Timing is everything

Es gibt einen Phänomen, das mir in letzter Zeit verstärkt auffällt: Wenn etwas erfolgreich und bekannt ist, bleibt Kritik fast aus und wird wenn überhaupt, nur sehr verhalten geäussert.  Inhalte spielen dabei keine Rolle. Oder nur eine sehr Kleine. Ich habe mal sehr aufmerksam beobachtet, wie das Menschen um mich herum so machen. Ob sie lautstark die kleine Indie-Band verteidigen, die niemand kennt, ob sie unbekannte Bücher loben oder Serien und Filme unbekannter Filmemacher. Das Ergebnis ist niederschmetternd und eindeutig: Indie und unbekannt? Gerne, wenn es eben doch eine kleine Bekanntheit gibt, wenn es irgendwie „cool“ ist, diese Band, dieses Buch oder diesen Film zu mögen. Aber irgendwie scheint es niemandem möglich zu sein, ein eigenes Urteil zu fällen, eine eigene Meinung zu Musik, Buch oder Film zu entwickeln. Der Stoff genügt nicht. Experten sind nötig. Ich frage mich, ob nicht doch, insgeheim eine Meinung feststeht, die dann schnell geändert oder verschwiegen wird sobald es eine allgemeine Haltung dazu gibt. Sobald die „Experten“ gesprochen haben.

Ich muss dann immer an eine Reise zur Leipziger Buchmesse vor vielen Jahren, Ende der 1990er,  denken. ich war unterwegs mit Bekannten, die  sich für cool und hip und alternativ hielten. Wir sprachen über dieses Thema, weil wir ziemlich viele kleine Verlage und tolle Bücher unbekannter Autoren entdeckt hatten. „Wir bauchen einen Führer“ sagten diese Leute tatsächlich. So ganz ohne Ironie. „Sowohl politisch als auch kulturell irgendwie. Oder eine Gruppe von Menschen, die uns sagt, was cool ist, was Qualität hat. “ Denn selbst einfach so herauszuplatzen mit der eigenen Meinung, so ganz ungefiltert-das sei halt so, wie nackt auf die Straße gehen. Macht man nicht. Es sei denn, man ist „Jemand“.

Mein Vater sagte mir mal, dass er den Sinn des Bloggens nicht verstehe. „Warum sollte sich denn irgendjemand für meine Meinung interessieren?“ Denn eine Meinung sei doch nur interessant, wenn da ein Titel, ein Bekanntheitsgrad, eben so ein ominöses Expertentum vorhanden wäre.

Und so geht es dann weiter: Warum soll ich mir denn das Konzert einer unbekannten Band, die Lesung eines unbekannten Schriftstellers, eine unbekannte Serie ansehen? Fehler werden dann wie unter einem Vergrößerungsglas wahrgenommen. Fehler, die sonst ignoriert werden oder die sogar als sympathisch wahrgenommen werden. Nicht etwa unprofessionell.

In den letzten Wochen habe ich auch deshalb soviel über dieses Thema nachgedacht, weil es auf ganz unterschiedliche Art und Weise darum ging.

Da war einmal die Diskussion über die arte-Doku „Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa“von Joachim Schroeder und Sophie Hafner.   Sicher habt ihr das mitbekommen. Interessant fand ich die Kritik, diesen Kritikersturm, der nach dem Bild-Leak  losging. Die Doku wurde abgelehnt, die Gründe waren bekannt: Nicht ausgewogen, sei der Film. Nicht ergebnisoffen. Man hätte sich nicht an den eigentlichen Auftrag gehalten, es sei zu viel um den nahen Osten gegangen. Trotzdem glaubten die Kritiker, die wahren Gründe lägen woanders- nämlich bei der mangelnden Qualität. Man entdeckte Fehler über Fehler, sogar propagandistisch sei das Material. Also vollkommen verständlich , diese Ablehnung. Fehler, die sie , davon bin ich überzeugt, so nicht wahrgenommen hätten, wenn die Doku ganz normal  im arte-Programm gelaufen  wäre. Wenn es nicht diese öffentliche Diskussion gegeben hätte.

Denn wenn etwas abgelehnt wird, dann weil der Schüler nicht das gemacht hat, was ihm der Lehrer aufgetragen hat. Die wahren Gründe interessierten plötzlich nicht mehr. Das ist umso ärgerlicher, weil so die wichtige Aufklärungsarbeit der Filmemacher in den Hintergrund geriet.  Das Publikum sollte nicht Jury spielen. Natürlich kann und soll Kritik nicht fehlen. Doch mit handwerklichen Mängeln die Nichtausstrahlung des Films zu erklären, führt an der Wahrheit vorbei und  zu einer Menge Pseudodiskussionen, Pseudoaufregung. Den Gipfel der Absurdität wird heute abend erreicht, wenn der Film bei Maischberger diskutiert wird. Die Filmemacher wurden selbstverständlich nicht eingeladen. Ihre handwerklichen Mängel werden nun diskutiert, nicht etwa das Thema des Films: Der Hass auf Juden in Europa. Das vielleicht auch. Ein bisschen.   Dabei täte Deutschland eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema so gut. Im Film werden Zusammenhänge erklärt, die sicher nicht vielen Menschen  bekannt sind, Zusammenhänge, mit denen man sich nicht gern auseinandersetzt. Oft  ist es gerade dieses Halbwissen, das zu antisemitischen Aussagen und Meinungen führt. Es ist eine gewisse Art von Trägheit, gepaart mit Besserwissertum: Es interessiert mich nicht, ich möchte aber eine Meinung dazu äußern. Egal welche. Hauptsache, eine Meinung.

Die Dokumenation setzt genau da an, wo es wehtut. Es geht um Information, um historische Bildung. Danach-nach einer Auseinandersetzung mit den Themen des Films, kann man kritisieren.  Die handwerklichen  Mängel werden  normalerweise bei der Bearbeitung behoben.  Eine Bearbeitung fand nie statt, der Film wurde abgelehnt. Warum reden wir nicht über die wahren Gründe?

In diese Zeit fiel auch das Gießener Webserienfestival „die Seriale.“ Eine Filmemacherin aus New York sagte dort  etwas, das mir zu denken gab: Sinngemäß war das in etwa Folgendes:  Alle sagen Breaking Bad ist eine soo tolle Serie. Diese Idee-ein Mittelklassetyp wird durch einen Schicksalsschlag drogensüchtig-so originell. Und deshalb, wegen dieser tollen Idee, weil sie alle so gut sind-die Autoren, Produzenten, Regisseure, Schauspieler, gibt es diese Serie. Deshalb wurde sie ausgestrahlt und fand ein so zahlreiches Publikum. Blödsinn sagte sie. Glauben sie denn wirklich, dass vorher noch niemand auf diese Idee gekommen ist? Diese Idee gab es schon sehr ,sehr oft. Wunderbare Serien und Filmkonzepte, die niemals jemand zu Gesicht bekommen hat. Der einzige Grund warum Breaking Bad sichtbar ist und diese anderen Serien nicht, ist Timing. Glück, Zufall, zur richtigen Zeit,  mit dem richtigen Pitch am richtigen Ort,  bei den richtigen Leuten sein. Das ist es. Nicht die Qualität.

Oh, ich hätte mir gewünscht das hätten noch viel mehr Menschen gehört.

Als ich mich dazu entschieden hatte, mein Buch selbst zu veröffentlichen, auch jetzt noch, gingen und gehen alle davon aus, dass ich das Buch bereits bei diversen Verlagen eingereicht ,viele  Ablehnungen kassiert habe und nun ganz verzweifelt den letzten Ausweg wähle. Dass ich nichts kann, steht von vornherein fest. Denn ohne einen Segen „versierter Fachleute“ ist es eben Schrott, den wir Selfpublisher  da abliefern. Das muss man sich nicht angucken. Das weiß man. „Webserien? So nen Trash guckst du dir an?“ wurde ich gefragt, als ich 2015 über die erste Seriale schreiben wollte. Mittlerweile ist das anders. Eine von ARD und ZDF produzierte Serie gewann die diesjährige Seriale.

Und was, wenn nicht? Wenn diese Serie nur  auf Youtube gelaufen wäre? Wenn nur Unbekannte mitgewirkt hätten?  Wäre sie deshalb auf einmal schlecht und „unprofessionell“?

Ich bin gerade etwas negativ gestimmt,  denn ich befürchte wir stecken irgendwie fest in dieser schulmeisterlichen Attitüde. Ich würde es so cool finden, wenn wir es  endlich zu schätzen wüssten, dass uns dank des Internets ermöglicht wird, unsere Werke selbst für sich sprechen zu lassen. Wenn sich Leser endlich trauen würden, eine eigene Meinung zu entwickeln und diese auch zu äussern. Wenn Kunst barierrefrei einfach wirken kann. Ohne Zensur und einer Interpretationshilfe. Ob das ein deutsches Problem ist? Ich weiß es nicht. Vermute es aber, weil es in anderen Ländern leichter ist, sich zu vernetzen, einfach ungefiltert eine Meinung zu hören, Finanzierungsmöglichkeiten wie Patreon oder Crowdfunding zu nutzen. Mut zur Eigenverantwortung. Mut zum Anecken. Mut zum auf die Schnauze fallen, zum Fehler machen.

Die Anderen, die Bekannten und Veröffentlichten, die machen nämlich auch Fehler. Nur nehmen wir sie nicht wahr. So wie im wunderbaren Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen“.

Und deshalb mache ich keine Unterschiede. Ob bekannt oder nicht, veröffentlicht oder abgelehnt, ich schaue genau hin, lasse mich überzeugen und kritisiere gleichermaßen. Und ich hoffe, dass sich noch Andere finden, die dem Kaiser sagen, dass er nackt ist.

Was ich so mache….Juni 2017

Was ich so mache….Juni 2017

Tja…ich würde gern schreiben, dass ich seit Mai ganz weit gekommen bin, viel erreicht habe und nun endlich mein Buch komplett mit Klappentext erhältlich ist.

Leider ist dem nicht so. Das Buch sollte innerhalb von 14 Tagen fertig sein-ist es aber nicht und ich warte… Positiv habe ich allerdings den Entstehungsprozess erlebt, die Zusammenarbeit, das Interesse am Buch.

Dann haben mich die Gießener Buchhandlungen positiv überrascht: Die J. Ricker´sche Universitäts-Buchhandlung will „Filme fahren“ ins Sortiment aufnehmen und ist generell gern dazu bereit, Gießener AutorInnen zu unterstützen. Das finde ich toll! Auch weil ich diese kleine feine Buchhandlung neben dem Dachcafé sehr gern mag. Auch die „Up to Date Fachbuchhandlung“  in der Liebigstraße war bereit dazu, mein Buch mal zu lesen. und wenn es gefällt, wird es empfohlen. Drückt mir die Daumen…Ich finde es gut, dass es langsam eine offenere Haltung gegenüber den „Indie-Autoren“ entsteht. Und ich finde es gut, dass wir uns gegenseitig unterstützen können: Support your local Bookshop, Support your local Writers!

Aber wenn ich einen Satz nicht mehr hören kann, dann diesen: Machen sie die Lesung im Herbst. Im Sommer will niemand eine Lesung hören. Da sind doch alle im Freibad …

Ah ja-auch am Abend?

Na ja, lesen ist halt was Gemütliches. Am besten im Sessel mit einem schönen Becher Kakao, während der Regen an die Scheiben prasselt….

AArgh….Ich mach auch gern ne Open-Air-Lesung. Wenn es sein muss, im Freibad. Ihr könnt gerne währenddessen trinken und rauchen. Ich bitte sogar darum!

Nein, im Ernst: Meine Traumlesung findet in einer Kneipe, einem Café, oder der Buchhandlung statt, die das Buch auch verkauft. Bin schon gespannt….

Zum Üben habe ich einige Onlinevideos erstellt. Ich finde das allerdings nicht so toll, weil die Atmosphäre fehlt und ich irgendwie ganz anders rede als normalerweise und auch viel länger brauche….

Ich hatte ziemlich viel mit Zweifeln zu kämpfen. Weil mir mein Buch immer noch nicht wirklich gefällt, weil ich unzufrieden bin. Na ja..vielleicht wäre diese Zufriedenheit ja der Anfang vom Ende. Weil ich dann keine Motivation hätte, die mich dazu zwingt, es besser zu machen.

Neue Bücher

Mein Lieblingsritual im Juni: Morgens früh aufstehen, ein paar Schritte zum Café de Paris um die Ecke gehen und dort unter den Bäumen mit Blick auf die Wieseck schreiben. Alltagssorgen, Pflichten-all das verschwindet. Ich bin dann in einer anderen Welt, der Schreibwelt. Und die anderen, ebenfalls kreativ tätigen Menschen um mich herum, tragen zu dieser besonderen Atmosphäre bei. Doch die Zweifel standen mir auch bei meinen neuen Projekten im Weg. Diese Stimmen, die immer wieder riefen: Du kannst nichts! Lass es! ich versuchte, sie zu ignorieren und einfach weiterzumachen. Oft ist es auch so, dass ich erst einmal eine Vision für meine Geschichte brauche, ein ganz bestimmtes Gefühl. Als ich das begriffen hatte, ging es besser. Denn da war wieder etwas, eine Geschichte, die schon fertig, auf mich wartete. Vorwiegend habe ich mich dem dritten Filme fahren-Teil gewidmet. Weil diese Vision am besten zu erkennen war. Diesmal schreibe ich ganz anders. Es ist eher ein Komponieren: Verschiedene Geschichten, die dann zusammengesetzt werden müssen. Die Titel für beide Bücher stehen jedenfalls schon mal fest: Teil 2: Übertragung, Teil 3: Disclosure

Und dann immer wieder der Gedanke: Was, wenn du es nicht schaffst? Manchmal kommen dann andere Gedanken, einfach die Freude am Tun, der „Flow“, wenn ich mitten drin in der Geschichte bin und einfach Spaß daran habe.

Artikel

Ich dachte mir, ich erzähle euch mal, wie meine Artikel entstehen. es ist ein komisches Gefühl, wenn man dann 80 Zeilen sieht, die so wirken, wie mal eben in drei Minuten aufgeschrieben. Und dann das fast vollgekritzelte Notizbuch, die unzähligen Skizzen, die dreiseitige Abhandlung, die auf 80 Zeilen gekürzt wurde….:-)) So gerade geschehen, bei meinem Artikel über die Seriale, das Gießener Webserienfestival.

Ich bin eben kompliziert-aber anders geht es nicht.

  1. Die Vision, die Story

Wie bei einem Roman, muss ich auch hier erstmal ein Gefühl für mein Thema entwickeln. Ich muss mich in die Leute hineinversetzen, über die ich schreibe. Die Stimmung erfassen. Und dann eine Story entwickeln. Etwas finden, von dem dieser Artikel handelt. Nicht einfach nur vom vorgegebenen Thema: Es muss etwas sein, das ich darin sehe und wichtig finde. Bei Interviews ist es deshalb wichtig, manchmal komische Fragen zu stellen-denn nur dann, wenn retwas Unvorhergesehenes passiert, offenbaren die Interviewpartner das, was für die Story wichtig ist. Um sich in die Atmosphäre hineinzuversetzen, ist es wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen, zu recherchieren. Manchmal gehe ich einfach nach meinem Instinkt und versuche, mir nicht zu viele Gedanken zu machen, bevor ich die Leute treffe.

 

2. das Gerüst

Dann mache ich mir einen Plan, ein Gerüst: Was kommt an den Anfang,, was in die Mitte, was zum Schluss? Wie bei einer Geschichte eben.

3. Einfach drauflos…

Dann kommt das absichtslose Schreiben: Einfach drauflos, ohne Gedanken und Satzzeichen. Mit dem Mut zum absolut schlechtesten Artikel der Welt.

4. Korrigieren

Das dauert am Längsten. Ich versuche, den Text in mein Gerüst zu zwängen, ihn lesbar zu machen.

5. Abstand

Dann gehe ich mal  kurz woanders hin, checke Facebook, oder rede mit jemandem-Hauptsache, ich bekomme Abstand zum Text. Dann lese ich ihn und stelle mir dabei vor, es wäre nicht mein Artikel.

6. Das Kürzen

Ich hasse es. Wirklich. Sehr. Ich bekomme ja Vorgaben von der Redaktion. Viele Menschen glauben , ich sei die Redakteurin und würde alles selbst entscheiden….Guter Witz. Die Redakteure entscheiden darüber, wie der Text dann in der Zeitung steht. Manchmal verbessern sie einige Kleinigkeiten, manchmal jedoch, wird der Artikel durch die vielen Kürzungen einfach nur furchtbar. Oder sinnentleert. Es muss halt sein.

7. Er ist da! Yeah!

Ein wunderbares Gefühl, dann endlich das fertige Produkt in der Zeitung zu sehen….

Zeit für ein neues Notizbuch und ganz viel Schlaaf….

Und sonst so?

Musik zum schreiben

Im Sommer höre ich immer Hindi Zahra. Sie hat etwas träges, Megaentspanntes in ihrer Stimme. Und diese Musik! Orientalisch, jazzig, verträumt und doch präzise. Irgendwie folkig und sehr eigen. Marokko, Billie Holiday und Paris.

Und im Gegensatz dazu: The Dresden Dolls. Ich liebe Amanda Palmers Stimme.

Und natürlich immer und immer wieder: Blondie!

Ich lese gerade: Faust von Goethe. Immer wieder gut…

Ich mache gerade: Nicht viel. Ich bin ein langweiliger Mensch. Gib mir ein Buch, einen Film, eine Zeitung, Musik, Kunst, einen Laptop, Kaffee und Pizza. Dann bin ich glücklich.

In diesem Sinne: Ich wünsche euch einen schönen Juli. Wir sehen uns im Freibad.

 

Das seltsame Verhalten der Menschen seit Facebook :-) ;-) ,-(

Das seltsame Verhalten der Menschen seit Facebook :-) ;-) ,-(

Es gab einmal eine Zeit, da schrieb man sich noch Briefe. Man besaß Telefone mit Wählscheibe. Wenn jemand anrief, hob ich ab. Wenn ein Brief kam, beantwortete ich den. Zu dieser Zeit hätte ich nie gedacht, dass ich mein Buch einmal selbst veröffentlichen würde. Ich bastelte stundenlang am perfekten Exposé. Und es war schon ziemlich entmutigend, dass ein Anschreiben darüber entschied, ob mein Buch überhaupt gelesen wurde.  Jetzt ist alles anders. Manches besser, vieles schlechter. Ich kann mein Buch jetzt selbst veröffentlichen-I like. Ich kann schnell mit vielen Leuten in Kontakt treten-Like.  Ich muss nicht zwei Wochen auf einen Brief warten und brauche auch kein Briefpapier-Like, Smiley.  Doch die neue Art der Kommunikation verändert uns. In einer Art und Weise, die mir Angst macht.

Manchmal stelle ich mir Facebook wie eine Bar vor. Das ist hilfreich dabei, mir vorzustellen, was das eigentlich ist, dieser riesige virtuelle Raum, der Menschen zusammenbringt, ohne dass tatsächlich eine echte Begegnung stattfinden  muss.

Eingeladen hatte mich damals ein Freund, der weggezogen war, wie all meine Freunde. Wir erhofften uns mehr Kontakt. Als ich fragte, wie der Urlaub war und als Antwort las: Guck dir unsere Bilder an, dann weißt du es, begriff ich, dass Facebook uns die Illusion des Kontaktes ermöglichte: Wir tun so, aber eigentlich sind wir viel zu erschöpft. Also tun wir so als wären wir Promis, deren Bilder kann man sich ja auch in der Gala ansehen. Und weiß dann wie der Urlaub war.

Es ist trotzdem schön in der Facebook-Kneipe. Man trifft viele interessante Menschen. Es gibt Konzerte, Lesungen, Ausstellungen. Am Elternstammtisch werden die süßesten Babyfotos herumgezeigt. Viele Menschen reden über Essen. Und grüne Smoothies.  Das ist sehr langweilig. Am Politiktisch ist am meisten los: Es wird gestritten und diskutiert, beleidigt. Oft reicht man sich nur stumm Zeitungsartikel weiter und nickt sich zustimmend zu: I like. Wenn das Thema nicht mehr interessiert, geht man einfach. Niemand wird das bemerken. Am Schriftsteller-Tisch sind alle frustriert. Man streitet oder gibt mit (erfundenen) Erfolgen an. Bad Vibes. Also weiter in die dunkle Ecke, zu meinen Freunden. Sie sitzen an kleinen Tischen mit Kerzen und blicken etwas ängstlich und verächtlich auf die Selbstdarsteller. Sie sind nur hier, weil man „heutzutage“ eben hier sein muss. Die ganze Welt ist hier. Draußen sind nur die ewig Gestrigen. Wir führen unsere privaten Gespräche, privat treffen will sich niemand mehr. Die Facebook-Kneipe ist zu Fuß zu erreichen. Da kann man immer hin. Auch ohne Zug und Auto.

Gespräche laufen oft so ab: Ich sage etwas und sie sehen mich an. Regungslos. Alles OK? frage ich. Mach doch nicht solchen Druck, sagen sie. Ich habe gerade keine Lust dir zu antworten. Vielleicht bekomme ich in zwei Wochen Lust.  Und sie  zeigen mir wortlos Fotoalben. Lade ich sie ein, sagen sie zu. Sie kommen aber nie. Oft sagen sie: Vielleicht komm ich. Wenn nichts Besseres kommt. Die Einladung eines Promis. Erfahren werde ich das in der nächsten Gala.

In der Facebook-Kneipe gibt es so viele Optionen. Man schaut, worauf man gerade Lust hat. Und macht das dann. Wie in einem Supermarkt. Auch außerhalb der Bar versucht man das: Das Leben ist ein bunter Supermarkt. Ich nehme mir das, was am buntesten aussieht: Menschen, Erlebnisse. Und wenn es mir nicht mehr gefällt, schmeiß ich es weg. Du stellst mir eine Frage. Ich starre dich wortlos an und mache dir dann ein Kompliment für deinen Auftritt. Ich buche einen Kurs. Ich buche viele Kurse. Dann nehme ich den, der mir am besten gefällt. Kurz vorher sage ich ab. Die Kursleiter bleiben auf den Kosten in einem leeren Raum sitzen. Was soll das? fragen sie. Ich antworte nicht, weil das keinen Spaß macht. Nicht bunt genug. Aber ich mag dein Profilfoto, sage ich. Das ist bunt. Ich buche nicht ein Hotel. Ich buche viele Hotels. Und nehme das Schönste. Den Anderen sag ich nicht ab. Wenn sie nachfragen? Genau. Wortlos anstarren. Ich stelle viele Leute ein. Und nehme die Buntesten. Die Anderen lösche ich. I like.  Mir gefällt nicht Einer, mir gefallen Viele. Ich nehm sie alle. Ich bin so in Love. Jetzt nicht mehr. Weinender Smiley. Ich will heiraten. Big Love. Herzchen. I like. Streit. Iihh. Ein Mensch. Big Love is over. Nach zwei Tagen. Ja, sowas gibt es. Wie alt ich bin? 53. Aber da kommt sicher noch ne bessere Option. I like.

Seid ihr alle verrückt geworden? Wie soll diese Welt so funktionieren? Ich will nicht mehr reden, weil es mir zuviel ist, mich immer wieder auf neue Themen einzustellen. Die Alten werden nie beendet. Die Korrespondenz frisst die Zeit, die ich eigentlich für meinen Beruf brauche, erzählt mir eine Freundin, die selbstständig ist. Sogar vereinbarte Termine, die verbindlich sind, werden nicht wahrgenommen. Ohne Erklärung. Die Folgen? Sie verdient weniger. Weinender Smiley.

Haben wir uns zu schnell auf zu viel Kommunikation eingelassen? Eine Kommunikation, die nichts mit Aufmerksamkeit, sondern Selbstdarstellung zu tun hat, die Bewertung braucht. Abwertung oder Aufwertung, statt Dialog. Facebook ist somit weit entfernt von einer Community. Eher gleicht die digitale Kneipe einem riesigen Selbstdarstellungs-Supermarkt. Gerade weil wir hauptsächlich über soziale Netzwerke kommunizieren, haben wir das Gespräch verlernt. Jeder echte Austausch wird uns zuviel. Dabei erliegen wir allerdings einem fatalen Irrtum: Nicht der vermeintlich bequemere Weg der Like-Beziehung ist entspannend. Ganz unbewusst, im Feierabend-Halbschlaf, liken wir das Leben der Anderen. Und werden damit zur wertenden Jury oder stehen der Jury abwartend gegenüber.

Viele haben der digitalen Welt entsagt, ziehen sich vollkommen von Facebook und Co zurück. Doch damit beschwören wir eine Welt, die es längst nicht mehr gibt. Wir sollten uns Zeit nehmen und den Umgang mit den neuen Medien lernen. Sie für uns nutzen, statt von ihnen benutzt zu werden. Sie nicht zum Mittelpunkt machen sondern zu einer Option, nicht unsere Mitmenschen. Und ein echtes Gespräch der Bewertung vorziehen. I like.