Ich habe mich lange davor gedrückt, wollte es aber schon lange tun: Ein Buch mit feministischen Texten veröffentlichen. Texte, die ich mit Feminismus assoziiere, obwohl es nie direkt darum geht. Es gibt in letzter Zeit eine neue Lesart des Feminismus. Man hat sich angewöhnt, Vieles als Feminismus zu bezeichnen, obwohl es um etwas Anderes geht.Dabei wird banalisiert was das Zeug hält und vergessen, was Feminismus bedeutet, wie wichtig er für uns gerade heute ist.

Ich musste mir nie viel Gedanken darum machen, was Feminismus für mich bedeutet oder mich hinterfragen, ob ich Feministin bin. Es war immer ein selbstverständlicher Teil meines Lebens, genauso wie ich mich nicht fragen musste, ob ich Antirassistin bin. Ich brauche keine Diskussionen und Debatten, muss mich auch nicht darum bemühen, feministisch zu denken. Es gibt da einen schönen Spruch auf einem T-Shirt, der zusammenfasst,  was Feminismus „für mich“ bedeutet:“ The radical Notion that Women are People.“  Ich habe erst durch Freundschaften mit anderen Frauen, durch Popkultur und Medien gelernt, dass ich als Frau wohl einer Minderheit bin, kein richtiger Mensch. Dass ich mein Menschsein immer wieder unter Beweis stellen muss. Dass ich als Frau irgendwie anders sein muss. Für mich gelten andere Regeln, ich denke und fühle anders. So wie ich mich wahrgenommen habe: Als Mensch, als weiblicher Mensch mit vielen wunderbaren Unterschieden , die ich nie negativ empfunden habe, schien ich falsch zu sein.  Als Kind wollte ich mal mit Puppen spielen und rosa Kleidchen tragen und dann wieder in alten Jeans auf Bäume klettern. Damit stieß ich auf Widerstände-als Mädchen macht man sich nicht schmutzig, achtet auf sein Äußeres. Ich könne nicht mal so, mal so sein-ich müsse mich entscheiden. Entweder das wilde Jungsmädchen, oder die kleine Prinzessin. Ich wollte aber alles sein: Prinz und Prinzessin, Indianer, Ronja , Michel und Pippi. Mich mal zurückziehen und mal verrückt und laut sein. Die Mädchen die ich kannte, hatten sich für eine Seite entschieden, deshalb waren meine Spielkameraden vorwiegend Jungs. Später ging es ähnlich weiter. Das  kichernde Mädelsabend-Mädchen war ich nie-trotzdem hatte ich Spaß an Make-Up und Mode. Ich lernte, dass es Männer oft irritiert  wenn Frauen offensiv sind, dass so ein Verhalten „verzweifelt“ oder „aufdringlich“ wirkt. Es gab Rollenmuster die ich lernte, um nicht unterzugehen. Frauen und Männer waren irritiert weil ich Nietzsche las und Makeup benutzte. Weil ich gern weiblich war und trotzdem nicht immer mein Aussehen überprüfte. Wie in der Kindheit musste ich auch in meiner Jugendzeit eine Entscheidung treffen: Wollte ich das wilde Jungsmädchen sein, das sich mit Freunden betrank und Gespräche über Politik, Kunst und Literatur führte,m oder die Tussi, die  mit den kichernden Freundinnen Sex and the City schaute und dabei Prosecco trank? Tatsächlich sind Männer und Frauen gleichermaßen in diesen Klischees gefangen. Vielen männlichen Freunden wurde die Rolle des immer männlichen, starken Typen,  der keine Gefühle zeigt, zuviel.  Drogen und Alkohol waren dann eine Möglichkeit, diese Rolle zu spielen, wenn sie schon nicht der Wahrheit entsprach. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen waren für mich kaum spürbar-ich habe mit vermeintlich harten Typen nächtelang über unerreichbare Frauen gequatscht und wie denn ihre Signale zu deuten seien. Habe rationale, toughe Frauen getroffen und sensible Männer, die trotzdem Brüche in ihrem Verhalten hatten-wie jeder Mensch.

Die Unterschiede zwischen Mann und Frau wurden mir geradezu aufgedrängt, bis ich mich wirklich wie ein Alien, ein merkwürdiges Wesen fühlte. Wenn der Chef im Büro laut verkündete, dass Frauen und Technik auf Kriegsfuß stünden und mir und allen anderen Frauen jeden Tag klarmachte, dass wir „doof sind, einfach dumm, von der Natur fehlerhaft hergestellt.“  Wenn ein Literaturdozent von  „Frauenliteratur“ faselte und behauptete, dass Frauen anders schreiben, wenn Männer von Freundinnen ihnen das Autofahren verbieten, wenn bei Parties und Familienfeiern die Frauen in der Küche das Essen für die Männer zubereiten, wenn Frauen nicht mit Männern reden, wenn Frauen angeblich  weder Kunst, noch Musik, noch Literatur noch Sex wie Männer betrachten können. Wenn ich als Frau schlampig bin, weil ich keine Lust auf Make-Up habe, wenn Sex als Ware gilt, die ich zu zahlen habe als Gegenleistung für Freundlichkeit oder Ratschläge. Wenn vermeintlich liberale, „feministische“ Männer nur etwas mit Frauen anfangen können, die etwas dümmer sind als sie, denen sie noch etwas beibringen können. Oder die eben einer anderen Rolle entsprechen. Hauptsache, nicht auf Augenhöhe. Wenn weibliche Sexualität pathologisiert wird. Wenn Sex noch immer etwas ist, dass Frauen nicht so oft wollen, oder das ihnen nicht so wichtig ist wie den Männern. Denn Frauen sind zurückhaltend, lieb, sauber und brav. Oder versaut und schlampig. In beiden Fällen nicht ernstzunehmen. Oder merkwürdig und nervig. Nur eines nicht: Menschen. Partnerinnen auf Augenhöhe.

Ich gebe nicht „den Männern“ die Schuld , habe keinen Hass auf Männer. Weil ich nur Menschen sehe, mit Unterschieden die ich feiere, die aber nichts mit Trennung und Abgrenzung zu tun haben. Beide Geschlechter sind davon betroffen, beide leiden darunter. Es gibt antifeministische Frauen die all das mitmachen und Frauen verachten, die das nicht tun. Es gibt feministische Männer, die oft gar nicht wissen, dass sie Feministen sind. Weil sie diese extreme Differenzierung nicht machen. Ich brauche auch kein Binnen-I- und gendergerechte Sprache. Wir müssen nur die Augen aufmachen, um Misogynie zu erkennen, um legitimierten  Frauenhass zu bemerken, der tagtäglich passiert. Von einer verachtenden Haltung ist es nicht mehr weit bis zur körperlichen Gewalt. Wenn Frauen die Schuld an einer Vergewaltigung gegeben wird weil sie zu aufreizend gekleidet sind,  oder Männern die eine Vergewaltigung erleben nicht geglaubt wird, weil Männern das ja nicht passiert-dann sind wir mittendrin in den Problemen unserer ach so aufgeklärten, liberalen Gesellschaft. Diese Probleme haben etwas mit Feminismus zu tun. Und wenn wir häusliche Gewalt ignorieren, weil es Frauen betrifft die nicht unserem Bild entsprechen oder weil wir glauben, das ist Teil einer „Kultur“,  dann spricht die hässliche Fratze des Wohlstands aus uns. Wir erachten hart erkämpfte Werte als selbstverständlich und glauben tatsächlich, sie nicht mehr tagtäglich neu  erkämpfen und verteidigen zu müssen-und dass sie nicht für jeden Menschen gelten.

Weil schon soviel darüber geschrieben wurde, will ich meine Texte , die über einen langen Zeitraum entstanden sind, humoristisch gestalten,  als Alltagsaufnahmen und Geschichten . Oft wird es absurd und lustig-die Gummipuppe Barbara, die Indie-Elfe, Frauen, Määädchen-das sind Texte die ich spontan aufgeschrieben habe, wenn ich wieder mit Unterschieden konfrontiert wurde, die ich nicht machen möchte. Weil ich glaube, dass mit Humor, Satire und Geschichten viel mehr deutlich gemacht werden kann als mit Pamphleten und Abhandlungen. Die Zeichnung ist von Evelin Rebekka Kupfer.

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2 Gedanken zu “Was ist Feminismus?

  1. Ein weites Feld, wie Günther Grass seligen Angedenkens gesagt haben würde, auch nicht gerade das, was man einen Mann, der eine Partnerin auf Augenhöhe sucht, nennen würde. Alles, was Du in Deinem Text beschreibst, ist mir bekannt, heißt, ich kenne es aus eigener Anschauung im Freundes- und Bekanntenkreis. Und ich kenne auch diesen Feminismus von Frauen, die von den Vätern ihrer Kinder sitzengelassen wurden und die sich nun eine ‚Männer-steckt-sie-alle-in-einen-Sack-und-haut-drauf‘-Haltung zugelegt haben. Ich kenne diese Pärchen, bei denen sie mit dem Bosch-Hammer bessere Löcher bohrt als er und er den russischen Zupfkuchen besser hinkriegt als die Schwiegermutter und die beiden nicht müde werden zu betonen, dass diese Tatsache sie als Paar vor allen anderen auszeichnet. Ich kenne diese ‚Schwanz-ab‘-Feministinnen, die, kommt man ihnen mit Margarethe Mitscherlich, einen als reaktionären Sexisten abkanzeln. Ich kenne diese kleinen Hitlers unter den Männern, die sich eine dumme Freundin/Frau suchen, damit sich ihre eigenen, emotionalen und intellektuellen Defizite besser verstecken lassen. Und ich kenne daneben genügend bauernschlaue Frauen, die sich gerne ganz bewusst auf einen Mann als Versorger einlassen und die, die gerne in der Küche stehen und dem Mann und seinen Freunden beim Fussballgucken die Schnittchen macht.
    Ich freu mich mal auf die Geschichtensammlung von Dir.
    http://thedrunkenelefant.wordpress.de/2012/06/18/geliebte-valerie/?iframe=true&theme_preview=true

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