Warum manchmal alles aufhören muss

Warum manchmal alles aufhören muss

Zugegeben: Das ist ein etwas sperriger Titel. Doch er ist passend, denn mein Thema ist ebenfalls ziemlich sperrig. Schwer zugänglich. Doch ich möchte trotzdem darüber schreiben, weil ich mir in letzter Zeit oft so vorkomme, als limitierte ich mich selbst. Ich setze mir Grenzen. Manchmal ist das sinnvoll und gut. Oft jedoch befürchte ich nur, dass jemand eventuell nicht versteht was ich sagen möchte. Mir etwas unterstellt. Aber das wird mit großer Wahrscheinlichkeit sowieso passieren. Weil es immer überempfindliche Menschen geben wird, Menschen, die einen Text nur überfliegen, Menschen, die einfach nur sticheln wollen. Das Schlimmste was passieren könnte, wäre es, einen netten Text zu schreiben, den Jede/r versteht, dem aber das fehlt, was einen guten Text ausmacht: Leidenschaft. Und ich kann nicht leidenschaftlich über Allerweltsthemen schreiben.

Ein inneres Bild habe ich gerade sehr oft vor Augen: Ich laufe durch eine zerstörte Stadt und ignoriere jede Gefahr. Irgendwann bin ich voller Wunden, doch ich lächele immer noch debil vor mich hin. Das ist die gesellschaftliche Stimmung, die ich wahrnehme, wenn ich nach einem Anschlag immer die gleichen stumpfsinnigen Durchhalteparolen lese. Von Anfang an hatte ich dieses Bild im Kopf, als immer wieder dazu aufgerufen wurde, das Leben nicht nur wie  gewohnt weiterzuleben, sondern jetzt erst recht, so richtig! Cafés, Kneipen und Konzerte besuchen, um es den Terroristen so richtig zu zeigen! Und wir AutorInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen sollten eben auch dieses gerade jetzt verinnerlichen. Einfach weitermachen. So, als wäre nichts geschehen. Sich nicht beirren lassen. Selbstbewusst.

Das ist nicht selbstbewusst. Diese Haltung nennt man Ignoranz. Wenn kreative Menschen eines nicht sein sollten, dann ignorant. Kunst ist das Gegenteil der Ignoranz. Wenn ich schreibe, mache ich mich verletzlich-das ist meine Aufgabe. Ich sollte nicht lächelnd die Zerstörung ignorieren. Ich sollte sie mir ansehen. Ich sollte etwas aus dem machen, was ich wahrnehme. Anhalten. Bewusst machen.

Wenn ein Mensch stirbt, gibt es für die Hinterbliebenen nichts Schlimmeres, als diese Grausamkeit des normalen Alltags, der immer gleich bleibt. Alles geht weiter, als fehle da nichts.  Keine Trauer zu empfinden gilt als normal. Wir gönnen uns nicht einmal mehr eine Trauerphase. In diesen merkwürdigen Phrasen vom „feigen“ Mord, der „tiefen Betroffenheit“ und „Bestürzung“  liegt so viel Verachtung und Gleichgültigkeit. Wir interessieren uns nicht für die Opfer. Sie sind ja nicht mehr da. Wir nehmen Anschläge hin wie Naturkathastrophen.  Wir sagen wirklich jedesmal das Gleiche. Warum? Was bringt es? Ich möchte nicht mehr dazu aufgefordert werden, wie gewohnt weiterzumachen. Weil ja die Wahrscheinlichkeit viel höher ist, von einem Blitz erschlagen zu werden. Wie abgebrüht, wie selbstbezogen kann man sein, sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen dieser Art zufriedenzugeben? Es geht doch gar nicht um uns selbst. Und wenn, ist das viel eher das Ziel der Terroristen. Dann geht es nämlich ewig so weiter. Weil wir ja noch da sind.

Ich glaube nicht an schnelle Lösungen und Antworten. Denn kaum jemand versteht doch, was da eigentlich passiert. Ich wünsche mir angesichts dieser Ereignisse einfach mal eine große Pause. Still werden. Aufhören mit dem was man gerade tut. Abstand nehmen zum Alltag. Sich dem Großen zuwenden, statt im Klein-Klein zu ersticken. Eben mal nicht ins Café, Kino, Konzert gehen. Mal nicht shoppen oder essen gehen.  Als Zeichen für die Opfer. Ein Zeichen, dass uns das alles nicht egal ist. Empathie zeigen.

In der Verweigerung liegt sehr viel Kraft. Richtig begriffen habe ich das im Gespräch mit Mönchen, die sehr gut wissen, dass Meditation und Gebet nicht einfach Nichtstun bedeutet. Es ist ein Verneigen vor dem, was wir nicht wissen. Ein Augenblick der Achtsamkeit. Wir können an Menschen denken, uns in sie hineinversetzen. Es bedeutet, in diesem Moment keine Lösungen zu haben. Doch oft entstehen in diesen Momenten Lösungen.

Als Kreative können wir aus dieser Stille etwas Kraftvolles entstehen lassen. Bei mir war es damals der erste Satz von „Filme fahren“: „In letzter Zeit stelle ich mir immer vor, wie es wäre, bei einem Anschlag zu sterben. Beim Einkaufen, im Kino, oder während ich, so wie jetzt, im Café sitze und Latte Macchiato trinke, oder Moccachino, oder ein anderes albernes Getränk, das so tut, als wäre es Kaffee. Und ich nehme noch einen Schluck vom Latte, der jetzt lauwarm ist, so wie mein Leben, und weiß, so wie mein Kleid.“

Dieses bedeutungslose Dahinplätschern im Alltag und die destruktive Kraft der Gewalt: Das wollte ich nebeneinander setzen, weil es meiner Meinung nach meine Generation am besten charakterisiert. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Das bedeutet nicht, eine fertige Lösung zu präsentieren. Aber wir werden diese Lösung nicht finden, wenn wir weiterhin so tun, als wäre nichts passiert. Es ist etwas passiert. Es passiert jeden Tag etwas. Und es betrifft uns nicht erst dann, wenn es Einen aus unserem nahen Umfeld getroffen hat.

Und deshalb halte ich jetzt erst mal an. Schaue mir die Welt an, statt an ihr vorbeizulaufen. Dann kann ich aus dieser Stille heraus weitermachen. Aber nicht so wie vorher. Ich möchte mich verändern lassen. Ich möchte zeigen wenn mich etwas bewegt, wenn ich etwas falsch finde. Auch wenn das nicht der leichte Weg ist.

Was ich so mache…..Mai 2017

Was ich so mache…..Mai 2017

Liebe Leser,

monatlich werde ich an dieser Stelle einfach mal so erzählen, was ich so mache: Welche Projekte anstehen, an welchem Buch ich arbeite, welche Bücher, Musik, Filme ich so entdeckt habe…

Filme fahren

Noch immer bin ich damit beschäftigt, selbst zu verstehen, was ich da geschrieben habe: Was denken Leser, wie sehen sie das Buch? Diese Fragen sind mir gerade sehr wichtig. Ich bekomme so viel Unterschiedliches zu hören und zu lesen. Was wieder mal beweist, dass jeder Mensch ein Buch mit seinen eigen Erlebnissen und Wahrnehmungen vermischt. Doch gibt es auch eine allgemeingültige Aussage, die alle gleichermaßen wahrnehmen?  Schwierig finde ich, wenn Dinge die mir wichtig waren nicht bemerkt werden. Aber jede Aussage ist wahr-sie spiegelt verschiedene Seiten, die ich so nie benennen könnte. ich finde das toll und will bitte noch viel mehr Feedback!! 😉 Hier die für mich treffendste „Kritik“ einer Leserin: „Die Figuren werden von innen her erzählt. Im Außen machen die alle ihr Ding und sind alle auf ihre Art zielorientiert. Aber dieses emotionale Gefühl zwischen Verschmelzung und Heimatlosigkeit, dieses Spannungsfeld menschlichen Empfindens hast du dargestellt. “

Und dann habe ich festgestellt, dass ausnahmslos alle, die sich für das Buch interessieren, E-Books nicht mögen. Also hab ich eine Druckausgabe in Auftrag gegeben und warte seehr gespannt darauf, diese endlich, endlich zu verkaufen. Dauert wohl noch ca. ne Woche….

Sobald das Buch da ist, starte ich auch Lesungen. Habe Angst davor, weil es schon so lange her ist und es diesmal ein Buch ist. Das ist noch mal was ganz Anderes, als ein paar Gedichte vorzulesen. Was ist euch bei einer Lesung wichtig? Was macht eine Lesung für euch zu einer guten Lesung?

Dann verschicke ich noch einige Rezi-Exemplare, melde mich bei Lovelybooks an, bei KDP-Select….und schaue mal, ob ich noch ein paar Exemplare verkauft bekomme.

Neue Bücher

Ich schreibe wieder. Das ist so schön, endlich weiterzumachen, mit dem was ich am besten kann. Mich nur einer Sache widmen-das kann ich irgendwie nicht. Dazu schwirren zu viele Ideen in meinem Kopf herum, die sich alle im Laufe vieler Jahre angesammelt haben.

  1. Die Fortsetzung von Filme fahren: Teil 2 und 3

Filme fahren war nur der Anfang. Am liebsten würde ich die drei Bücher zusammen präsentieren, weil ich Filme fahren allein so nackt finde, so unfertig. Der zweite Teil spielt in den 1980ern. Es geht um Niko, Wladi und Alina. Um Familie und Politik, Jugend in der DDR. Dieser Teil hat eine ganz andere Energie als Filme fahren. Viel ruhiger, nicht in der Ich-Form. Ich recherchiere viel dafür und begebe mich auf Zeitreise….

Teil 3 spielt jetzt und ich habe das Gefühl, ein Musikstück zu komponieren, denn ich bringe viele unterschiedliche Geschichten zusammen. Das macht Spaß, ist aber auch sehr kompliziert. Alles beginnt in Gießen, denn dahin flüchtet Rena, die den Roman, den sie einst Wladi versprach, fertig geschrieben hat. In Gießen versteckt sie sich bei Karen, die dort mit ihrer Familie in einer polyamourösen Beziehung lebt. Marion und Niko fühlen sich falsch dargestellt und wollen die Veröffentlichung nicht. Zu spät, Karen stellt den Roman ins Netz. Milosch findet seine Eltern  in Gießen wieder. Bei ihnen treffen sich alle und versuchen, die Vergangenheit zu bewältigen. Christoph hat ein Buch geschrieben und vermarktet seine Spitzelvergangenheit medienwirksam. Alina nimmt sich eine Auszeit und stellt ihre Karierre in Frage. Ungeklärte Fragen klären sich, Es geht um um aktuelle Probleme und Verbindungen zwischen damals und heute, Ost und West….

Elite

Ein Buch über eine charismatische Gruppe reicher Kinder, eine Waldorfschule, einen Filmemacher, über die Zeit von 2006-2010, über das Scheitern reicher Kinder in der Realität. Über Geld, Jugend, Cliquen und die bessere Gesellschaft. Hauptfigur ist wieder ein Mann. Und es geht mal nicht um die DDR 😉

böhmische Dörfer

ein Dorf in Thüringen, voller Geschichten und ein Mann, der all diese Geschichten sammelt. Musik, Songs, die Kraft von Musik, die kleine Welt als Gegenentwurf zur Großen. Das Utopia der Subkultur.

Mädchen

Reflektionen über den Feminismus. Geschichten, Gedichte, Essays

der goldene Turm

Gedichte-Liebe-Religion-Politik

Ein Kochbuch: Lieblingessen

Meine Lieblingsgerichte, verträglich aufbereitet. Habe mich zu diesem Zweck in den letzten Tagen nur von Spaghetti Bolognese ernährt und habe nun ein perfektes, histaminarmes Rezept. 😉

Eigentlich müsste ich mich von früh bis spät um Marketing und das Schreiben neuer Bücher bemühen. Doch dafür bekomme ich noch kein , oder kaum Geld. Deshalb schreibe ich z.b.  auch Zeitungsartikel. Diesmal ging es um Blogger in Provinzstädtchen. Ein tolles und spannendes Thema.

Richtig cool fand ich auch die Zusammenarbeit mit Bloggerkollegin Friederike Kunath und unserem Extro/Intro-Projekt. Bitte noch öfter viel mehr davon!

Dann entdeckte ich die tolle Plattform juptr.io und beteiligte mich am Schreibwettbewerb Begegnungen. Mein Text One Thing ist ein Mash-Up aus dem Blogbeitrag „Entgegengesetzte Wahrheitswerte“ und einem anderen Text, den ich nur für mich geschrieben hatte. Die Aktion läuft noch bis zum 31. Mai. Hier findet ihr meinen Text: http://www.juptr.io/@encounters. Gebt ihm ein Sternchen.

Leben und der Rest

Ich lese gerade „I love Dick“ von Chris Kraus, bin begeistert vom französischen Beitrag zum diesjährigen ESC,  und schreibe selbst wieder Songs. Im Moment höre ich ganz viel unterschiedliche Musik-Karen Elson, Tori Amos, Brody Dalle und Distillers, Garbage und Alt-Country, RnB und SingerSongwriter.

Playlists zu meinen Büchern machen, also Soundtracks, ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Es hilft ungemein, sich beim Schreiben zu konzentrieren.

Ich habe eine neue Espressokanne-klein, schwarz und von Bialetti. Wenn der Duft morgens durch die Wohnung zieht, werde ich wach und freue mich darauf, wieder zu schreiben.

Lesen, Musikhören und machen, dazu Espresso und Sonne-so kann der Mai gern weitergehen.

 

 

 

I love Dick-von der Sehnsucht als Stilmittel

I love Dick-von der Sehnsucht als Stilmittel

Ich habe mir mal Gedanken über die Themen gemacht, die man  in  Büchern aufgreift. Da gibt es einmal ein Grundthema, einen roten Faden-und dann viele andere Themen, die vielleicht nur kurz angerissen werden, aber ebenfalls wichtig sind. Die Themen bauen aufeinander auf, werden zur Komposition, zur Mixtur , die am Ende etwas Einheitliches wird:  Das fertige Werk.

Als Autorin kann ich einen Blog dazu nutzen, auf diese Themen einzugehen, zu erklären, warum sie für mich wichtig sind. Oft lese ich dann Bücher, oder sehe Serien oder Filme, höre Musik, die ebenfalls diese Themen aufgreifen-das finde ich immer besonders spannend. Dann erst wird mir bewusst, dass nicht nur mich das interessiert, sondern meine Vermutung gestimmt hat-tatsächlich gibt es Themen die auch für Andere interessant sind, für viele Menschen.

Heute geht es um ein Thema, das schon irgendwie ein Hauptthema für mich ist und war: Sehnsucht.

1997 erschien das Buch „I love Dick“  von Chris Kraus.  Entdeckt und gewürdigt wurde es erst jetzt, ich habe es in der deutschen Übersetzung gelesen.  Zufällig spielt auch „Filme fahren“  zu dieser Zeit. Ich habe seit den späten 1990ern diese Idee mit mir herumgetragen, ein Buch zu schreiben, dass als Grundthema eine Sehnsucht nach einem Menschen hat, einem Menschen, der etwas symbolisiert, der die Hauptfigur verändert und über eine schlichte Begegnung oder Liebesbeziehung hinausgeht. Bücher die mich dazu inspiriert haben waren „the great Gatsby“ von F.Scott Fitzgerald  und „On the Road.“ von Jack Kerouac.  In beiden Büchern, so unterschiedlich sie auch sind, gibt es diesen einen Menschen, der für die Hauptfiguren alles verkörpert. Dabei  es geht nicht um Verliebtheitsgefühle.  Dagegen ist  nichts zu sagen. über diese Art Liebe wurde viel geschrieben. Doch darum geht es mir nicht. Es geht mir auch nicht um das groupiehafte Anhimmeln. Es geht vielmehr um einen Menschen als Türöffner zur Welt. Der Mensch der hilft,  diese Welt zu verstehen, der uns hilft uns selbst zu erkennen. Oft wünscht man sich eine Erwiderung dieses Gefühls, wünscht sich eine gemeinsame Erforschung, ein gemeinsames Genießen dieser neuen  Welt. Doch oft sind diese Sehnsuchtsobjekte undurchschaubar, emotional nicht greifbar. Nicht die Zurückweisung ist das Thema, sondern ein Gefühl von Verstörtsein, Angst. Es gibt Menschen, die sich mit Freude und Enthusiasmus in solche intensiven Begegnungen stürzen. Und es gibt Menschen, die ängstlich, manchmal auch aggressiv davor zurückweichen. Immer ist das Erlebnis ein Gemeinsames, immer ist es für beide lebensverändernd. Doch es sind Männer, denen diese Fixierung irgendwie zugestanden wird. Eine weibliche Erzählerin müsste dann schon ein psychisches Problem haben. Oder einen gewalttätigen Ehemann. Frauen und Begehren, Frauen und Intellekt, Frauen und Gefühle und all das zusammen wird gern hysterisch und  narzisstisch genannt und damit abgetan. Chris Kraus ist es so ergangen, bis weibliche Bekenntnisliteratur und Kunst einen Weg gefunden haben, in eine Welt, die langsam offener, doch noch immer skeptisch auf die peinliche Frau schaut, die ihr Inneres nicht brav zurückhält, sondern fast aggressiv vor aller Welt ausbreitet.

Es waren diese Bücher, eigene Erlebnisse und das immer unfreiwillige Erzählen solcher Geschichten. Immer wieder wurde ich von Menschen angesprochen, die mir dann mal was erzählen wollten…ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Geschichten dieser Art es gibt. Wie viele unterschiedliche Menschen so einen oder mehrere Menschen in ihrem Leben getroffen haben, die ihren Horizont erweitert, sie irgendwo getroffen haben. Und in einer idealen Welt lebten diese Menschen jetzt alle glücklich zusammen. Doch diese Welt ist nicht ideal-und so bleibt da diese Sehnsucht, die uns antreibt. Faszinierend fand ich, wie diese  Gespräche,  die zuerst eine Begegnung als Thema hatten, schnell zu allgemeinen Betrachtungen über Leben, Welt, Religion, Politik, Geschichte und Philosophie, Gesellschaftskritik und Popkultur wurden. Man müsste einen Roman über diese Sehnsucht schreiben, dachte ich damals, der dann zu viel mehr wird. Der durch das Sehnen hin zu den großen Lebensthemen führt. Dahin, wo das Private politisch ist. Das war der Grundgedanke zu „Filme fahren.“  Dieses Sehnen nannten wir „Filme fahren.“  Deshalb der Titel.

Tja, Chris Kraus hat das so umgesetzt.  In ihrem Buch geht es um eine Begebenheit, die ihr selbst passiert ist. Als gescheiterte Künstlerin und Ehefrau des angesehenen Literaturprofessors Sylvere Lothringer, mit dem sie eine freundschaftliche aber asexuelle Beziehung führt, ist sie nicht vorbereitet auf die Begegnung mit einem Mann, der so anders ist als alles was sie kennt: Dick, Kulturwissenschaftler und Cowboy. Auf eine andere Art intellektuell, nämlich straight und radikal eigensinnig. Sie ist fasziniert von seinem Charisma und es scheint so, als ginge es ihm mit ihr ähnlich-doch es passiert nichts.  Dick ist der mysteriöse Rätselhafte der sich selbst ein Rätsel ist und vielleicht gerade deshalb auf andere so eindrucksvoll  wirkt. Ein Mann, der so scheint es, sich nicht reflektieren kann. Also macht das Chris für ihn. Sie schreibt ihm Briefe,  die sie nicht abschickt. Es fängt beim Begehren, beim Sehnen an-und wird dann etwas ganz anderes. Eine endlose  Reflektion über Kunst, Kultur, Männer, Frauen, Menschen, Politik….Chris schreibt Dick und sie schreibt sich frei. Sie erkennt durch ihre eigenen starken Gefühle wie wenig solche Gefühle bei Frauen erwünscht sind. Wie sehr sie sich den Dialog auf Augenhöhe mit einem Mann wünscht, den sie als Seelenverwandten erkannt hat. Dick irritiert das nur. „Du kennst mich doch gar nicht“ sagt er und möchte auch nicht gekannt werden.  Chris erkennt,  dass sie in einer Falle steckt, Rollen zu spielen hat, die ihr nicht liegen. Und sie möchte einen anderen Weg gehen: Sich ihre Gefühle bewusst machen. Sie annehmen. Und so erkennt sie irgendwann, worum es ihr auch als Künstlerin geht. Sich von einer Rolle als Frau freizumachen, die von männlichen Erwartungen geprägt ist. Irgendwann bekommt Dick die Briefe, reagiert unfassbar grausam, es kommt zur Annäherung, die er passiv-aggressiv initiert , die er nicht aushält  und mit unbeholfener Schroffheit wieder von sich weist. Es ist Chris Ehrlichkeit die ihn irritiert. Die ihm ohne Spielchen und Verhaltensregeln sagt was sie will und denkt. Sie möchte auf eine Ebene mit ihm kommen, die für sie als Vision schon klar zu erkennen ist. Doch eine Frau kann nicht einfach mit einem Mann über gemeinsame Interessen diskutieren, sie darf nicht sagen, dass sie eine Verbindung spürt, ihr Begehren nicht äußern und nicht vorschlagen, dass es nach einer Nacht ein weiteres Treffen geben könnte. Sie muss kichern, flirten, unterwürfig und unerreichbar sein, vor dem Telefon warten. All das tut Chris nicht. Sie will als Mensch mit einem anderen Menschen kommunizieren. Dabei geht sie so selbstbewusst und ehrlich vor, ohne jegliche Koketterie. Sie versteckt ihren Intellekt nicht, nichts von sich.  Dick scheint verärgert über diesen Regelbruch. Und so kommt Chris am Ende einer Reise die mit Begehren anfing, beim Feminismus an. Und das nicht, indem sie ihre Gefühle als alberne Schwärmerei abtut, Dick und alle anderen Männer fortan hasst, um nun als starke Frau ihren eigenen Weg zu gehen. Bis zum Schluß bleibt Dick für sie  „dear Dick“ . Ich sehe was das du nicht siehst und lasse dich los ohne dich zu verleugnen. Ohne die Welt zu verleugnen, die ich durch dich erkannt habe. Chris findet durch die Sehnsucht,  durch die radikale Darstellung ihrer Emotionen,  ihre eigene Stimme als Künstlerin. Sie stellt sehr kluge Fragen in diesem Buch, Fragen nach der Verletzlichkeit und der Angst vor der Verletzlichkeit der Frau. Woher kommt das? Warum gehen Männer und Frauen so miteinander um, ohne dieses Verhalten zu hinterfragen? Warum darf Manches nicht sein, warum darf eine Frau -egal ob in Beziehungen, als Künstlerin oder Intellektuelle-nur bis zu einer bestimmten Grenze gehen?

In „Filme fahren“ geht es mit einer solchen Begegnung los: Rena begegnet Niko. Niko begegnet Rena. Rena trifft zwei Freunde, die ebenfalls von solchen Begegnungen geprägt sind. Judith trifft Judith, Karen trifft Jasper. Im zweiten Band, an dem ich gerade schreibe, begegnen sich die Brüder Niko und Walter in der DDR der 1980er neu, als Halbschwester Alina und die politische Lage sie dazu zwingen, ihren Hass aufeinander zu besiegen. Und im dritten Band geht es um das was bleibt, von diesen Begegnungen. Das Ineinandergreifen von Politik, Kunst  und Beziehungen.

„Sich Verlieben ist ein revolutionärer Akt“  hat mal irgendein Kumpel zu mir gesagt. Na ja, wir waren sehr jung und pathetisch,  fanden die Antifa toll und so …

Doch jetzt ist mir dieser Satz wieder eingefallen und ich finde ihn gerade sehr passend. Weil wir dann dazu bereit sind, Regeln ausser acht zu lassen, weil dann ein Interesse für die Welt entsteht. Weil wir dann bgreifen, dass jede Begegnung etwas unheimlich Kraftvolles und Radikales ist. Auch wenn es nicht so endet wie wir uns das erträumt haben. Trotzdem passiert etwas  zwischen zwei Menschen. Und wenn wir selbst ein Teil davon sind, kann es uns öffnen, für diesen Gedanken, dass Kunst nicht nur sich selbst genügt, dass Politik nicht nur etwas ist, dass andere betrifft und von „denen da oben“ gemacht wird, dass kurz gesagt, alles, was in dieser Welt gedacht, gemacht und gefühlt wird, uns angeht weil wir ein Teil davon sind.

Als ich anfing mit dem Schreiben von „Filme fahren“, waren viele Menschen irritiert von dieser jungen Frau, die nach einem intensiven Blickkontakt so dermaßen fasziniert von einem Mann ist, den sie nicht kennt. Sie waren irritiert von der Peinlichkeit, die mit solchen Frauen immer verbunden wird. Man erniedrigt sich nicht so. Man wartet ab. In diesem Abwarten liegt die uralte Überzeugung, dass Frauen kein Begehren, keine Lust, kein eigenes Gefühl entwickeln können-sie lassen sich abholen, mitnehmen, sie machen mit. Die Verbindung wird vom Mann erkannt und von der Frau freudig bejaht oder abgelehnt. Sie darf das nicht sehen und schon gar nicht ansprechen.

Ähnlich ist es , wenn Frauen beschließen, eine politische Meinung zu äußern, wenn sie kreativ werden. Dann ist eine feste, klare Meinung und Haltung, ein Selbstbewusstsein gegenüber der eigenen Kunst, nicht gern gesehen. Eine Frau, die lang und ausführlich über intellektuelle Themen redet-das gilt bei Frauen als narzisstisch. Männer machen das so. Klar. Eine Frau will sich so nur in den Mittelpunkt stellen. Und da gehört sie nicht hin. Denn da ist kein Platz für zwei.

Chris Kraus sagt, „Fuck it“ und stellt sich einfach dazu. Sie redet, auch wenn ihr Partner nicht zuhört. Sie tut so, als ob. Und vielleicht, irgendwann, hört man ihr zu. Hört Frauen zu, betrachtet ihre Kunst als Kunst, ohne Pathopsychologie, ohne Herabwürdigung. Danach sehne ich mich. Und diese Sehnsucht ist es, die mich antreibt.

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