungen, Alltag, ist stressig und nervenaufreibend.

Bei mir ist es genau umgekehrt: Wenn ich schreibe, fühle ich mich so, wie Andere im Urlaub:  Glücklich, frei, gutgelaunt. Obwohl es wirklich oft stressig, langweilig, anstrengend ist. Schreiben gibt mir eine Sensibilität, die trotzdem ganz viel Gelassenheit zulässt. Ich nehme die Welt wahr, fliehe nicht vor ihr, kann aber besser mit all dem umgehen, was tagtäglich so passiert. Ich kann einordnen und verstehen. Und auch akzeptieren, wenn ich etwas nicht verstehe. Wenn ich nicht schreibe, versinkt alles in Chaos und Stumpfsinn. Das ist eigentlich mit jeder Tätigkeit so: Sie gibt Struktur, ordnet und das Chaos muss für ein paar Stunden draußen bleiben.

Schreiben und Leben-das gehört für mich zusammen. Ich bin immer ich: Wenn ich schreibe, lese, mit Freunden rede. Es gibt auch keine Scheinwelt „Im Internet“ oder „auf 14199207_1621024827923718_3045665599758726596_n“ für mich. 😉 Ich bin an einem Ort nicht mehr ich, als an einem anderen. Schreiben ist für mich die beste Möglichkeit, jederzeit Urlaub zu haben.

Und anders, als oft vermutet, ist das keine Flucht aus der Realität: Es ist ein Ankommen in der Realität.

Am Anfang

Am Anfang steht einer im Schatten

und sieht den Anderen in der Sonne stehen

Er will den in der Sonne auf die dunkle Seite ziehen, in den Schatten, zu sich

und raubt damit dem Anderen das Licht

Am Anfang sind wir gute Freunde

aus Pflichtgefühl und Loyalität

Wenn sonst nichts bleibt

sollte man gehen, doch dann ist es meist zu spät

Am Anfang das Gefühl von Freiheit

Weite, Freude, Menschlichkeit

dann kommt das Geld, das Gold, die Türme

was bleibt, ist ein gigantisches Regelwerk

Am Anfang ist es egal wie man aussieht

redet, sich gibt, wie man wirkt

dann glaubt man, sich zu präsentieren

ist das, worum es wirklich geht

Am Anfang war es nur ein Fehler

dann eine Tat, dann ein Beweis

Am Anfang war es der Drang zu helfen

und das ist nun der Preis

Am Anfang denkt man noch ganz anders

denkt, dass man Lügen immer erkennen kann

und irgendwann nimmt man die Lügen dann als eigene Meinung an

am Anfang baut man Türme

und glaubt, dass man jederzeit gehen kann

dann kommen Ausflüchte und Beschwichtigungen

weil man durch dicke Mauern nichts mehr sehen kann

Geld, Manipulation und Eitelkeit

heilige Dreieinigkeit

wenn der goldene Turm schon steht

ist es zu spät, viel zu spät13903433_1589944077698460_2599837119713284296_n

Interpretation

Ich hatte mal einen guten Freund namens Jan, mit dem ich mich gern und oft betrank, Festivals besuchte und eine Band gründete.

Als dieser Freund meine ersten Gedichte las, wurde er blass. Er glaubte nicht nur-er war fest davon überzeugt, dass diese Gedichte von ihm handelten. „Das tut mir ja so leid, dass ich dich so verletzt habe“ sagte er und schob den Gedichtband ganz weit weg. Wie er darauf gekommen ist, weiß ich bis heute nicht.

Christoph, ein anderer Freund, zeigte mir seine Gedichte und legte einen Zettel dazu: „Aber nicht wiederkäuen und ausspucken, wie man es in der Schule lernt-also interpretieren.“

Immer wenn ich etwas Neues schreibe, muss ich an die Beiden denken. Ich habe da erkannt, wie schwierig das ist, mit dem interpretieren und wahrnehmen. Ich erlebe es auch selbst oft, dass ich mich von manchen Texten verwirrt fühle-oft habe ich beim Lesen das Gefühl, in eine fremde Wohnung einzubrechen. Man erhält einfach so Einblick in eine fremde Welt und weiß gar nicht, worum es geht. Dann gibt es aber auch manchmal diese Texte die man einfach versteht-weil sie Vieles zur gleichen Zeit bedeuten. Solche Texte können verbinden.Viele unterschiedliche Menschen fühlen sich aus ganz unterschiedlichen Gründen von einem Text angeprochen. Dann wird aus dem unpassenden Besuch in einer fremden Wohnung eine Party zu der jede/r eingeladen ist.

Viele Menschen verstehen nicht, wie man sich Geschichten ausdenken kann. Für sie macht ein Buch nur Sinn, wenn die eigene Lebensgeschichte erzählt wird-oder ein reales Ereignis. Und Gedichte und Songs werden oft als ganz persönliche  Tagebucheinträge oder Briefe verstanden. Dabei ist es oft eher so: Man erlebt etwas und wird zum Schreiben angeregt. Die Gefühle geben eine Richtung vor und plötzlich erinnert man sich an längst vergessene Geschichten die man gehört, oder Artikel, die man gelesen hat. Und daraus entsteht dann etwas, das dann wieder ganz verschiedene Emotionen bei den Lesern hervorruft.

Ich habe die Reaktion von Jan als Kritik gesehen: Die Texte waren einfach zu persönlich. Sie liessen andere nicht herein, hatten etwas Unnahbares. Ich möchte lieber eine Party, als einen unerwarteten, unpassenden Besuch. Manchmal gelingt es mir, manchmal nicht. Dann denke ich an Jan, lache und versuche es noch einmal.

Und man kann den Text auch ganz uninterpretiert so stehen lassen, statt ihn schon nach dem ersten Satz auseinanderzunehmen, ohne etwas verstanden zu haben. Als ich die Texte von Christoph damals gelesen habe, nahm ich mir viel Zeit dafür. Ich habe sie immer wieder gelesen, auch nach vielen Jahren. Nur das wollte der Verfasser am Ende wissen-und das zeigte ihm, dass seine Texte auch für Andere interessant sein könnten.

Seit Facebook habe ich das Gefühl, urteilen geht plötzlich ganz schnell. Man fühlt sich immer genötigt, sofort alles zu verstehen. Man glaubt, durch zwei, drei Statusmeldungen oder Likes, kennt man einen Menschen. Doch gerade literarische Texte brauchen es, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt. Und sich irgendwann nicht mehr fragt, was sich der Dichter dabei gedacht hat. Denn entscheidend ist, was der Leser denkt. 10562638_1007796849246522_8050592490598538512_o

 

Alin Coen

Ich schreibe gern über Künstler und Musiker aus der Provinz.

Besonders freue ich mich, wenn sie auch über die Provinz hinaus bekannt werden;-)

Das ist ein Artikel über die wunderbare Sängerin und Songschreiberin Alin Coen und ihre tolle Band….

veröffentlicht anno 2009 im „Blitz“alin-coen-2alin-coen-1

Recherche

Recherche: Das wird oft nur mit einem Wort verbunden: Der Bibliothek.

Doch ein Roman ist keine wissenschaftliche Arbeit. Manchmal muss man einfach den Kopf freibekommen: Völlig absichtslos durch die Stadt spazieren und dabei plötzlich Menschen treffen, die eine Inspiration für das nächste Kapitel liefern. im Café zufällig ein Gespräch belauschen, das ganz perfekt als Grundlage für den Dialog passt, den du nicht hinbekommst. Von der besten Freundin in ein zweistündiges Gespräch über ein Thema verwickelt werden, das auch in deinem Buch vorkommt und über das du bisher wenig wusstest. Zufällig eine Doku oder einen Film entdecken, der dir alle Info´s liefert, die du benötigst-und das nur, weil du nicht einschlafen kannst.

So sieht Recherche auch oft aus.14568196_1667915759901291_5879339580858946266_n