Der kleine Unterschied

Der kleine Unterschied

Ich arbeite gerade an meinem Buch „Mädchen“: Eine Sammlung verschiedener Kurztexte: Gedichte, Geschichten, Essays, zum Thema-ja, was eigentlich? Feminismus stimmt so nicht. Vielleicht könnte man am ehesten sagen: Es geht um meine Wahrnehmung des Mysteriums namens Weiblichkeit. Meiner und die anderer Frauen, denen ich begegnet bin. Es geht um diesen kleinen Unterschied, der uns immer wieder von anderen Menschen separiert. Wir wollen das nicht. Es fühlt sich nicht gut an. Warum? Liebe Männer, stellt euch mal vor, ihr würdet immer, stets und ständig auf eure „Männlichkeit“ angesprochen, nach ihr beurteilt werden. Nervig, oder? Stellt euch vor, es zählt gar nicht, was ihr als Menschen so tut. Stellt euch vor, alles was ihr tut, würde immer durch die Brille der Männlichkeit betrachtet werden. Ob privat, im Berufsleben oder in der Kunst. Schreibt ihr ein Buch, ist das „männliche Literatur.“ Habt ihr Erfolg, seid ihr das „Herrenwunder.“ Als Künstler seid ihr in erster Linie ein „männlicher Künstler“, der „männliche Kunst“ macht. Wie fühlt es sich an, als Mann in der Musikindustrie? Der hat sich sicher hochgeschlafen!  Euch würde immer die Tür aufgehalten und die Jacke abgenommen -weil ihr als Männer sowas nicht könnt und die Frauen einfach freundlich sein wollen. Auf der Straße wird euch nachgepfiffen und „Ey, Süßer“, „Chico“ oder sowas gebrüllt. Stellt euch vor, ein eigener Sexualtrieb würde euch abgesprochen. „Ihr habt das halt nicht so stark wie wir Frauen“ sagen sie euch dann, den Kopf tätschelnd. „Ist doch toll. Wir Frauen haben es wirklich nicht leicht-wir denken ja an nichts anderes. Ihr wollt immer eine ernsthafte Beziehung. Ihr wollt heiraten. Ihr wollt Kinder. Das ist doch schön. So-rein und unschuldig, irgendwie.“ Stellt euch vor, ihr dürft euch nicht in der Öffentlichkeit überall da kratzen, wo ihr wollt. Ihr dürft nicht ohne rasierte Beine und Achseln in die Öffentlichkeit. Ihr müsst euch erstmal lange „zurechtmachen“, bevor ihr euch aus dem Haus wagen könnt. Sonst werdet ihr als „Homo“ oder „asexuell“, „Ökoonkel“ bezeichnet. Gleichzeitig sagen euch die Frauen, dass es sie nervt, wie lange ihr im Bad braucht. Dass sie auf natüürliche Schönheit stehen. Um euch dann, ganz ohne Make-Up, mit Pickeln und trockener Haut auf eure „Ungepflegtheit“ anzusprechen.  hr werdet in Literatur und Film als kleine Dummchen dargestellt. Oder als intrigante Arschlöcher.  Fühlt sich alles ziemlich demütigend an, oder?

Genauso demütigend, wie das Beurteilen nach Hautfarbe und Religion. Du bist so und so, wegen deiner Hautfarbe. Du kommst doch daher, da sind die Menschen doch soundso und du auch….Du bist Christ? Schäm dich für die Kreuzzüge, Hexenverbrennung Kirchensteuer, Bush und Trump! du bist Jude? Schäm dich für die Politik Israels und den Zionismus! Du bist Moslem? Schäm dich für die Terroristen! Du bist eine Frau? Schäm dich für deine Unweiblichkeit!

Das ist der kleine Unterschied. Der in unserer Zeit oft sehr subtil und doch immer schmerzhaft wahrnehmbar ist. Dieses „Du bist anders“. Ich habe mich gefragt, warum dieser Unterschied für manche Männer so unglaublich wichtig ist. Ich habe festgestellt, dass dahinter eine Angst steckt. Regeln, Grenzen-sie helfen uns, das Leben besser zu verstehen. Und besonders ängstliche Menschen errichten einfach selbst Grenzen, wenn da keine sind. Diese Grenzen haben etwas Beruhigendes. Wer in der Frau nicht einfach einen Menschen sieht, wem es in Beziehungen um Macht geht, der braucht diese Grenzen. Diesen Unterschied. um die eigene Identität zu spüren. Weil da ein eigenes Bewusstsein fehlt. Wer sich heimlich fragt, was es mit dieser Männlichkeit auf sich hat, braucht das Andere, das Fremde, als Gegenstück. Weil sie anders ist, bin ich es nicht. Nur in der Dissonanz begreift der Mann die eigene  Männlichkeit. die ihm, wenn er ehrlich ist, ein großes Rätsel ist.

Ich möchte mal erzählen, wie ich das erlebt habe: Diese Tatsache, dass ich eine Frau bin. Ich war als Kind mal Junge, mal Mädchen. Je nach Lust und Laune. Mal wollte ich mein Zimmer rosa streichen, spielte mit Barbies, Puppen, trug süße Kleidchen und Zöpfe, verkleidete mich als Prinzessin. Und dann trug ich kurze Hosen, kämmte mich nicht, kletterte auf Bäume, spielte mit Autos und verlangte, von nun an Jonathan genannt zu werden. Ich hatte Eltern, die das mitmachten ohne es  zu problematisieren. Meine Freundinnen fanden mein Verhalten komisch. Mein älterer  Cousin fragte mich mal, warum ich nicht mehr meine schönen Kleider trage. „ich verstehe nicht, warum Mädchen nicht Jungs sein können wenn sie das wollen“ sagte ich daraufhin entrüstet. „Da haste eigentlich recht“ sagte er.

Auch als Jugendliche fühlte ich mich so-nur war das Trennende weg. Ich fühlte mich als weibliche Person, die auch männliche Eigenschaften hatte. Ich wollte nicht unbedingt schön und süß aussehen, Kleidung war für mich wie Kunst. Genauso war das auch mit Makeup. Fasziniert von David Bowie und Patti Smith, entdeckte ich das Wort androgyn und dachte, das ist es. Das passt zu mir.  Gleichzeitig nervte es mich, dass schon wieder so eine künstliche Grenze geschaffen wurde. Ich hatte das Gefühl, dass Unterschiede zwischen Mann und Frau viel geringer waren, als allgemein angenommen. Inspiriert von Bowie wurde schwarzer Kajal zu meinem Markenzeichen. Ich lief mal in Lederhosen, mal in Männerhemden rum. Eine sehr „weibliche“ Freundin wollte mich schminken, „etwas aus mir machen.“ „Danke, ich mach schon genug aus mir“ erwiderte ich. Ich fand Freunde, die auch so waren wie ich. Eine Freundin, die ebenfalls als androgyn galt, die kurze Haare, Männerjeans, Kleider und bauchfreie Tops trug, die mal so, mal so war. Die nicht über Mädchenthemen redete, keine Mädelsabende veranstaltete. Die wie ich, auch mal Frauen attraktiv fand. Die sich  bei Bukowskigedichten und anderen , von Männern geschriebenen Büchern in die Rolle des Mannes versetzte und sich bei den Frauenbeschreibungen in Grund und Boden schämte. Wir blendeten die einfach aus. Weil es uns in diesen Momenten peinlich war, eine Frau  zu sein. Nein, uns wurde nie nachgepfiffen. (Erst Jahre später, mit langen, blonden Haaren) Wir wurden von Metal-Typen, Rockern und Punks gemocht. Von Männern in der Midifecrisis. Von den Jungs in unserem Alter wurden wir gern als geschlechtsneutrale Personen zu Rate gezogen, wenn es mit einem „richtigen“ Mädchen mal wieder nicht klappte.  Dann fand ich meinen ersten männlichen Kumpel . Von den Mädchen wurde er verächtlich  als „Schwuchtel“ bezeichnet. Er trug gern Kajal, schwarze Hemden und hatte etwas dandyhaftes an sich. Er  mochte es ebenfalls, mit männlich und weiblich herumzuspielen. Ich war begeistert. Solche Männer, die innerlich freier waren, bin ich danach noch oft begegnet, genauso wie männliche gute Freunde, die mich so mochten wie ich war, die aber diesen Dumme-Mädchen-Fetisch hatten. Ich stellte irgendwann fest: Ich komme nur mit Männern klar, die dieses Freie in sich haben. Die sich nicht über ihr Männlichsein definieren. Mit allen anderen sogenannten Normalen, kam es innerhalb einer Beziehung immer zu einem Machtkampf. Zum Demütigen und in Mädchenschubladen stopfen wollen. Und wenn das nicht ging, zur Wut, zur Aggresion. Dabei mag ich die Unterschiede, feiere sie sogar: Ich mag dieses eigentlich unerklärbare sich weiblich fühlen, ich mag es wenn ich Männer als anders , als Gegensatz wahrnehme. Nur bedeutet das für mich nicht, schwach und rosa zu sein. Es bedeutet nicht, anders zu empfinden und zu denken. Ich sehe es leichter, spielerischer. Der kleine Unterschied ist für mich etwas eher Körperliches, etwas, das anzieht, das neugierig macht. Es gibt Dinge, die nur Männer kennen, Dinge, die nur Frauen kennen. Doch wenn wir den Anderen nicht mehr als Feind sehen, sondern als ebenbürtigen Partner, begreifen wir, wie nahe wir uns eigentlich sind. Lange waren Kontakte zu Männern für mich mit einer unbestimmten Angst verbunden. Wenn sie Unterschiede als  trennend und negativ bewerten, Frauen als Feinde sehen, dann ist jeder Kontakt zu ihnen unglaublich anstrengend. Wenn ich dann doch mal den „anderen“ Männern begegne, ist das immer wie ein Aufatmen. Ich spüre, wenn sie mich nicht in Schubladen stopfen wollen. Mein Körpergefühl ist dann ein ganz Anderes: Ich bin entspannt und irgendwie glücklich mit mir , mit allem. Man sieht es diesen Männern nicht an, oft sind das ganz „maskuline“ Typen, die nicht mal was Besonders sagen und tun. Ich spüre es einfach. Die Art wie sie Frauen sehen, mit ihnen umgehen: Da wird keine Grenze gezogen, da wird überlegt, ob sie dem was die Frau sagt, zustimmen. Die Frau ist dann einfach Diskussionspartner. Wenn sie Interesse bekunden,hat das nie diesen abwertenden,   sexistischen Beigeschmack. Ich fühle mich von ihnen respektiert, angenommen, nicht bewertet. So geht es mir auch mit Frauen, die dieses Bewertungssystem  nicht anwenden. Mit Frauen, die so denken, komme ich ebenfalls nicht klar. Auch hier geht es nicht um Äußerlichkeiten: Eine meiner besten Freundinnen mag rosa KLamotten, künstliche Nägel, Make-Up und wurde oft als „Tussi“ bezeichnet. Sie gehört zu den intelligentesten, gebildesten und sensibelsten Menschen die ich kenne, während die Frauen die nur ihre äußere Fassade sehen, für mich viel eher Tussi sind. Weil sie sich als Frauen eigentlich nicht wohlfühlen und dazu klare Grenzen brauchen. Weil sie Rollen spielen und sich von Männern schlecht behandeln lassen um herauszufinden, was das ist-dieser kleine Unterschied.

Nein, ich glaube nicht, dass es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Doch sie sind nicht trennend, Es snd auch nicht so Viele, dass man ihnen ein so großes Gewicht geben muss. Es gibt mittlerweile genug wissenschaftliche Literatur und  Studien dazu. Jede/m steht es frei, sich zu informieren, sich historisch zu bilden und so zu erkennen, wie auch gesellschaftliche Ereignisse und Gegebenheiten, zu unserer Definition von männlich und weiblich beitrugen. Wir brauchen das nicht. Wir haben beides in uns, sind feminin und maskulin. Das muss keine Angst machen. Denn wer sich selbst nicht begrenzt, ist freier. Ist der eigenen Identität näher. Und ist frei dazu, eine eigene Definition von männlich und weiblich zu finden.

Schreiben als Therapie Part 2

Schreiben als Therapie Part 2

Mein letzter Sonntag war schoen. Ich besuchte eine Open-Air-Lesung und kaufte zwei tolle Buecher auf dem Flohmarkt, mit denen ich dann im Park saß. Ich dachte viel nach, weil die Lesung viele Fragen aufwarf,die mich beschaeftigen, schon seit langer Zeit. Die Autorinnen hatten sich der Lyrik und Kurzprosa verschrieben. Sie sagten etwas, das ich auch denke: Warum gilt in Deutschland nur ein Roman als „richtige“ Literatur? Es gibt viele Formen. Und das ist eben unsere.

Da war es. Ganz einfach und klar ausgedrueckt. Das Dilemma der Dichter. Ich wollte eigentlich nie Romane schreiben. Ich verstand nicht, warum Gedichte nicht verstanden werden. Doch so ist es. Das kann ich nach langer Forschung auf diesem Gebiet sagen: Lyrik ist hierzulande ein schwieriges Thema.  Weil sie noch mehr als erzählende Literatur, wörtlich genommen wird. Lyrik wird nicht mehr als Kunstform verstanden. Kurze Texte, egal ob Prosa , Lyrik, Songtexte: Sie werden so wörtlich genommen, wie einige evangelikale Christen die Bibel wörtlich nehmen. Da bleibt kein Raum für Fantasie oder Kontext.  „Um wen ging es denn in dem Text?“ wird gefragt. Egal, welche Songs ich schreibe, immer werde ich danach gefragt, um welchen Mann es dabei geht. Selbst wenn das gar nicht Thema des Songs ist. Lese ich Gedichte vor, denken die Zuhörer, ich beschreibe da meine Lebenserfahrungen. Und stellen mir dann komische Fragen. In „Filme fahren“ habe ich das mal aufgeschrieben. Da veranstalten Rena, Milosch und Karen ein Konzert. Rena wird dann gefragt, wie sie in ihrem Alter denn schon soviel Lebenserfahrung haben kann. Das wurde ich mal bei einer Lesung gefragt. Die Frau aus dem Publikum dachte, ich beschreibe da mein Liebesleben und wollte dann mit mir über meine persönlichen Erfahrungen sprechen. Als ich ihr sagte, dass ich diese Texte auf Grundlage von Beobachtungen in der U-Bahn verfasst hatte, sah sie mich ratlos an. Ich erklärte ihr, dass ich mich in die Leute, die ich beobachtete, hineinversetzte und mit eigenen Emotionen zu einer Geschichte machte. Dass mich Menschen, Zeitungsartikel, Filme, Kunst, Musik und das eigene Leben zu eigenen Geschichten inspirieren. Die Frau war, wie alle dieser Zuhörer, sehr nett und höflich. Sie dachte wirklich, dass es bei Dichterlesungen darum geht: Einen öffentlichen Seelenstriptease. Natürlich öffnen kreative Menschen ihre Seele immer mehr als Andere. Doch das funktioniert nicht, wenn sie fremde Menschen pornoesk an ihren privaten Erfahrungen teilhaben lassen.

Ich vergleiche Gedichte  gern mit abstrakter Kunst, Kurzfilmen und Songs. Eine Art zweite Realitaet. Ich nehme mein Leben oder beobachte. Lasse mein Unterbewusstsein sprechen. Was dann herauskommt, ist genauso echt und wahr,  wie der Ausgangspunkt. Wenn ich eine Landschaft male, ist die auch im abstrakten Gemaelde zu erkennen. Wenn ich dem Kurzfilm einen Titel gebe, ist der auch Teil des Films. Wenn ich einen Song schreibe, ein Album aufnehme, entwerfe ich eine Art zweite Realitaet zu meiner Alltagsrealitaet. Und genau damit koennen viele Menschen nichts anfangen. Gut beobachten laesst sich das bei Lana del Rey und Beyoncé. Lange hat niemand verstanden, was Lana del Rey tut. Ihre depressiven Klagelieder, das rueckstaendige Frauenbild, die Nostalgie, die Amerikaflagge-all das wurde woertlich genommen : Eine depressive, schwache Frau,  die sich immer in den falschen Kerl verliebt und sich ihm unterwirft. Eine Patriotin,  die dem Amerika alter Zeiten nachtrauert und nichts von Feminismus haelt. Pfui!

Liest man Interviews mit der Saengerin, ergibt sich ein ganz andetes Bild: Elizabeth Grant ist ein froehlicher Mensch, Sozialarbeiterin aus New York, Saengerin und Songschreiberin aus der alternativen Downtown-Szene. Als Jugendliche hatte sie eine Weile ein Alkoholproblem und  Beziehungen zu  Maennern aus der Drogenszene. Diese Zeit inspiriert sie zu ihren Songs. Das und ihre Liebe zur Literatur, v.a.  Gedichte  der Beat-Autoren.  Sie reagierte in Interviews erstaunt, dass Kritiker sie für eine depressive und das alte Hollywood verehrende, naive Möchtegern-Marianne Faithful hielten. Ihre Gedichte und Videos  werden bei ihr zu dieser  zweiten Realitaet. Zu einem Film ueber einen weiblichen amerikanischen Outlaw: Die Diva Lana del Rey, die in der Liebe und Hingabe eine Droge und Religion findet. Die bei wilden Maennern Freiheit sucht und verliert.  Und diese Freiheit nun am Ende ihres neuen Albums „Lust for Life“ bei sich selbst gefunden hat. Die erste Single „Video Games“  schrieb sie, als in ihrem Leben nicht viel passierte. Als sie als Außenseiterkind mit ihrem Außenseiterfreund in einer schaebigen Bude lebte, sie klimperte auf ihrer Gitarre, er spielte Videospiele. Zwei Unscheinbare,  Unbekannte, die gluecklich in ihrer eigenen kleinen  Welt lebten.

„Born to die“ handelt von einer Beziehung zu einem Suechtigen. Davon,  wie man sich immer gegenseitig herunterzieht. Zumindest waren das die Ausgangspunkte. All das ist nichts Besonderes. Fast jeder Mensch hat in seiner Jugend Grenzerfahrungen gemacht, „krasse“ Leute getroffen, sich in  Gefahr begeben. Nun lebt die Sängerin mit ihren Geschwistern in einer WG und lebt dort ein normales Leben. Inspiration schöpft sie aus ihrer Jugend.  Was  diese Durchschnittserfahrungen besonders macht, ist die Kunstfigur Lana del Rey, Streicher, Kitsch,  Texte, die Realitaet überhöhen.

Beyoncé unterstellte man, ihr Album „Lemonade“ handele von den Affaeren ihres Ehemannes Jay-Z. Dabei war es ein Kunstwerk, vielleicht aus Eifersucht entstanden. Doch es geht ja um viel mehr. Um Rassismus, Emanzipation. Lemonade ist ein Kunstwerk. Es ist doch egal, was im Privatleben dieser Kuenstler passiert. Ob es jemals einen Seitensprung gab, ist nicht bekannt. Es geht um Kunst,  die immer weiter gehen muss, universell. Und sie verstehen es einfach nicht, die Kritiker die verzweifelt das Privatleben dieser „Stars“ ausspionieren und damit die Kunst kaputtmachen. Hat man David Bowie gefragt, ob Ziggy Stardust nur ein „Fake“ ist? Ihm gesagt, dass er ja total unauthentisch sei, weil er doch gar kein Außerirdischer ist. 😉 Und so weiter….Machen wir einen Rückschritt? Sind wir nicht mehr in der Lage, Kunst zu begreifen?

Wenn ich schreibe, geht es nie nur um ein Thema. Es geht um viele gleichzeitig. Wenn ich ein Liebesgedicht schreibe, habe ich viele Erlebnisse dabei im Kopf: Eigene, die Anderer, Filme, Buecher. Moechte ich ueber mich sprechen, tue ich das in Gespraechen mit Freunden. Gedichte sind unmittelbarer. Deshalb wird vermutet, es handele sich dabei um eigene Erfahrungen. Doch genauso wenig, wie ich in meinem Roman unmittelbare Erfahrungen aufschreibe, tue ich das bei Gedichten. Da sogar noch weniger.

Wie entstehen meine Gedichte?

Ich erlebe etwas, laufe durch die Stadt, sehe etwas. Und dann faengt es an. Ich nutze dieses Gefuehl und lasse mich unbewusst treiben. Ich sehe eine Geschichte vor mir. Oft sind es auch Songs, die mich inspirieren. Beispiel: Mein Gedicht „alte Wunden. “

Ich habe Zeitung gelesen und da das Wort Wunden entdeckt. Ploetzlich war es da: Alte Wunden. Daraus wurde ein Liebesgedicht. Ueber zwei Menschen, die sich an ihre Verletzungen gewoehnt haben. Ja , das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben sehr gut. Doch ein aktuelles Problem dieser Art hatte ich in diesem Moment nicht.

Das zweite Beispiel: Lost in Space. Da geht es um Nachrichten,  die eine Person ins Weltall sendet. Diese Metapher fand ich so toll. Sie stammt aber nicht von mir sondern von einer Freundin. Es ging darum, dass wir den Eindruck haben, dass die Menschen nicht mehr miteinander kommunizieren koennen. Sie schicken Botschaften ins All, hoffen,  dass sie jemand liest. Wir schreiben Nachrichten und wissen nicht,  ob sie jemand lesen wird. Wir ignorieren einander. Wir blockieren einander,  wenn uns Meinungen nicht passen. Wir sind ganz schnell voneinander genervt. Darueber dachte ich nach und hoerte dazu „Space Oddity“  von David Bowie. Ich nutze oft das Bild eines Liebespaars: Ich und du. Das machen Songwriter auch. Liebeslieder sind auch oft Freunschaftslieder. Das Liebespaar ist ein Symbol. Meine Gedichte koennen von euch so benutzt werden,  wie ihr es wollt. Als Liebeskummergedichte, als Hassgedichte, als Freundschaftsgedichte, als politische Gedichte. Nur eines stoert mich: Wenn Gedichte nur dazu da sind, das Privatleben des Dichters zu erforschen. Das ist nicht wichtig,  das zaehlt nicht. Weil da viel mehr drin ist,  als mein Privatleben, mehr als eigene Gefuehle. Es interessiert mich nicht,  ob Saengerin  Y  in diesem Song die Trennung von Thomas X verarbeitet. Ich kenn sie ja nicht. Und wenn sie Kuenstlerin ist,  ist da hoffentlich ,  mehr drin als diese eine Trennung. Das ist eben dieses Missverständnis: Wenn ich schreibe, schreibe ich nicht Tagebuch. Wenn ich eine Therapie besuche, Tagebuch schreibe oder mich mit Freunden zusammensetze um über Probleme zu sprechen, ist das keine Kunst. Es ist nicht kreativ. Wenn ich jedoch einen Songtext oder ein Gedicht schreibe, bedeutet das, ich verlasse den geschützten Rahmen des privaten Kummers, ich erweitere meine Emotionen, mische sie mit denen Anderer, mit allem, was gerade so in der Welt, in meiner Stadt , geschieht. Erschaffe eine eigene Welt. Diese Welt ist ein wichtiger Schutzraum, ohne den wir Menschen nicht leben könnten.  Es ist die Welt der Kunst, Poesie, Literatur, Musik. Sie hilft uns, die Welt zu verstehen. Und auch wenn es in Gedichten und Songs sehr direkt zugeht, bedeutet das nicht, dass genau das gerade bei den Dichtern in ihrem Leben passiert. Viele Menschen glauben tatsächlich, Gedichte und Songs sind Bestandsaufnahmen, eine Art Dokusoap des eigenen Lebens. So funktioniert das aber nicht. So kann ich Leser nicht erreichen. Ich will nicht öffentliche Therapiestunden abhalten. Ich will nicht bei Lesungen über das Liebesleben eines mir völlig unbekannten Menschen informiert werden. Dichten hat mir dazu verholfen, mich nicht als einzelnes Individuum, sondern als  Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Nicht nur mir passieren immer diese schlimmen Dinge-die passieren uns allen. Und wer in der Lage ist, sie auf eine andere Ebene, die der Kunst, zu verlagern, kann anderen Menschen helfen-das kann dann durchaus therapeutisch wirken. Für beide Seiten.

 

vom Aushalten

vom Aushalten

In letzter Zeit-eigentlich seit Beginn der sozialen Medien-höre ich immer wieder die Überzeugung, dass man Trolle nicht füttern, auf Hass im Netz nicht reagieren und Hater einfach ignorieren soll. Beleidigungen sollen einfach ausgehalten werden. Denn das sei klug. Der Klügere gibt doch nach oder etwa nicht? Diese Haltung gab und gibt es natürlich auch im sogenannten realen Leben. Auf Hass einfach nicht zu reagieren, das wird Frauen und Mädchen häufiger gesagt als Männern. Ja, auch mir wurde das so beigebracht: Immer ruhig, immer nett sein. Damit zeigst du Überlegenheit. Diplomatisch sollen wir Frauen sein, ausgleichend. Und wenn wir beleidigt werden, einfach hinnehmen, einfach schlucken. Dahinter steckt die meiner Meinung nach irrige Annahme, das wirke irgendwie souverän, das würde die Angreifer beeindrucken und Stärke ausstrahlen. Was für ein Schwachsinn!

Ich habe mich lange nicht getraut, das so offen zu sagen. Ich wollte ja diplomatisch, souverän und cool sein. Das bin ich aber nicht. Ich könnte kotzen, wenn Männer mal ordentlich auf den Tisch hauen und Frauen, wenn sie das machen die komischen Nervensägen sind. Ich werde wütend wenn ich angegriffen und aggressiv beleidigt werde. Ich will dann zurückbeleidigen. Es wirkt nicht souverän, wenn sich die Angegriffenen einfach wegducken oder lächeln. Es wirkt defensiv. Schwach. Masochistisch. Es ändert nichts am Verhalten der Pöbler. Im Gegenteil. Wenn ihnen niemand Kontra gibt, wenn niemand kritisiert was sie tun, fühlen sie sich im  Recht.

Manchen Menschen wird einfach nie gesagt, dass sie unrecht haben, sie werden nicht kritisiert. Weil sie anstrengend sind und bei der kleinsten Kritik an die Decke gehen. Weil das nervt, versucht man, diese Diven nicht zu verärgern. Was ihr divenhaftes Verhalten nur schlimmer macht. Sie glauben dann, sie hätten das Recht, fremde Menschen einfach so zu beleidigen. Mama hat sie ja auch nie dafür kritisiert….

Es geht nicht darum, diese Menschen zu ändern. Es geht darum, sich zu wehren. Weil defensives Verhalten depressiv macht. Man schickt damit an sich und Andere eine Botschaft: Ich verdiene das. Ich bin klein und schwach. Ich kenne meinen eigenen Wert nicht.

Ich habe das in meinem Leben immer und immer wieder erlebt: In der Kindheit sollten sich Mädchen nicht mit Jungs prügeln, nicht auf Beleidigungen reagieren. Sich später sowohl im Job als auch privat, aus Streitgesprächen heraushalten. Wenn sich doch mal eine Frau wehrte, war sie streitsüchtig oder gestört. Es betrifft aber nicht nur Frauen, auch viele Männer-gerade die Ruhigen und Sensiblen oder Schlauen, haben keine Lust sich zu wehren, weil „ihnen das zu blöd ist.“ Nun, mir ist es zu blöd, mich beleidigen zu lassen. Mir ist es zu blöd, ein lebender Sandsack zu sein. Ich glaube, die Möchtegernyogis machen sich was vor. Gelassenheit wird überschätzt. Ich mag Wut. Wut ist ein Zeichen von Lebendigkeit. Natürlich wollen wir alle gelassen und ausgeglichen leben. Doch das bedeutet nicht, Emotionen einfach abzuschalten. Das funktioniert eh nicht. Denn dann veranstalten sie im Unterbewusstsein eine Party.

Ich habe mal in einem Callcenter gearbeitet. Eigentlich ein toller Job für Schreiberlinge: Man sitzt gemütlich am Computer und kann nebenbei schreiben. Aber Callcentermitarbeiter sind halt auch eine Zielscheibe für frustrierte Menschen aller Art. Was wurde uns gesagt? Natürlich, auf Provokationen nicht reagieren. Immer freundlich bleiben! Ich fühlte mich irgendwann wie ein Zombie. Ich ging wütend nach Hause und pöbelte meine armen Freunde an, die doch nur ein nettes Telefongespräch mit mir führen wollten. Ich fühlte mich ausgebrannt obwohl dieser Job nun wirklich nicht anstrengend war. Ich war ständig traurig und schlecht gelaunt. Irgendwann reichte es mir: Ich schimpfte zurück. Nicht übermäßig , aber so, dass die Anrufer erkannten, dass mir die Beleidigung etwas ausmachte. Plötzlich war ich nicht mehr passiv. Ich zeigte den Leuten Grenzen auf. Und das tat gut! Ich wurde wieder ein Mensch und war sozial wieder einigermaßen kompatibel.

Wer schreibt und sich der Öffentlichkeit stellt, hört oft den Satz: Du hast dir das doch ausgesucht. Dann musst du das auch aushalten können. Das gehört zum Job. Nen Scheiß muss ich! Ich bin mittlerweile der  Meinung, niemand muss irgendwas aushalten, nur weil wir Kreative sind, die ihre Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren. Wir stehen nicht am Pranger. Wir müssen wehrhaft sein. Das finde ich viel wichtiger. Es gibt Selbstverteidigungskurse wennn man körperlich angegriffen wird. Ich finde, es müsste auch Selbstverteidigungskurse für verbale Angriffe geben.

Wenn ihr bei Veranstaltungen oder im Netz angegriffen werdet, weil eure Hauptfigur im zweiten Band stirbt , weil ihr eine andere Meinung zu einem Thema habt, weil euer Buch nicht den Erwartungen eines Lesers entsprach oder weil ihr einfach Frauen seid, versucht doch mal euch zu wehren. Man fühlt sich eh furchtbar. Ob man sich nun wehrt oder nicht. Aber wer sich wehrt wird aktiv. Und dann passiert etwas. Das bringt euch zurück ins Leben. Weil ich immer wieder in meinem Leben aus dieser Rolle  des lieben Mädchens ausgebrochen bin, haben mir schon viele Menschen gesagt, dass sie mir dankbar dafür sind, dass ich etwas gesagt habe. Und das zeigt mir, wie viele Menschen so denken und sich einfach nicht trauen. Aber was passiert denn dann schon ? Nichts. Die Welt geht nicht unter, alles geht weiter wie bisher. Nur dass ihr euch wieder wie ihr selbst fühlt. Es gibt allerdings Ausnahmen: Nach dem Motto, mit Terroristen verhandelt man nicht, diskutiere ich nicht mit offensichtlich Verrückten und gebe da nicht Kontra. Das erkenne ich leider manchmal  zu spät. Aber wenn ich es erkenne, ist mir das Thema nicht mehr wichtig genug. Extremen Menschen sollte man aus dem Weg gehen.

AutorInnen wird ja immer wieder gesagt, sie sollen auf negative Rezis nicht reagieren. Das ist richtig, denn im Normalfall handelt es sich dabei um die Meinung des Lesers und die steht ihm frei. Es kann sogar hilfreich sein, eine negative Kritik zu bekommen. So lassen sich eigene Fehler und Schwachstellen erkennen. Aber wer gemein wird, beleidigt und sexistisch wird, muss ebenfalls negative Kritik bekommen. Unterschätzt nicht eure Selbstachtung. Mich hat passives Verhalten dazu gebracht, diese Selbstachtung immer wieder zu verlieren. Und damit auch mein Schreibtalent. Irgendwie scheint Beides miteinander zusammenzuhängen.

Ich liebe ja Popmusik und finde in ihr Inspiration für meine Texte. Sehr gern höre ich die Musik der RNB-Sängerin Banks und der schottischen Electro-Band ChVRCHES. Beide haben dieses Thema angesprochen. Lauren Mayberry, die CHVRCHES-Sängerin, wurde oft von männlichen „Fans“ sexistisch beleidigt. Sie lächelte das nicht weg oder tat es als KLeinigkeit ab sondern wehrte sich.  Sie antwortete auf ekelhafte Beleidigungen im Netz und antwortete  einem Mann aus dem Publikum , der ihr einen „Heiratsantrag“ machte. Natürlich hatte der nicht mit einer Antwort gerechnet. Sie fragte ihn nur, ob diese Masche normalerweise für ihn funktionierte. Normalerweise wird von Musikerinnen erwartet, so etwas einfach wegzulächeln und weiterzusingen. Weil das ja schließlich „nicht schlimm“ ist. Hey, ist doch witzig. Der findet dich hübsch. Ist doch ein Kompliment. Verklemmte Zicke. Ja, ja. Frauen wissen, dass diese Bemerkung eben genau das nicht bedeutet. Sie ist ein Code für: Warum stehst du auf der Bühne im Mittelpunkt? Was bildest du dir ein?  Sie ist ein Machtanspruch. Eine Reviermarkierung. Menschen kommunizieren über solche symbolischen Formulierungen miteinander. Das war schon immer so. Ich erwarte nicht von Männern, dass sie das verstehen. Doch mit Sicherheit erleben auch sie Dinge im  Alltag, die wir Frauen nicht nachvollziehen können.  Sie sollten dann einfach mal zuhören und uns glauben. Wer das ein Leben lang erlebt, versteht es irgendwann. Und ja, oft wird auch übertrieben. Ich bekomme jedenfalls sehr gern Komplimente und freue mich darüber. Ich werde gern von Männern angesprochen und werte nicht jede Kontaktaufnahme als sexistisch. Auch das hat etwas mit Selbstachtung zu tun. Doch ich erkenne, wenn es um ein Herabsetzen, eine „Reviermarkierung“ geht. Lauren Mayberry sprach öffentlich über all das, was Frauen sonst brav herunterschlucken. Sie sprach darüber wie ätzend es ist, als Frau in der U-Bahn belästigt zu werden und so nicht mehr ohne Begleitung ausgehen zu können.  Was dann passierte? Sie wurde zum Hassobjekt. Und bekam gleichzeitig Respekt und Bewunderung. Weil ihre Texte, fast ausnahmslos darum kreisen: Um diesen Kampf zwischen Mann und Frau um Macht und Machtmißbrauch.  Jillian Banks hat ein Lied geschrieben, dass „Fuck with myself“ heißt. Diese Redewendung don´t fuck with me, bedeutet , verarsch mich nicht. In dem Song geht es darum, sich den Angreifern entgegenzustellen: Ihr könnt mich nicht verarschen. Das mach ich schon selbst. Ihr seht, das ist es , was ich meinte: Wer in die Defensive geht, will sich nicht angreifbar machen. Glaubt also, stärker zu sein. Video und Text zeigen jedoch, dass diese Haltung zu Selbsthass führt. Am Anfang  glauben viele Frauen, sie machen sich stark durch dieses demonstrative Ignorieren. Bis sie langsam den Bezug zu ihrer Identität verlieren. Natürlich machen Männer das auch-ich habe es einfach öfter bei Frauen erlebt. Auch politisch ist diese Einstellung detruktiv: Ich hasse mich selbst so sehr, dass mich sonst niemand mehr hassen kann.

Ich habe keine Lust, zu lächeln und mich selbst dabei zu hassen. Ich möchte nicht, dass andere Menschen, ob Männlein oder Weiblein, über mein Leben bestimmen. Dass sie mir sagen, wer ich bin. Und das ist die Botschaft des Songs: Ich muss mich selbst genug lieben um den Hass Anderer nicht persönlich zu nehmen. Ihn von meiner Person abzuwenden.  Und ich denke, das gelingt nicht, wenn wir uns die Verletzlichkeit verbieten. Zum Menschsein gehört auch meine Angst, meine Traurigkeit, Unsicherheit, Wut. All das will ich zeigen. Deshalb ist Frida Kahlo ein wichtiges Vorbild für mich. Weil sie in ihren Bildern alles zeigt, nicht vor dem Schmerz und der Angst davonläuft. Weil auf ihren Bildern das Leben zu sehen ist. Und Schriftsteller sollten nicht die Verbindung zu dieser Lebendigkeit verlieren. Denn ohne sie verlieren sie auch die Verbindung zu ihrer Kreativität.