Ich habe mir mal Gedanken über die Themen gemacht, die man  in  Büchern aufgreift. Da gibt es einmal ein Grundthema, einen roten Faden-und dann viele andere Themen, die vielleicht nur kurz angerissen werden, aber ebenfalls wichtig sind. Die Themen bauen aufeinander auf, werden zur Komposition, zur Mixtur , die am Ende etwas Einheitliches wird:  Das fertige Werk.

Als Autorin kann ich einen Blog dazu nutzen, auf diese Themen einzugehen, zu erklären, warum sie für mich wichtig sind. Oft lese ich dann Bücher, oder sehe Serien oder Filme, höre Musik, die ebenfalls diese Themen aufgreifen-das finde ich immer besonders spannend. Dann erst wird mir bewusst, dass nicht nur mich das interessiert, sondern meine Vermutung gestimmt hat-tatsächlich gibt es Themen die auch für Andere interessant sind, für viele Menschen.

Heute geht es um ein Thema, das schon irgendwie ein Hauptthema für mich ist und war: Sehnsucht.

1997 erschien das Buch „I love Dick“  von Chris Kraus.  Entdeckt und gewürdigt wurde es erst jetzt, ich habe es in der deutschen Übersetzung gelesen.  Zufällig spielt auch „Filme fahren“  zu dieser Zeit. Ich habe seit den späten 1990ern diese Idee mit mir herumgetragen, ein Buch zu schreiben, dass als Grundthema eine Sehnsucht nach einem Menschen hat, einem Menschen, der etwas symbolisiert, der die Hauptfigur verändert und über eine schlichte Begegnung oder Liebesbeziehung hinausgeht. Bücher die mich dazu inspiriert haben waren „the great Gatsby“ von F.Scott Fitzgerald  und „On the Road.“ von Jack Kerouac.  In beiden Büchern, so unterschiedlich sie auch sind, gibt es diesen einen Menschen, der für die Hauptfiguren alles verkörpert. Dabei  es geht nicht um Verliebtheitsgefühle.  Dagegen ist  nichts zu sagen. über diese Art Liebe wurde viel geschrieben. Doch darum geht es mir nicht. Es geht mir auch nicht um das groupiehafte Anhimmeln. Es geht vielmehr um einen Menschen als Türöffner zur Welt. Der Mensch der hilft,  diese Welt zu verstehen, der uns hilft uns selbst zu erkennen. Oft wünscht man sich eine Erwiderung dieses Gefühls, wünscht sich eine gemeinsame Erforschung, ein gemeinsames Genießen dieser neuen  Welt. Doch oft sind diese Sehnsuchtsobjekte undurchschaubar, emotional nicht greifbar. Nicht die Zurückweisung ist das Thema, sondern ein Gefühl von Verstörtsein, Angst. Es gibt Menschen, die sich mit Freude und Enthusiasmus in solche intensiven Begegnungen stürzen. Und es gibt Menschen, die ängstlich, manchmal auch aggressiv davor zurückweichen. Immer ist das Erlebnis ein Gemeinsames, immer ist es für beide lebensverändernd. Doch es sind Männer, denen diese Fixierung irgendwie zugestanden wird. Eine weibliche Erzählerin müsste dann schon ein psychisches Problem haben. Oder einen gewalttätigen Ehemann. Frauen und Begehren, Frauen und Intellekt, Frauen und Gefühle und all das zusammen wird gern hysterisch und  narzisstisch genannt und damit abgetan. Chris Kraus ist es so ergangen, bis weibliche Bekenntnisliteratur und Kunst einen Weg gefunden haben, in eine Welt, die langsam offener, doch noch immer skeptisch auf die peinliche Frau schaut, die ihr Inneres nicht brav zurückhält, sondern fast aggressiv vor aller Welt ausbreitet.

Es waren diese Bücher, eigene Erlebnisse und das immer unfreiwillige Erzählen solcher Geschichten. Immer wieder wurde ich von Menschen angesprochen, die mir dann mal was erzählen wollten…ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Geschichten dieser Art es gibt. Wie viele unterschiedliche Menschen so einen oder mehrere Menschen in ihrem Leben getroffen haben, die ihren Horizont erweitert, sie irgendwo getroffen haben. Und in einer idealen Welt lebten diese Menschen jetzt alle glücklich zusammen. Doch diese Welt ist nicht ideal-und so bleibt da diese Sehnsucht, die uns antreibt. Faszinierend fand ich, wie diese  Gespräche,  die zuerst eine Begegnung als Thema hatten, schnell zu allgemeinen Betrachtungen über Leben, Welt, Religion, Politik, Geschichte und Philosophie, Gesellschaftskritik und Popkultur wurden. Man müsste einen Roman über diese Sehnsucht schreiben, dachte ich damals, der dann zu viel mehr wird. Der durch das Sehnen hin zu den großen Lebensthemen führt. Dahin, wo das Private politisch ist. Das war der Grundgedanke zu „Filme fahren.“  Dieses Sehnen nannten wir „Filme fahren.“  Deshalb der Titel.

Tja, Chris Kraus hat das so umgesetzt.  In ihrem Buch geht es um eine Begebenheit, die ihr selbst passiert ist. Als gescheiterte Künstlerin und Ehefrau des angesehenen Literaturprofessors Sylvere Lothringer, mit dem sie eine freundschaftliche aber asexuelle Beziehung führt, ist sie nicht vorbereitet auf die Begegnung mit einem Mann, der so anders ist als alles was sie kennt: Dick, Kulturwissenschaftler und Cowboy. Auf eine andere Art intellektuell, nämlich straight und radikal eigensinnig. Sie ist fasziniert von seinem Charisma und es scheint so, als ginge es ihm mit ihr ähnlich-doch es passiert nichts.  Dick ist der mysteriöse Rätselhafte der sich selbst ein Rätsel ist und vielleicht gerade deshalb auf andere so eindrucksvoll  wirkt. Ein Mann, der so scheint es, sich nicht reflektieren kann. Also macht das Chris für ihn. Sie schreibt ihm Briefe,  die sie nicht abschickt. Es fängt beim Begehren, beim Sehnen an-und wird dann etwas ganz anderes. Eine endlose  Reflektion über Kunst, Kultur, Männer, Frauen, Menschen, Politik….Chris schreibt Dick und sie schreibt sich frei. Sie erkennt durch ihre eigenen starken Gefühle wie wenig solche Gefühle bei Frauen erwünscht sind. Wie sehr sie sich den Dialog auf Augenhöhe mit einem Mann wünscht, den sie als Seelenverwandten erkannt hat. Dick irritiert das nur. „Du kennst mich doch gar nicht“ sagt er und möchte auch nicht gekannt werden.  Chris erkennt,  dass sie in einer Falle steckt, Rollen zu spielen hat, die ihr nicht liegen. Und sie möchte einen anderen Weg gehen: Sich ihre Gefühle bewusst machen. Sie annehmen. Und so erkennt sie irgendwann, worum es ihr auch als Künstlerin geht. Sich von einer Rolle als Frau freizumachen, die von männlichen Erwartungen geprägt ist. Irgendwann bekommt Dick die Briefe, reagiert unfassbar grausam, es kommt zur Annäherung, die er passiv-aggressiv initiert , die er nicht aushält  und mit unbeholfener Schroffheit wieder von sich weist. Es ist Chris Ehrlichkeit die ihn irritiert. Die ihm ohne Spielchen und Verhaltensregeln sagt was sie will und denkt. Sie möchte auf eine Ebene mit ihm kommen, die für sie als Vision schon klar zu erkennen ist. Doch eine Frau kann nicht einfach mit einem Mann über gemeinsame Interessen diskutieren, sie darf nicht sagen, dass sie eine Verbindung spürt, ihr Begehren nicht äußern und nicht vorschlagen, dass es nach einer Nacht ein weiteres Treffen geben könnte. Sie muss kichern, flirten, unterwürfig und unerreichbar sein, vor dem Telefon warten. All das tut Chris nicht. Sie will als Mensch mit einem anderen Menschen kommunizieren. Dabei geht sie so selbstbewusst und ehrlich vor, ohne jegliche Koketterie. Sie versteckt ihren Intellekt nicht, nichts von sich.  Dick scheint verärgert über diesen Regelbruch. Und so kommt Chris am Ende einer Reise die mit Begehren anfing, beim Feminismus an. Und das nicht, indem sie ihre Gefühle als alberne Schwärmerei abtut, Dick und alle anderen Männer fortan hasst, um nun als starke Frau ihren eigenen Weg zu gehen. Bis zum Schluß bleibt Dick für sie  „dear Dick“ . Ich sehe was das du nicht siehst und lasse dich los ohne dich zu verleugnen. Ohne die Welt zu verleugnen, die ich durch dich erkannt habe. Chris findet durch die Sehnsucht,  durch die radikale Darstellung ihrer Emotionen,  ihre eigene Stimme als Künstlerin. Sie stellt sehr kluge Fragen in diesem Buch, Fragen nach der Verletzlichkeit und der Angst vor der Verletzlichkeit der Frau. Woher kommt das? Warum gehen Männer und Frauen so miteinander um, ohne dieses Verhalten zu hinterfragen? Warum darf Manches nicht sein, warum darf eine Frau -egal ob in Beziehungen, als Künstlerin oder Intellektuelle-nur bis zu einer bestimmten Grenze gehen?

In „Filme fahren“ geht es mit einer solchen Begegnung los: Rena begegnet Niko. Niko begegnet Rena. Rena trifft zwei Freunde, die ebenfalls von solchen Begegnungen geprägt sind. Judith trifft Judith, Karen trifft Jasper. Im zweiten Band, an dem ich gerade schreibe, begegnen sich die Brüder Niko und Walter in der DDR der 1980er neu, als Halbschwester Alina und die politische Lage sie dazu zwingen, ihren Hass aufeinander zu besiegen. Und im dritten Band geht es um das was bleibt, von diesen Begegnungen. Das Ineinandergreifen von Politik, Kunst  und Beziehungen.

„Sich Verlieben ist ein revolutionärer Akt“  hat mal irgendein Kumpel zu mir gesagt. Na ja, wir waren sehr jung und pathetisch,  fanden die Antifa toll und so …

Doch jetzt ist mir dieser Satz wieder eingefallen und ich finde ihn gerade sehr passend. Weil wir dann dazu bereit sind, Regeln ausser acht zu lassen, weil dann ein Interesse für die Welt entsteht. Weil wir dann bgreifen, dass jede Begegnung etwas unheimlich Kraftvolles und Radikales ist. Auch wenn es nicht so endet wie wir uns das erträumt haben. Trotzdem passiert etwas  zwischen zwei Menschen. Und wenn wir selbst ein Teil davon sind, kann es uns öffnen, für diesen Gedanken, dass Kunst nicht nur sich selbst genügt, dass Politik nicht nur etwas ist, dass andere betrifft und von „denen da oben“ gemacht wird, dass kurz gesagt, alles, was in dieser Welt gedacht, gemacht und gefühlt wird, uns angeht weil wir ein Teil davon sind.

Als ich anfing mit dem Schreiben von „Filme fahren“, waren viele Menschen irritiert von dieser jungen Frau, die nach einem intensiven Blickkontakt so dermaßen fasziniert von einem Mann ist, den sie nicht kennt. Sie waren irritiert von der Peinlichkeit, die mit solchen Frauen immer verbunden wird. Man erniedrigt sich nicht so. Man wartet ab. In diesem Abwarten liegt die uralte Überzeugung, dass Frauen kein Begehren, keine Lust, kein eigenes Gefühl entwickeln können-sie lassen sich abholen, mitnehmen, sie machen mit. Die Verbindung wird vom Mann erkannt und von der Frau freudig bejaht oder abgelehnt. Sie darf das nicht sehen und schon gar nicht ansprechen.

Ähnlich ist es , wenn Frauen beschließen, eine politische Meinung zu äußern, wenn sie kreativ werden. Dann ist eine feste, klare Meinung und Haltung, ein Selbstbewusstsein gegenüber der eigenen Kunst, nicht gern gesehen. Eine Frau, die lang und ausführlich über intellektuelle Themen redet-das gilt bei Frauen als narzisstisch. Männer machen das so. Klar. Eine Frau will sich so nur in den Mittelpunkt stellen. Und da gehört sie nicht hin. Denn da ist kein Platz für zwei.

Chris Kraus sagt, „Fuck it“ und stellt sich einfach dazu. Sie redet, auch wenn ihr Partner nicht zuhört. Sie tut so, als ob. Und vielleicht, irgendwann, hört man ihr zu. Hört Frauen zu, betrachtet ihre Kunst als Kunst, ohne Pathopsychologie, ohne Herabwürdigung. Danach sehne ich mich. Und diese Sehnsucht ist es, die mich antreibt.

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4 Gedanken zu “I love Dick-von der Sehnsucht als Stilmittel

  1. Hm, interessant. Da ich keine Frau bin, verstehe ich von dem, was Du sagst, nur die Hälfte. Soweit ich das verstanden habe, geht um Erwartungshaltungen, Rollenbild und um eine Art Pipi Langstrumpf. Als ich Deinen Roman gelesen habe, empfand ich die Sehnsüchte dieser Figuren gar nicht so intensiv, wie Du sie hier in dem Text beschreibst. Rena war für mich einfach ein junger Mensch, der halt nicht so genau weiß, wohin mit sich. Sehnsucht, wonach auch immer, ist, wie ich finde, etwas Konkretes. Das Nebulöse, oder besser gesagt, das Schweben und vom Wind der Zeit hin und her geworfen zu sein, war da viel eher die Charaktere prägend, so jedenfalls hab ich es gelesen.
    Erklärst Du mir bitte noch, was das „unfreiwillige Erzählen solcher Geschichten“ bedeutet? Ich kann mit dem Begriff so gar nichts anfangen. Beste Grüße nach Gießen.

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    1. Na ja, das kann auch ein Mann verstehen…😉 dann eben von der anderen Seite. Oder von weiblichen Freunden, etc….
      Dazu muss man das Buch kennen-Pipi ist lustig, trifft es aber nicht so ganz….
      Das ist schoen und interessant, etwas ueber deine Wahrnehmung des Romans zu lesen. Haette ich nicht gedacht,dass man das gar nicht so merkt. Es stimmt schon, ein sehr wichtiges Thema war das Jungsein und das damit verbundene Gefuehl, nirgendwo richtig hinzugehoeren. Vielleicht war die Sehnsucht der Anfang und wurde dann zu einem anderen Thema…
      Damals haben mir viele Menschen ungefragt ihre Lebensgeschichten erzaehlt-in Kneipen, Parks, bei Festen, Konzerten…und es ging dabei immer um einen Menschen, der die Erzaehlenden nachhaltig gepraegt hat. So wie ich es im Text beschreibe.
      Herzliche Grueße nach Berlin!

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      1. Dann habe ich das wohl falsch verstanden, denn ich hatte das ‚unfreiwillige Erzählen‘ Dir zugeordnet. Wobei ich glaube, dass der Begriff in dem Zusammenhang eine gewisse Unschärfe hat. Denn, so wie ich Dich verstanden habe, haben Dir die Menschen doch freiwillig ihre Geschichten erzählt, Du hast sie doch nicht dazu gedrängt, oder habe ich das auch nicht verstanden?

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  2. Daniel, da hab ich mich wirklich unglücklich ausgedrückt. Es war ein oft unfreiwilliges Zuhören. 😉 Denn oft wurden mir die Gespräche schon eher aufgedrängt….aber eigentlich bin ich froh darüber. Habe nun viele gute Geschichten gesammelt.

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