Liebe Autorenanfänger, Künstler, Musiker, Menschen,

Kennt ihr das, wenn ihr etwas geschrieben oder gemalt habt, aber es euren eigenen, hohen Ansprüchen nicht genügt?

Wenn ihr von überkritischen Mitmenschen auf die Qualität hingewiesen werdet, ohne die es nicht geht?

Ihr könnt ganz viel-doch ohne die „Quali“ geht es nicht?

Und ihr denkt euch, wenn ich erst…ja, wenn. Wenn ich erst professionell bin. Wenn ich fertig bin. Wenn ich ein so richtig fertiger Mensch bin und nicht so ein chaotisches Experiment, dann, ja dann. Dann lebe ich. Doch bis dahin bleibt nur Scham.

Ich weiß nicht, ob es eine typisch deutsche Eigenschaft ist, vermute es aber-dieser Drang nach Perfektion. Der erhobene Zeigefinger, der Stock im Arsch-das wirkt nicht nur unsexy, das wirkt auch unzugänglich. Und als Künstler möchte man das doch sein-zugänglich. Ich mag Künstler, die ihre Menschlichkeit, ihre Zerrissenheit, ihre Unordnung nach draußen tragen, sie in Kunst verwandeln. Und mir gehen Menschen unheimlich auf die Nerven, die sich und anderen Angst machen: Vor dem Scheitern, vor dem kleinsten Fehler, vor der eigenen Schwäche. All das werden sie sowieso nicht vermeiden können. Uns Menschen zeichnet doch gerade die mangelnde Qualität aus. Wir sind nicht perfekt und gerade das Streben nach Perfektion macht uns zu Menschen. Wir werden sie nie erreichen, doch als Ziel ist sie wunderbar. Wenn ich einen Text schreibe, will ich, dass er berührt. Doch das schaffe ich nicht mit dem krampfhaften Vermeiden jedes Fehlers. Ich habe das Gefühl, in Deutschland stapelt man gerne tief und will gleichzeitig alles glatt und unangreifbar haben. Etwas Großes, Aussagekräftiges, Ausdrucksvolles, Gewagtes ist immer zu verachten, lieber nett und langweilig. Lieber bleibt man unter den eigenen Möglichkeiten, als etwas zu riskieren. Man könnte sich ja blamieren.

Nach einem Konzert unterhielt ich mich mit den Musikern. Das schreiben, singen, musizieren sei kein Problem sagten sie. Aber sich selbst zu vermarkten-das wäre schwer bis unmöglich. „Wir können uns nicht gut verkaufen“ sagten sie. Und ohne dieses Talent, ohne Hochglanz-Videos in HD-Qualität, perfekt produzierte Musik, ständige Social-Media-Präsenz ginge es halt nicht. Dann bliebe Musik nur ein Hobby.

„Wer bin ich denn, dass irgendjemand sich für meine Gedanken interessiert“ ist auch ein beliebtes Argument in Schriftsteller-Kreisen. Man muss immer jemand sein. Einen Titel haben, eine Autorität sein, oder einer nachlaufen.

Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Beziehung-auch diesen Satz habe ich von Freunden immer wieder gehört. Erst muss man doch mit sich im Reinen sein. Glatt genug für das Häuschen im Grünen und eine „erwachsene Beziehung.“

Oft habe ich nach solchen Ausführungen genickt und geschwiegen. Jetzt habe ich darauf keine Lust mehr. Weil ich diese Lebenseinstellung für Schwachsinn halte. Perfektionismus lähmt, das denke ich. Er hält uns vom leben ab, vom lernen, das uns besser machen kann. Wir sollten uns öfter etwas trauen und damit rechnen, dass auch mal was schiefgeht. Wenn ihr schlechte Kritiken bekommt: Lernt daraus. Lernt Genörgel von konstruktiver Kritik zu unterscheiden, arbeitet an euch, werdet besser. Als Autoren und Künstler sind wir in einem ständigen Lernprozess. Wir werden nie ganz fertig sein. Doch wir sollten lernen, Spaß am Lernen zu haben. Unsere Leser und Fans nicht als stille Bewunderer oder „Hater“ sehen, sondern sie hereinlassen, in eine Welt die wir erschaffen haben, die es so nicht noch einmal gibt. Und darauf können wir auch mal stolz sein.

Advertisements

6 Gedanken zu “Später vielleicht….

  1. Dafür bekommst du einen ganz dicken Daumen von mir! erst habe ich mich gefragt „Worauf will sie hinaus?“, doch letztlich denke ich, dass du absolut Recht hast. Niemand sollte warten bis der erste perfekte Roman fertig ist und alles davor vernichten. Perfektion ist doch immer nur eine Frage der Wahrnehmung (der eigenen oder der Anderer) und man wird es schwerlich irgendwann mal allen recht gemacht haben. Damit rückt der perfekte Roman in unerreichbare Ferne und alles Papier muss unweigerlich in die Mülltonne wandern. Schont die Papierrecycler, bringt eure umperfekten Romane heraus, sobald ihr sie selbst gut genug findet – gut genug ist allemal schneller erreicht als perfekt!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s