Mein letzter Sonntag war schoen. Ich besuchte eine Open-Air-Lesung und kaufte zwei tolle Buecher auf dem Flohmarkt, mit denen ich dann im Park saß. Ich dachte viel nach, weil die Lesung viele Fragen aufwarf,die mich beschaeftigen, schon seit langer Zeit. Die Autorinnen hatten sich der Lyrik und Kurzprosa verschrieben. Sie sagten etwas, das ich auch denke: Warum gilt in Deutschland nur ein Roman als „richtige“ Literatur? Es gibt viele Formen. Und das ist eben unsere.

Da war es. Ganz einfach und klar ausgedrueckt. Das Dilemma der Dichter. Ich wollte eigentlich nie Romane schreiben. Ich verstand nicht, warum Gedichte nicht verstanden werden. Doch so ist es. Das kann ich nach langer Forschung auf diesem Gebiet sagen: Lyrik ist hierzulande ein schwieriges Thema.  Weil sie noch mehr als erzählende Literatur, wörtlich genommen wird. Lyrik wird nicht mehr als Kunstform verstanden. Kurze Texte, egal ob Prosa , Lyrik, Songtexte: Sie werden so wörtlich genommen, wie einige evangelikale Christen die Bibel wörtlich nehmen. Da bleibt kein Raum für Fantasie oder Kontext.  „Um wen ging es denn in dem Text?“ wird gefragt. Egal, welche Songs ich schreibe, immer werde ich danach gefragt, um welchen Mann es dabei geht. Selbst wenn das gar nicht Thema des Songs ist. Lese ich Gedichte vor, denken die Zuhörer, ich beschreibe da meine Lebenserfahrungen. Und stellen mir dann komische Fragen. In „Filme fahren“ habe ich das mal aufgeschrieben. Da veranstalten Rena, Milosch und Karen ein Konzert. Rena wird dann gefragt, wie sie in ihrem Alter denn schon soviel Lebenserfahrung haben kann. Das wurde ich mal bei einer Lesung gefragt. Die Frau aus dem Publikum dachte, ich beschreibe da mein Liebesleben und wollte dann mit mir über meine persönlichen Erfahrungen sprechen. Als ich ihr sagte, dass ich diese Texte auf Grundlage von Beobachtungen in der U-Bahn verfasst hatte, sah sie mich ratlos an. Ich erklärte ihr, dass ich mich in die Leute, die ich beobachtete, hineinversetzte und mit eigenen Emotionen zu einer Geschichte machte. Dass mich Menschen, Zeitungsartikel, Filme, Kunst, Musik und das eigene Leben zu eigenen Geschichten inspirieren. Die Frau war, wie alle dieser Zuhörer, sehr nett und höflich. Sie dachte wirklich, dass es bei Dichterlesungen darum geht: Einen öffentlichen Seelenstriptease. Natürlich öffnen kreative Menschen ihre Seele immer mehr als Andere. Doch das funktioniert nicht, wenn sie fremde Menschen pornoesk an ihren privaten Erfahrungen teilhaben lassen.

Ich vergleiche Gedichte  gern mit abstrakter Kunst, Kurzfilmen und Songs. Eine Art zweite Realitaet. Ich nehme mein Leben oder beobachte. Lasse mein Unterbewusstsein sprechen. Was dann herauskommt, ist genauso echt und wahr,  wie der Ausgangspunkt. Wenn ich eine Landschaft male, ist die auch im abstrakten Gemaelde zu erkennen. Wenn ich dem Kurzfilm einen Titel gebe, ist der auch Teil des Films. Wenn ich einen Song schreibe, ein Album aufnehme, entwerfe ich eine Art zweite Realitaet zu meiner Alltagsrealitaet. Und genau damit koennen viele Menschen nichts anfangen. Gut beobachten laesst sich das bei Lana del Rey und Beyoncé. Lange hat niemand verstanden, was Lana del Rey tut. Ihre depressiven Klagelieder, das rueckstaendige Frauenbild, die Nostalgie, die Amerikaflagge-all das wurde woertlich genommen : Eine depressive, schwache Frau,  die sich immer in den falschen Kerl verliebt und sich ihm unterwirft. Eine Patriotin,  die dem Amerika alter Zeiten nachtrauert und nichts von Feminismus haelt. Pfui!

Liest man Interviews mit der Saengerin, ergibt sich ein ganz andetes Bild: Elizabeth Grant ist ein froehlicher Mensch, Sozialarbeiterin aus New York, Saengerin und Songschreiberin aus der alternativen Downtown-Szene. Als Jugendliche hatte sie eine Weile ein Alkoholproblem und  Beziehungen zu  Maennern aus der Drogenszene. Diese Zeit inspiriert sie zu ihren Songs. Das und ihre Liebe zur Literatur, v.a.  Gedichte  der Beat-Autoren.  Sie reagierte in Interviews erstaunt, dass Kritiker sie für eine depressive und das alte Hollywood verehrende, naive Möchtegern-Marianne Faithful hielten. Ihre Gedichte und Videos  werden bei ihr zu dieser  zweiten Realitaet. Zu einem Film ueber einen weiblichen amerikanischen Outlaw: Die Diva Lana del Rey, die in der Liebe und Hingabe eine Droge und Religion findet. Die bei wilden Maennern Freiheit sucht und verliert.  Und diese Freiheit nun am Ende ihres neuen Albums „Lust for Life“ bei sich selbst gefunden hat. Die erste Single „Video Games“  schrieb sie, als in ihrem Leben nicht viel passierte. Als sie als Außenseiterkind mit ihrem Außenseiterfreund in einer schaebigen Bude lebte, sie klimperte auf ihrer Gitarre, er spielte Videospiele. Zwei Unscheinbare,  Unbekannte, die gluecklich in ihrer eigenen kleinen  Welt lebten.

„Born to die“ handelt von einer Beziehung zu einem Suechtigen. Davon,  wie man sich immer gegenseitig herunterzieht. Zumindest waren das die Ausgangspunkte. All das ist nichts Besonderes. Fast jeder Mensch hat in seiner Jugend Grenzerfahrungen gemacht, „krasse“ Leute getroffen, sich in  Gefahr begeben. Nun lebt die Sängerin mit ihren Geschwistern in einer WG und lebt dort ein normales Leben. Inspiration schöpft sie aus ihrer Jugend.  Was  diese Durchschnittserfahrungen besonders macht, ist die Kunstfigur Lana del Rey, Streicher, Kitsch,  Texte, die Realitaet überhöhen.

Beyoncé unterstellte man, ihr Album „Lemonade“ handele von den Affaeren ihres Ehemannes Jay-Z. Dabei war es ein Kunstwerk, vielleicht aus Eifersucht entstanden. Doch es geht ja um viel mehr. Um Rassismus, Emanzipation. Lemonade ist ein Kunstwerk. Es ist doch egal, was im Privatleben dieser Kuenstler passiert. Ob es jemals einen Seitensprung gab, ist nicht bekannt. Es geht um Kunst,  die immer weiter gehen muss, universell. Und sie verstehen es einfach nicht, die Kritiker die verzweifelt das Privatleben dieser „Stars“ ausspionieren und damit die Kunst kaputtmachen. Hat man David Bowie gefragt, ob Ziggy Stardust nur ein „Fake“ ist? Ihm gesagt, dass er ja total unauthentisch sei, weil er doch gar kein Außerirdischer ist. 😉 Und so weiter….Machen wir einen Rückschritt? Sind wir nicht mehr in der Lage, Kunst zu begreifen?

Wenn ich schreibe, geht es nie nur um ein Thema. Es geht um viele gleichzeitig. Wenn ich ein Liebesgedicht schreibe, habe ich viele Erlebnisse dabei im Kopf: Eigene, die Anderer, Filme, Buecher. Moechte ich ueber mich sprechen, tue ich das in Gespraechen mit Freunden. Gedichte sind unmittelbarer. Deshalb wird vermutet, es handele sich dabei um eigene Erfahrungen. Doch genauso wenig, wie ich in meinem Roman unmittelbare Erfahrungen aufschreibe, tue ich das bei Gedichten. Da sogar noch weniger.

Wie entstehen meine Gedichte?

Ich erlebe etwas, laufe durch die Stadt, sehe etwas. Und dann faengt es an. Ich nutze dieses Gefuehl und lasse mich unbewusst treiben. Ich sehe eine Geschichte vor mir. Oft sind es auch Songs, die mich inspirieren. Beispiel: Mein Gedicht „alte Wunden. “

Ich habe Zeitung gelesen und da das Wort Wunden entdeckt. Ploetzlich war es da: Alte Wunden. Daraus wurde ein Liebesgedicht. Ueber zwei Menschen, die sich an ihre Verletzungen gewoehnt haben. Ja , das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben sehr gut. Doch ein aktuelles Problem dieser Art hatte ich in diesem Moment nicht.

Das zweite Beispiel: Lost in Space. Da geht es um Nachrichten,  die eine Person ins Weltall sendet. Diese Metapher fand ich so toll. Sie stammt aber nicht von mir sondern von einer Freundin. Es ging darum, dass wir den Eindruck haben, dass die Menschen nicht mehr miteinander kommunizieren koennen. Sie schicken Botschaften ins All, hoffen,  dass sie jemand liest. Wir schreiben Nachrichten und wissen nicht,  ob sie jemand lesen wird. Wir ignorieren einander. Wir blockieren einander,  wenn uns Meinungen nicht passen. Wir sind ganz schnell voneinander genervt. Darueber dachte ich nach und hoerte dazu „Space Oddity“  von David Bowie. Ich nutze oft das Bild eines Liebespaars: Ich und du. Das machen Songwriter auch. Liebeslieder sind auch oft Freunschaftslieder. Das Liebespaar ist ein Symbol. Meine Gedichte koennen von euch so benutzt werden,  wie ihr es wollt. Als Liebeskummergedichte, als Hassgedichte, als Freundschaftsgedichte, als politische Gedichte. Nur eines stoert mich: Wenn Gedichte nur dazu da sind, das Privatleben des Dichters zu erforschen. Das ist nicht wichtig,  das zaehlt nicht. Weil da viel mehr drin ist,  als mein Privatleben, mehr als eigene Gefuehle. Es interessiert mich nicht,  ob Saengerin  Y  in diesem Song die Trennung von Thomas X verarbeitet. Ich kenn sie ja nicht. Und wenn sie Kuenstlerin ist,  ist da hoffentlich ,  mehr drin als diese eine Trennung. Das ist eben dieses Missverständnis: Wenn ich schreibe, schreibe ich nicht Tagebuch. Wenn ich eine Therapie besuche, Tagebuch schreibe oder mich mit Freunden zusammensetze um über Probleme zu sprechen, ist das keine Kunst. Es ist nicht kreativ. Wenn ich jedoch einen Songtext oder ein Gedicht schreibe, bedeutet das, ich verlasse den geschützten Rahmen des privaten Kummers, ich erweitere meine Emotionen, mische sie mit denen Anderer, mit allem, was gerade so in der Welt, in meiner Stadt , geschieht. Erschaffe eine eigene Welt. Diese Welt ist ein wichtiger Schutzraum, ohne den wir Menschen nicht leben könnten.  Es ist die Welt der Kunst, Poesie, Literatur, Musik. Sie hilft uns, die Welt zu verstehen. Und auch wenn es in Gedichten und Songs sehr direkt zugeht, bedeutet das nicht, dass genau das gerade bei den Dichtern in ihrem Leben passiert. Viele Menschen glauben tatsächlich, Gedichte und Songs sind Bestandsaufnahmen, eine Art Dokusoap des eigenen Lebens. So funktioniert das aber nicht. So kann ich Leser nicht erreichen. Ich will nicht öffentliche Therapiestunden abhalten. Ich will nicht bei Lesungen über das Liebesleben eines mir völlig unbekannten Menschen informiert werden. Dichten hat mir dazu verholfen, mich nicht als einzelnes Individuum, sondern als  Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Nicht nur mir passieren immer diese schlimmen Dinge-die passieren uns allen. Und wer in der Lage ist, sie auf eine andere Ebene, die der Kunst, zu verlagern, kann anderen Menschen helfen-das kann dann durchaus therapeutisch wirken. Für beide Seiten.

 

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