Extrovertiert und trotzdem schamrot. Von dem Wunsch und der Angst mich zu zeigen

Extrovertiert und trotzdem schamrot.  Von dem Wunsch und der Angst mich zu zeigen

Heute mal etwas ganz Anderes: Ein Gastbeitrag!

Meine Bloggerkollegin Friederike hatte diese tolle Idee: Warum nicht mal gemeinsam was starten, ein „Text-Tandem“ zum Thema Extrovertiert und Introvertiert.Meinen Beitrag habe ich auf ihrem Blog veröffentlicht: http://schreibstimme.ch/intro-oder-extra-fck-ich-bin-beides/

Und jetzt bekommt ihr einen ganz wundervollen Text von Miss Extrovertiert: Friederike Kunath!

Ein paar Worte zur Autorin: Friederike Kunath ist als Autorin und Schreibberaterin tätig und betreibt unter schreibstimme.ch/blog  einen Blog über Kreativität, Selbstfindung, Schreiben und mehr. Ihr Hintergrund liegt im akademischen Bereich, wo sie als Theologin an der Universität Zürich tätig ist.

Der Test: Ich, extrovertiert!

Ich war in so einer Persönlichkeitstest-Phase, und dann war da eines Tages dieses Ergebnis: Ich bin ja extrovertiert!

Ich weiß nicht, wie ihr das seht, wenn ihr mich kennt (die Tatsache, dass ich hier im Blog sichtbar bin, muss ja gar nix heißen, gerade das Schreiben gilt ja als typisch introvertierte Tätigkeit). Mein Bruder fand spontan, das wäre ich nur in bestimmten Bereichen. Er ist allerdings wohl noch extrovertierter als ich. Vielleicht bin ich ja auch irgendwie beides (Nebenbemerkung: Das wäre sowieso das Beste, ich habe irgendwo gelesen, dass die Kombination aus Intro-und-Extraversion die größte Kreativität hervorbringt. )

Dennoch: Es geht ja dabei gar nicht um den Vergleich mit anderen. Sondern um die Frage, in welcher Bewegung du eher entspannst und deine Akkus auflädst: Wenn du dich zurückziehst, in Ruhe, für dich bist? Oder tendenziell eher, wenn du im Kontakt bist mit Menschen, im Gespräch, oder auch einfach ohne Worte? Da machte es Klick bei mir.

Für mich ist der Kontakt zu anderen eigentlich fast immer entspannend. Irgendwie lade ich da auf, die Energie geht hoch, es ist erhebend. Mit mir allein zu sein ist dagegen tendenziell anstrengend, es ist mit einem Gefühl von Arbeit verbunden-was ok ist, und der Grund dafür, warum ich dann auch oft arbeite, wenn ich allein bin. Allein zu entspannen, ist für mich eher schwierig.

Ich will aber noch tiefer, der Punkt über den ich schreiben will, liegt noch woanders.Dass ich extrovertiert bin, heißt nämlich, dass ich den Kontakt nach außen wirklich brauche. Kontakt und Austausch ist ein Bedürfnis, es ist existentiell, ich brauche davon eine erhebliche Dosis, jeden Tag.  Ich kann gut mehrere Tage und Wochen mit mehreren Menschen verbringen, aber mehrere Wochen oder auch nur Tage allein, wären der Horror für mich.

Extrovertiert: Das echte Bedürfnis nach Verbindung

Und genau über diesen Punkt, dieses echte Bedürnis nach nährendem Austausch, möchte ich schreiben. Denn nur weil ich extrovertiert bin, bekomme ich ja nicht einfach  die Art Austausch,  die mir tatsächlich gut tut. Ich muss, gerade weil ich es so sehr brauche, meine Verbindungen nach außen sehr gut überlegen, sie müssen stimmig sein. Wenn dich Musik entspannt, kannst du auch nicht einfach jede Art Musik hören, sondern du musst das finden, was dich am meisten beruhigt. Das ist eine immerwährende Suche.

Bevor ich wusste, dass ich extrovertiert bin, habe ich mich gewundert, warum mich Allein-Entspannen nicht beruhigt, sondern zusätzlich stresst. Jetzt ist das besser, aber jetzt muss ich die richtigen Verbindungen finden und aufbauen. Ich bin hungrig nach nährenden Beziehungen geworden, und liebe es inzwischen richtig, schnell Verbindungen  zu Menschen aufbauen zu können , die echt sind, authentisch.

Ich bin inzwischen richtig dankbar, dass mir das meine extrovertierte Natur einfach macht. Aber ich muss es eben tun. Rausgehen, ansprechen, Kontakte suchen. Denn sie fallen nicht einfach vom Himmel.

Extrovertiert und die Scham, mich wirklich zu zeigen

Extrovertiert zu sein, heißt nicht, dass ich alles von mir zeige. Im Gegenteil, in einigen Bereichen bin ich voller Angst und Scham. Erstaunlicherweise gerade da, wo ich sehr versiert und geübt bin, man könnte meinen, abgehärtet: Beim Singen.

Ich kann recht sensible Texte über Gefühl und Wahrnehmung veröffentlichen, Ich kann Vorträge halten und Seminare, ich kann öffentlich reden, aber beim Singen ist das völlig anders. Dabei kann ich singen, sogar sehr gut. Ich habe Erfahrung mit solistischen Auftritten, auch vor Publikum. Aber das waren bisher meistens Auftritte, wo ich meine Stimme eigentlich  verstecke. Was ich damit meine? Eingefasst als Chormitglied und gesungen wurde klassische Literatur. Man konzentriert sich auf die Technik, es geht um die richtigen Töne und einen gleichmässigen Klang, der Kratzer, Aussetzer und hörbare Luft peinlichst vermeidet. Man erzeugt ein Ideal, man überwindet die Schwächen der menschlichen Stimme. Man zeigt keine Emotionen, oder nur ganz gering dosierte Anzeichen von Emotion.

Sobald auch nur eine Kleinigkeit nicht  genau stimmt, werde ich schamrot. Ich will versinken, ich fühle mich blamiert. Ich bin damit beschäftigt, Fehler zu vermeiden, ich bin am Korrigieren, Schönmachen, permanent.

Wenn ich allein übe, habe ich eine ungeheure Scheu meine Stimme zu hören. Sie erscheint mir hässlich. Sie erscheint mir schwach und unberechenbar, als arbeite sie gegen mich. Sie wird von mir in einem endlosen Strom an Worten gemaßregelt, kritisiert, beargwöhnt.

Warum also singe ich dann?

Gegenspieler der Scham: Die unsgestillte Sehnsucht

Das ist eine gute Frage. Meine einzige Antwort ist: Es hat mich niemals in Ruhe gelassen, dieses Verlangen zu singen. Auch nicht, nachdem ich bei meinem einzigen Versuch einer Aufnahmeprüfung abgelehnt wurde. Auch nicht, als ich fast erleichtert und vorschnell  sagte: Na, dann soll es wohl nicht sein! Auch nicht, als ich mir gute und sehr gute Chöre suchte.  Das verstärkte den Wunsch nur, noch mehr, noch mehr selbstständig zu singen.

Nichts erfüllt mich mit mehr Freude, als zu singen.

Ja, auch das ist wahr, nach dem oben Gesagten. Und ich erlebe diesen Frieden nicht allein, nicht nur mit mir und meiner Stimme, sondern immer mit anderen Musikern und Zuhörern.

Ich muss also in den Kontakt und die Verbindung, ich muss nach aussen. Das erfüllt mich und quält mich von Zeit zu Zeit. Es ist, wie wenn du die dünnste und empfindlichste Stelle deiner Haut der Berührung aussetzt. Es ist das, was dich am meisten heilt. Und da liegt die größte Gefahr, verletzt zu werden.

Von der Angst dich in deinen Worten zu zeigen

Ich weiß, dass viele von euch Gefühle von irrationaler Scham und  Angst haben, wenn es darum geht, sich mit Worten zu zeigen. Mit Geschriebenem oder Gesprochenem. Ich habe lange versucht, das in mir nachzufühlen, doch in diesem Bereich geht es mir nicht so. Der Umgang mit Worten und das Zeigen darin fällt mir vergleichsweise leicht. Da bin ich ziemlich robust. Ich weiss was ich kann und traue mich.

Aber ich weiß trotzdem, wie sich diese Scham und Angst anfühlt. Ich kann gut nachfühlen, wie es ist, Angst vor Worten zu haben, vor den eigenen. Dass das dumm ist, was ich sagen will. Dass ich so viele Rechtschreib-und Kommafehler mache. Dass es nicht die richtigen, perfekten Wörter sind. Dass meine Sprechmelodie komisch wirkt und die Leute lachen oder einfach gar nicht hinhören. Dass meine Worte holprig wirken oder zu grossspurig. Dass einfach alles daran falsch ist. Zu klein oder zu groß. Zu seltsam oder zu normal. Zu banal oder zu exzentrisch. Dass meine Worte falsch sind und der Lehrer alles mit dem Rotstift durchstreicht. Dass ich blöd bin und mich total überschätze.

Auch wenn du Kritik von außen bekommen hast, kann es sein, dass du diese Ängste hast.

Auch wenn du eigentlich ganz gut schreiben und reden kannst und das auch weißt-theoretisch-und dir Menschen das sagen, kann es sein, dass du diese Ängste hast.

Dann kommst du dir noch dümmer vor, stimmt´s? Du denkst: Wie albern, ich bin doch eigentlich gut, das weiß ich doch, was ist denn nur  los mit mir?

Egal wie gut du verglichen mit anderen bist, du hast diese Angst und kennst diese Scham. Nämlich dann, wenn es wirklich darum geht,  wirklich DICH  zu zeigen.

Ich weiss, was mir hilft, jetzt nicht aufzugeben. Und das ist Unterstützung im geschützten Rahmen. Einerseits kompetente Unterstützung durch jemanden, der mir zeigt, wie man diesem Wunsch näherkommen kann. In meinem Fall Gesangsunterricht. In deinem Fall könnte es ein Schreib-oder Kommunikationskurs sein. Du willst von einer kompetenten Person konstruktives Feedback bekommen und umsetzbare Hinweise, wie du dich weiterentwickeln kannst. Andererseits hilft mir die Unterstützung von Menschen, die auf einem ähnlichen Weg sind und die mich ermutigen, auch wenn sie mit Gesang gar nix am Hut haben. Aber sie haben ihre Träume, die genauso fern und wichtig sind    für sie , wie meiner für mich.

Wenn du bis hierher gelesen hast und dich wiederfindest, wenn die Suche nach einem anderen, echterem Ausdruck deine Suche ist, lade ich dich ein, ein Teil von SchreibStimme zu werden. Trage dich für unseren monatlichen SchreibStimme-Letter ein und lass dich unterstützen. Es ist soviel einfacher gemeinsam.

Alles Liebe, Friederike

www. schreibstimme.ch

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TrendThemen

Sehr oft stolpere ich in letzter Zeit über den Begriff „Modethema“ oder „Trendthema“. Wenn ein Thema häufig in den Medien, in Büchern und Musik/Kunst/Film auftaucht, erklärt man es zum Trend, das macht man jetzt so, darüber redet man jetzt, das ist halt schick. Und es schwingt immer eine gewisse Abfälligkeit mit. Warum eigentlich?
Mode, Trend-das bedeutet doch nur, dass ein Thema gerade gesellschaftlich relevant ist, diskutiert wird. Und wenn es vorher nur ein Nischendasein gefristet hat, ist das doch gut. Nimmt die Öffentlichkeit Notiz von etwas, heißt es ja nicht, dass es vorher nicht existiert hat. Zuerst war es der angry young Man, jetzt die angry young Woman, plötzlich wollen alle FeministInnen sein und alle sind auf einmal vegan. Ich empfinde solche Trends positiv. Denn nicht alle sind plötzlich….sie setzen sich nur damit auseinander. Und das Schweigen hört auf. Man traut sich plötzlich, zuzugeben, was man ist, was man denkt. Und das ist doch positiv.
Ich habe in meinem Buch und den Folgenden, sehr viele „Trendthemen“. Und habe ernsthaft überlegt, ob das so eine gute Idee ist. Weil mir dann vielleicht vorgeworfen wird, auf einen bestimmten Zug aufspringen zu wollen. Deshalb möchte ich heute mal die Geschichten zu einigen, von mir verwendeten Trendthemen, erzählen.

1. Polyamorie
Ich schreibe gerade den letzten Teil der „Filme fahren“-Trilogie. Meine Protagonisten sind Mitdreissiger, und sie leben jetzt, Im Jahr 2017.Erst seit Kurzem ist Polyamorie nicht mehr etwas für Freaks, man redet tatsächlich ernsthaft darüber, lässt Argumente gelten, die vorher nur belächelt wurden.Meine Figur Karen lebt in einer offenen Beziehung. Warum ich das thematisiere? Weil ich Polyamorie spannend finde. Und weil ich es interessant finde, wie sich die Wahrnehmung in der Gesellschaft verändert hat. Darum geht es ja in meiner Trilogie-wie prägen gesellschaftliche Veränderungen unseren Alltag, unser Beziehungsverhalten? Hat die Art wie wir lieben Einfluss auf Politik und umgekehrt?
Ich habe mich schon immer gefragt, warum es so verpönt ist, mehrere Menschen zu lieben. Warum niemand zugeben kann, dass es sehr wohl möglich ist, ganz verschiedene Gefühle gleichzeitig zu erleben. Und dass jede Beziehung zu einem Menschen anders ist, dass man Menschen weder austauschen, noch vergleichen kann. Warum man von fremdgehen und Betrug spricht, obwohl der Partner doch nichts Böses getan hat-nur Sex mit einem anderen Menschen hatte? warum man das Eine besser als das Andere finden muss. Warum sich Menschen kaputt und unglücklich machen, indem sie abgrenzen und ausschließen, statt sich einfach zu entspannen und zu sich zu stehen. Denn Heimlichkeit tut weh. Er/sie ist besser als du, mehr, weniger, etc…tut weh. Jemanden aus manipulativen Gründen zu betrügen, jemanden vorsätzlich zu verletzen-all das tut weh. Doch zwei Menschen oder mehr, gleichzeitig zu lieben -dafür muss man nur ehrlich zu sich und Anderen sein. Und es kann unheimlich befreiend sein. Solche Gedanken zu äussern ,kam nie in Frage. Denn das ist ja unreif. Sich entscheiden für die eine oder andere Seite, galt als erwachsen. Doch genauso wie ich Etikette-schwul, lesbisch, bi-albern finde, finde ich es auch albern so zu tun als gäbe es eine lebenslange Fixierung auf einen einzigen Partner. Das erste Mal fand ich eine Bestätigung dieser Gedanken in dem Buch „Sex-die wahre Geschichte“ von Christopher Ryan und Calcida Jethá. Da werden wissenschaftliche Mythen auf den Prüfstand gestellt und auf anschauliche, intelligente und witzige Weise, wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt, die diesen ehrlichen Blickwinkel zulassen. Ohne die Polyamorie zu veherrlichen oder als einzige Lebensform zu betrachten. Nur als Möglichkeit. Als Realität. Und zu meinem Buch passt es, dass sechs Menschen, die auf der Suche nach Glück und Sinn sind, sich auch in dieser Hinsicht ausprobieren. Ich möchte meinen Figuren die Möglichkeit geben, alles auszuprobieren und die Zusammenhänge zwischen privaten Befindlichkeiten und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen zu erforschen.

2. Histamin, Gluten, Laktose und Co….

Oft wurde es mir angeraten, nun mache ich es wahr: Ich schreibe ein Kochbuch. Und springe damit auf den Zug der „Ohne alles“-Bewegung auf. Denn ich leide unter sogenannten Modekrankheiten: Histamin-Fruktose-Laktose-Intoleranz, Hashimoto.
Glaubt man den zahlreichen Zeitungsartikeln zum Thema, denken sich irgendwelche Mittehipsterbobos oder wie auch immer man das nennt, sich in ihren schicken Altbauwohnungen Krankheiten aus, weil ihnen so langweilig ist. Und sie verzichten auf leckere Lebensmittel weil sie das irgendwie besonders macht. Solche Texte machen mich wütend. Denn an diesen Krankheiten ist nun wirklich nichts, aber auch gar nichts glamourös. Es sei denn, man findet Darmprobleme, Über-oder Untergewicht, Verzicht und soziale Isolierung irgendwie glamourös. Natürlich gibt es diese Leute, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Ich habe allerdings eher Menschen getroffen, die unter ihren Krankheiten leiden. Und die froh sind, sich endlich in Internetforen darüber austauschen zu können, Mit Ärzten zu reden, die sich dieser Nischenthemen angenommen haben und mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen helfen wollen. Ernährung spielt bei diesen Krankheiten die entscheidende Rolle. Ich bin ein totaler Genussmensch, habe Currywurst, Burger und Pasta geliebt, gern Alkohol getrunken und Kaffee wie Wasser konsumiert. Ich wollte auf nichts verzichten und habe nach einem Weg gesucht, mein altes Ich nur minimal abzuändern…und deshalb heißt mein Buch: Lieblingsessen. Ich habe Rezepte, mit denen ich Gäste und mich selbst bekocht habe, leicht abgewandelt. Bei diesem Thema ist es mir wirlich wichtig, zu betonen, wie gut es für Betroffene ist, endlich aus ihren Nischen herauskommen zu können. Ich habe manchmal das Gefühl, wir Kranken sind diejenigen, die schon lange wissen, dass die Erde keine Scheibe ist, während die Welt um uns herum das erst langsam begreift. Und egal wie viele Journalisten noch immer wütend dagegen anschreiben, können auch sie sich nicht ewig gegen die Realität stellen. Dazu muss man kein Verschwörungstheoretiker sein.(Denn auch die gibt es leider zahlreich in diversen Internetforen zu diesem Thema) Es genügt, sich an die moderne Wissenschaft zu halten. Wer krank ist, erlebt so etwas ganz unmittelbar, unfreiwillig. Unsere Erkenntnisse über den menschlichen Körper sind noch sehr gering.

3. Feminismus

Nach einem Gespräch mit männlichen Freunden und Bekannten aus der Hip-Hop-Welt, entstand mein Text „Barbara“. und „Frauen.“ Ich schreibe in diesen Texten einfach auf, was diese Männer so sagen, wenn sie sich unbeobachtet glauben. Sie würden das anders formulieren, wenn jemand zuhört. Alternative und intellektuelle Zuhörer rümpften die Nase, denn zu diesen Prolls gehörten sie natürlich nicht. Irrtum. Auch sie habe ich in diesen Texten zitiert. Denn einen Unterschied habe ich zwischen diesen beiden „Gruppen“ nicht feststellen können. Na gut, die erste Gruppe trug Tattos und Goldkettchen, die zweite Nerdbrille und ironisches T-Shirt. Der Frauenhass war gleichermaßen ausgeprägt. In diesen Momenten entstanden wütende, satirische Texte. Und diese Momente machten mir klar, dass ich ja wohl irgendwie anders ticke. Denn andere Frauen fanden ja nichts dabei. Sie zogen mit ihren Freunden über „Schlampen“ her, sie liessen sich ganz cool und freiwillig schlecht behandeln, sie wurden nicht gesehen und wollten sich selbst nicht sehen. Sie lächelten ihren schlau daherredenden Freunden bewundernd zu, und hauchten mit Feenstimmchen nachdenkliche SingerSongwriterliedchen über die Welt die solche Angst macht, über Blumenwiesen, Kinderlachen und Love. Und dass sie in Love with the bad Boy sind und so herrlich suizidal leiden wie Lana del Rey. Und die Möchtegernbadboys lachten. Mit Goldzähnen und Zahnstocher, oder mit dem selbstironischem Lächeln des intellektuellen Denkers, dessen vom Kaffeekonsum gelb verfärbten Zähne, er hinter seinem Hipsterbart versteckt. ich habe Frauenhass erlebt, gesehen, ständig. Frauen gegegen Frauen, Männer gegen Frauen, Frauen gegen Männer. Deshalb musste ich ein Buch darüber schreiben. Und bei all dem Quatsch, der ja wirklich in all den feministischen Blogs und Artikeln abgesondert wird, finde ich auch viele gute Texte, die all das beschreiben, was ich seit Jahren nur im privaten Kreis besprechen konnte. Manchmal nicht mal dort.

4. Politik-Religion-Flüchtlingskrise, links, rechts….aaahhhh

Ja, ja, ich weiß. Aber ich komm da nicht drumherum. Denn wenn ich darüber schreibe, was Politik mit privaten Problemen zu tun hat, wenn die Geschichte nicht mehr in den 1990ern oder den 1980ern spielt, muss es eben auch darum gehen. Denn wo sie politisch hingehören-auch das beschäftigt meine Protagonisten. Viel Raum möchte ich Christoph geben, der in „Filme fahren“ nur Randfigur war.Seinen Weg skizzieren, vom Christen in der DDR zum Spitzel, vom Spitzel zum Theologie-Professor zum Buchautor und Talkshow-Gast. Kirche und Politik-das sind die Themen, an denen er sich abarbeitet. Ich nehme keine bestimmte Position ein, denn das, finde ich, ist nicht die Aufgabe eines Schriftstellers. Ich dokumentiere. Und dann kann jeder selbst schauen, wie er das dann interpretiert.
Ich bin wie meine Protagonisten in den 1990ern aufgewachsen. Da war das noch einfach mit der Politik. Bist du links oder rechts, wurde ich von Mandy aus dem Nachbardorf im Schulbus gefragt. Links war gegen, rechts für Nazis zu sein. Also sagte ich links, natürlich! Also, ich bin rechts sagte Mandy. Denn die Ausländer nehmen uns doch die Arbeit weg. Ihr Onkel sei arbeitslos geworden und ein Scheißkanake kriege den Platz der doch ihrem Onkel zustünde. Aber ich toleriere dich, sagte sie großmütig. Solange ich nichts gegen Nazis sagte, zumindest. Ich hielt die Klappe. Ich wurde toleriert. Auch von einer Neonazischlägermädchengruppe wurde ich toleriert, weil ich behauptete, ihre Weltanschauung zu teilen. „Warum siehste dann aus wie ne Zecke?“ brummte die Anführerin. „Das ist doch nur Tarnung.“ Sagte ich. „Clever“ sagte sie. Ich toleriere dich, sagte auch Emine, die ich im Krankenhaus kennenlernte, viele Jahre später. Sie und ich, wir teilten die Histaminintoleranz und waren beide religiös. Emine bewunderte Mohammed, ich Jesus. Bedingung unserer Freundschaft war meine Zustimmung zu ihrem Dogma: Jesus war nur ein Prophet. Er hat keine Bedeutung.
Ich toleriere dich, sagte auch ein muslimischer Mann, mit dem ich ein Date hatte. Bedingung:Ich sollte mir ein Video über Mohammed ansehen und nicht dabei lachen. Zugeben, dass Jesus keine Bedeutung hat. Dass Michael Jackson vom CIA umgebracht wurde. Und dass Israel und die USA an allem schuld sind. Na ja, sagte ich. Die Toleranz wich aus seinen Augen. Mit Analsex könne ich allerdings weiterhin toleriert werden. Das ginge. Ich toleriere dich, sagten fanatische Katholiken. Ich solle mich nur züchtiger kleiden. Ich toleriere dich, sagten freikirchliche Jesus-Anhänger. Solange du Gott als deinen Herrn anerkennst, keinen Sex vor der Ehe hast, niemals abtreibst, …und den Zehnten spendest. Ich toleriere dich, sagten Protestanten, wenn du die Ehe als heilig anerkennst, die Bibel nicht in einer bestimmten Art kritisierst, und dich ebenfalls züchtig kleidest. Ich toleriere dich, sagten Linksliberale,Links -Extreme und Linke aller Art,wenn du so denkst wie wir. Ausnahmslos.
Ja ich war umgeben und eingehüllt in eine Toleranz der Bedingungen. Und wusste selbst irgendwann nicht mehr, was ich eigentlich denke, wer ich bin und was passiert wenn ich mich das frage und alles laut ausspreche. Denn das war ja gar nicht wichtig, das zählte nicht. Deshalb schreibe ich im letzten Teil davon. Von der Suche nach der eigenen Stimme. Und dem Grund für die Politikverdrossenheit meiner Generation, die eben oft nur eine Verweigerung dieser falschen Toleranz darstellt.

Girls -eine Liebeserklärung

Serien sind für mich das, was für Andere Drogen sind-psychedelische, bewusstseinsverändernde Erfahrungen.
Ich habe mir fast alles angesehen, was es so gibt, all die gehypten, trashigen, guten, epischen Serien, habe es geliebt, mit den Protagonisten zu verwachsen und habe beim Staffel-Ende gelitten. Nun geht wieder eine Serien-Ära zuende. Doch diesmal bedeutet mir das mehr, weil es um mehr geht, als nur eine nette Abend-Unterhaltung. Um mehr als Inspiration. Die Serie „Girls“ hat mich mehr geprägt als jede Andere, eher wie ein Buch, das irgendwann zerknautscht und zerlesen zum Teil der eigenen DNA wird. Zum Lehrer, Therapeuten, Freund, radikalem Veränderer.

Die erste Folge schaute ich mit großer Skepsis. Denn von einer Serie mit dem Titel Girls konnte ja nichts erwartet werden. Eine Art Hipster-Sex and the City-so stellte ich mir das vor. Und wie bei jeder großen Liebe und Freundschaft, ist man anfangs erst einmal irritiert-wer ist das denn bitte? So jemanden habe ich ja noch nie getroffen. Was soll ich davon halten?
Fangen wir mit dem Negativen an: Gewollt coole Dialoge mit ganz viel „Alter, echt jetzt-Fuck-Muschi-Gerede“-(von Mädchen), wie gewagt 😉 etc…Hipster, New York, na ja, man kennt das. Lena Dunham, Hauptdarstellerin und Produzentin, war oft aus unerfindlichen Gründen nackt. Eklige Sexszenen. Sex hatte viel mit „Man muss das so und so machen“,Vergewaltigung und Scham, Unterwürfigkeit und Körperidealen, wenig mit Lust, Freude und freiem Willen zu tun. Seltsame Darsteller/innen mit null Sympathiefaktor.
Ich war also erst einmal skeptisch und genervt. Und sehr fasziniert. Das wollte ich mir natürlich nicht eingestehen. Wie das oft ist beim Verlieben. Weil man das Neue, das Lebensverändernde nicht will, weil es Angst macht und nicht passt. Nein, das war keine Guilty-Pleasure-Frauenserie. Allerdings auch keine gewollt coole Hipsterserie, wie ich dann doch erkannte. Eigentlich hatte mich Lena schon nach der ersten Szene: Hauptfigur Hannah will Schriftstellerin werden und versucht ihre Eltern im Restaurant davon zu überzeugen, sie weiterhin zu unterstützen. Auch ihre Freunde in der Wg sehen das so-die elegant arbeitslose Weltenbummlerin Jessa redet von Dichtern in Dachkammern, die spießige Marnie, die einen Job hat, will weiterhin ihre Miete. Weirdo Adam gibt zu, sein Leben und sein Künstler/Schauspielerdasein, vom Geld seiner Großmutter zu finanzieren. Und Ray, der 10 Jahre älter ist als seine Anfang zwanzigjährigen Freunde, arbeitet in einem Café. Und hat sonst nichts weiter vor mit seinem Leben.
Das kenn ich doch, die kenn ich doch, dachte ich beim Zuschauen. Auch ich habe oft in solchen ähnlich eingerichten WG-Küchen rumgesessen, ich kenne Typen wie Ray , Adam und Jessa. Das sind keine konstruierten Serienfiguren, das ist das wahre Leben. Hier gibt es keine ehrgeizigen Gewinnertypen, hier wird schonungslos und offen gezeigt, wie das so ist als so- called- Loser. Und ganz wichtig-es geht nicht um eine Mädelsclique, wie der Titel vermuten lässt. Es geht um eine Gruppe ziemlich anstrengender, seltsamer Menschen. Das begreift man erst, wenn man die Serie binge-watched. Und zum Glück versucht die Serie nicht, krampfhaft authentisch zu sein. Die Charaktere und Ereignisse sind natürlich überzeichnet, karikaturenhaft und so realistischer als jeder Dokumentarfilm. Satirisch und mutig, selbstironisch, radikal und gesellschaftskritisch. Dabei ist nicht unbedingt ein Generationenporträt entstanden. Die Stimme irgendeiner Generation möchte Hannah sein, erklärt sie ihren Eltern. Und das passt. Denn den Anspruch, nun wirklich jede Lebenswirklichkeit dieser Zeit abzudecken, hat die Serie gar nicht. Es geht um die liebevolle Sicht auf die Protagonisten, die eher literarisch anmutet. Die Figuren machen eine Entwicklung durch. Hannah versucht, ohne das Geld ihrer Eltern in New York zu überleben und mit ihrer unerwiderten Liebe zu Adam klarzukommen. Und mit einer Menge Alltagsproblemchen. Marnie glaubt daran, ihr Leben im Griff zu haben und spielt die Rolle der Erwachsenen nur, was Jede/m außer ihr in ihrem Umfeld klar ist. Ihr wird es erst bewusst, als sie ihren Job verliert und nun ein Loser wird, wie ihre von ihr verachteten Freunde. Jessa versucht, sich als Babysitterin durchzuschlagen und heiratet am Ende einen reichen Typen um sich weiterhin ihrer Kunst zu widmen. Shoshanna, das dritte „Girl“, lebt in einer rosa Barbiewelt, die durch eine Beziehung mit dem 10 Jahre älteren Ray zerbricht. Ray wird mit seinen mangelnden Ambitionen konfrontiert, Adam versucht sich einem anderen Menschen zu öffnen. Elija, Hannahs schwuler Exfreund, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, als exzentrischer Kumpel, der die Protagonisten mit bissigen Wahrheiten konfrontiert und ebenfalls auf der Suche nach Identität und Arbeit ist. Und wie im wahren Leben, gibt es oft nicht diese Figuren die nur Gutes oder nur Böses tun. Es werden Fehler gemacht, Peinliches passiert oft und viel. Es ist gerade dieser Mut zur Peinlichkeit, der eben nicht in Klamauk ausartet. Alle Figuren sind peinlich, weise, liebevoll, bösartig, intrigant, schwach, diplomatisch und vernünftig zur gleichen Zeit. Jede/r nimmt mal eine andere Rolle ein. Nie gibt es den moralisch erhobenen Zeigefinger, die Serie ist politisch unkorrekt und schert sich nicht um Moral und Anstand. Die Sexszenen, das habe ich irgendwann begriffen, sind reine Satire, sie persiflieren völlig überdreht, die Sexszenen in Serien und Filmen. Die unperfekten Körper der Protagonisten, die immer wieder penetrant zur Schau gestellt werden, machen sich einfach lustig über alle Carrie Bradshaws der Serienlandschaft. Die jungfräuliche Shoshanna, mit ihrem Beziehungsratgeber und Karierreplan, sitzt nach unzähligen One-Night-Stands und Jobs in einer Sushibar und füllt Unterlagen für einen Sozialhilfeantrag aus. Diese Szene symbolisiert alles wofür diese Serie steht. Die Protagonisten glauben von sich selbst, nicht rassistisch und bigott zu sein. Natürlich sind sie ganz anders, die Bösen sind ja immer die Anderen. Und natürlich stimmt das so gar nicht:
Hannah hat irgendwann einen schwarzen Freund und wirft ihm vor intolerant zu sein, weil er Republikaner ist, äußert sich rassistisch und zitiert zu allem Überfluss auch noch Missy Elliot. Ray, der überzeugte Antihipster und Idealist, ist genervt von einem Hipstercafe dass seinem eher traditionell amerikanischen Etablissement Konkurrenz macht und fragt den Besitzer genervt, ob seine Mitarbeiterin Mann oder Frau ist. „Go away white Man“ zischt sie, „out, out“…Ausgerechnet die eigentlich sehr hip aussehende Shoshanna wird zu seiner Verbündeten im Kampf gegen das Hipstertum, , spioniert das Café aus, indem sie vorgibt ein Gedicht aus spontanen Worteingebungen zu machen, solche Hipster-Spielereien-Petry-Slams, Urban Sketching und Mandelmilch, all das gibt es fortan in Rays Café nicht mehr. Nur Filterkaffee und ein Schild: No Man Buns. Doch wenn jemand in dieser Serie den Hipster verkörpert, ist es Shoshanna. Jessa, die ja so wahnsinnig feministisch und freigeistig tut, ehelicht einen reichen Geschäftsmann und lässt sich von ihm ihr Leben finanzieren. Es sind Szenen wie diese, die keine weiteren Erklärungen benötigen.
Hannah versucht Vieles und scheitert immer wieder.Doch am Ende wird sie zur Schriftstellerin und Journalistin-nicht zum Star oder Hype, der große Erfolg bleibt aus. Marnie wird Künstlerfreundin, Folksängerin und am Ende so orientierungslos und allein, wie Hannah am Anfang. Ihr braver Freund Charlie wird zum Junkie, Elija zum Broadwaystar, Adam zum bekannten Schauspieler, Ray zum Geschäftsführer des Cafés, Shoshanna beruflich erfolgreich und verlobt, Jessa endet als Adams Freundin. Und hoffte man noch irgendwie darauf, dass da am Ende doch noch etwas wie beruflicher Erfolg oder Erfüllung kommt, wird man doch enttäuscht: Jessa hatte ihre Berufung gefunden, sie wollte Psychologin werden. Und man hat so mit ihr gefiebert und gehofft. Doch sie hält es nicht durch, fällt durch die Prüfung. Hannah wird schwanger, bekommt das Kind und scheitert, wird die furchtbare Mutter die man einer Person wie Hannah auch zutraut. Na gut, am Ende kriegt sie die Kurve und wird erwachsen. Vielleicht ist es das, was Girls so brillant macht: Es gibt kein bombastisches Happy-End. Das Leben der Protagonisten ist endloser „Struggle“. Doch sie entwickeln sich weiter, stehen immer wieder auf. Die Serie lässt Raum für Verletzlichkeit, die manchmal schmerzlich anzusehen ist, weil so brutal wahr. Sie lässt Raum für die Banalitäten und kleinen Freuden des Alltags. Für große Träume und Ideale, die anders als in ähnlichen Serien, nicht lächerlich gemacht werden. Die verkrampft coolen Dialoge vom Anfang sind eben genau die Ausdrucksweisen, die man als Anfang Zwanzigjährige einstudiert, um cool zu wirken und die man-wie die Figuren-nach und nach einfach ändert, Identitäten und Subkulturen, Drogen, Menschen und Meinungen ausprobiert, bis man irgendwann bei sich selbst-einem schiefen, unperfekten Selbst ankommt.

Girls handelt von dieser Suche nach Identität. Von dem Versuch, dem Alltag durch große Gefühle und Freundschaften zu trotzen. Hannah, Jessa, Marnie Shoshanna, Adam, Ray und Elija, wollen mit ihrer Freundschaft eine Art Schutzwall gegen eine Welt bilden, die ihnen Angst macht. Sie wollen sich dem verweigern, was als hip und zeitgeistig gilt, oder Teil davon werden. Sie stellen sich oft ungeschickt an dabei, werden ob ihrer Individualität nie Teil einer Jugendbewegung sein, wie Tocotronic einst sangen.
Das ist das Revolutionäre an der Serie Girls: Sie stellt unser Verständnis von der Welt, von Leben, Arbeit, Liebe, Gesellschaft auf den Kopf, indem sie die Prototypen der Serien und Filmcharaktere auf den Prüfstand stellt. Man erkennt unweigerlich irgendwann, wie sehr diese Ideale unsere Alltagswelt prägen.

Girls hat mich mutiger und kritischer gemacht. Ich habe mich getraut, so zu schreiben, wie ich wollte. Mich nicht an Stereotype zu halten.
Girls bricht auch in der Kameraführung, im Storytelling immer wieder Regeln. Manchmal wird einfach eine Folge lang die Geschichte einer einzigen Person erzählt und oft fragt man sich, wo denn bitte der rote Faden ist. Doch der ist da, so wie im Leben auch. Man muss nur genau hinschauen und mutig dem Unbekannten in die Augen sehen, um die wirre und schöne Dramaturgie des Lebens zu erkennen.

Was ist das eigentlich für 1 Buch? Über das fehlende Echo

Was ist das eigentlich für 1 Buch?  Über das fehlende Echo

Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, tat ich das,ohne Bestätigung dafür zu bekommen, einfach weil ich es wollte und musste. Aber meine Texte schrieb ich nicht für mich selbst, also war es mir wichtig, Menschen zu finden, die sich von diesen Texten angesprochen fühlten, die möglichst oft und viel von mir lesen wollten. Ohne dieses Echo hätte ich vielleicht nicht weitergemacht.

Für mein Buch „Filme fahren“ habe ich bisher nur wenige Reaktionen​ bekommen. Ich kann nur vermuten, woran das liegt- vielleicht scheuen sich einige Leser vor negativer Kritik. Vielleicht haben sie es nicht verstanden. Oder gekauft und noch nicht gelesen. Ich bin froh,in meinem Umfeld literaturaffine, ehrliche Menschen zu haben. Jede/r hat etwas Anderes für sich darin entdeckt. Jedes Echo war wertvoll für mich, am meisten gefreut hat mich die Bestätigung, dass die Idee mit der Trilogie richtig war- das Buch lese sich wie ein Auftakt. Das ist es auch…Man wolle immer weiter lesen.

Es ist ein schönes Gefühl,wenn Menschen etwas ganz Eigenes für​ sich in meinem Buch entdecken können, wenn sie es verstehen. Wenn sie das was ich tue nicht nur gutfinden, sondern etwas für sich daraus mitnehmen.
Eine etwas bizarre Rückmeldung habe ich von einer Autorenkollegin bekommen,die mein Buch auf ihrer Seite bewarb: Das Titelbild polarisiere,weil zu politisch. Da war einmal die Berliner Mauer und dann der Zug. Ersteres assoziierten die Leser dieser Seite mit der DDR, Letzteres mit der Nazi-Zeit. „Was ist denn das? Schon wieder 3. Reich?“ So lauteten u.a. die Aussagen.
???
So ist das oft- Menschen interpretieren etwas ganz falsch, lesen nicht mal den Klappentext. Interessant fand ich allerdings,dass diese Angst, diese Weigerung,sich mit Geschichte auseinanderzusetzen, wirklich so groß ist. Lehrer sind erschrocken​, wie wenig die Schüler über die DDR wissen. Die Tochter meines Freundes fragte mich mal, ob ich aus einem anderen Land käme. Sie dachte , die DDR sei ein weit entferntes Land. So empfindet es der Großteil der Schüler Innen. Weit weg, nichts mit mir zu tun. Ein Besuch in Buchenwald ist lästige Pflicht,die Auseinandersetzung mit Geschichte ist wieder ganz weit weg. Oft liegt das aber auch daran, dass es auch für die Lehrer ganz weit weg ist. Dass man Angst hat, einen zeitgemäßen Bezug herzustellen. Nicht weil es den nicht gibt, sondern eher weil dann deutlich würde, wie nahe all das „weit Zurück liegende wirklich ist. Deshalb habe ich eine persönliche Geschichte geschrieben, es geht viel um Emotionales, Beziehungen, eben die persönliche Geschichte in der Großen.

Ohne​ diese Spiegelungen, ohne dieses Echo, ist es schwer eine Geschichte weiterzuentwickeln. Weil sie durch die Leser lebt. Am Anfang habe ich mich gefühlt, wie ein Straßenmusiker dem niemand zuhört. Als ob ich mich fallen lasse, um dann nicht aufgefangen zu werden und auf dem harten Boden zu landen. Wie ein wichtiger Brief, der nicht beantwortet wird. Ich denke, das wird unterschätzt. Autoren haben Angst vor negativen Kritiken, doch nicht vor dieser Leere, dem Nichts. Dabei ist es doch dieser Gedanke-was wenn ich was schreibe und niemanden interessiert es- der wirklich beängstigend ist.
Mein Tipp: Lasst euer Buch vor der Veröffentlichung von Testlesern bewerten. Meldet euch nach der Veröffentlichung bei Lovelybooks an.
Gebt es möglichst vielen Menschen zum Lesen, bittet um ehrliche Rezensionen. Schließt euch Autorengruppen an.
Und versucht, eure Zielgruppe zu finden. Ich kann z.b. nicht erwarten, dass Fantasy-Leser etwas mit meinem Thema anfangen können.
Und macht nicht den Fehler, jedes Echo als „die Wahrheit“ zu definieren-die gibt es nicht. Die Kritiken, ob gut oder schlecht, spiegeln lediglich die Wahrnehmung eurer Leser. Ihr könnt so eine Verbindung herstellen, doch die Kritiken als Urteile zu betrachten, wird euch nicht in eine gute Beziehung zum Leser bringen. Dann gibt es wieder einen Chef und einen Untergebenen, doch so funktioniert das nicht. Kreativität ist frei von hierarchischen Strukturen.

Es ist ein lebenslanger Lernprozess, herauszufinden, was das eigene Buch bewirken kann. Die Veröffentlichung ist der Anfang. Und oft auch der Anfang vieler neuer Ideen und Inspirationen für das neue Buch.