Timing is everything

Es gibt einen Phänomen, das mir in letzter Zeit verstärkt auffällt: Wenn etwas erfolgreich und bekannt ist, bleibt Kritik fast aus und wird wenn überhaupt, nur sehr verhalten geäussert.  Inhalte spielen dabei keine Rolle. Oder nur eine sehr Kleine. Ich habe mal sehr aufmerksam beobachtet, wie das Menschen um mich herum so machen. Ob sie lautstark die kleine Indie-Band verteidigen, die niemand kennt, ob sie unbekannte Bücher loben oder Serien und Filme unbekannter Filmemacher. Das Ergebnis ist niederschmetternd und eindeutig: Indie und unbekannt? Gerne, wenn es eben doch eine kleine Bekanntheit gibt, wenn es irgendwie „cool“ ist, diese Band, dieses Buch oder diesen Film zu mögen. Aber irgendwie scheint es niemandem möglich zu sein, ein eigenes Urteil zu fällen, eine eigene Meinung zu Musik, Buch oder Film zu entwickeln. Der Stoff genügt nicht. Experten sind nötig. Ich frage mich, ob nicht doch, insgeheim eine Meinung feststeht, die dann schnell geändert oder verschwiegen wird sobald es eine allgemeine Haltung dazu gibt. Sobald die „Experten“ gesprochen haben.

Ich muss dann immer an eine Reise zur Leipziger Buchmesse vor vielen Jahren, Ende der 1990er,  denken. ich war unterwegs mit Bekannten, die  sich für cool und hip und alternativ hielten. Wir sprachen über dieses Thema, weil wir ziemlich viele kleine Verlage und tolle Bücher unbekannter Autoren entdeckt hatten. „Wir bauchen einen Führer“ sagten diese Leute tatsächlich. So ganz ohne Ironie. „Sowohl politisch als auch kulturell irgendwie. Oder eine Gruppe von Menschen, die uns sagt, was cool ist, was Qualität hat. “ Denn selbst einfach so herauszuplatzen mit der eigenen Meinung, so ganz ungefiltert-das sei halt so, wie nackt auf die Straße gehen. Macht man nicht. Es sei denn, man ist „Jemand“.

Mein Vater sagte mir mal, dass er den Sinn des Bloggens nicht verstehe. „Warum sollte sich denn irgendjemand für meine Meinung interessieren?“ Denn eine Meinung sei doch nur interessant, wenn da ein Titel, ein Bekanntheitsgrad, eben so ein ominöses Expertentum vorhanden wäre.

Und so geht es dann weiter: Warum soll ich mir denn das Konzert einer unbekannten Band, die Lesung eines unbekannten Schriftstellers, eine unbekannte Serie ansehen? Fehler werden dann wie unter einem Vergrößerungsglas wahrgenommen. Fehler, die sonst ignoriert werden oder die sogar als sympathisch wahrgenommen werden. Nicht etwa unprofessionell.

In den letzten Wochen habe ich auch deshalb soviel über dieses Thema nachgedacht, weil es auf ganz unterschiedliche Art und Weise darum ging.

Da war einmal die Diskussion über die arte-Doku „Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa“von Joachim Schroeder und Sophie Hafner.   Sicher habt ihr das mitbekommen. Interessant fand ich die Kritik, diesen Kritikersturm, der nach dem Bild-Leak  losging. Die Doku wurde abgelehnt, die Gründe waren bekannt: Nicht ausgewogen, sei der Film. Nicht ergebnisoffen. Man hätte sich nicht an den eigentlichen Auftrag gehalten, es sei zu viel um den nahen Osten gegangen. Trotzdem glaubten die Kritiker, die wahren Gründe lägen woanders- nämlich bei der mangelnden Qualität. Man entdeckte Fehler über Fehler, sogar propagandistisch sei das Material. Also vollkommen verständlich , diese Ablehnung. Fehler, die sie , davon bin ich überzeugt, so nicht wahrgenommen hätten, wenn die Doku ganz normal  im arte-Programm gelaufen  wäre. Wenn es nicht diese öffentliche Diskussion gegeben hätte.

Denn wenn etwas abgelehnt wird, dann weil der Schüler nicht das gemacht hat, was ihm der Lehrer aufgetragen hat. Die wahren Gründe interessierten plötzlich nicht mehr. Das ist umso ärgerlicher, weil so die wichtige Aufklärungsarbeit der Filmemacher in den Hintergrund geriet.  Das Publikum sollte nicht Jury spielen. Natürlich kann und soll Kritik nicht fehlen. Doch mit handwerklichen Mängeln die Nichtausstrahlung des Films zu erklären, führt an der Wahrheit vorbei und  zu einer Menge Pseudodiskussionen, Pseudoaufregung. Den Gipfel der Absurdität wird heute abend erreicht, wenn der Film bei Maischberger diskutiert wird. Die Filmemacher wurden selbstverständlich nicht eingeladen. Ihre handwerklichen Mängel werden nun diskutiert, nicht etwa das Thema des Films: Der Hass auf Juden in Europa. Das vielleicht auch. Ein bisschen.   Dabei täte Deutschland eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema so gut. Im Film werden Zusammenhänge erklärt, die sicher nicht vielen Menschen  bekannt sind, Zusammenhänge, mit denen man sich nicht gern auseinandersetzt. Oft  ist es gerade dieses Halbwissen, das zu antisemitischen Aussagen und Meinungen führt. Es ist eine gewisse Art von Trägheit, gepaart mit Besserwissertum: Es interessiert mich nicht, ich möchte aber eine Meinung dazu äußern. Egal welche. Hauptsache, eine Meinung.

Die Dokumenation setzt genau da an, wo es wehtut. Es geht um Information, um historische Bildung. Danach-nach einer Auseinandersetzung mit den Themen des Films, kann man kritisieren.  Die handwerklichen  Mängel werden  normalerweise bei der Bearbeitung behoben.  Eine Bearbeitung fand nie statt, der Film wurde abgelehnt. Warum reden wir nicht über die wahren Gründe?

In diese Zeit fiel auch das Gießener Webserienfestival „die Seriale.“ Eine Filmemacherin aus New York sagte dort  etwas, das mir zu denken gab: Sinngemäß war das in etwa Folgendes:  Alle sagen Breaking Bad ist eine soo tolle Serie. Diese Idee-ein Mittelklassetyp wird durch einen Schicksalsschlag drogensüchtig-so originell. Und deshalb, wegen dieser tollen Idee, weil sie alle so gut sind-die Autoren, Produzenten, Regisseure, Schauspieler, gibt es diese Serie. Deshalb wurde sie ausgestrahlt und fand ein so zahlreiches Publikum. Blödsinn sagte sie. Glauben sie denn wirklich, dass vorher noch niemand auf diese Idee gekommen ist? Diese Idee gab es schon sehr ,sehr oft. Wunderbare Serien und Filmkonzepte, die niemals jemand zu Gesicht bekommen hat. Der einzige Grund warum Breaking Bad sichtbar ist und diese anderen Serien nicht, ist Timing. Glück, Zufall, zur richtigen Zeit,  mit dem richtigen Pitch am richtigen Ort,  bei den richtigen Leuten sein. Das ist es. Nicht die Qualität.

Oh, ich hätte mir gewünscht das hätten noch viel mehr Menschen gehört.

Als ich mich dazu entschieden hatte, mein Buch selbst zu veröffentlichen, auch jetzt noch, gingen und gehen alle davon aus, dass ich das Buch bereits bei diversen Verlagen eingereicht ,viele  Ablehnungen kassiert habe und nun ganz verzweifelt den letzten Ausweg wähle. Dass ich nichts kann, steht von vornherein fest. Denn ohne einen Segen „versierter Fachleute“ ist es eben Schrott, den wir Selfpublisher  da abliefern. Das muss man sich nicht angucken. Das weiß man. „Webserien? So nen Trash guckst du dir an?“ wurde ich gefragt, als ich 2015 über die erste Seriale schreiben wollte. Mittlerweile ist das anders. Eine von ARD und ZDF produzierte Serie gewann die diesjährige Seriale.

Und was, wenn nicht? Wenn diese Serie nur  auf Youtube gelaufen wäre? Wenn nur Unbekannte mitgewirkt hätten?  Wäre sie deshalb auf einmal schlecht und „unprofessionell“?

Ich bin gerade etwas negativ gestimmt,  denn ich befürchte wir stecken irgendwie fest in dieser schulmeisterlichen Attitüde. Ich würde es so cool finden, wenn wir es  endlich zu schätzen wüssten, dass uns dank des Internets ermöglicht wird, unsere Werke selbst für sich sprechen zu lassen. Wenn sich Leser endlich trauen würden, eine eigene Meinung zu entwickeln und diese auch zu äussern. Wenn Kunst barierrefrei einfach wirken kann. Ohne Zensur und einer Interpretationshilfe. Ob das ein deutsches Problem ist? Ich weiß es nicht. Vermute es aber, weil es in anderen Ländern leichter ist, sich zu vernetzen, einfach ungefiltert eine Meinung zu hören, Finanzierungsmöglichkeiten wie Patreon oder Crowdfunding zu nutzen. Mut zur Eigenverantwortung. Mut zum Anecken. Mut zum auf die Schnauze fallen, zum Fehler machen.

Die Anderen, die Bekannten und Veröffentlichten, die machen nämlich auch Fehler. Nur nehmen wir sie nicht wahr. So wie im wunderbaren Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen“.

Und deshalb mache ich keine Unterschiede. Ob bekannt oder nicht, veröffentlicht oder abgelehnt, ich schaue genau hin, lasse mich überzeugen und kritisiere gleichermaßen. Und ich hoffe, dass sich noch Andere finden, die dem Kaiser sagen, dass er nackt ist.

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