Zugegeben: Das ist ein etwas sperriger Titel. Doch er ist passend, denn mein Thema ist ebenfalls ziemlich sperrig. Schwer zugänglich. Doch ich möchte trotzdem darüber schreiben, weil ich mir in letzter Zeit oft so vorkomme, als limitierte ich mich selbst. Ich setze mir Grenzen. Manchmal ist das sinnvoll und gut. Oft jedoch befürchte ich nur, dass jemand eventuell nicht versteht was ich sagen möchte. Mir etwas unterstellt. Aber das wird mit großer Wahrscheinlichkeit sowieso passieren. Weil es immer überempfindliche Menschen geben wird, Menschen, die einen Text nur überfliegen, Menschen, die einfach nur sticheln wollen. Das Schlimmste was passieren könnte, wäre es, einen netten Text zu schreiben, den Jede/r versteht, dem aber das fehlt, was einen guten Text ausmacht: Leidenschaft. Und ich kann nicht leidenschaftlich über Allerweltsthemen schreiben.

Ein inneres Bild habe ich gerade sehr oft vor Augen: Ich laufe durch eine zerstörte Stadt und ignoriere jede Gefahr. Irgendwann bin ich voller Wunden, doch ich lächele immer noch debil vor mich hin. Das ist die gesellschaftliche Stimmung, die ich wahrnehme, wenn ich nach einem Anschlag immer die gleichen stumpfsinnigen Durchhalteparolen lese. Von Anfang an hatte ich dieses Bild im Kopf, als immer wieder dazu aufgerufen wurde, das Leben nicht nur wie  gewohnt weiterzuleben, sondern jetzt erst recht, so richtig! Cafés, Kneipen und Konzerte besuchen, um es den Terroristen so richtig zu zeigen! Und wir AutorInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen sollten eben auch dieses gerade jetzt verinnerlichen. Einfach weitermachen. So, als wäre nichts geschehen. Sich nicht beirren lassen. Selbstbewusst.

Das ist nicht selbstbewusst. Diese Haltung nennt man Ignoranz. Wenn kreative Menschen eines nicht sein sollten, dann ignorant. Kunst ist das Gegenteil der Ignoranz. Wenn ich schreibe, mache ich mich verletzlich-das ist meine Aufgabe. Ich sollte nicht lächelnd die Zerstörung ignorieren. Ich sollte sie mir ansehen. Ich sollte etwas aus dem machen, was ich wahrnehme. Anhalten. Bewusst machen.

Wenn ein Mensch stirbt, gibt es für die Hinterbliebenen nichts Schlimmeres, als diese Grausamkeit des normalen Alltags, der immer gleich bleibt. Alles geht weiter, als fehle da nichts.  Keine Trauer zu empfinden gilt als normal. Wir gönnen uns nicht einmal mehr eine Trauerphase. In diesen merkwürdigen Phrasen vom „feigen“ Mord, der „tiefen Betroffenheit“ und „Bestürzung“  liegt so viel Verachtung und Gleichgültigkeit. Wir interessieren uns nicht für die Opfer. Sie sind ja nicht mehr da. Wir nehmen Anschläge hin wie Naturkathastrophen.  Wir sagen wirklich jedesmal das Gleiche. Warum? Was bringt es? Ich möchte nicht mehr dazu aufgefordert werden, wie gewohnt weiterzumachen. Weil ja die Wahrscheinlichkeit viel höher ist, von einem Blitz erschlagen zu werden. Wie abgebrüht, wie selbstbezogen kann man sein, sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen dieser Art zufriedenzugeben? Es geht doch gar nicht um uns selbst. Und wenn, ist das viel eher das Ziel der Terroristen. Dann geht es nämlich ewig so weiter. Weil wir ja noch da sind.

Ich glaube nicht an schnelle Lösungen und Antworten. Denn kaum jemand versteht doch, was da eigentlich passiert. Ich wünsche mir angesichts dieser Ereignisse einfach mal eine große Pause. Still werden. Aufhören mit dem was man gerade tut. Abstand nehmen zum Alltag. Sich dem Großen zuwenden, statt im Klein-Klein zu ersticken. Eben mal nicht ins Café, Kino, Konzert gehen. Mal nicht shoppen oder essen gehen.  Als Zeichen für die Opfer. Ein Zeichen, dass uns das alles nicht egal ist. Empathie zeigen.

In der Verweigerung liegt sehr viel Kraft. Richtig begriffen habe ich das im Gespräch mit Mönchen, die sehr gut wissen, dass Meditation und Gebet nicht einfach Nichtstun bedeutet. Es ist ein Verneigen vor dem, was wir nicht wissen. Ein Augenblick der Achtsamkeit. Wir können an Menschen denken, uns in sie hineinversetzen. Es bedeutet, in diesem Moment keine Lösungen zu haben. Doch oft entstehen in diesen Momenten Lösungen.

Als Kreative können wir aus dieser Stille etwas Kraftvolles entstehen lassen. Bei mir war es damals der erste Satz von „Filme fahren“: „In letzter Zeit stelle ich mir immer vor, wie es wäre, bei einem Anschlag zu sterben. Beim Einkaufen, im Kino, oder während ich, so wie jetzt, im Café sitze und Latte Macchiato trinke, oder Moccachino, oder ein anderes albernes Getränk, das so tut, als wäre es Kaffee. Und ich nehme noch einen Schluck vom Latte, der jetzt lauwarm ist, so wie mein Leben, und weiß, so wie mein Kleid.“

Dieses bedeutungslose Dahinplätschern im Alltag und die destruktive Kraft der Gewalt: Das wollte ich nebeneinander setzen, weil es meiner Meinung nach meine Generation am besten charakterisiert. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Das bedeutet nicht, eine fertige Lösung zu präsentieren. Aber wir werden diese Lösung nicht finden, wenn wir weiterhin so tun, als wäre nichts passiert. Es ist etwas passiert. Es passiert jeden Tag etwas. Und es betrifft uns nicht erst dann, wenn es Einen aus unserem nahen Umfeld getroffen hat.

Und deshalb halte ich jetzt erst mal an. Schaue mir die Welt an, statt an ihr vorbeizulaufen. Dann kann ich aus dieser Stille heraus weitermachen. Aber nicht so wie vorher. Ich möchte mich verändern lassen. Ich möchte zeigen wenn mich etwas bewegt, wenn ich etwas falsch finde. Auch wenn das nicht der leichte Weg ist.

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2 Gedanken zu “Warum manchmal alles aufhören muss

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