Kunst und Geld

Kunst und Geld

Vor zwei Wochen verbrachte ich den Sonntagnachmittag im Kino. Ich sah den Film „Loving Vincent“  und wie immer im Kino,  kamen mir während des Films viele Gedanken. Sie hatten nicht unbedingt etwas mit Vincent van Gogh zu tun. Viel mehr möchte ich ja hier etwas zum das Thema dieses Blogs veröffentlichen: Schreiben, Schriftstellerleben. Und dazu gehört auch das Thema Geld. Ich beschäftige mich gern mit den Biographien der KünstlerInnen, die mich besonders faszinieren und bewegen: Basquiat, Camille Claudel, Frida Kahlo, Emil Nolde, Max Liebermann, Paula Modersohn -Becker und eben Vincent van Gogh. Weil es mich interessiert, wie sie gelebt haben, wie sie es geschafft haben, ihr Leben der Kunst zu widmen. Vor einem Jahr habe ich den Film „Paula“ gesehen, ebenfalls ein sehr ungewöhnliches Biopic über die Künstlerin Paula Modersohn-Becker.

Der Film „Loving Vincent“  ist etwas ganz Besonderes: Weil es kein normaler Film ist, mit Schauspielern und Handlung im Mittelpunkt. Hier steht die Kunst im Fokus, denn der gesamte Film ist eine Gemälde von über  100 Künstlern. Die Zuschauer tauchen also in  Bilder ein, die  lediglich bewegt werden.  Ich habe noch nie so ein aufmerksames Kinopublikum erlebt. Die Story wäre zu dünn gewesen um einen einzigen Film zu tragen. Sie konzentriert sich ausschließlich auf die Umstände des Todes und vermeintlichen Selbstmordes  von Vincent van Gogh. Es ist ein Krimi  der tiefer geht: Denn die Gespräche, die Armand Roulin mit den Dorfbewohnern führt, machen deutlich, wie der Mann, den wir nur durch seine Kunst wahrnehmen und von dessen Privatleben  gerade mal  bekannt ist, dass er sich im Absinth-Rausch das Ohr abschnitt und sowieso „verrückt“  war, wirklich gelebt hat.  Denn dieser Film zeigt den Alltag des Malers: Dieser Alltag war einzig und allein von seiner Kunst bestimmt. Wie ein Arbeiter ging er an jedem Morgen aus dem Haus um von 8-5 zu malen. Diese Disziplin, dieser eiserne Wille, doch vor allem das Festhalten an der eigenen Berufung, haben mich beeindruckt  und nachdenklich gemacht. Gibt es in unserer Gesellschaft eigentlich noch ein Verständnis  für diesen Lebensstil? Es geht einzig und allein ums  Geldverdienen. Wenn du das schaffst, kannst du auch minderwertige Kunst produzieren. Egal. dann hast du deine Daseinsberechtigung, dann wird sogar etwas Schlechtes plötzlich gut. Weil du es gut verkaufen kannst. Künstler, denen dieses Talent nicht gegeben ist, werden schlecht bewertet. Deshalb gibt es so viele Kunst-Business-People, aber kaum noch Menschen, die für ihre Kunst leben.

Vincent van Gogh war kein  „Erfolgstyp“. Er gilt jetzt als großer  Künstler , damals war er nur der komische Vogel. Paula Modersohn -Becker gilt jetzt als eigenständige Künstlerin, damals hätte sie nur als Anhängsel, Ehefrau, Lernende, ihre Daseinsberechtigung gehabt. Ihr Leben war ein einziger Kampf um Eigenständigkeit. Sie wollte nur malen und ihre Bilder verkaufen.  Verkauft hat sie zu Lebzeiten nur fünf ihrer Bilder. So auch Vincent van Gogh, der sich nach vielen verschiedenen Job-Experimenten ausschließlich  der Kunst widmete. Er hat ein einziges Bild verkauft. Wir bewundern diese Menschen jetzt für ihre Kompromisslosigkeit. Ohne diese fast obsessive Hartnäckigkeit, wären sie nie bedeutsame Künstler geworden. Aber welchen Preis hatte diese Unbeirrbarkeit?

Wann immer ich mit kreativen Menschen  gesprochen habe, egal ob Schriftsteller, Künstler oder  Musiker, bekam ich zu hören, dass Geldverdienen das Wichtigste für sie sei. Niemandem „auf der Tasche zu  liegen.“ Erst dann kam die Kunst. Für Vincent van Gogh und Paula Modersohn -Becker kam die Kunst zuerst. Sie führten kein vorbildliches, selbstständiges Leben. Paula Modersohn bekam das Geld für ihre Ausbildung von ihrem Vater und wurde danach von ihrem Ehemann finanziert. in Paris lebte sie auf seine Kosten und wurde vorher von ihrem Vater gewarnt: Du musst langsam mal heiraten, ich kann dir kein Geld mehr geben. Vincent van Gogh lebte auf Kosten seines Bruders, der ihm nicht nur den Künstlerbedarf, sondern sein gesamtes Leben finanzierte. In diesem Konflikt stand er kurz vor seinem Tod: Im Film gibt es diese Szene, in der es einen Disput mit seinem Arzt und besten Freund Dr. Gachet  gibt. Van Gogh wirft ihm vor, eine Lüge zu leben, im Gegensatz zu ihm, dem kompromisslosen Künstler. Doch der Freund hat etwas, das Van Gogh fehlt: Eigenständigkeit. Er ist dazu in der Lage, sein Leben selbst zu finanzieren.

Es ist etwas, das in unserer Zeit in Vergessenheit gerät: Kunst fordert Opfer. Das liegt einfach in der Natur der Sache: Es hat mit persönlichem Geschmack, Zeitgeist und Zufall zu tun, ob deine Kunst in deiner Lebenszeit auf Gegenliebe stößt. Es ist keineswegs, wie einem all die Coaches und Motivationsredenschwinger erzählen wollen, einzig und allein Ergebnis deiner harten  Arbeit. Und wenn du das Geldverdienen an die erste Stelle setzt, dann bleibt die Kunst immer auf dem zweiten Platz. Vincent van Gogh und Paula Modersohn sind keine bewundernswerten Künstler, weil sie so ein vorbildliches Leben geführt haben. Sie sind große Künstler, weil sie große Kunst geschaffen haben.

Es ist eine Lüge, dass wir in unserer Zeit bessere Möglichkeiten haben. Es ist nach wie vor sehr schwer, sich als Künstler über Wasser zu halten. Weil Kunst Arbeit erdordert. Sie kann nicht ab und zu zwischendurch „passieren“. Kunst erfordert Hingabe und Disziplin. Ich habe Menschen getroffen, die nach Feierabend und am Wochenende schreiben, Künstler die von Hartz vier leben oder wechselnden Nebenjobs. Schriftsteller, die auf Urlaub und neue Klamotten verzichten. In meiner Lieblingsserie „Girls“,  hadert Hauptfigur Hannah damit, kein Geld mehr von ihren Eltern zu bekommen und fragt ihren Freund Adam, Schauspieler und „Holzkünstler“, wie er sein Leben finanziert. Die Oma gibt ihm monatlich Geld. Nicht viel, gerade genug um zu überleben. Doch er ist glücklich. Weil er das tun kann, was er gut kann. Das zahlt sich am Ende der Serie aus: Adam wird ein erfolgreicher Schauspieler. Auch Hannah schafft es am Ende, nach vielen, vielen angefangenen und wieder abgebrochenen Jobs und Sozialhilfe,  eine veröffentlichte Schriftstellerin zu werden-keine Große, die „mit Toni Morrison chillt“ wie sie es einem fiktiven , erfolgreichen Kollegen erklärt, aber „eben irgendeine Schriftstellerin“. Der Erfolg dieser zwei Figuren ist kein Mega-Erfolg. Er ermöglicht ihnen eine Bekanntheit in einer überschaubaren Szene, die ihnen aber die finanzielle Unsicherheit nimmt und ihnen dazu verhilft, gehört zu werden.

Von Zeit zu Zeit lese oder höre ich, wie Künstlern das Kreisen ums Geldverdienen im Weg steht. Es ist entweder der Wunsch, im Beruf erfolgreich zu sein, möglichst viel Geld zu verdienen, auf eigenen Beinen zu stehen, ein Beruf der viel Zeit fordert, kein Beruf und die Schuldgefühle, Jobsuche und Bewerbungen, tausend Nebenjobs und keine Zeit mehr zum Schreiben oder die Einwände des persönlichen Umfelds, dass damit doch kein Geld zu machen ist, die als große Hindernisse  im Weg stehen. Auf diese Weise fängt man gar nicht erst an oder bricht mittendrin ab.

Niemand weiß, ob es diese Sorge war, die Vincent  in den Selbstmord getrieben hat oder ob er tatsächlich erschossen wurde. Gut möglich ist es schon, dass ihm durch die Worte seines Freundes bewusst wurde, dass seine Arbeit, die ihm zu Lebzeiten kein Einkommen sicherte und keinen Erfolg brachte, zu einer großen Belastung und Einschränkung für seinen Bruder wurde. Doch sein (vermeintlicher)  Selbstmord war es, der seinem Bruder den Rest gab und statt Erleichterung ein vorzeitiges Ende bescherte. Theo van Gogh lag mit seiner Einschätzung richtig. Seine Investition hatte sich gelohnt: Vincent van Gogh gilt heute als Wegbreiter der modernen Malerei und einer der größten Künstler aller Zeiten.

Wer Kunst also nur etwas betrachtet, dass im Jetzt und Hier sofort erfolgreich sein  muss, hat nicht verstanden, dass Kunst so nicht  funktioniert. Sie richtet sich nicht nach den Regeln der Ökonomie, sie gehorcht nur ihren eigenen Regeln. Was ich daraus gelernt habe: Als einziges Ziel nur das Tun zu haben. Schreiben, egal wie und wo. Das an die erste Stelle zu setzen . Alles andere kommt danach. Vielleicht läuft alles scheiße im Leben, doch geschrieben wird trotzdem.

Diesen Tipp kann ich nur weitergeben. Viele AutorInnen konzentrieren sich zu sehr auf Nebenschauplätze:  Marketing, Schreibtechniken, Geldverdienen. Das ist auch wichtig, kommt aber erst danach, nach dem Schreiben. Das was wir zu sagen haben, kann kein anderer sagen. Also sollten wir es heute sagen. Morgen kann es schon zu spät sein.

 

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So sehe ich das. Dürfen Blogger ihre Weltsicht mit der Welt teilen?

So sehe ich das. Dürfen Blogger ihre Weltsicht mit der Welt teilen?

 

Ich war auf dem Weg zu einem Vortrag, telefonierte, während ich versuchte, die Hausnummer im Dunkel zu erkennen. Die Person am Telefon redete über Blogger. Denn seitdem bekannt ist, dass ich auch damit angefangen habe, bekomme ich ständig zu hören, wie wenig Verständnis man doch für Blogger habe. Das hätte selbstverständlich alles nichts mit mir zu tun. Ist klar.

Das Unverständnis bezieht sich auf diese simple Frage, die mir die Person X an jenem denkwürdigen Tag stellte, als ich schon vor der Tür stand, um mir die Weltsicht einer fremden Person anzuhören: „Warum soll es mich interessieren, was eine fremde Person für eine Sicht auf die Dinge hat, die in dieser Welt passieren?“ Weil sie Teil dieser Welt ist, vielleicht, dachte ich und sagte: Ich muss jetzt mal rein. Drinnen angekommen, lauschte ich also den Gedanken eines mir völlig unbekannten Menschen, machte mir Notizen und lauschte bald den empörten Gedanken eines anderen Fremden, der sich darüber empörte, dass er hier den Ausführungen eines fremden Menschen, pardon, einer Frau, zuhören musste, obwohl er doch seine Sicht auf die Dinge des Lebens mit uns teilen wollte und ihr, der Frau, die ja viel zu jung und unscheinbar wirkte, um ihm etwas zu erzählen, davon erzählen wollte. Leider wollte ihm niemand zuhören. Wütend schnaubte er in sich hinein und eilte nach Hause um dort die Gedanken eines Trolls zu übernehmen, der im Keller seiner Eltern einen von vielen Internetblogs mit wirren Halbwahrheiten für echte Männer und Wahrheitssucher betrieb. Vermute ich. 😉

Wer eifrig sucht, wird immer Gründe finden, warum er einem anderen Menschen kein Gehör schenken möchte: Keine  oder schlechte Ausbildung, fehlender  Doktortitel, Frau, Mann, zu klein, zu dick, zu dünn, zu schlau, zu dumm, zu, zu zu. Eigentlich egal. Denn es geht nur darum, einem anderen Menschen die eigene Meinung, die eigene Perspektive, abzusprechen. Ich weiß nicht, warum sich Menschen immer wieder diese künstlichen Hindernisse suchen. Ich weiß es zu schätzen, dass wir offen unsere Meinung sagen dürfen. Ich weiß wie es ist, wenn das nicht geht.

Vor einigen Jahren interviewte ich eine Künstlerin aus meiner alten Heimatstadt. Sie erzählte mir sehr anschaulich, wie es für sie war, als Künstlerin in der DDR zu (über)leben. Das Unausgesprochene, dieses Wissen, nicht frei sprechen zu dürfen, sich nicht ausdrücken zu dürfen, war für sie das Schlimmste. Und ich frage mich, warum tun sich viele mit dieser Freiheit so schwer, wollen anderen wieder den Mund verbieten?

Beim Bloggen geht es darum, wieder ein Bewusstsein für verschiedene Perspektiven zu schaffen. Es ist ein journalistisches Angebot: Es macht für mich keinen Unterschied, ob ich einen Artikel für die Zeitung oder meinen Blog verfasse. In beiden Fällen ist es Arbeit. Bloggen ist kein Hobby. In meiner Freizeit will ich mich entspannen. Schreiben ist eine ganz gewöhnliche Arbeit, die mir natürlich Spaß macht. Doch das ist ein ganz anderer Spaß, als ein Kinobesuch, ein Spaziergang, ein Konzert oder Netflixabende. Blogger bieten ihre Texte meist kostenlos an. Doch ich begrüße es sehr, dass sich auch hierzulande langsam eine neue Einstellung etabliert. Mit einem Spendenbutton biete ich die Möglichkeit, für meine Arbeit zu zahlen, mache die Bezahlung aber nicht zur Bedingung und kann so weiterhin viele Menschen erreichen. Das erste Mal hörte ich das Wort Blog von einem Freund, anno 2006. Er fragte: Na, hast du auch nen eigenen  Blog? Ich dachte, das sei eine Anspielung auf Sidos mein Block und antwortete: Klar. Mein Block ist der beste. Nee, antwortete er. Ein Blog mit G am Ende. Das ist sowas wie ein Internettagebuch. Den Sinn dahinter verstand ich nicht und bis heute kann ich nicht so richtig verstehen, warum ich meine persönlichen Gedanken mit der Welt teilen soll, ohne jegliche schriftstellerische Ambition, ohne den Wunsch nach Diskussion und Austausch. Warum soll ich das Leben als Mutter beschreiben, über Liebeskummer, Depresssionen oder andere Themen schreiben, die doch besser in privaten Gesprächen mit Freunden aufgehoben wären? Mein Freund war einer der ersten Blogger, die ich kannte,  ich fand es gut was er so schrieb, das lag aber auch daran, dass er das gut machte. Er schrieb über sein Studium, Musik und suchte das Gespräch mit der Öffentlichkeit. Es war witzig und nachdenklich. Doch bei anderen Bloggern  fühlte ich  mich oft peinlich berührt von den allzu intimen Gedanken fremder Menschen. Das Ganze wirkte wie eine öffentliche Gruppentherapie. Erst später, mit den ersten Literaturblogs, wurde mein Interesse geweckt. Auch Reiseblogs mag ich gern-eigentlich alle, die ein Thema haben. Viele Blogs sind besser gestaltet,  als so manches Magazin. Politik, Kultur, Musik-ich finde zu jedem Thema einen interessanten Blog. Als ich mein Buch veröffentlichte, hatte ich den Eindruck, Websites werden nicht oft besucht. Da passiert nichts-man schaut einmal rein und das war es dann. Ich fand es viel schöner, all die Gedanken, die mir beim Schreiben kamen, auch mit der Welt zu teilen. Es sollte nicht nur um mein Buch gehen. Auch das Verfassen von Texten, die ich eigentlich gern in einer Zeitung veröffentlichen würde, finden hier einen Platz. Ich habe einfach wenig Geduld und haue am liebsten alles sofort raus. 😉 Außerdem dient der Blog so auch als Visitenkarte. Beim Bloggen werde ich persönlicher, es ist direkter. Das ist der Unterschied, während mir sonst keiner einfällt. Das ist auch der Grund, aus dem ich es ok finde, wenn Blogbeiträge kostenlos sind. Weil nicht alles total professionell sein muss und die Kommunikation im Vordergrund steht. Deshalb möchte den Lesern die Entscheidung überlassen, ob sie meine Beiträge bezahlen wollen.Oder  ob sie den Blog nur als Info über meine Person nutzen, weil sie durch mein Buch auf mich aufmerksam wurden.

Doch diese Frage, ob ich das darf oder nicht, habe ich mir nie gestellt. Ich brauche keine Erlaubnis. Ich muss einfach schreiben. Und das nur für mich zu tun, finde ich albern. Denn ein Schriftsteller hat die Aufgabe, seine Texte mit der Welt zu teilen. Vielleicht liegt das Missverständnis bei den darauf folgenden Reaktionen. Es wird erwartet, dass die Reaktion immer positiv ist.Wenn das nicht geht, wollen viele gar nicht reagieren, um sich nicht unbeliebt zu machen. Mir wurden nach Veröffentlichung meines Romans  ausschließlich positive Reaktionen gewünscht, weil ich doch erstmal Unterstützung bräuchte. Das ist zwar richtig, doch zehn Pseudo-Rezis á la: Tolles Buch! Toll, toll, toll, genial,  wirken nur peinlich. Weil es ja eindeutig ist, dass diese Personen mein Buch nicht gelesen haben. Mir hilft es, wenn sich Menschen mit meinem Roman auseinandersetzen, echtes Interesse zeigen. Wer einem kreativen Menschen Mitleid entgegenbringt, entwertet ihn. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, sehe ich oft Straßenmusiker , die unglaublich gut sind. Leider fehlt mir die Zeit, ihnen länger zuzuhören. Aber wie ist die allgemeine Ansicht über Straßenmusik? So ungefähr: Das sind Penner, denen man aus Mitleid ein paar Cent in den Hut wirft. Ähnlich ist es mit Selfmade-Autoren: Och, die Kleine hat selbst ein Büchlein gebastelt? Süß. Schreiben wir ihr doch ne Mitleidsrezi oder empfehlen das Büchlein. Aber lesen? Ähm, nein danke!

Nach der Logik der Leute, die Blogger nicht verstehen, dürften wir also die Meinung unserer Mitmenschen nur ernstnehmen, wenn sie als Journalisten oder Verlagsautoren die Berechtigung dazu haben. Ein Doktortitel, ein Zertifikat, irgendeine Berechtigung. Wer sich künstliche Hürden errichtet, weiß nicht zu schätzen, dass wir in einer Demokratie leben. Ich versuche, das nicht zu vergessen. Mich an die Zeit zu erinnern, als das nicht ging. Dazu trägt auch das Schreiben bei. Die Gespräche mit Menschen, die andere Zeiten erlebt haben. Ihre Perspektive ist für mich nicht nur wichtig. Ich könnte ohne sie nicht schreiben. Mein Denkprozess würde sich stark verkürzen. Meine Wahrnehmung wäre sehr begrenzt.

Die Antwort, die ich diesen Leuten also immer wieder gebe, ist nach wie vor: Doch. Ihre Sicht ist wichtig. Die Sicht jedes einzelnen Menschen ist wichtig. Was nicht wichtig ist: Ob dir das gefällt. Wenn es dir nicht gefällt, musst du es nicht lesen. Aber anderen die eigene Perspektive zu nehmen, steht dir nicht zu. Vielleicht reicht aber auch die Erwiderung der Person, deren Vortrag ich besuchte, auf die Mansplaining-Attacke des Zuhörers: Ich habe keine Lust mehr mit ihnen zu reden. Denn sie lassen mich nicht ausreden. Sie interessieren sich nicht für meine Meinung. Warum also , sollte ich mich für ihre interessieren?

Da liegt das Problem: Wir würden irgendwann einfach aufhören, miteinander zu reden. Und die Konsequenz möchte ich mir lieber nicht ausmalren. Also redet, kommentiert, äußert euch. Hauptsache, wir verstummen nicht.

Bild: Marco Kral

Marketing mal anders

Okay, ich bin mal ehrlich: Ich hasse Marketing. Ich hasse diese Business-Floskeln, die Motivations-Bücher und die immer gutgelaunten, erfolgreichen Supertypen, die SchriftstellerInnen zu Businnesspeople machen wollen. Denn in meinen Augen geht das gar nicht. Als Schriftsteller bin ich ein kreativer,  aber unpraktischer Mensch. Ich möchte Menschen erreichen, mich allerdings nicht verkaufen. Ich preise kein Erfrischungsgetränk an, sondern ein Buch. Ich kann mein Buch nicht zum „Produkt“ machen. Nein, ich denke nicht, dass es so funktioniert.

Ich denke, für uns Schreiberlinge muss es ein alternatives Marketing-Konzept geben. Eines, das authentisch ist, zu uns passt. Dazu suche ich eher  Inspiration bei Musikern, Künstlern und Verlagsautoren. Denn da finde ich Strategien, die zu dem passen was ich tue. Ich habe schon so viele Marketing-Tipps gelesen, doch ich halte sie meist für unbrauchbar. Denn wenn wir Selfpublisher ein Buch veröffentlichen, kennt uns niemand. Diese Tatsache wird selten bis nie berücksichtigt, ist aber entscheidend. Newsletter, Verlosung, Lesung, Flyer, Leserunden, Lesungen-all diese Aktionen setzen ein bereits bestehendes Publikum voraus. Vielleicht hast du ein paar Facebook-Freunde-so eine Handvoll Leute, die deine Beiträge liken und sich an Aktionen beteiligen. Doch das nützt dir doch nichts dabei, möglichst viele Menschen zu erreichen und bekannt zu werden, also dein Buch zu verkaufen. Denn darum geht es ja beim Marketing.

Eine Bloggerkollegin  hat es anders gemacht und ein alternatives Marketingkonzept erarbeitet: http://schreibstimme.ch/9-marketing-schreibtipps-wenn-du-deine-zielkunden-nicht-kennst/blog/  Ich möchte das hier vorstellen und auch einige Gedanken dazu beisteuern. Ihr kennt die junge Dame schon von ihrem Gastbeitrag: Friederike Kunath und ihr Blog http://schreibstimme.ch/blog/ Friederike ist  Schreibberaterin und schteibt auch selbst ganz wunderbar.

Ihr Beitrag wurde für Selbstständige geschrieben, die ihre Zielkunden noch nicht kennen, was ja auf Autoren die ihr Buch selbst veröffentlichen, zutrifft. deshalb habe ich versucht, das Ganze für AutorInnen zu erklären.

1.: Akzeptiere, dass du Anfänger bist.

Als ich angefangen habe mit dem Schreiben und Veröffentlichen, tat jeder so, als müsse ich schon alles wissen, als dürfe ich keine Fragen haben. Es ist egal, mit welcher Sache wir anfangen-Fahrrad fahren, schwimmen, schreiben-es ist immer das gleiche Prinzip. Wir müssen Fehler machen, um irgendwann keine oder nur noch wenige zu machen. Wir müssen akzeptieren, dass alles im Leben Entwicklung braucht, Teil eines Prozesses ist. Es ist nicht so wie im Supermarkt. Wir können uns nicht einfach alles nehmen und bezahlen. Wir erschaffen etwas aus dem Nichts. Und das braucht Zeit. Kennt ihr diese Menschen, die, nachdem sie sich verliebt haben, schon nach den ersten zwei Tagen peinliche Statusmeldungen posten und von ewiger Liebe und Hochzeit sprechen? Die dann nach vier Wochen oder zwei,  ihren Beziehungsstatus auf „es ist kompliziert“ umstellen und die über alles geliebte Person auf einmal abgrundtief hassen? Ja, das machen leider auch erwachsene Menschen  so…Menschen, die nicht verstehen, dass Liebe wachsen muss, ein Prozess ist, der viel Zeit braucht. Nichts ist von Anfang an sofort passend und perfekt. Traut euch , Fehler zu machen! Nur so kommt ihr weiter. Traut euch, etwas nicht zu wissen-nur so könnt ihr etwas lernen.

2.: Setze auf den Anfänger-Bonus

Mir fällt dazu ein Gespräch mit einem Künstler ein, der mir sagte, dass es ja keine neuen Ideen gibt, dass alles was er tut, schon ein anderer viel besser gemacht hätte. Das ist,mit Verlaub, Blödsinn. Niemand ist so wie du. Niemand sieht die Welt so wie du. Um anders zu sein, musst du dir allerdings trauen, deine Individualität auch zuzulassen. Denn die ausschließliche Bewunderung anderer Helden hat zur Folge, dass man unbewusst kopiert. Wir können nicht vermeiden, dass andere vielleicht ähnliche Ideen hatten und haben. Doch kein Mensch gleicht völlig dem anderen und so kann auch kein Buch dem anderen vollkommen gleichen. Es ist interessant, etwas Neues zu entdecken. Darauf solltest du dich konzentrieren. Nicht auf den negativen Aspekt des „unbekannten Nobody“.

3: Bring deine eigene Perspektive ein.

Vielleicht weißt du nicht über jedes Thema Bescheid. Du brauchst sicher für einige Themen Fachliteratur. Aber eines hast du immer: Deine eigene Perspektive. Schreibe beim Recherchieren deine eigenen Gedanken auf, verwende sie im Buch. Denn das gibt dem Geschriebenen die besondere Note, das verleiht deiner Geschichte etwas Interessantes-nicht perfektes Fachwissen.

4.: Hab dein Thema richtig gut verstanden

Manchmal braucht es Zeit, etwas richtig zu verstehen. Auch das ist ein Prozess, wie Friederike richtig schreibt, der von Gesprächen und Notizen begleitet werden sollte. Viele Autoren machen den Fehler,  über eine Sache zu schreiben, die sie nicht richtig verstanden haben. Ich habe oft Texte verfasst, die ich geschrieben habe, weil mir das Thema irgendwie spannend vorkam. Doch das reicht nicht-du magst vielleicht gut recherchiert haben, deine Fakten stimmen. Aber die Geschichte wirkt blutleer, du bist nicht mit dem Herzen dabei. Weil du gar nicht verstehst, worum es wirklich geht. Nimm dir die Zeit dafür.

5.: Denke erst danach an die Leser

Ein Tipp, den ich immer wieder lese: Denke zuerst an die Leser, richte sogar deine Texte nach dem Markt aus. Erstens ist das unmöglich, wenn du deine Leser noch nicht kennst. Zweitens auch grundfalsch. Es sei denn, du schreibst absichtlich dummes Zeug um ganz viel Geld zu verdienen. Dann lies hier nicht weiter. Wenn du etwas Eigenes, Unverwechselbares schreiben willst, kannst du nicht andere bestimmen lassen, was du schreibst. Du musst deine eigene Stimme finden. Dann ist es Zeit für Feedback und Kritik, dann merkst du, wie andere Menschen darauf reagieren und welche Wirkung deine Texte haben. Und mit diesen Erfahrungswerten kannst du dann weiterarbeiten.

6.: Stelle deine Leser beim Entwickeln des Themas zurück

Frage nicht, welches Genre deine zukünftigen Leser von dir lesen wollen. Du bist nicht ein unbestimmtes  Schreibtalent, du hast eigene Interessen, Themen, Talente. Manches kannst du gut, anderes weniger gut. Die Schauspielerin Julia Hummer hat mal etwas sehr Kluges gesagt: Wenn Menschen schreiben können, heißt das nicht, dass sie automatisch alles können-Theaterstücke, Kinderbücher…Konzentriere dich ausschließlich auf deine Motivation, nicht auf andere. Wenn du Leser hast, können die ja Wünsche äußern, dir sagen, was sie gern von  dir lesen würden. Dann kannst du besser beurteilen, ob du das kannst oder möchtest. Denn du hast ja deine Stimme bereits gefunden.

7.: Das ist mein Lieblingstipp: Nimm dein dümmeres Ich als Zielkunde

Wie war das, als du noch nichts über dein Thema wusstest? Als Schriftsteller kannst du dir selbst dieses Wissen in Form einer Geschichte erzählen. So mache ich das gern, wenn ich mit anderen Menschen über ein Thema spreche, das ihnen unbekannt ist. Erkläre so einfach wie möglich. Mach es unkompliziert und unterhaltsam.

8.: Schreibtipp für die Leserorientierung

Was soll dein Leser aus deinem Text, deinem Buch mitnehmen? Das ist die einzige Frage, die du dir stellen musst. Und deine einzige Aufgabe ist die, deinem Leser diese Botschaft zu vermitteln. Was war es, das dich zum Schreiben motiviert hat? Warum wolltest du diesen Roman, dieses Gedicht, diese Geschichte schreiben?

9.: Das Eigene kommt immer zuerst

Ich schreibe gerade einen Roman, der sehr viel Recherche benötigt. Vor ein paar Jahren hätte ich damit begonnen. Ich hätte mich auf die Erwartungen anderer gestützt, sie als Grundlage für mein Buch verwendet. Diesmal mache ich es wie Haruki Murakami: ich schreibe einfach. so wie es mir in diesem Moment einfällt. Ohne Satzzeichen. Wenn ich etwas nicht weiß, versetze ich mich einfach in diese Zeit, in die Gefühlslage der Romanfiguren hinein. Das habe ich dann mal einer Zeitzeugin, meiner Mutter, gezeigt und tatsächlich lag ich gar nicht so falsch. Empathie ist beim Schreiben die halbe Miete. das Entwickeln einer eigenen Story. Das sollte die Grundlage sein. Danach kannst du ganz entspannt recherchieren, überarbeiten und Testleser engagieren.

Ist euch was aufgefallen? All diese Tipps enthalten die Wörter :  Social-Media, Verlosungen, Leserunden, Website,  nicht. Es geht tatsächlich nur ums Schreiben. Schreiben ist meiner Meinung nach das beste Marketing. Ich lese selbst sehr gern und das was mich überzeugt, ist nicht das Facebook-Profil des Autors. Ich nehme nicht gern an Verlosungen und Leserunden oder anderen Aktionen teil. Ich gehe in den Buchladen oder schaue in den Onlineshops nach Neuerscheinungen, durchforste meine liebsten Genre nach ansprechenden Büchern-that´s it. Es ist tatsächlich der Inhalt, der mich überzeugen muss. Und das geht nur, wenn ich hundertprozentig hinter diesem Inhalt stehen kann.

Ausführlicher wird  das im E-Book:“ Finde deine Botschaft. Ein Workbook für ein anderes Marketing“ beschrieben. Es ist kostenlos und kann hier bestellt werden: http://schreibstimme.ch/workbook-finde-deine-botschaft-worbook-für-ein-anderes-marketing/

Meine Lieblingsbücher

Den besten Rat, den ich allen  angehenden AutorInnen geben kann, ist der, viel zu lesen. Es ist verblüffend, wie schnell  ich die Fähigkeit zum Formulieren verliere, wenn ich  das Lesen für Netflix unterbreche. Wenn ich lese, tue ich etwas für mein Schreiben. Mein Wortschatz wird größer und auch der Mut, so zu schreiben, wie ich es will. Ich möchte euch in diesem Text etwas über die Bücher erzählen, die mich geprägt haben. Die ich immer wieder lese, weil gute Bücher irgendwann zu einem Teil des eigenen Lebens, der eigenen Persönlickeit werden.  Ich beschreibe euch, warum und in welcher Weise sie mein Schreiben beeinflusst haben und würde mich über eure Kommentare freuen: Welche Bücher haben euch beeinflusst? Wie haben sie euch beim Schreiben geholfen?

  1. Flugasche von Monika Maron

Ich war 14, als ich das Buch bei meinen Eltern entdeckte. Sie konnten nichts damit anfangen, ich war nach wenigen Seiten sofort fasziniert. Da war einmal der ganz eigene Schreibstil der Autorin, das Wechseln zwischen surrealer Traumwelt, Beschreibung inner Seelenzustände und realen Ereignissen. Die Ehrlichkeit, die poetische Bildsprache, die dieses Buch für mich zu einem Film werden liess. Dann die Story: Eine Journalistin wird eines Tages auf heftige Art und Weise mit der DDR-Realität konfrontiert, als sie über die Stadt Bitterfeld berichten soll. Schon vorher erlebt sie die lächerliche Kleingeistigkeit, die nicht mal einen Hauch Kritik in der Berichterstattung zulässt. Die Menschen, denen sie in Bitterfeld begegnet, diese krasse Konfrontation mit der Realität, verändern sie von grundauf. Waren es vorher allenfalls kritische Ansätze, wird die Kritik nun zur Realität. Eine Realität, die sie nicht zur strahlenden Heldin macht, sondern in die Isolation treibt. Nach und nach verliert sie alles was ihr wichtig ist: Die Arbeit, den Mann, die Freunde. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der besser die Alltagsrealität der DDR beschreibt: Die resolute, sympathische Kollegin und Freundin Luise, die im Sozialismus ihre Gegenthese zum Nazismus gefunden hat, die Einschränkungen gerne in Kauf nimmt, weil sie nicht daran glaubt, dass eine Demokratie wirklich möglich ist. Der Kollege Rudi, der im KZ Hundefutter essen musste und nun nur noch Suppen aus dem Restaurant „Ganymed“ verträgt. Die Kollegen, die sich im allabendlichen Suff ihr Leben schöntrinken. Und all diese Argumente-dass es ja immer schlimmer geht, hört man jetzt immer noch. Dass der Mensch bloß nicht zu viel wollen sollte. Was dann passiert, wenn man so denkt und im Defätismus verharrt, macht „Flugasche“ deutlich. Dabei werden politische und private Probleme so geschickt miteinander vermischt, dass dem Leser bewusst wird, wie alles miteinander zusammenhängt. Auch feministische Gedanken spielen eine Rolle-der Hass auf Frauen, die Rolle der bösen Hexe, die naive Kollegin Ulrike als Beispiel für eine Frau, die ihre Rolle richtig spielt und deshalb nie allein ist-auch das ist Teil eines großen Ganzen, eines Komplexes, den Monika Maron in einem einzigen Buch  geschickt zusammenbringt-die Erfahrungen der Großeltern im dritten Reich, die DDR-Alltagsrealität in den 1970ern, die privaten Probleme. Ich habe mich immer gewundert, dass der Roman nie verfilmt wurde, weil so visuell und gleichzeitig ungekünstelt erzählt wird.

Das habe ich gelernt: Dass man einfach so, frei Schnauze alles aufschreiben kann, auch das, was auf den ersten Blick „komisch“ erscheint, dass es keinen einheitlichen Stil braucht, dass man keine Angst vor großen Themen, keine Angst vor vielen Themen und privaten Themen haben muss-das lerne ich immer wieder von diesem Buch. Monika Maron beschreibt so schmerzhaft persönliche Szenen, die teilweise fast zu intim sind , aber gerade deshalb diesen Effekt beim Leser auslösen: Das kenn ich doch! Oft denken wir  beim Schreiben, unsere persönlichen Emotionen könne niemand verstehen. es sollte um größere, universellere Themen gehen. Dass alles ganz gut miteinander zu vereinbaren ist, beweist dieser Roman. Gerade durch die privaten Einblicke wird deutlich, wie sich  die sozialistische Realpolitik in der DDR auf das Leben der Menschen auswirkte.

Mein Tipp für euch: Ein individueller Stil ist etwas Besonderes-vielleicht das , was dich zu einem(r) guten SchriftstellerIn macht. So ein Stil polarisiert allerdings auch-Viele werden das erst einmal „komisch“ finden, nichts damit anfangen können.  Lass dich davon nicht beirren. „Ganz nett“ ist dann wohl eine Umschreibung, die du so gut wie nie zu hören bekommst.

2. On the Road von Jack Kerouac

Eine Schreibmaschine, eine Rolle Klopapier, weil gerade nichts Besseres da ist. Ein manischer Schriftsteller, der, angetrieben von Benzedrin, Kaffee und Jazz , wie wild in die Tasten hämmert. Das Ergebnis ist sein Lebenswerk, ein großartiges Buch, ein Wendepunkt in der Literaturgeschichte. Seine nachfolgenden Bücher waren, um ehrlich zu sein, meiner bescheidenen Meinung nach, schlecht. Jack Kerouac hat ein einziges gutes Buch geschrieben, aber was für eines. Ich habe das Buch mit 15 Jahren bei Hugendubel in Kassel entdeckt. Ein rosa Einband, der meine unklaren, romantischen Amerikavostellungen befeuerte. Ich war nicht sofort begeistert. Eher verstört von diesem Schreibstil, der wirklich etwas jazziges hatte-dieser Mann schrieb nicht wie ein Literat, sondern wie ein Musiker. Ich las das Buch am liebsten  unterwegs-da ging es auf einmal, da passte es. Die Story ist ziemlich einfach: Ein junger Mann erlebt im Amerika der 1950er einen endlosen Roadtrip mit seinem besten Freund. Sein Ziel: Freiheit. Den bedrückenden,  kleinbürgerlichen  Verhältnissen auf der endlosen Straße entfliehen, ein Leben in Armut dem Eigenheim , die Freundschaft der Ehe vorziehen. On the Road handelt von Amerika. Von einer Freiheit, die es nur damals gab, in den 1940ern und 1950ern, von Hillbillys und Jazzmusikern. Von der uralten Sehnsucht des Menschen, frei zu sein. Der Held Sal Paradise, muss sich immer wieder dieser Frage stellen: Schaffe ich es, auch innerlich frei zu werden? On the Road ist auch eine Liebesgeschichte. Zwischen Sal und seinem besten Freund. Dean Moriarty ist für Sal eher eine mythische Gestalt, die ihm den Weg zum Leben zeigt. Diese Euphorie und Lebenslust fasziniert ihn, die Kompromisslosigkeit, die auch eine dunkle, getriebene Seite hat, die auf andere Menschen verletzend wirkt. Treu ist Dean nur der Straße und seinem Freund-bis er auch ihn eines Tages im mexikanischen Dschungel zurücklässt. Doch Dean steht für Sal weiterhin als Symbol für die Feiheit, die er zu seinem Lebensthema macht. Für eine Suche nach der eigenen Wahrheit, der eigenen Identität, mit der Sal immer wieder hadert, weil er sich zu sehr an andere, lebendigere Menschen klammert. Die Abnabelung von seinem Vorbild muss eines Tages kommen, das wird dem Leser bald klar. Und am Ende habe ich mich selbst gefragt: Kannst du das? Frei sein? Gleichzeitig lernte ich viel über Amerika, über den Mythos und die Realität. Wer Amerika begreifen will, kommt an „On the Road“ nicht vorbei.

Das habe ich gelernt: Sich beim Schreiben von Musik inspirieren lassen-das kam mir entgegen. Denn ich war nie ein literarisch denkender Mensch, so wie es bei anderen AutorInnen die ich kennenlernte, offenbar üblich war. Dieses Verkopfte, Enge, das lag mir nie. Ich lernte von Kerouac, dass man auch musikalisch schreiben kann, dass Kunst, Musik und Literatur zusammengehören. Auch den Mut zur Einfacheit. Kerouac schrieb sehr einfach. Keine Schachtelsätze, keine gewählte Ausdrucksweise-Nein, Umgangssprache, Slang. Dieses Reduzierte faszinierte mich. Vorher hatte ich immer gedacht, ich könne nur in gewählten Sätzen schreiben, möglichst kompliziert und abgehoben. Kerouac hat einfach etwas Eigenes kreiert-und damit das Thema Freiheit auf mehreren Ebenen abgearbeitet: 1. Persönlich-wie finde ich meine eigene Freiheit? Brauche ich dazu andere Menschen? 2. Politisch/Philosophisch: Welche Rolle spiele ich in der Welt, welche Freiheit kann ich mir nehmen, welche Grenzen kann ich überschreiten? Was macht mein Land mit meiner Freiheit, was macht die Freiheit der anderen Menschen mit mir? 3. Literarisch: Literarische Grenzen einreißen, Literatur neu defininieren.

Das könnt ihr lernen: Werdet einfach. Wählt ein Thema, schreibt alles einfach so auf, völlig unzensiert. Danach kommt das Redigieren und ordnen. Kaffee und Musik reichen da übrigens aus…Lasst euch vom Leben inspirieren. Manchmal sind ganz simple Lebensthemen wie Freundschaft, Liebe, Reisen die Besten. Lasst euch auf eine neue Sprache ohne Schnörkel ein, zensiert euch nicht selbst.

3. Illuminations von Arthur Rimbaud

Ich gebe zu: Es war dieses Bild auf dem kleinen orangen Reclambüchlein, von diesem Männlein mit Hut, langen Haaren und Pfeife, das ich irgendwie originell fand. Und meine etwas verzweifelte Suche nach guter Lyrik. Ich ahnte irgendwie, dass ich Gedichte schreiben konnte. Nur fehlten mir die Vorbilder. Die deutsche Romantik mochte ich zwar, doch ich suchte nach Liebe. Dieses spießig-Betuliche in den Reimen, das mich immer an Mädchen mit Blumenkränzen denken liess, an Großmütter auf Blümchensofas und Männer mit Haarkranz und Lesebrille, hielt mich davon ab, selbst Gedichte zu verfassen. Dann las ich Illuminations. Noch heute fehlen mir die Worte für die Begeisterung, die ich beim Lesen empfand. da wurde eine mythische Welt erschaffen, Sprache benutzt, statt sich ihr in netten Reimen zu beugen, Bilder im Kopf erzeugt, Gefühle in Worte gefasst, Zustände und menschliche Interaktionen erfasst, eine eigene poetische Sprache als Geheimsprache erfunden. Das war es, was ich die ganze Zeit gesucht hatte. Wir haben eine Alltagssprache, die die Dinge nur oberflächlich erfasst. Von der zweiten inneren Realität können wir nur hilflos stammeln. Rimbaud stammelt nicht, er hat dafür einfach eine eigene Sprache erfunden. Was die Texte nun genau bedeuten sollten-das weiß ich bis heute nicht. Gut so. Denn dass ein Gedicht etwas freies ist, dass vom Leser auf einer anderen Ebene erfasst wird-das begriff ich damals.

Was ich gelernt habe: Das ist schnell erzählt: Ich setzte mich hin und schrieb mein erstes Gedicht. Und das zweite und dritte…um es mit Rimbaud zu sagen: ich hatte mich als Dichter erkannt. Und damit auch erkannt, dass ich nicht reimen musste.

Das könnt ihr lernen: Beobachtet, seht genau hin, versucht Stimmungen zu erfassen. Und dann eine zweite Realität zu erschaffen. Auch Gedichte können eine Geschichte erzählen. Illuminations ist eine Geschichte, ein Film mit dramatischem Aufbau. Auch Gedichte können so funktionieren. Ein Gedichtband kann auf diese Weise ebenso ein Thema haben, eine Geschichte erzählen.

4. Uns verbrennt die Nacht Craig Kee Strete

Dieses Buch ist mir ein wenig peinlich, weil es in meiner Jugend eben so ein beliebtes Buch der Jugend war, dass man sich bei Parties weiterreichte, so ein etwas kitischiges Fanfictionding für Doors-Fans. So zumindest ist das Image des Buches. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus: Craig Kee Strete ist ein großartiger Schriftsteller, das Buch ein literarisches Meisterwerk. Es handelt eigentlich nicht von Jim Morrison, sondern von einer sehr, sehr dunklen Identitätssuche in der Drogen-und Musikszene von L.A. Der beste Freund im Buch heißt Jim Morrison, könnte aber genauso gut auch ganz anders heißen. Es ist die Identitätssuche eines Entwurzelten, oft kaum zu ertragen, weil so dermaßen düster und realistisch, so sehr isoliert und einsam. Dabei poetisch geschrieben, oft eher wie ein langes Gedicht. Wie die Musik von Lana del Rey, die ja ebenfalls diese Welt thematisiert, die Einsamkeit und die Flucht in Drogen-Alkohol-und Sexexzesse. Und wie ihre Songs, nervt die etwas zu weinerliche Emotionalität ein wenig. Ja, manchmal hat das Buch durchaus Groschenromanpotential. So wie Lana del Rey auch ab und zu an „Fifty Shades of Grey “ erinnert. Und doch war dieser Roman, der so atmosphärisch dicht wie ein langes Gedicht ist, ein Vorbild für mich. So lebendig wollte ich ebenfalls schreiben können. Die dramatische Stimmung des Buches passt gut zu den Empfindungen einer 16jährigen. Jetzt kann ich es einfach nicht mehr lesen. Um es mit Lana del Rey zu sagen: „No One´s gonna take my Soul away. Living like Jim Morrison“.

Das habe ich gelernt: Lange dachte ich, dass ich nur Gedichte schreiben könnte. Das Poesie auch als Roman funktioniert, zeigte mir dieses Buch.

Das könnt ihr lernen: Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der mir positiv bei diesem Roman auffiel: Es gibt viele Romane, die sich thematisch um Drogen und Parties, Sex und RocknRoll drehen. Viele sind grottenschlecht, weil die Autoren ohne Seele schreiben und nur um einen  Schockeffekt zu erzeugen. Eigene Verletzlichkeit und Persönliches in einen Text  zu legen, kann Überwindung kosten. Doch wenn ihr glaubhaft vom Exzess schreiben wollt, muss da eure eigene Seele drin sein. Und eine Fähigkeit, Poesie zu erkennen, selbst im dunkelsten Moment.

5. der große Gatsby von F.Scott Fitzgerald

Kein Roman hat mich je wieder so beeindruckt und nachhaltig beschäftigt. Viele Jahre habe ich versucht, den Kern dieser Geschichte, den Subtext, zu begreifen. Oft ist es eine einfache Geschichte, die eigentlich eine große, allumfassende Geschichte in sich enthält. Ein Mensch, der zum Sehnsuchtsobjekt wird. Zum Sinnbild für alles Gute, Echte, zum „grünen Licht“, das im Roman immer wieder als Symbol auftaucht. Ein mittelloser Mann, der sich in eine wohlhabende Frau verliebt und glaubt, ihr erst ebenbürtig werden zu müssen um ihre Liebe zu verdienen. Die Vision, die er immer von sich hatte-Daisy gibt ihm die Motivation dazu, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Und als er sich endlich neu erschaffen hat, ist sie verheiratet. Nicht glücklich, aber fest eingebettet in eine Welt, zu der er niemals Zutritt haben wird. Denn Gatsby ist ein Romantiker. Er gibt prunkvolle Parties in der Hoffnung, sie auf diese Weise zu treffen. Was ich bei diesem Roman so ergreifend finde, ist, dass es um mehr geht, als eine Liebe, die nicht sein darf, weil einer der beiden Protagonisten verheiratet ist. Es sind die verschiedenen Welten, die beide voneinander trennen. Gatsby wird nie dazugehören, weil er nicht in diesen Reichtum hineingeboren wurde. Weil er nicht skrupellos, nicht rücksichtslos ist. Weil er brutal ehrlich ist, seine Gefühle in den Vordergrund stellt und dabei übersieht, dass Daisy das überhaupt nicht möchte. Er sieht sie als Individuum, doch sie ist Teil dieser  Welt. Sie ist nicht loyal, sie ist wankelmütig und rücksichtslos. Das unbedingte Festhalten an der Illusion bringt ihn schließlich um-und nur sein Freund Nick Carraway, der Erzähler, erkennt das Problem: Gatsby hat sich auf Menschen verlassen, denen er nichts bedeutet. Er hat geglaubt, im Reichtum Anerkennung zu finden. Doch bei seiner Beerdigung fehlen all die Menschenmassen, die sonst täglich in seinem Haus feierten.  Da werden viele Geschichten gleichzeitig erzählt: Dass man sich mit Geld weder Liebe noch Freundschaft kaufen kann. Die Geschichte eines einsamen Mannes. Die eines typischen amerikanischen Aufsteigers. Die Geschichte einer unglücklichen Liebe. Die Geschichte einer Freundschaft. Und das Porträt einer Generation, der „Lost Generation“ der 120er. Und noch viele mehr….

Das habe ich daraus gelernt: Ich begriff , dass man mit einer ganz einfachen Allerweltsgeschichte sehr viel erzählen kann. Dass man nicht mal viele Worte braucht.

Das könnt ihr daraus lernen: Ihr müsst nicht immer eine superkomplizierte Story mit tausend Protagonisten und verschachtelten Sätzen erfinden. Ihr müsst nicht ein „wichtiges Thema“ verarbeiten, nur weil ihr etwas mit „Sinn und Tiefe“ schreiben wollt. Schreibt das Einfachste auf, das euch einfällt. Hauptsache, es kommt aus eurem Herzen. Und dann schaut,  was der Subtext dieser Geschichte ist. Entdeckt, was die Motivation eurer Figuren sein kann. Was beschäftigt euch selbst? Welche Themen berühren euch persönlich?

 

so, das war Teil 1. Teil 2 folgt bald….Viel Spaß beim Lesen und Schreiben. Schreibt gern eure Fragen und Erfahrungen in die Kommentarspalten.

Mein Buch „Filme fahren“ könnt ihr hier bestellen: u.melzer@live.de

 

Ein bisschen Respekt

Es ist Advent. Eine besinnliche Zeit beginnt. Deshalb möchte ich heute mal nichts schreiben, das sich speziell auf mein Buch bezieht. Es geht um etwas, das ich in letzter Zeit oft vermisst habe: Respekt.

Demokratie, Dialog und Redefreiheit

Es ist toll, dass wir sagen können was wir möchten. Doch was bedeutet das eigentlich? Darüber scheint sich niemand so recht im Klaren zu sein. Für viele Menschen, die immer wieder von Demokratie und Dialog reden, scheint es nur darum zu gehen, ihre Meinung einfach herauszuschreien. Sie wollen pöbeln, beleidigen und das ohne Konsequenzen. Sie wollen, dass die anderen, die von ihnen beleidigt werden, stillhalten und es im Namen der Demokratie einfach geschehen lassen. Denn schließlich „dürfen“ sie das ja. Natürlich. Niemand wird sie daraufhin einsperren. Das bedeutet doch aber nicht, dass ihr Handeln keine Konsequenzen hat. Und nun komme ich doch wieder zu meinem Buch. Denn da ist das nicht- reden -dürfen ein großes Problem für meine Figuren. Da sie alle gläubig sind, ist es auch die Religion, die sie nicht frei ausleben dürfen. Ich weiß wie sich das anfühlt. Und ich möchte mich nie wieder rechtfertigen für das was ich glaube und bin. Und doch muss ich es immer wieder. Weil es viele Menschen gibt, die sich eine Welt ohne Religion wünschen, weil die doch an allem schuld ist. Ohne Religionen lebten wir alle glücklich in Frieden. Diese Überzeugung gibt ihnen das Recht, so glauben sie, wie Kinder zu lästern, sich über Gläubige aller Religionen lustig zu machen. Diese Menschen tun ihn nichts. Sie missionieren sie nicht, drängen sich nicht auf. Doch allein ihre Existenz reicht schon aus. Einen Dialog wollen diese „Kritiker“  nicht. Sie wollen eine Unterwerfung. Ein Bekenntnis zum Atheismus. All das hat nichts mit Religionskritik zu tun, die wichtig ist. Religionen können und müssen kritisiert werden. Und Kritik, Ablehnung, Satire, all das gehört dazu. Gern auch mal etwas heftiger. Doch wenn Menschen angegriffen werden, weil sie an die Existenz eines Gottes glauben, ist das keine Kritik an Gesetzen, Regeln, menschengemachter Ideologie. Dann ist das ein Eingriff in die Privatsphäre. Dann zwingt man Menschen dazu, sich für ihre Gefühle, Gedanken und Überzeugungen zu rechtfertigen. Drängt sich ihnen auf, bevormundet und erzieht.  Ich kann sowas nicht einfach ignorieren. Ich kann es nicht ignorieren, wenn Menschen die Demokratie und Meinungsfreiheit anführen, wenn sie anderen ihre Meinung nicht gönnen wollen. Wenn sie sich über Dicke, Homosexuelle, Religiöse lustig machen  oder einfach nur mal „dumme Sau“ sagen wollen. Die umgekehrt allerdings kein noch so zartes, kritisches Wörtchen dulden. Das ist dann böse und gemein, dann ist man bevormundend, mischt sich ein oder  ist einfach nur eine dumme Sau. Und was machen die Vernünftigen? Sie schweigen. Dabei haben sie genauso das Recht, ihre Stimme zu erheben wie die Pöbler. Vielleicht geht es nicht immer darum, recht zu haben. Vielleicht wächst man gerade in der Auseinandersetzung. Vielleicht schämt man sich irgendwann für das was man mal gesagt hat. Aber was ist denn die Alternative? einfach ruhig bleiben und den Lauten das Feld überlassen? Es geht mir nicht darum, sich gegenseitig nur mit Samthandschuhen anzufassen. Nicht um Political Correctness. Nicht um zwanghaftes Nettsein. Es geht um Respekt für die Meinung des anderen. Ich muss sie nicht teilen. Ich muss aber auch nicht darüber herziehen und mich benehmen wie ein  Teenager, der es seinen Alten mal so richtig zeigen will.

Künstler in der Spielecke

Als ich meine ersten Artikel schrieb, suchte ich vergeblich nach Magazinen, Onlinezeitschriften und Blogs, bei denen ich mich als freie Texterin bewerben konnte. Doch ich fand stattdessen ominöse Online-Communitys“. Ich „darf“ Artikel schreiben, Geld bekomme ich dafür nicht. Warum? Keine Ahnung. Je mehr solcher Aufrufe ich las, desto stärker wurde das Bild eines kleinen Kindes, dass unbedingt schreiben will. Was machen wir nur mit dem Problemkind? Komm doch in die Online-Community, da sind andere schreibwütige Kinder. Da könnt ihr euch austoben. Ähnlich erlebe ich das auch wenn ich Lesungen machen möchte: Zuerst wird mir immer gesagt, dass eh kaum jemand Interesse an „Vorlesungen“ habe, dann, dass ja kaum noch gelesen wird, dass man am Abend Besseres zu tun hat, als an einer Lesung teilzunehmen. Und wer sich doch dazu herablässt, mal bei einer Lesung „vorbeizuschauen“ bleibt natürlich nicht. Manche kommen nur vorbei, um für ihr Konzert/Ausstellung/Lesung zu werben und gehen dann wieder. Eine Lesung sei keine Party, deshalb müsse man die ganze Zeit verkrampft rumsitzen und Geld ausgeben für einen unbekannten Autoren, das wäre ja noch schöner….AArgh!  Kunst, Musik, Literatur soll einfach immer da sein. Wie Schnee, der einfach so vom Himmel fällt.  Respekt muss man diesen Schneeflocken nicht geben. Doch ohne diesen Respekt gibt es all das nicht mehr. Eine Welt ohne Kunst, Musik und Literatur wäre nicht mehr lebenswert. Man muss einem kreativen Menschen keine Spielecke geben, damit er sich austoben kann, sondern Respekt für seine Arbeit. Natürlich kann eine Lesung eine Party sein. Ein schöner Abend, der zum gemeinsamen Feiern genutzt wird. Der Spaß macht, weil die Zuhörer Interesse an dem Buch haben, das vorgelesen wird. Weil sie Lust auf ein Gespräch haben. Oder einfach nur Zuhören möchten. Betrinken, Handy anlassen, alles kein Problem. Ein Problem habe ich mit respektlosen Menschen, die nicht das geringste Interesse für die Veranstaltung aufbringen,die sie besuchen.  Sehr schön dargestellt wird das bei der Netflix-Serie „Nola Darling“ , einem Remake des Spike-Lee-Klassikers „She´s gotta have it“. Im Mittelpunkt steht eine junge Künstlerin aus Brooklyn. Ihre erste Ausstellung wird ein Desaster, weil ihr als unerfahrener Newcomerin kein Respekt entgegengebracht wird. Ein Künstler kommt eigentlich nur, um Werbung für seine eigene Kunst zu machen. Er glaubt, als junge Künstlerin, die noch unbekannt ist, könnte sie vielleicht sein Fan werden. Die Ausstellung selbst interessiert ihn nicht.

Und was wenn es einfach nicht klappt?

Manchmal geht es einfach nicht mehr. Wenn dein Mitmensch dämliches Zeug erzählt und du ihm sagst: Interessant. Und heimlich denkst du-Moment. Sieht so ein Dialog aus? Darf ich wirklich nie wütend sein? Darf ich nicht mal ehrlich sein? Nein, das wäre ja aggressiv und wer weiß, vielleicht liegt er ja richtig…ach nee, richtig und falsch gibts ja nicht, jede Meinung ist ok. Gut, dann lass ich ihn einfach labern. Und dann gehe ich, weil ich noch was Wichtiges vorhabe….Oder wenn du auch nach stundenlanger Diskussion immer noch von deinem Standpunkt überzeugt bist und dich deswegen schlecht fühlst, weil du dich nicht auf eine andere Meinung einlassen kannst. Wenn du auf einer langweiligen Lesung bist und einfach nur schreien willst: Aufhören! Und dann gehst du früher und bdeankst dich für den tollen Abend. Dieses Verhalten führt zu nichts, nur zu großer Unzufriedenheit. Kommen wir uns so näher? Nein, wir entfernen uns voneinander mit dieser aufgesetzten Freundlichkeit.  Ich glaube, Respekt hat nicht immer was mit der Wortwahl zu tun. Wenn wir andere Meinungen und Wörter zensieren, bringt uns das nur näher an eine unfreie, diktatorische Gesellschaft. ich liebe unsere bunte, vielfältige Welt. Ich liebe es, dass wir alle nebeneinander existieren, dass wir uns auf die Nerven gehen , streiten, unterschiedlich sind und doch in vielem so gleich. Deshalb möchte ich weiterhin unterschiedliche Menschen kennen. Doch wenn sie gegen diese Meinungsvielfalt sind und doch selbst ihre Meinung frei äußern möchten, wenn sie Andersdenkende bedrohen oder beleidigen, wenn sie einem Menschen das Gefühl geben, nichts wert zu sein, dann ziehe ich mich zurück. Weil dann der Respekt fehlt, die Grundlage für jeglichen Dialog. Ich werde es nie bereuen, dass ich einem Mann der mich mal auf einer Party regelrecht totquatschte, das sagte, was ich in diesem Moment dachte: Du redst nur Scheiße.  Er lachte. Und danach entwickelte sich das Gespräch noch richtig gut. Weil wir offen und ehrlich über Gott und die Welt redeten. Wir waren viele unterschiedliche Menschen, die alle von ihrem Standpunkt überzeugt waren. Doch an diesem Abend versuchten wir, einander zu verstehen. Wir stritten, beleidigten uns und trotzdem war die Atmosphäre nicht mal ansatzweise aggressiv. Im Gegenteil. Weil es irgendwann nicht mehr um uns ging, sondern um die Sache selbst. Und weil wir uns von zu hoch gesteckten Idealen verabschiedeten und einfach nur ehrlich waren. Plötzlich fand ich es gar nicht mehr so schwer, andere Meinungen zu akzeptieren.

Ich wünsche euch eine friedliche, lebendige Adventszeit. Mit ganz viel Respekt.

mein Buch „Filme fahren“ könnt ihr ganz bequem hier bestellen: u.melzer@live.de

Schreiben als Therapie Part 2

Schreiben als Therapie Part 2

Mein letzter Sonntag war schoen. Ich besuchte eine Open-Air-Lesung und kaufte zwei tolle Buecher auf dem Flohmarkt, mit denen ich dann im Park saß. Ich dachte viel nach, weil die Lesung viele Fragen aufwarf,die mich beschaeftigen, schon seit langer Zeit. Die Autorinnen hatten sich der Lyrik und Kurzprosa verschrieben. Sie sagten etwas, das ich auch denke: Warum gilt in Deutschland nur ein Roman als „richtige“ Literatur? Es gibt viele Formen. Und das ist eben unsere.

Da war es. Ganz einfach und klar ausgedrueckt. Das Dilemma der Dichter. Ich wollte eigentlich nie Romane schreiben. Ich verstand nicht, warum Gedichte nicht verstanden werden. Doch so ist es. Das kann ich nach langer Forschung auf diesem Gebiet sagen: Lyrik ist hierzulande ein schwieriges Thema.  Weil sie noch mehr als erzählende Literatur, wörtlich genommen wird. Lyrik wird nicht mehr als Kunstform verstanden. Kurze Texte, egal ob Prosa , Lyrik, Songtexte: Sie werden so wörtlich genommen, wie einige evangelikale Christen die Bibel wörtlich nehmen. Da bleibt kein Raum für Fantasie oder Kontext.  „Um wen ging es denn in dem Text?“ wird gefragt. Egal, welche Songs ich schreibe, immer werde ich danach gefragt, um welchen Mann es dabei geht. Selbst wenn das gar nicht Thema des Songs ist. Lese ich Gedichte vor, denken die Zuhörer, ich beschreibe da meine Lebenserfahrungen. Und stellen mir dann komische Fragen. In „Filme fahren“ habe ich das mal aufgeschrieben. Da veranstalten Rena, Milosch und Karen ein Konzert. Rena wird dann gefragt, wie sie in ihrem Alter denn schon soviel Lebenserfahrung haben kann. Das wurde ich mal bei einer Lesung gefragt. Die Frau aus dem Publikum dachte, ich beschreibe da mein Liebesleben und wollte dann mit mir über meine persönlichen Erfahrungen sprechen. Als ich ihr sagte, dass ich diese Texte auf Grundlage von Beobachtungen in der U-Bahn verfasst hatte, sah sie mich ratlos an. Ich erklärte ihr, dass ich mich in die Leute, die ich beobachtete, hineinversetzte und mit eigenen Emotionen zu einer Geschichte machte. Dass mich Menschen, Zeitungsartikel, Filme, Kunst, Musik und das eigene Leben zu eigenen Geschichten inspirieren. Die Frau war, wie alle dieser Zuhörer, sehr nett und höflich. Sie dachte wirklich, dass es bei Dichterlesungen darum geht: Einen öffentlichen Seelenstriptease. Natürlich öffnen kreative Menschen ihre Seele immer mehr als Andere. Doch das funktioniert nicht, wenn sie fremde Menschen pornoesk an ihren privaten Erfahrungen teilhaben lassen.

Ich vergleiche Gedichte  gern mit abstrakter Kunst, Kurzfilmen und Songs. Eine Art zweite Realitaet. Ich nehme mein Leben oder beobachte. Lasse mein Unterbewusstsein sprechen. Was dann herauskommt, ist genauso echt und wahr,  wie der Ausgangspunkt. Wenn ich eine Landschaft male, ist die auch im abstrakten Gemaelde zu erkennen. Wenn ich dem Kurzfilm einen Titel gebe, ist der auch Teil des Films. Wenn ich einen Song schreibe, ein Album aufnehme, entwerfe ich eine Art zweite Realitaet zu meiner Alltagsrealitaet. Und genau damit koennen viele Menschen nichts anfangen. Gut beobachten laesst sich das bei Lana del Rey und Beyoncé. Lange hat niemand verstanden, was Lana del Rey tut. Ihre depressiven Klagelieder, das rueckstaendige Frauenbild, die Nostalgie, die Amerikaflagge-all das wurde woertlich genommen : Eine depressive, schwache Frau,  die sich immer in den falschen Kerl verliebt und sich ihm unterwirft. Eine Patriotin,  die dem Amerika alter Zeiten nachtrauert und nichts von Feminismus haelt. Pfui!

Liest man Interviews mit der Saengerin, ergibt sich ein ganz andetes Bild: Elizabeth Grant ist ein froehlicher Mensch, Sozialarbeiterin aus New York, Saengerin und Songschreiberin aus der alternativen Downtown-Szene. Als Jugendliche hatte sie eine Weile ein Alkoholproblem und  Beziehungen zu  Maennern aus der Drogenszene. Diese Zeit inspiriert sie zu ihren Songs. Das und ihre Liebe zur Literatur, v.a.  Gedichte  der Beat-Autoren.  Sie reagierte in Interviews erstaunt, dass Kritiker sie für eine depressive und das alte Hollywood verehrende, naive Möchtegern-Marianne Faithful hielten. Ihre Gedichte und Videos  werden bei ihr zu dieser  zweiten Realitaet. Zu einem Film ueber einen weiblichen amerikanischen Outlaw: Die Diva Lana del Rey, die in der Liebe und Hingabe eine Droge und Religion findet. Die bei wilden Maennern Freiheit sucht und verliert.  Und diese Freiheit nun am Ende ihres neuen Albums „Lust for Life“ bei sich selbst gefunden hat. Die erste Single „Video Games“  schrieb sie, als in ihrem Leben nicht viel passierte. Als sie als Außenseiterkind mit ihrem Außenseiterfreund in einer schaebigen Bude lebte, sie klimperte auf ihrer Gitarre, er spielte Videospiele. Zwei Unscheinbare,  Unbekannte, die gluecklich in ihrer eigenen kleinen  Welt lebten.

„Born to die“ handelt von einer Beziehung zu einem Suechtigen. Davon,  wie man sich immer gegenseitig herunterzieht. Zumindest waren das die Ausgangspunkte. All das ist nichts Besonderes. Fast jeder Mensch hat in seiner Jugend Grenzerfahrungen gemacht, „krasse“ Leute getroffen, sich in  Gefahr begeben. Nun lebt die Sängerin mit ihren Geschwistern in einer WG und lebt dort ein normales Leben. Inspiration schöpft sie aus ihrer Jugend.  Was  diese Durchschnittserfahrungen besonders macht, ist die Kunstfigur Lana del Rey, Streicher, Kitsch,  Texte, die Realitaet überhöhen.

Beyoncé unterstellte man, ihr Album „Lemonade“ handele von den Affaeren ihres Ehemannes Jay-Z. Dabei war es ein Kunstwerk, vielleicht aus Eifersucht entstanden. Doch es geht ja um viel mehr. Um Rassismus, Emanzipation. Lemonade ist ein Kunstwerk. Es ist doch egal, was im Privatleben dieser Kuenstler passiert. Ob es jemals einen Seitensprung gab, ist nicht bekannt. Es geht um Kunst,  die immer weiter gehen muss, universell. Und sie verstehen es einfach nicht, die Kritiker die verzweifelt das Privatleben dieser „Stars“ ausspionieren und damit die Kunst kaputtmachen. Hat man David Bowie gefragt, ob Ziggy Stardust nur ein „Fake“ ist? Ihm gesagt, dass er ja total unauthentisch sei, weil er doch gar kein Außerirdischer ist. 😉 Und so weiter….Machen wir einen Rückschritt? Sind wir nicht mehr in der Lage, Kunst zu begreifen?

Wenn ich schreibe, geht es nie nur um ein Thema. Es geht um viele gleichzeitig. Wenn ich ein Liebesgedicht schreibe, habe ich viele Erlebnisse dabei im Kopf: Eigene, die Anderer, Filme, Buecher. Moechte ich ueber mich sprechen, tue ich das in Gespraechen mit Freunden. Gedichte sind unmittelbarer. Deshalb wird vermutet, es handele sich dabei um eigene Erfahrungen. Doch genauso wenig, wie ich in meinem Roman unmittelbare Erfahrungen aufschreibe, tue ich das bei Gedichten. Da sogar noch weniger.

Wie entstehen meine Gedichte?

Ich erlebe etwas, laufe durch die Stadt, sehe etwas. Und dann faengt es an. Ich nutze dieses Gefuehl und lasse mich unbewusst treiben. Ich sehe eine Geschichte vor mir. Oft sind es auch Songs, die mich inspirieren. Beispiel: Mein Gedicht „alte Wunden. “

Ich habe Zeitung gelesen und da das Wort Wunden entdeckt. Ploetzlich war es da: Alte Wunden. Daraus wurde ein Liebesgedicht. Ueber zwei Menschen, die sich an ihre Verletzungen gewoehnt haben. Ja , das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben sehr gut. Doch ein aktuelles Problem dieser Art hatte ich in diesem Moment nicht.

Das zweite Beispiel: Lost in Space. Da geht es um Nachrichten,  die eine Person ins Weltall sendet. Diese Metapher fand ich so toll. Sie stammt aber nicht von mir sondern von einer Freundin. Es ging darum, dass wir den Eindruck haben, dass die Menschen nicht mehr miteinander kommunizieren koennen. Sie schicken Botschaften ins All, hoffen,  dass sie jemand liest. Wir schreiben Nachrichten und wissen nicht,  ob sie jemand lesen wird. Wir ignorieren einander. Wir blockieren einander,  wenn uns Meinungen nicht passen. Wir sind ganz schnell voneinander genervt. Darueber dachte ich nach und hoerte dazu „Space Oddity“  von David Bowie. Ich nutze oft das Bild eines Liebespaars: Ich und du. Das machen Songwriter auch. Liebeslieder sind auch oft Freunschaftslieder. Das Liebespaar ist ein Symbol. Meine Gedichte koennen von euch so benutzt werden,  wie ihr es wollt. Als Liebeskummergedichte, als Hassgedichte, als Freundschaftsgedichte, als politische Gedichte. Nur eines stoert mich: Wenn Gedichte nur dazu da sind, das Privatleben des Dichters zu erforschen. Das ist nicht wichtig,  das zaehlt nicht. Weil da viel mehr drin ist,  als mein Privatleben, mehr als eigene Gefuehle. Es interessiert mich nicht,  ob Saengerin  Y  in diesem Song die Trennung von Thomas X verarbeitet. Ich kenn sie ja nicht. Und wenn sie Kuenstlerin ist,  ist da hoffentlich ,  mehr drin als diese eine Trennung. Das ist eben dieses Missverständnis: Wenn ich schreibe, schreibe ich nicht Tagebuch. Wenn ich eine Therapie besuche, Tagebuch schreibe oder mich mit Freunden zusammensetze um über Probleme zu sprechen, ist das keine Kunst. Es ist nicht kreativ. Wenn ich jedoch einen Songtext oder ein Gedicht schreibe, bedeutet das, ich verlasse den geschützten Rahmen des privaten Kummers, ich erweitere meine Emotionen, mische sie mit denen Anderer, mit allem, was gerade so in der Welt, in meiner Stadt , geschieht. Erschaffe eine eigene Welt. Diese Welt ist ein wichtiger Schutzraum, ohne den wir Menschen nicht leben könnten.  Es ist die Welt der Kunst, Poesie, Literatur, Musik. Sie hilft uns, die Welt zu verstehen. Und auch wenn es in Gedichten und Songs sehr direkt zugeht, bedeutet das nicht, dass genau das gerade bei den Dichtern in ihrem Leben passiert. Viele Menschen glauben tatsächlich, Gedichte und Songs sind Bestandsaufnahmen, eine Art Dokusoap des eigenen Lebens. So funktioniert das aber nicht. So kann ich Leser nicht erreichen. Ich will nicht öffentliche Therapiestunden abhalten. Ich will nicht bei Lesungen über das Liebesleben eines mir völlig unbekannten Menschen informiert werden. Dichten hat mir dazu verholfen, mich nicht als einzelnes Individuum, sondern als  Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Nicht nur mir passieren immer diese schlimmen Dinge-die passieren uns allen. Und wer in der Lage ist, sie auf eine andere Ebene, die der Kunst, zu verlagern, kann anderen Menschen helfen-das kann dann durchaus therapeutisch wirken. Für beide Seiten.

 

vom Aushalten

vom Aushalten

In letzter Zeit-eigentlich seit Beginn der sozialen Medien-höre ich immer wieder die Überzeugung, dass man Trolle nicht füttern, auf Hass im Netz nicht reagieren und Hater einfach ignorieren soll. Beleidigungen sollen einfach ausgehalten werden. Denn das sei klug. Der Klügere gibt doch nach oder etwa nicht? Diese Haltung gab und gibt es natürlich auch im sogenannten realen Leben. Auf Hass einfach nicht zu reagieren, das wird Frauen und Mädchen häufiger gesagt als Männern. Ja, auch mir wurde das so beigebracht: Immer ruhig, immer nett sein. Damit zeigst du Überlegenheit. Diplomatisch sollen wir Frauen sein, ausgleichend. Und wenn wir beleidigt werden, einfach hinnehmen, einfach schlucken. Dahinter steckt die meiner Meinung nach irrige Annahme, das wirke irgendwie souverän, das würde die Angreifer beeindrucken und Stärke ausstrahlen. Was für ein Schwachsinn!

Ich habe mich lange nicht getraut, das so offen zu sagen. Ich wollte ja diplomatisch, souverän und cool sein. Das bin ich aber nicht. Ich könnte kotzen, wenn Männer mal ordentlich auf den Tisch hauen und Frauen, wenn sie das machen die komischen Nervensägen sind. Ich werde wütend wenn ich angegriffen und aggressiv beleidigt werde. Ich will dann zurückbeleidigen. Es wirkt nicht souverän, wenn sich die Angegriffenen einfach wegducken oder lächeln. Es wirkt defensiv. Schwach. Masochistisch. Es ändert nichts am Verhalten der Pöbler. Im Gegenteil. Wenn ihnen niemand Kontra gibt, wenn niemand kritisiert was sie tun, fühlen sie sich im  Recht.

Manchen Menschen wird einfach nie gesagt, dass sie unrecht haben, sie werden nicht kritisiert. Weil sie anstrengend sind und bei der kleinsten Kritik an die Decke gehen. Weil das nervt, versucht man, diese Diven nicht zu verärgern. Was ihr divenhaftes Verhalten nur schlimmer macht. Sie glauben dann, sie hätten das Recht, fremde Menschen einfach so zu beleidigen. Mama hat sie ja auch nie dafür kritisiert….

Es geht nicht darum, diese Menschen zu ändern. Es geht darum, sich zu wehren. Weil defensives Verhalten depressiv macht. Man schickt damit an sich und Andere eine Botschaft: Ich verdiene das. Ich bin klein und schwach. Ich kenne meinen eigenen Wert nicht.

Ich habe das in meinem Leben immer und immer wieder erlebt: In der Kindheit sollten sich Mädchen nicht mit Jungs prügeln, nicht auf Beleidigungen reagieren. Sich später sowohl im Job als auch privat, aus Streitgesprächen heraushalten. Wenn sich doch mal eine Frau wehrte, war sie streitsüchtig oder gestört. Es betrifft aber nicht nur Frauen, auch viele Männer-gerade die Ruhigen und Sensiblen oder Schlauen, haben keine Lust sich zu wehren, weil „ihnen das zu blöd ist.“ Nun, mir ist es zu blöd, mich beleidigen zu lassen. Mir ist es zu blöd, ein lebender Sandsack zu sein. Ich glaube, die Möchtegernyogis machen sich was vor. Gelassenheit wird überschätzt. Ich mag Wut. Wut ist ein Zeichen von Lebendigkeit. Natürlich wollen wir alle gelassen und ausgeglichen leben. Doch das bedeutet nicht, Emotionen einfach abzuschalten. Das funktioniert eh nicht. Denn dann veranstalten sie im Unterbewusstsein eine Party.

Ich habe mal in einem Callcenter gearbeitet. Eigentlich ein toller Job für Schreiberlinge: Man sitzt gemütlich am Computer und kann nebenbei schreiben. Aber Callcentermitarbeiter sind halt auch eine Zielscheibe für frustrierte Menschen aller Art. Was wurde uns gesagt? Natürlich, auf Provokationen nicht reagieren. Immer freundlich bleiben! Ich fühlte mich irgendwann wie ein Zombie. Ich ging wütend nach Hause und pöbelte meine armen Freunde an, die doch nur ein nettes Telefongespräch mit mir führen wollten. Ich fühlte mich ausgebrannt obwohl dieser Job nun wirklich nicht anstrengend war. Ich war ständig traurig und schlecht gelaunt. Irgendwann reichte es mir: Ich schimpfte zurück. Nicht übermäßig , aber so, dass die Anrufer erkannten, dass mir die Beleidigung etwas ausmachte. Plötzlich war ich nicht mehr passiv. Ich zeigte den Leuten Grenzen auf. Und das tat gut! Ich wurde wieder ein Mensch und war sozial wieder einigermaßen kompatibel.

Wer schreibt und sich der Öffentlichkeit stellt, hört oft den Satz: Du hast dir das doch ausgesucht. Dann musst du das auch aushalten können. Das gehört zum Job. Nen Scheiß muss ich! Ich bin mittlerweile der  Meinung, niemand muss irgendwas aushalten, nur weil wir Kreative sind, die ihre Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren. Wir stehen nicht am Pranger. Wir müssen wehrhaft sein. Das finde ich viel wichtiger. Es gibt Selbstverteidigungskurse wennn man körperlich angegriffen wird. Ich finde, es müsste auch Selbstverteidigungskurse für verbale Angriffe geben.

Wenn ihr bei Veranstaltungen oder im Netz angegriffen werdet, weil eure Hauptfigur im zweiten Band stirbt , weil ihr eine andere Meinung zu einem Thema habt, weil euer Buch nicht den Erwartungen eines Lesers entsprach oder weil ihr einfach Frauen seid, versucht doch mal euch zu wehren. Man fühlt sich eh furchtbar. Ob man sich nun wehrt oder nicht. Aber wer sich wehrt wird aktiv. Und dann passiert etwas. Das bringt euch zurück ins Leben. Weil ich immer wieder in meinem Leben aus dieser Rolle  des lieben Mädchens ausgebrochen bin, haben mir schon viele Menschen gesagt, dass sie mir dankbar dafür sind, dass ich etwas gesagt habe. Und das zeigt mir, wie viele Menschen so denken und sich einfach nicht trauen. Aber was passiert denn dann schon ? Nichts. Die Welt geht nicht unter, alles geht weiter wie bisher. Nur dass ihr euch wieder wie ihr selbst fühlt. Es gibt allerdings Ausnahmen: Nach dem Motto, mit Terroristen verhandelt man nicht, diskutiere ich nicht mit offensichtlich Verrückten und gebe da nicht Kontra. Das erkenne ich leider manchmal  zu spät. Aber wenn ich es erkenne, ist mir das Thema nicht mehr wichtig genug. Extremen Menschen sollte man aus dem Weg gehen.

AutorInnen wird ja immer wieder gesagt, sie sollen auf negative Rezis nicht reagieren. Das ist richtig, denn im Normalfall handelt es sich dabei um die Meinung des Lesers und die steht ihm frei. Es kann sogar hilfreich sein, eine negative Kritik zu bekommen. So lassen sich eigene Fehler und Schwachstellen erkennen. Aber wer gemein wird, beleidigt und sexistisch wird, muss ebenfalls negative Kritik bekommen. Unterschätzt nicht eure Selbstachtung. Mich hat passives Verhalten dazu gebracht, diese Selbstachtung immer wieder zu verlieren. Und damit auch mein Schreibtalent. Irgendwie scheint Beides miteinander zusammenzuhängen.

Ich liebe ja Popmusik und finde in ihr Inspiration für meine Texte. Sehr gern höre ich die Musik der RNB-Sängerin Banks und der schottischen Electro-Band ChVRCHES. Beide haben dieses Thema angesprochen. Lauren Mayberry, die CHVRCHES-Sängerin, wurde oft von männlichen „Fans“ sexistisch beleidigt. Sie lächelte das nicht weg oder tat es als KLeinigkeit ab sondern wehrte sich.  Sie antwortete auf ekelhafte Beleidigungen im Netz und antwortete  einem Mann aus dem Publikum , der ihr einen „Heiratsantrag“ machte. Natürlich hatte der nicht mit einer Antwort gerechnet. Sie fragte ihn nur, ob diese Masche normalerweise für ihn funktionierte. Normalerweise wird von Musikerinnen erwartet, so etwas einfach wegzulächeln und weiterzusingen. Weil das ja schließlich „nicht schlimm“ ist. Hey, ist doch witzig. Der findet dich hübsch. Ist doch ein Kompliment. Verklemmte Zicke. Ja, ja. Frauen wissen, dass diese Bemerkung eben genau das nicht bedeutet. Sie ist ein Code für: Warum stehst du auf der Bühne im Mittelpunkt? Was bildest du dir ein?  Sie ist ein Machtanspruch. Eine Reviermarkierung. Menschen kommunizieren über solche symbolischen Formulierungen miteinander. Das war schon immer so. Ich erwarte nicht von Männern, dass sie das verstehen. Doch mit Sicherheit erleben auch sie Dinge im  Alltag, die wir Frauen nicht nachvollziehen können.  Sie sollten dann einfach mal zuhören und uns glauben. Wer das ein Leben lang erlebt, versteht es irgendwann. Und ja, oft wird auch übertrieben. Ich bekomme jedenfalls sehr gern Komplimente und freue mich darüber. Ich werde gern von Männern angesprochen und werte nicht jede Kontaktaufnahme als sexistisch. Auch das hat etwas mit Selbstachtung zu tun. Doch ich erkenne, wenn es um ein Herabsetzen, eine „Reviermarkierung“ geht. Lauren Mayberry sprach öffentlich über all das, was Frauen sonst brav herunterschlucken. Sie sprach darüber wie ätzend es ist, als Frau in der U-Bahn belästigt zu werden und so nicht mehr ohne Begleitung ausgehen zu können.  Was dann passierte? Sie wurde zum Hassobjekt. Und bekam gleichzeitig Respekt und Bewunderung. Weil ihre Texte, fast ausnahmslos darum kreisen: Um diesen Kampf zwischen Mann und Frau um Macht und Machtmißbrauch.  Jillian Banks hat ein Lied geschrieben, dass „Fuck with myself“ heißt. Diese Redewendung don´t fuck with me, bedeutet , verarsch mich nicht. In dem Song geht es darum, sich den Angreifern entgegenzustellen: Ihr könnt mich nicht verarschen. Das mach ich schon selbst. Ihr seht, das ist es , was ich meinte: Wer in die Defensive geht, will sich nicht angreifbar machen. Glaubt also, stärker zu sein. Video und Text zeigen jedoch, dass diese Haltung zu Selbsthass führt. Am Anfang  glauben viele Frauen, sie machen sich stark durch dieses demonstrative Ignorieren. Bis sie langsam den Bezug zu ihrer Identität verlieren. Natürlich machen Männer das auch-ich habe es einfach öfter bei Frauen erlebt. Auch politisch ist diese Einstellung detruktiv: Ich hasse mich selbst so sehr, dass mich sonst niemand mehr hassen kann.

Ich habe keine Lust, zu lächeln und mich selbst dabei zu hassen. Ich möchte nicht, dass andere Menschen, ob Männlein oder Weiblein, über mein Leben bestimmen. Dass sie mir sagen, wer ich bin. Und das ist die Botschaft des Songs: Ich muss mich selbst genug lieben um den Hass Anderer nicht persönlich zu nehmen. Ihn von meiner Person abzuwenden.  Und ich denke, das gelingt nicht, wenn wir uns die Verletzlichkeit verbieten. Zum Menschsein gehört auch meine Angst, meine Traurigkeit, Unsicherheit, Wut. All das will ich zeigen. Deshalb ist Frida Kahlo ein wichtiges Vorbild für mich. Weil sie in ihren Bildern alles zeigt, nicht vor dem Schmerz und der Angst davonläuft. Weil auf ihren Bildern das Leben zu sehen ist. Und Schriftsteller sollten nicht die Verbindung zu dieser Lebendigkeit verlieren. Denn ohne sie verlieren sie auch die Verbindung zu ihrer Kreativität.