Was ich so mache…Juli 2017

Was ich so mache…Juli 2017

Kann man eigentlich auch einen Newsletter schreiben wenn gar nichts passiert?

Also, so gar nichts.

Ich habe den Juli mit einer fiesen Sommergrippe verbracht. Trotzdem habe ich mir gedacht, ein monatliches Update ist wichtig. Ich möchte gern, dass ihr regelmäßig etwas von mir lesen könnt. Und mir ist aufgefallen, dass auch in diesen unproduktiven Zeiten eine Menge passiert. Schriftsteller und Künstler reden nicht viel darüber. Sie posten Neuigkeiten. Informationen. Der Weg zum fertigen Produkt, die anstrengenden, nervigen, holprigen Wege lässt man aus. Schade, eigentlich.

Teil 1: Lesen!

Also, fangen wir mal an: Der Juni endete mit einer schönen, spontanen Aktion, die ich jedem Autorenkollegen und Kollegin nur empfehlen kann: Ein spontaner Auftritt bei einer Open Stage. Wie  kam es dazu? Ich hatte eine seltsame Bühnenphobie entwickelt und dazu noch eine Menge Selbstzweifel. Warum? Weil ich kein Echo bekam. Mein Buch ist noch nicht wirklich veröffentlicht-ein E-Book ist für die meisten Menschen kein richtiges Buch. Ja, Reaktionen und Einschätzungen bekam ich. Doch nur von sehr wenigen Menschen. Ich entschied mich also für eine Druckausgabe. Dazu mehr im zweiten Teil. Ich war mir nicht mehr sicher, ob mein Buch wirklich einem Publikum zugemutet werden sollte. Einen spontanen Auftritt kann man nicht lange vorbereiten. Das war der Grund, warum ich mich dafür entschied. Da muss man eben ganz unperfekt auf eine Bühne-egal was vorher war. Ob man gerade gestresst ist, scheiße aussieht, keine Lust hat, nicht vorbereitet ist-egal. Einfach los. Und so war es dann auch. Ich wusste nicht, was ich sagen soll. War nicht vorbereitet. Und es lief. Sehr gut sogar. Tolles Publikum, tolle Stimmung. Und die Erkenntnis: Das Buch sollte unbedingt einem Publikum zugemutet werden.

Teil 2: Das Buch

Kommen wir nun zum weniger erfreulichen Teil: Mein Buch kann zwar überall als Taschenbuch gekauft werden. Doch leider ohne Klappentext. Der wurde schlicht und ergreifend einfach vergessen. Das kann passieren, wenn man Aufgaben delegiert, die einem selbst nicht so liegen. Ich finde es trotzdem wichtig, weil ich mit Grafik und Technik  restlos überfordert bin.  Als wir den Fehler bemerkten, war das Buch schon auf dem Markt. Meine Grafikdesigner-Helferin war verreist und so half mir der Künstler, der auch für das Cover von „Filme fahren“ verantwortlich ist: Raziel. (Ticc Gallery) Er steuerte auch einen schönen Untertitel bei: Eine Urbane Reise zur eigenen Identität.  Da hatten wir nun einen schicken Klappentext auf einem schönen Cover-doch  die alten  Exemplare müssen nun noch irgendwie abverkauft werden, bevor das neue Buch verkauft werden kann. Ich versuche das gerade noch irgendwie zu retten. Ab August könnt ihr das Buch in der richtigen Version mit Klappentext bei mir kaufen. Schreibt mich einfach an: u.melzer@live.de. Dann bekommt ihr das Buch, bezahlt direkt bei mir. Auch eine E-Book-Variante für den schmalen Geldbeutel möchte ich neu herausbringen. Mehr dazu im August-Newsletter.

Teil 3: Nervkram

Ich habe den Juli mit dem Schreiben eines Artikels verbracht, der mir sehr wichtig war. Dafür habe ich alles andere-mein Buch, neue Bücher, Aufträge-hinten angestellt. Ich dachte, dass es vielleicht einige Änderungswünsche geben würde. Leider wurde der Artikel aber  abgelehnt. Ein Teil zumindest. Ich kann ihn noch ändern und habe so zumindest die Möglichkeit, dass all die Arbeit nicht umsonst war. Der andere Teil wurde nicht kritisiert. Er wird nicht erwähnt, nicht gedruckt. Einfach Schweigen. Was genau stört, was das Problem ist, weiß ich nicht so genau. Ich kann also nicht weitermachen und weiß nicht einmal, warum das so ist. So etwas passiert oft. Richtig schlimm ist es, wenn es dabei nicht nur um einen Text sondern einen Film, ein Buch oder einen Auftrag geht, von dem die nächste Miete abhängt. Ich kann nicht verstehen, warum man Menschen so in der Luft hängen lässt, die sich viel Arbeit gemacht haben. Wenn ein Auftrag nicht so ausgeführt wurde wie erwartet, ist die Sache klar. Dann muss man eben nochmal ran. Ärgerlich ist es , wenn nicht mal klar artikuliert wird, was eigentlich so störend ist.

Aber-es ist Sommer. Und ich liebe es, auf der Parkbank zu schreiben, denn da kommen mir immer die besten Ideen für meine neuen Bücher. Lesungen, Kunst, Eis, Wald, Bücher, Musik-der Sommer ist für mich immer eine Inspirationsjahreszeit….

Positiv an einer Sommergrippe ist, das man mal richtig Zeit zum Lesen hat. Und wenn man die mit einem Businessratgeber verbringt, ist das sogar richtig produktiv. Ich entdeckte dieses Buch ganz zufällig: Business für Bohemiens von Tom Hodginson. Ich kann dieses Buch nur empfehlen. Weil es für die Menschen geschrieben wurde, die mit Business eigentlich gar nichts anfangen können. Ich mag seine klare, sympathische Ausdrucksweise, die Ehrlichkeit. Das Buch motiviert mich, obwohl es weit entfernt vom Positive-Thinking-Quatsch ist, den sich AutorInnen oft reinziehen. Ich werde dazu einen extra Blogbeitrag schreiben.

Wie Patti Smith, nutze auch ich Erkältungen zum Gedichteschreiben. Hier könnt ihr sie nachlesen: https://www.facebook.com/Worte-Bilder-Gedanken-277302995790286/

und hier: Wortsucher.com/

Ich ordne gerade meine gedichte,  weil ich sie gern als Bücher herausbringen möchte. Dazu ein paar Worte: Mein erster Gedichtband „Morgendämmerung“ wurde im zarten Alter von 15 verfasst. Sie wurden beim Ausgehen in Bars geschrieben  und sind ähnlich romantisch-melancholisch und von Drama und Weltschmerz geprägt, wie die Alben von Lana del Rey. 😉 Und ähnlich nervig.

Ich habe sie passenderweise in Bars und Kneipen vorgelesen, mit musikalischer-natürlich melancholischer Begleitung.

Danach kam „Großstadtparanoia“. Urbanität, Transkultur, der Mensch und die Stadt, als Individuum und Teil einer Stadt, individuelle Einblicke in fremde Fenster anonymer Großstadtbewohner: All das waren Themen, die ich gemeinsam mit Künstlern zu einer Mischung aus Lesung und Ausstellung machte.

Danach kam „der goldene Turm“: Politik, Liebe, Religion: Das sind die goldenen Türme, in denen sich einer verirrt, der Andere will ihn retten. Ist gerade fertiggeworden.

Und im Moment arbeite ich an „Burning Bridges“. Es geht um Verbindungen-zwischen Menschen, Dingen, Zeiten.

Mehr dazu im August…..

So, ich trinke jetzt noch einen Tee, hoffe auf besseres Wetter und schnelle Genesung. Denn im August möchte ich wieder mit guten Neuigkeiten für  euch da sein. Wem das alles zu lange dauert, kann mein Buch ohne Klappentext bei Amazon, Hugendubel und Thalia bestellen.

liebe Grüße und bis ganz bald!

eure Rika

 

 

 

 

 

Kritik

Das ist ein Thema, welches AutorInnen immer wieder begegnet. Ein Thema, das sie nicht nur am Anfang sondern durchgängig beschäftigen wird.

Es gibt kein Thema, das so angstbesetzt ist und immer wieder falsch verstanden wird. Deshalb möchte ich euch allen , die ihr mit dem Schreiben angefangen habt, einige Erfahrungen mitgeben, die ich gemacht habe und die mir gezeigt haben, dass Kritik eigentlich nie das ist, was wir darunter verstehen.

Ich habe so oft erlebt, dass diese  riesige Angst vor der Kritik junge AutorInnen und eigentlich jeden kreativen Menschen so sehr gelähmt hat, dass sie einfach aufgehört haben. Bevor irgendjemand ihnen das sagt. So im Dieter-Bohlen-Stil. Denn so ähnlich treten „Kritiker“ oft auf. Ich denke: Das sind keine Kritiker. Es gibt echte Kritik und falsche. Dabei möchte ich gar nicht mal von destruktiver und konstruktiver Kritik reden. Ich denke, es ist oft viel einfacher und brutaler: Menschen spielen oft und gern Machtspielchen miteinander. Und sobald ihnen die Gelegenheit dazu gegeben wird, ist es vorbei mit Fairness. Dann geht es nur darum, stärker zu sein, Macht zu demonstrieren. Nur wenige Menschen setzen sich ernsthaft mit eurer Arbeit auseinander, nur Wenige sagen einfach ungefiltert ihre Meinung. Doch genau das braucht es, um wirklich zu kritisieren: Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit. Jeder Depp kann eine Amazon-Rezi verfassen oder bei Facebook rumpöbeln. Das hat nur mit Kritik nichts zu tun. AutorInnen, die eine berechtigte Angst vor diesen „Kritikern“ haben, glauben oft, sie seien zu dünnhäutig und damit nicht geeignet, auch mal „Kritik abzukönnen.“ Das ist schade. Denn sie haben leider noch nie echte Kritik erfahren, die für uns so wichtig ist, dass wir nicht darauf verzichten können. Zeit für eine Differenzierung.

Um mein eigenes Verhältnis zu Kritik zu beschreiben, muss ich ganz weit zurück gehen, in meine Jugend. Kritik war in meiner Fantasie eine strenge, ältere Dame mit einem langen, schwarzen Kleid, einem grauen Dutt, Zornesfalten um den dünnen Mund. Vor dieser strengen Madame Kritik hatte ich panische Angst. Sie war der Rotstift in meinen Aufsätzen, die ich für die nächsten Bestseller hielt. Sie war allerdings eher etwas, das ich noch gar nicht kannte. Von dem ich aber schon viel Furchtbares gehört hatte. Das kennt ihr sicher auch: Sobald man erzählt, dass man gerade etwas geschrieben hat, kommen dann folgende Kommentare: Schriftsteller ist ein harter Beruf. Da musst du stark sein und viel Kritik aushalten. Ich hab meinen Text bei Verlag Blabliblubb eingereicht und bekam ein hartes Urteil. Das war aber auch gut, irgendwie. Ich weiß jetzt, wo meine Schwachstellen liegen und kann an mir arbeiten. Und Prof. Blah Blah von Rhabarber hat gesagt, dass ich gar nicht schreiben kann und lieber Klofrau werden soll. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Der Mann weiß ja, wovon er spricht. Wenn er dir das sagt, musst du ebenfalls aufhören. Aber keine Angst! Dem musst du dich stellen! Nur die Harten kommen in dieser „Branche“ weiter….

Ich habe es also tunlichst vermieden, mich der Kritik zu stellen. Ich war ängstlich und stolz darauf. Denn so konnte ich einfach weiterschreiben und musste mir nicht von Anderen sagen, was ich tun sollte. Später wurde ich dann neugierig, wollte weiterkomen und mal wissen, wie das so ist, wenn man kritisiert wird. Ob ich dann auch Zusammenbrüche bekommen würde,wie meine Freunde, wenn sie von ihren Chefs, Lehrern oder Professoren „Runtergemacht“, pardon, kritisiert wurden. Ob ich dann auch mit falschem Lächeln behaupten würde, diese Kritik von Genie soundso hätte mir echt weitergeholfen. Natürlich bin ich schon oft und viel kritisiert worden: Nur war das meist nur absurd (In der DDR für zuviel Fantasie kritisiert zu werden, kam ja schon fast einem Kompliment gleich) oder nachvollziehbar , weil ich sie für alles bekam, was mir eh nicht lag. Ablehnungen von Universitäten und Verlagen waren dann schon eine härtere Nummer-nur nahm ich das nie als Kritik war. Ich wartete immer noch auf Jemanden, der mich kritisieren wollte und das auch vorher ankündigte. Nun ja, der Erste der das tat, war eigentlich kein echter Kritiker. Denn diese Kritik betraf nicht meine Arbeit sondern meine Person. Mein Mitbewohner kritisierte mich, weil ich seine Annäherungsversuche nicht erwiderte. Ich sei zu abwartend. Dass ich einfach nicht interessiert war, kam ihm nicht in den Sinn. Aus heutiger Sicht ist das absolut lächerlich. Doch ich ahnte damals, warum das mit der Kritik so eine heikle Sache ist. Unerwiderte Liebe oder Zuneigung ist immer hart. Das ist verständlich. Doch hier hatte jemand aus seinem persönlichen Schmerz einen Charakterfehler gemacht. Also,  ich sollte diesen Charakterfehler haben. Seine beste Freundin sagte : Du bist ein kleines Mädchen, das auf den Prinzen wartet. Statt das zu sehen, was direkt vor dir liegt.“

In den Augen dieser Menschen war ich also ein schlechter Mensch, weil ich meinen Mitbewohner nicht liebte. Obwohl ich schon damals erkannte, wie absurd das ist, offenbarte sich mir in diesem Moment, was es mit dieser Kritik auf sich hat: Der Grund warum ich die Beiden nicht sofort auslachte war ihre Tarnung als wohlmeinende Kritiker:  Denn so traten sie auf. Als wohlmeinende Wohltäter, die mir eine gutgemeinte Kritik zum inneren Wachstum schenken wollten. Ich sei ja auch nicht schlecht. Nur schwach, passiv, unrealistisch und dadurch rücksichtslos und egozentrisch. So ungefähr beschrieben mir diese  Freunde ihre „Kritiken.“ Und hier haben wir schon das erste Merkmal falscher Kritik:

  1. Es wird persönlich.

Vielleicht ist dein Professor, Lehrer, Chef in seinem Stolz gekränkt, wenn du ihn zurückweist. Vielleicht sind Menschen mit denen du arbeitest sauer auf dich, weil ihr auch privat befreundet seid und du da was gemacht hast, das sie verletzt hat.  Vielleicht hast du am Computer mehr drauf , als deine altmodischen Vorgesetzten. Vielleicht mögen sie dich nicht.  Vielleicht finden sie deine politische Meinung furchtbar. Vielleicht finden sie deine Religion nicht gut. Männer hassen dich, weil du eine Frau bist, Frauen hassen dich, weil du ein Mann bist. Vielleicht sind sie Rassisten. Vielleicht sind sie neidisch, finden dich einfach doof, whatever. Was auch immer die Gründe für eine persönliche Kritik sind: Sie sind ungerechtfertigt. Du erkennst eine persönliche Kritik an cholerischen Ausbrüchen, Geschimpfe, einem überheblichen Tonfall. An übermäßigem Lob am Anfang und übermäßiger Kritik am Ende-für die gleiche Leistung. Übertrieben ist immer ein Alarmzeichen. Wenn die Kritik ungefähr so ist, wie die Reaktion des  Sergeant beim  Army-Beitritt von  Forrest Gump , dann könnt ihr die Sache getrost abhaken.

2. kleine Fehler werden übertrieben herausgestellt

Kleine Fehler sind kleine Fehler und so sollte man sie auch bewerten. Für einen kleinen Fehler bracht man keine seitenlangen Abhandlungen per Mail, keine einstündigen Gespräche. Keine Weiterbildungsseminare. Ihr müsst euch wegen einem falschen Buchstaben, einem Kommafehler oder ähnlichen Vergehen, nicht in die Ecke stellen und schämen. Scham ist übrigens auch ein Gefühl, das ihr bei einer guten -also ehrlichen Kritik-nicht bekommen solltet.

3. Provokationen

Jede/r hat das schon mal erlebt: Der geniale Professor/Dozent/Lehrer, der eben wegen dieser Genialität regelmäßig ausrastet. Seine Kritik ist abkanzeln, fertigmachen-meist mit sich überschlagender Stimme, Gebrüll, Gemeinheiten. Gezielt sucht er nach persönlichen Schwachstellen, um dann mit Freude immer wieder hineinzupiksen. Und das wird dann Kritik genannt. Es sei eine große Ehre, von solch einem Genie kritisiert zu werden. So etwas müssen Leute im Sinn haben, wenn sie gezielt provozieren um das dann als Kritik zu verkaufen.  Die Wahrheit : Wer sich so verhält, ist einfach nur ein Arschloch. Ein großes Kind, das sich nicht im Griff hat und von anderen großen Kindern bewundert wird, die Wutausbrüche für Genie halten.

4. Nette Gemeinheiten

Kennt ihr das? Wenn euch die nette Kollegin/Chefin zu sich ruft um mal was unter vier Augen zu bereden. Das süßliche Lächeln und die Mickey-Mouse-Stimme, die lieb gemeinten Formulierungen: All das soll darüber hinwegtäuschen, dass jetzt was sehr Unangenehmes kommt. Und gerade deshalb-weil man mit Samthandschuhen angefasst und wie ein Baby behandelt wird, fühlt es sich so verdammt demütigend an. Und Demütigung ist keine Kritik

Wie geht es denn nun, das richtige Kritisieren?

Eigentlich ist es ganz einfach. Einem Menschen der Kritik übt, geht es um die Sache. Es ist also eigentlich eine ziemlich nüchterne Angelegenheit. Eigentlich. Denn wer ein Buch kritisiert, betrachtet eine sehr persönliche Sache negativ. Angenehm ist das nie. Deshalb verstehe ich diese Höflichkeitsfloskeln im Zusammenhang mit diesem Thema nicht. Niemand fühlt sich toll nach einer Kritik. Doch langfristig bringt es weiter. Beschämt, wertlos, schlecht-so sollte man sich nicht fühlen nach einer Kritik. Wie erkennt man nun eine echte Kritik?

  1. Der Respekt

Meine erste ernstgemeinte Kritik erlebte ich in einem Kurs für kreatives Schreiben. Ich hatte damals Angst davor, meine AutorenkollegInnen zu kritisieren. Und kam mit meinem Buch nicht voran. Genau das wurde kritisiert.  Ich fühlte mich mies. Aber gleichzeitig fiel mir gar nichts ein, was ich dem Kursleiter hätte vorwerfen können. Keine Gemeinheiten, keine Arroganz und keine Unwahrheiten. Er sah mich schon als Autorin, als einen Menschen, dem Schreiben alles bedeutet. Doch ich sah mich noch nicht so. Nach dieser Kritik war das anders. Denn die Kritik war zwar schonungslos und hart-aber respektvoll. Man kann das mit einem guten Freund vergleichen, der ja auch einfach und direkt sagt, was ihn stört. Eine Freundin von mir  macht das ganz gut: Wenn ihre Freunde zu obsessiv von ihren Liebsten reden, sagt sie immer: „XX geht mir tierisch auf die Nerven. Ich will nicht mehr stundenlang darüber nachdenken, warum sie/er tut, was sie/er tut. Meinst du nicht, langsam schafft er/sie das allein?“ Sie macht das also mit Humor. Alle lachen und ohne Erklärung ist das Problem klar. Warum? Weil unsere Freunde uns mögen. Sie sehen nicht auf uns herab und finden uns toll. Sie wollen uns nicht verletzen. Aus dieser respektvollen Haltung heraus, kann Kritik wirklich etwas bewirken.

2. Spiegelmenschen

Ich finde es immer toll, wenn Kritik ohne Worte geschieht, wenn uns Erlebnisse in eine gesunde Selbstkritik führen.  Wenn dich dein selbstmitleidiger Kollege tierisch nervt. Und du irgendwann erkennst: Scheiße, das bin ja ich! Wenn du auf diesen lächerlichen Möchtegern-Schriftsteller schimpfst und realisierst:  Oh Gott, ich schreibe genauso schlecht….Ich ändere dann sofort mein Verhalten. Nichts ist effektiver. Dazu eine Anekdote: Mit 24 war ich, wie viele BerlinerInnen, dem Akohol sehr zugetan. Ich verehrte Rimbaud und Jim Morrison und hörte mir an einem Sommerabend in U-Bahn mal wieder die Drogeneskapaden des Leiters der oben erwähnten Schreibgruppe an. Wir redeten wie Teenies über diesen Kram. Ich stieg aus, um ein unangenehmes Gespräch mit einem Mann zu führen, der sich an viele Ereignisse seines Lebens nicht erinnern konnte-er hatte ein ähnlich romantisiertes Verhältnis zum Alkohol. „Viel Glück!“ rief mein Lehrer. Ich winkte ihm lächelnd zu und betrat die Bar. Da saß er, der Mann meiner Träume und redete wirres Zeug. Brabbelte vom Vergessen durch zuviel Alkohol. Von vergessenen Träumen und vergessenen Menschen. Und ich sah mich da stehen, 10 Jahre später. Eine von vielen verwirrten Berliner Existenzen, Möchtegern-Schriftstellern und Künstlern, deren einzig revolutionäre Geste im Alkohol-und-Drogenkonsum bestand. Nein, so wollte ich nicht werden. An diesem Abend trank ich ein Ginger Ale, ging wieder zurück in die thüringische Provinz und trank nie wieder einen Tropfen Alkohol. Drogengeschichten nerven mich nur noch. Weil ich dann an diese Ausflüchte denken muss, das eigene Leben nicht zu leben. Sich aus Angst lieber weiterhin der Selbstzerstörung zu widmen, als das eigene Scheitern zu ertragen. Diese Spiegelmenschen sind wichtig. Die Spiegelmomente sind wie Markierungen auf unserem Lebensweg.  Und nur wer sich selbst kritisieren kann, ist auch in der Lage, Kritik von anderen Menschen anzunehmen.

2. das Gefühl

Erwarte nicht, dich nach einer Kritik gut zu fühlen. Das wird nicht passieren. Also lass passiv-aggressive Dankesbekundungen, von der Sorte: „Vielen Dank für deine Meinung!“

Was soll das? Wir sind Menschen, wir haben Gefühle. Das ist normal. Wenn du deinem Kritiker also gern eine reinhauen willst, dann bedank dich nicht wie ein Trottel. Geh einfach. Vertage das Gespräch. Betrink dich und pöbel in einer Bar. Kauf dir einen Sandsack. Schreib böse Songs über ihn. Lästere so richtig über ihn ab. Und wenn du dich irgendwann beruhigt hast, merkst du vielleicht, das der Kritiker dir einen großen Gefallen getan hat. Dann kannst du dich bedanken. Dann ist es ehrlich gemeint.

Die direkte Reaktion

Ist mir noch lieber als eine Kritik. Weil dann ohne viel Worte alles klar ist. Die Blicke deiner Leser, wenn alles gut läuft. Die interessierten Fragen. Oder ein kurzes: Das war jetzt nix….Lesungen sind deshalb immer eine gute Idee. Der Haken: Vielleicht ist dein Buch gar nicht schlecht. Vielleicht ist das nur das falsche Publikum.

Du musst selbst wissen, wie du dein Buch bewertest.

Und hier kommen wir zur Grundvorraussetzung, um Kritik annehmen und bewerten zu können: Ein gesundes Selbstbewusstsein. Du musst dich selbst als Schriftsteller sehen und dir nicht von Anderen dieses Label geben lassen. Du musst selbst überzeugt von deinem Buch sein. Warum solltest du es sonst verkaufen? Zumindest musst du eine Beziehung zu dem Ding haben, das du geschaffen hast. Unsicherheit ist nicht schlimm. Der Wille zu Lernen sogar nötig. Aber irgendwas musst du auch zu deinem Werk sagen und denken. Andere können dir das nicht abnehmen. Wenn du selbst viel liest, empfiehlt sich folgende Übung: Kritisiere Bücher, die du selbst gelesen hast. Und versuche so viel Abstand zu deinem Buch zu bekommen, dass du es selbst so lesen kannst wie diese Bücher. Dann trifft dich Kritik von außen nicht so hart. Und du kannst dein Buch wie etwas betrachten, das du gebaut hast-hier vielleicht nochmal schleifen, noch etwas Farbe oder Lack. Die wichtigste Frage: Bringt mich das, was meine Kritiker sagen weiter? Denn darum geht es bei einer Kritik: Als Künstler und Mensch zu wachsen. Etwas von Wert zu erschaffen. Etwas, das von dir kommt, das ganz nahe bei dir ist. Wenn du nach einer Kritik noch freier und authentischer wirst, war das wirklich eine Kritik.

Danke für deine Meinung!