Warum ich nicht Rena bin…Über die Identifikation mit Romanfiguren

Warum ich nicht Rena bin…Über die Identifikation mit Romanfiguren

Bei einem Interview wurde ich gefragt, ob ich die Hauptfigur meines Buches bin. Ob ich also Tagebuch geschrieben hätte. Weil: Ist ja alles in Ich-Form. Und ich bin ja im gleichen Alter, aufgewachsen in Thüringen, Eine Weile in Berlin gelebt…etc…

Natürlich war das nicht die erste Frage dieser Art. Ich kann die Gespräche gar nicht zählen, die das zum Thema hatten. Also dachte ich mir, ich muss mal etwas ausführlicher darüber schreiben, mich auch selbst hinterfragen. Oft tut man als Autor/in vieles unbewusst und selbstverständlich. Es dann zu erklären ist schwierig. Erklären, was man da tut beim schreiben.

Also erst einmal: Nein, ich bin nicht Rena. deshalb lautet mein Twitter-Name auch praktischerweise iamnotrena. 😉

Als ich anfing mit dem Schreiben, wusste ich selbst nicht, ob ich über mich schreiben will. Ich habe es versucht, doch es klappte nicht. Da war eine Geschichte, die nur darauf wartete, von mir entdeckt und erzählt zu werden. Ich kann nicht einfach Lebensereignisse verarbeiten. Das mag im Rahmen einer Autobiographie sinnvoll sein. Doch ich finde, ein Roman sollte nicht einfach platt die eigene Lebensgeschichte widergeben. Rena ist eine Kunstfigur. Die Protagonisten sind für mich trotzdem  lebendig-ich konstruiere sie nicht mühsam, sie entstehen aus Gedanken, Träumen, Gesprächen, Erlebnissen. Deshalb ist der wichtigste Tipp, den ich Schreibanfängern geben kann der, die eigene Wahrnehmung zu trainieren: Einen Spaziergang machen, ein Konzert/Ausstellung/Lesung besuchen, feiern, trinken, lesen, egal-Hauptsache, iht tut alles mit Aufmerksamkeit. Und dann schreiben, einfach spontan alles, was euch so einfällt. Ich hatte immer ein Notizbuch dabei und konnte so auch auf Clubtoiletten oder in der U-Bahn schreiben.

Lange war da noch nichts, über das ich schreiben wollte und konnte. Natürlich gab es viele Themen, die ich interessant fand. Doch das allein motiviert noch nicht dazu, sich jeden Tag an den Schreibtisch zu setzen und einige Stunden zu schreiben. Und die Texte, die bei solchen Experimenten entstehen, wirken leblos und langweilig. Jetzt verfüge über Material, das ich für verschiedene Projekte anzapfen kann. Natürlich habe ich etwas mit meinen Romanfiguren gemeinsam-oft fühle ich wie sie. Das ist wichtig, auch wenn die Gefühle manchmal nur vom sich-hineinversetzen kommen. Jede Figur aus „Filme fahren“ hat etwas mit mir gemeinsam: Rena und ich fühlen ähnlich, haben den gleichen Humor, schreiben beide und der Musikgeschmack ist auch ungefähr gleich. Milosch und Niko haben viel von mir, alle anderen nur sehr wenig. Doch all das reicht nicht, um mich so sehr mit ihnen zu  identifizieren, wie es offenbar erwartet wird. Manche Menschen sind fast enttäuscht, wenn man nicht ihren Erwartungen entspricht-Nein, mein Buch ist keine „Lebensbeichte“ oder wie man das nennt. Es ist gefährlich, wenn Menschen nicht realisieren, dass die erdachte Welt der Bücher, die der Musik, Kunst, Literatur nur als Spiegelung funktioniert, als Ergänzung zur Realität. Dann ist der Autor/Künstler  nur ein manipulatives Arschloch, der aus dem Leben anderer Menschen klaut.(Sorry nicht gendergerecht 😉  Der keine normalen Beziehungen führen kann, weil Menschen nur Stoff für Geschichten sind.

Doch unsere zweite Realität ist immer etwas größer und stärker, bunter und aufregender. David Bowie hat das mit seinen Kunstfiguren Ziggy Stardust, Thin White Duke, etc.  verdeutlicht. Literatur , Musik, Kunst, Film-wir sind nicht unsere Figuren, Lieder, Bücher, Kunstwerke. Wir benutzen sie, um etwas darzustellen. Und gerade weil uns das nicht bewusst ist, weil wir nicht erklären können, wie das genau funktioniert, finden sich manche Menschen darin so sehr wieder, dass es schmerzhaft ist. Sie empfinden es als Grenzverletzung-auch wenn wir diese Personen überhaupt nicht kennen, haben wir vielleicht unbewusst einen Schritt in ihre private Welt gemacht. Und das steht uns eigentlich nicht zu. Ich kann deshalb solche Vorwürfe und Gedanken nicht einfach abtun.Trotzdem geht es nicht anders. Es ist ein bisschen so, wie bei einem sehr ehrlichen Gespräch mit guten Freunden: Sie sagen dir nicht das, was du hören willst und es tut weh, gerade weil es so sehr stimmt. Ich denke nicht, dass es ohne diese Grenzverletzungen und Provokationen geht. Wer immer nur lieb und nett sein will, wird nie gut schreiben können. Aber wir können sorgsam und respektvoll sein. Und uns nie zu sehr mit unseren selbstgeschaffenen Figuren identifizieren. Warum das nicht gut ist? Weil wir dann so etwas wie „Selfie-Literatur“ oder narzisstische Kunst machen. Das Echo bleibt aus. Wir werden damit nichts auslösen, nichts verändern. Manchmal geht es mir so bei Ausstellungen. Dann sehe ich etwas, das von oben auf mich herabblickt, das verlangt, von mir bewundert, aber nicht verstanden zu werden. Ich bekomme zu dieser Welt keinen Zutritt.

Literatur, Kunst und Musik dieser Art verkauft sich trotzdem, bekommt Preise, findet Bewunderer.  Doch wer das Ziel hat, etwas Lebendiges zu schaffen, wird immer aus der eigenen Filterblase herauskommen müssen.

Figuren deines Romans sollten wie gute Freunde sein. Ein Gegenüber, kein Spiegelbild. Dann kannst du sogar selbst etwas von ihnen lernen.

 

Erinnerung

Erinnerung

Ich habe ein wunderbares Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen: „Von Beruf Schriftsteller“ von Haruki Murakami. Es gibt dort eine Passage, die von der Erinnerung als essentielles Werkzeug eines Schriftstellers handelt. Murakami benötigt kein Notizbuch, er speichert Eindrücke und Erlebnisse in seinem Gedächtnis ab und ruft sie bei Bedarf auf. Genauso mache ich das auch. Ähnlich wie in einem Computer stapeln sich verschiedene Ordner in meinem Kopf. Schreibe ich all das auf, verschwindet es-deshalb habe ich den Sinn von Notizbüchern nie verstanden. Ich nutze sie eher für meine Geschichten und Romanfragmente.

Erinnerungen sind für mich ein Grundthema. Jeder Schriftsteller hat so ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch all seine Bücher zieht. Bei mir ist es die Erinnerung: Warum erinnern sich manche Menschen nicht an ihre Vergangenheit? Werden wir durch unsere Vergangenheit geprägt? Haben Erinnerungen wirklich keine Bedeutung? Ist die Vergangenheit wirklich etwas Abgeschlossenes? Etwas, das wir hinter uns lassen, so wie die Tür zu einem Zimmer? Oder werden wir erst zu Menschen, indem wir die Vergangenheit als gegenwärtig anerkennen? Genauso wie die Zukunft? Das sind die Fragen, die mich zum Schreiben bringen. Ja, es hört sich abgedreht an, doch ich erlebe es wirklich so: Ich bin von Erinnerungen umgeben-von eigenen und denen anderer Leute-die meine Gegenwart prägen und so auch die zukünftigen Entscheidungen mitbestimmen.

In letzter Zeit lese ich sehr viel über Erinnerung: Dass es ein richtiges und falsches Erinnern gibt. Ich lese darüber in Zeitungen, in politischen Zusammenhängen oder auf Religion und Lebenseinstellung bezogen. Ein Klassenkamerad sagte mal-wir waren so 16,17-„Ich lebe nur in der Gegenwart. Vergangenheit interessiert mich nicht, die Zukunft ist mir egal.“ Er kaute dabei auf einem Zahnstocher herum und wirkte sehr lässig. 😉 Deshalb sagte ich: „Cool!“. Fand es aber nur für einige Minuten cool. Denn solche Menschen wirkten auf mich innerlich leer. Sie hatten mit der Vergangenheit ein Stück ihrer Identität von sich abgespalten. Ich wollte so nie werden-lieber die Uncoole, Hängengebliebene.

Mein Roman „Filme fahren“ handelt davon: Vom Erinnern. Vom nicht Vergessen -wollen.Ich habe mich beim Schreiben oft gefragt, warum ich  nur mit  Wenigen in meinem Alter Erinnerungen teilen kann. Kindheit war für sie vorbei. Für mich nicht. Ich sehe noch heute wie in einem Film alles vor mir. Kann die Erinnerungen an Erlebnisse und Gefühle jederzeit abrufen. Diese Erinnerungen dienen mir als Kompass für die Gegenwart. Ich kann unsere Zeit nur verstehen, wenn ich zurück gehe, vergleiche. Oft habe ich das Gefühl, Menschen, die das nicht machen, verstehen vieles nicht richtig, sehen nicht klar.

Ich glaube nicht, dass Erinnerung an Denkmälern stattfindet. Sie wird in Geschichten lebendig, in Gesprächen. Sie spiegelt sich nicht in Betroffenheit und in Ritualen. Meine Eltern haben viel mit mir geredet-über ihre Erlebnisse in der DDR, die sie geprägt haben. Mit meinen Freunden spreche ich oft und viel über die Erlebnisse ihrer Eltern und Großeltern. All die Geschichten prägen unseren Alltag, unsere Weltsicht. Leider konnte ich mit meinen Großeltern nicht diese Gespräche führen-doch wenn ich an sie denke, sehe ich Bilder vor mir, die mir viel mehr sagen als lange Erklärungen und Rechtfertigungen. Mein Opa mütterlicherseits war einer meiner Lieblingsmenschen. Er war liebevoll, lustig und schlau. Als erster erkannte er mein Talent zum Schreiben und „trainierte“ mich, indem ich Geschichten erfinden sollte zu den Prinzessinnen in meinem Malbuch. Von meiner Mutter erfuhr ich später das Ereignis, das ihn zu diesem besonderen Menschen gemacht hatte.

Mein Großvater war als Jugendlicher erst einmal  aktives und begeistertes HJ-Mitglied. Fanatisch, wie er es ausdrückte. Als Soldat im Krieg hatte er dann diesen Moment, den er nur schwer beschreiben konnte: Ein bisschen so wie das Aufwachen aus einem seltsamen Traum. So sah er seine bisherigen Aktivitäten auf einmal. Dieses Klar-Sehen, das Aufwachen -das war für ihn eine Begegnung mit Gott. Da war kein Blitz oder eine Vision. Nur die Erkenntnis: Ich bin ein Idiot. Und alle um mich herum ebenfalls.Daraufhin änderte er sein Leben vollkommen.  Sein Glauben wurde für ihn also nie nur  eine Religion-sondern Lebensmittelpunkt und gelebter Widerstand. Jegliches Moralisieren fehlte bei ihm, kein Gut und Böse, keine Entschuldigung für seine anfängliche Begeisterung. Kein Freund hatte ihn dazu überredet, das war er gewesen. Und gerade weil er nicht ständig betonte, wie falsch er gehandelt und gedacht hatte und wie gut er danach wurde, wirkte er auf meine Mutter authentisch. Sie sah ihn als Menschen. Und die Erinnerungen ihres Vaters halfen ihr, sich dem DDR-Regime von Anfang an kritisch gegenüberzustellen. Mir hat die Vorstellung von diesem Erkenntnismoment viel mehr bedeutet, als eine lange Erklärung es je gekonnt hätte.

Meine Cottbusser Oma väterlicherseits war eine „coole“ Oma, denn sie interessierte sich für Popkultur und Mode. Stolz zeigte sie mir ihre Jugendfotos, die bewiesen, wie stylisch sie in den 1930ern gewesen war. Doch tiefer gingen die Gespräche meist nicht. Ich spürte deutlich, dass die Fragen, die ich ihr gern gestellt hätte, zu viel für sie gewesen  wären.Meine Oma hat ihren Vater nie kennengelernt, wuchs als uneheliches Kind  bei ihren Großeltern auf. Ihr Leben war geprägt vom sich Durchschlagen und Verstecken-so wirkte sie auf mich. Hinter schnoddrigen Sprüchen verbarg sich eine ängstliche, unsichere Frau, die mit ihren zahlreichen neurotischen Ticks eine eigene Welt errichtet hatte, zu der Andere, auch Familienangehörige, niemals richtig Zutritt fanden. Ihre Mutter war für sie nur „Tante Sophie“, die  bei der Arbeit in einer Cottbusser Tuchfabrik ihren Vater kennengelernt hatte. Sophie wurde wegen „der Schande“ nach Berlin geschickt, wo sie ihren späteren Ehemann, einen jüdischen Tuchfabrikanten  traf. Mit ihm ging sie nach Amsterdam und schickte ab und zu Postkarten oder Geschenke.

Als meine Oma starb, habe ich Briefe gelesen, die ihr Mann , mein Großvater, den ich nie kennengelernt hatte, ihr während des Krieges schrieb. Es handelte sich dabei um Lieder. die er geschrieben hatte. Er wollte eine Meinung dazu. Um den Krieg ging es fast nie-eher schrieb er über das Schreiben, Komponieren. Darüber, dass er nicht richtig zufrieden mit dieser und jener Zeile sei, etc… Diese Lieder geben die Stimmung, in der er sich befand, wieder. Es gibt keine Meinungen oder politische Bekenntnisse-nur melancholische Bestandsaufnahmen. Wie ein Fotograf hat er etwas eingefangen, das keiner Erklärungen mehr bedarf.

Von meinem Urgroßvater konnte meine Oma nur eine Geschichte erzählen: Dass er arm war, so arm, dass er ohne Schuhe zur Schule gehen musste. Und dass er seinen Namen Wallenstein in Wallstein ändern ließ-weil sein Lehrer ihn deshalb verspottete. Ich weiß weder, wo er herkam, noch wer war, was er dachte, mochte und verabscheute. Doch diese Geschichten hatten für meine Oma symbolische Bedeutung. Sie ließen Bilder in meinem Kopf entstehen, Vergangenheit lebendig werden. Und wenn mein Vater mir von der unfreiwilligen Wanderung seines Vaters durch den Balkan erzählte, als er sich zu Kriegsende als Uhrmacher durchschlug, träumte ich von dieser Wanderung, habe mir das immer wieder vorgestellt.

Erinnerungskultur geht für mich so: Sich Geschichten erzählen. Von Generation zu Generation weitergeben. Nichts Verschweigen, einfach Durchgehen , auch durch das Schreckliche und Unfassbare. Dann versteht man, dass wir nicht auf einer friedlichen Insel leben. Dass wir nicht die Guten sind. Dass uns alles was passiert, direkt betrifft und angeht. Und dass es eben nicht reicht, sich mal für einen Abend mit andächtiger Miene an einen Stein zu stellen. Oder betroffen zu gucken.

Deshalb gibt es in meinem Buch so viele Geschichten,die sich die Leute in Kneipen und Wohnungen erzählen. Geschichten, die in ihrer und hoffentlich auch eurer Vorstellung zu Filmen werden.