Meine Lieblingsbücher

Den besten Rat, den ich allen  angehenden AutorInnen geben kann, ist der, viel zu lesen. Es ist verblüffend, wie schnell  ich die Fähigkeit zum Formulieren verliere, wenn ich  das Lesen für Netflix unterbreche. Wenn ich lese, tue ich etwas für mein Schreiben. Mein Wortschatz wird größer und auch der Mut, so zu schreiben, wie ich es will. Ich möchte euch in diesem Text etwas über die Bücher erzählen, die mich geprägt haben. Die ich immer wieder lese, weil gute Bücher irgendwann zu einem Teil des eigenen Lebens, der eigenen Persönlickeit werden.  Ich beschreibe euch, warum und in welcher Weise sie mein Schreiben beeinflusst haben und würde mich über eure Kommentare freuen: Welche Bücher haben euch beeinflusst? Wie haben sie euch beim Schreiben geholfen?

  1. Flugasche von Monika Maron

Ich war 14, als ich das Buch bei meinen Eltern entdeckte. Sie konnten nichts damit anfangen, ich war nach wenigen Seiten sofort fasziniert. Da war einmal der ganz eigene Schreibstil der Autorin, das Wechseln zwischen surrealer Traumwelt, Beschreibung inner Seelenzustände und realen Ereignissen. Die Ehrlichkeit, die poetische Bildsprache, die dieses Buch für mich zu einem Film werden liess. Dann die Story: Eine Journalistin wird eines Tages auf heftige Art und Weise mit der DDR-Realität konfrontiert, als sie über die Stadt Bitterfeld berichten soll. Schon vorher erlebt sie die lächerliche Kleingeistigkeit, die nicht mal einen Hauch Kritik in der Berichterstattung zulässt. Die Menschen, denen sie in Bitterfeld begegnet, diese krasse Konfrontation mit der Realität, verändern sie von grundauf. Waren es vorher allenfalls kritische Ansätze, wird die Kritik nun zur Realität. Eine Realität, die sie nicht zur strahlenden Heldin macht, sondern in die Isolation treibt. Nach und nach verliert sie alles was ihr wichtig ist: Die Arbeit, den Mann, die Freunde. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der besser die Alltagsrealität der DDR beschreibt: Die resolute, sympathische Kollegin und Freundin Luise, die im Sozialismus ihre Gegenthese zum Nazismus gefunden hat, die Einschränkungen gerne in Kauf nimmt, weil sie nicht daran glaubt, dass eine Demokratie wirklich möglich ist. Der Kollege Rudi, der im KZ Hundefutter essen musste und nun nur noch Suppen aus dem Restaurant „Ganymed“ verträgt. Die Kollegen, die sich im allabendlichen Suff ihr Leben schöntrinken. Und all diese Argumente-dass es ja immer schlimmer geht, hört man jetzt immer noch. Dass der Mensch bloß nicht zu viel wollen sollte. Was dann passiert, wenn man so denkt und im Defätismus verharrt, macht „Flugasche“ deutlich. Dabei werden politische und private Probleme so geschickt miteinander vermischt, dass dem Leser bewusst wird, wie alles miteinander zusammenhängt. Auch feministische Gedanken spielen eine Rolle-der Hass auf Frauen, die Rolle der bösen Hexe, die naive Kollegin Ulrike als Beispiel für eine Frau, die ihre Rolle richtig spielt und deshalb nie allein ist-auch das ist Teil eines großen Ganzen, eines Komplexes, den Monika Maron in einem einzigen Buch  geschickt zusammenbringt-die Erfahrungen der Großeltern im dritten Reich, die DDR-Alltagsrealität in den 1970ern, die privaten Probleme. Ich habe mich immer gewundert, dass der Roman nie verfilmt wurde, weil so visuell und gleichzeitig ungekünstelt erzählt wird.

Das habe ich gelernt: Dass man einfach so, frei Schnauze alles aufschreiben kann, auch das, was auf den ersten Blick „komisch“ erscheint, dass es keinen einheitlichen Stil braucht, dass man keine Angst vor großen Themen, keine Angst vor vielen Themen und privaten Themen haben muss-das lerne ich immer wieder von diesem Buch. Monika Maron beschreibt so schmerzhaft persönliche Szenen, die teilweise fast zu intim sind , aber gerade deshalb diesen Effekt beim Leser auslösen: Das kenn ich doch! Oft denken wir  beim Schreiben, unsere persönlichen Emotionen könne niemand verstehen. es sollte um größere, universellere Themen gehen. Dass alles ganz gut miteinander zu vereinbaren ist, beweist dieser Roman. Gerade durch die privaten Einblicke wird deutlich, wie sich  die sozialistische Realpolitik in der DDR auf das Leben der Menschen auswirkte.

Mein Tipp für euch: Ein individueller Stil ist etwas Besonderes-vielleicht das , was dich zu einem(r) guten SchriftstellerIn macht. So ein Stil polarisiert allerdings auch-Viele werden das erst einmal „komisch“ finden, nichts damit anfangen können.  Lass dich davon nicht beirren. „Ganz nett“ ist dann wohl eine Umschreibung, die du so gut wie nie zu hören bekommst.

2. On the Road von Jack Kerouac

Eine Schreibmaschine, eine Rolle Klopapier, weil gerade nichts Besseres da ist. Ein manischer Schriftsteller, der, angetrieben von Benzedrin, Kaffee und Jazz , wie wild in die Tasten hämmert. Das Ergebnis ist sein Lebenswerk, ein großartiges Buch, ein Wendepunkt in der Literaturgeschichte. Seine nachfolgenden Bücher waren, um ehrlich zu sein, meiner bescheidenen Meinung nach, schlecht. Jack Kerouac hat ein einziges gutes Buch geschrieben, aber was für eines. Ich habe das Buch mit 15 Jahren bei Hugendubel in Kassel entdeckt. Ein rosa Einband, der meine unklaren, romantischen Amerikavostellungen befeuerte. Ich war nicht sofort begeistert. Eher verstört von diesem Schreibstil, der wirklich etwas jazziges hatte-dieser Mann schrieb nicht wie ein Literat, sondern wie ein Musiker. Ich las das Buch am liebsten  unterwegs-da ging es auf einmal, da passte es. Die Story ist ziemlich einfach: Ein junger Mann erlebt im Amerika der 1950er einen endlosen Roadtrip mit seinem besten Freund. Sein Ziel: Freiheit. Den bedrückenden,  kleinbürgerlichen  Verhältnissen auf der endlosen Straße entfliehen, ein Leben in Armut dem Eigenheim , die Freundschaft der Ehe vorziehen. On the Road handelt von Amerika. Von einer Freiheit, die es nur damals gab, in den 1940ern und 1950ern, von Hillbillys und Jazzmusikern. Von der uralten Sehnsucht des Menschen, frei zu sein. Der Held Sal Paradise, muss sich immer wieder dieser Frage stellen: Schaffe ich es, auch innerlich frei zu werden? On the Road ist auch eine Liebesgeschichte. Zwischen Sal und seinem besten Freund. Dean Moriarty ist für Sal eher eine mythische Gestalt, die ihm den Weg zum Leben zeigt. Diese Euphorie und Lebenslust fasziniert ihn, die Kompromisslosigkeit, die auch eine dunkle, getriebene Seite hat, die auf andere Menschen verletzend wirkt. Treu ist Dean nur der Straße und seinem Freund-bis er auch ihn eines Tages im mexikanischen Dschungel zurücklässt. Doch Dean steht für Sal weiterhin als Symbol für die Feiheit, die er zu seinem Lebensthema macht. Für eine Suche nach der eigenen Wahrheit, der eigenen Identität, mit der Sal immer wieder hadert, weil er sich zu sehr an andere, lebendigere Menschen klammert. Die Abnabelung von seinem Vorbild muss eines Tages kommen, das wird dem Leser bald klar. Und am Ende habe ich mich selbst gefragt: Kannst du das? Frei sein? Gleichzeitig lernte ich viel über Amerika, über den Mythos und die Realität. Wer Amerika begreifen will, kommt an „On the Road“ nicht vorbei.

Das habe ich gelernt: Sich beim Schreiben von Musik inspirieren lassen-das kam mir entgegen. Denn ich war nie ein literarisch denkender Mensch, so wie es bei anderen AutorInnen die ich kennenlernte, offenbar üblich war. Dieses Verkopfte, Enge, das lag mir nie. Ich lernte von Kerouac, dass man auch musikalisch schreiben kann, dass Kunst, Musik und Literatur zusammengehören. Auch den Mut zur Einfacheit. Kerouac schrieb sehr einfach. Keine Schachtelsätze, keine gewählte Ausdrucksweise-Nein, Umgangssprache, Slang. Dieses Reduzierte faszinierte mich. Vorher hatte ich immer gedacht, ich könne nur in gewählten Sätzen schreiben, möglichst kompliziert und abgehoben. Kerouac hat einfach etwas Eigenes kreiert-und damit das Thema Freiheit auf mehreren Ebenen abgearbeitet: 1. Persönlich-wie finde ich meine eigene Freiheit? Brauche ich dazu andere Menschen? 2. Politisch/Philosophisch: Welche Rolle spiele ich in der Welt, welche Freiheit kann ich mir nehmen, welche Grenzen kann ich überschreiten? Was macht mein Land mit meiner Freiheit, was macht die Freiheit der anderen Menschen mit mir? 3. Literarisch: Literarische Grenzen einreißen, Literatur neu defininieren.

Das könnt ihr lernen: Werdet einfach. Wählt ein Thema, schreibt alles einfach so auf, völlig unzensiert. Danach kommt das Redigieren und ordnen. Kaffee und Musik reichen da übrigens aus…Lasst euch vom Leben inspirieren. Manchmal sind ganz simple Lebensthemen wie Freundschaft, Liebe, Reisen die Besten. Lasst euch auf eine neue Sprache ohne Schnörkel ein, zensiert euch nicht selbst.

3. Illuminations von Arthur Rimbaud

Ich gebe zu: Es war dieses Bild auf dem kleinen orangen Reclambüchlein, von diesem Männlein mit Hut, langen Haaren und Pfeife, das ich irgendwie originell fand. Und meine etwas verzweifelte Suche nach guter Lyrik. Ich ahnte irgendwie, dass ich Gedichte schreiben konnte. Nur fehlten mir die Vorbilder. Die deutsche Romantik mochte ich zwar, doch ich suchte nach Liebe. Dieses spießig-Betuliche in den Reimen, das mich immer an Mädchen mit Blumenkränzen denken liess, an Großmütter auf Blümchensofas und Männer mit Haarkranz und Lesebrille, hielt mich davon ab, selbst Gedichte zu verfassen. Dann las ich Illuminations. Noch heute fehlen mir die Worte für die Begeisterung, die ich beim Lesen empfand. da wurde eine mythische Welt erschaffen, Sprache benutzt, statt sich ihr in netten Reimen zu beugen, Bilder im Kopf erzeugt, Gefühle in Worte gefasst, Zustände und menschliche Interaktionen erfasst, eine eigene poetische Sprache als Geheimsprache erfunden. Das war es, was ich die ganze Zeit gesucht hatte. Wir haben eine Alltagssprache, die die Dinge nur oberflächlich erfasst. Von der zweiten inneren Realität können wir nur hilflos stammeln. Rimbaud stammelt nicht, er hat dafür einfach eine eigene Sprache erfunden. Was die Texte nun genau bedeuten sollten-das weiß ich bis heute nicht. Gut so. Denn dass ein Gedicht etwas freies ist, dass vom Leser auf einer anderen Ebene erfasst wird-das begriff ich damals.

Was ich gelernt habe: Das ist schnell erzählt: Ich setzte mich hin und schrieb mein erstes Gedicht. Und das zweite und dritte…um es mit Rimbaud zu sagen: ich hatte mich als Dichter erkannt. Und damit auch erkannt, dass ich nicht reimen musste.

Das könnt ihr lernen: Beobachtet, seht genau hin, versucht Stimmungen zu erfassen. Und dann eine zweite Realität zu erschaffen. Auch Gedichte können eine Geschichte erzählen. Illuminations ist eine Geschichte, ein Film mit dramatischem Aufbau. Auch Gedichte können so funktionieren. Ein Gedichtband kann auf diese Weise ebenso ein Thema haben, eine Geschichte erzählen.

4. Uns verbrennt die Nacht Craig Kee Strete

Dieses Buch ist mir ein wenig peinlich, weil es in meiner Jugend eben so ein beliebtes Buch der Jugend war, dass man sich bei Parties weiterreichte, so ein etwas kitischiges Fanfictionding für Doors-Fans. So zumindest ist das Image des Buches. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus: Craig Kee Strete ist ein großartiger Schriftsteller, das Buch ein literarisches Meisterwerk. Es handelt eigentlich nicht von Jim Morrison, sondern von einer sehr, sehr dunklen Identitätssuche in der Drogen-und Musikszene von L.A. Der beste Freund im Buch heißt Jim Morrison, könnte aber genauso gut auch ganz anders heißen. Es ist die Identitätssuche eines Entwurzelten, oft kaum zu ertragen, weil so dermaßen düster und realistisch, so sehr isoliert und einsam. Dabei poetisch geschrieben, oft eher wie ein langes Gedicht. Wie die Musik von Lana del Rey, die ja ebenfalls diese Welt thematisiert, die Einsamkeit und die Flucht in Drogen-Alkohol-und Sexexzesse. Und wie ihre Songs, nervt die etwas zu weinerliche Emotionalität ein wenig. Ja, manchmal hat das Buch durchaus Groschenromanpotential. So wie Lana del Rey auch ab und zu an „Fifty Shades of Grey “ erinnert. Und doch war dieser Roman, der so atmosphärisch dicht wie ein langes Gedicht ist, ein Vorbild für mich. So lebendig wollte ich ebenfalls schreiben können. Die dramatische Stimmung des Buches passt gut zu den Empfindungen einer 16jährigen. Jetzt kann ich es einfach nicht mehr lesen. Um es mit Lana del Rey zu sagen: „No One´s gonna take my Soul away. Living like Jim Morrison“.

Das habe ich gelernt: Lange dachte ich, dass ich nur Gedichte schreiben könnte. Das Poesie auch als Roman funktioniert, zeigte mir dieses Buch.

Das könnt ihr lernen: Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der mir positiv bei diesem Roman auffiel: Es gibt viele Romane, die sich thematisch um Drogen und Parties, Sex und RocknRoll drehen. Viele sind grottenschlecht, weil die Autoren ohne Seele schreiben und nur um einen  Schockeffekt zu erzeugen. Eigene Verletzlichkeit und Persönliches in einen Text  zu legen, kann Überwindung kosten. Doch wenn ihr glaubhaft vom Exzess schreiben wollt, muss da eure eigene Seele drin sein. Und eine Fähigkeit, Poesie zu erkennen, selbst im dunkelsten Moment.

5. der große Gatsby von F.Scott Fitzgerald

Kein Roman hat mich je wieder so beeindruckt und nachhaltig beschäftigt. Viele Jahre habe ich versucht, den Kern dieser Geschichte, den Subtext, zu begreifen. Oft ist es eine einfache Geschichte, die eigentlich eine große, allumfassende Geschichte in sich enthält. Ein Mensch, der zum Sehnsuchtsobjekt wird. Zum Sinnbild für alles Gute, Echte, zum „grünen Licht“, das im Roman immer wieder als Symbol auftaucht. Ein mittelloser Mann, der sich in eine wohlhabende Frau verliebt und glaubt, ihr erst ebenbürtig werden zu müssen um ihre Liebe zu verdienen. Die Vision, die er immer von sich hatte-Daisy gibt ihm die Motivation dazu, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Und als er sich endlich neu erschaffen hat, ist sie verheiratet. Nicht glücklich, aber fest eingebettet in eine Welt, zu der er niemals Zutritt haben wird. Denn Gatsby ist ein Romantiker. Er gibt prunkvolle Parties in der Hoffnung, sie auf diese Weise zu treffen. Was ich bei diesem Roman so ergreifend finde, ist, dass es um mehr geht, als eine Liebe, die nicht sein darf, weil einer der beiden Protagonisten verheiratet ist. Es sind die verschiedenen Welten, die beide voneinander trennen. Gatsby wird nie dazugehören, weil er nicht in diesen Reichtum hineingeboren wurde. Weil er nicht skrupellos, nicht rücksichtslos ist. Weil er brutal ehrlich ist, seine Gefühle in den Vordergrund stellt und dabei übersieht, dass Daisy das überhaupt nicht möchte. Er sieht sie als Individuum, doch sie ist Teil dieser  Welt. Sie ist nicht loyal, sie ist wankelmütig und rücksichtslos. Das unbedingte Festhalten an der Illusion bringt ihn schließlich um-und nur sein Freund Nick Carraway, der Erzähler, erkennt das Problem: Gatsby hat sich auf Menschen verlassen, denen er nichts bedeutet. Er hat geglaubt, im Reichtum Anerkennung zu finden. Doch bei seiner Beerdigung fehlen all die Menschenmassen, die sonst täglich in seinem Haus feierten.  Da werden viele Geschichten gleichzeitig erzählt: Dass man sich mit Geld weder Liebe noch Freundschaft kaufen kann. Die Geschichte eines einsamen Mannes. Die eines typischen amerikanischen Aufsteigers. Die Geschichte einer unglücklichen Liebe. Die Geschichte einer Freundschaft. Und das Porträt einer Generation, der „Lost Generation“ der 120er. Und noch viele mehr….

Das habe ich daraus gelernt: Ich begriff , dass man mit einer ganz einfachen Allerweltsgeschichte sehr viel erzählen kann. Dass man nicht mal viele Worte braucht.

Das könnt ihr daraus lernen: Ihr müsst nicht immer eine superkomplizierte Story mit tausend Protagonisten und verschachtelten Sätzen erfinden. Ihr müsst nicht ein „wichtiges Thema“ verarbeiten, nur weil ihr etwas mit „Sinn und Tiefe“ schreiben wollt. Schreibt das Einfachste auf, das euch einfällt. Hauptsache, es kommt aus eurem Herzen. Und dann schaut,  was der Subtext dieser Geschichte ist. Entdeckt, was die Motivation eurer Figuren sein kann. Was beschäftigt euch selbst? Welche Themen berühren euch persönlich?

 

so, das war Teil 1. Teil 2 folgt bald….Viel Spaß beim Lesen und Schreiben. Schreibt gern eure Fragen und Erfahrungen in die Kommentarspalten.

Mein Buch „Filme fahren“ könnt ihr hier bestellen: u.melzer@live.de

 

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Ein bisschen Respekt

Es ist Advent. Eine besinnliche Zeit beginnt. Deshalb möchte ich heute mal nichts schreiben, das sich speziell auf mein Buch bezieht. Es geht um etwas, das ich in letzter Zeit oft vermisst habe: Respekt.

Demokratie, Dialog und Redefreiheit

Es ist toll, dass wir sagen können was wir möchten. Doch was bedeutet das eigentlich? Darüber scheint sich niemand so recht im Klaren zu sein. Für viele Menschen, die immer wieder von Demokratie und Dialog reden, scheint es nur darum zu gehen, ihre Meinung einfach herauszuschreien. Sie wollen pöbeln, beleidigen und das ohne Konsequenzen. Sie wollen, dass die anderen, die von ihnen beleidigt werden, stillhalten und es im Namen der Demokratie einfach geschehen lassen. Denn schließlich „dürfen“ sie das ja. Natürlich. Niemand wird sie daraufhin einsperren. Das bedeutet doch aber nicht, dass ihr Handeln keine Konsequenzen hat. Und nun komme ich doch wieder zu meinem Buch. Denn da ist das nicht- reden -dürfen ein großes Problem für meine Figuren. Da sie alle gläubig sind, ist es auch die Religion, die sie nicht frei ausleben dürfen. Ich weiß wie sich das anfühlt. Und ich möchte mich nie wieder rechtfertigen für das was ich glaube und bin. Und doch muss ich es immer wieder. Weil es viele Menschen gibt, die sich eine Welt ohne Religion wünschen, weil die doch an allem schuld ist. Ohne Religionen lebten wir alle glücklich in Frieden. Diese Überzeugung gibt ihnen das Recht, so glauben sie, wie Kinder zu lästern, sich über Gläubige aller Religionen lustig zu machen. Diese Menschen tun ihn nichts. Sie missionieren sie nicht, drängen sich nicht auf. Doch allein ihre Existenz reicht schon aus. Einen Dialog wollen diese „Kritiker“  nicht. Sie wollen eine Unterwerfung. Ein Bekenntnis zum Atheismus. All das hat nichts mit Religionskritik zu tun, die wichtig ist. Religionen können und müssen kritisiert werden. Und Kritik, Ablehnung, Satire, all das gehört dazu. Gern auch mal etwas heftiger. Doch wenn Menschen angegriffen werden, weil sie an die Existenz eines Gottes glauben, ist das keine Kritik an Gesetzen, Regeln, menschengemachter Ideologie. Dann ist das ein Eingriff in die Privatsphäre. Dann zwingt man Menschen dazu, sich für ihre Gefühle, Gedanken und Überzeugungen zu rechtfertigen. Drängt sich ihnen auf, bevormundet und erzieht.  Ich kann sowas nicht einfach ignorieren. Ich kann es nicht ignorieren, wenn Menschen die Demokratie und Meinungsfreiheit anführen, wenn sie anderen ihre Meinung nicht gönnen wollen. Wenn sie sich über Dicke, Homosexuelle, Religiöse lustig machen  oder einfach nur mal „dumme Sau“ sagen wollen. Die umgekehrt allerdings kein noch so zartes, kritisches Wörtchen dulden. Das ist dann böse und gemein, dann ist man bevormundend, mischt sich ein oder  ist einfach nur eine dumme Sau. Und was machen die Vernünftigen? Sie schweigen. Dabei haben sie genauso das Recht, ihre Stimme zu erheben wie die Pöbler. Vielleicht geht es nicht immer darum, recht zu haben. Vielleicht wächst man gerade in der Auseinandersetzung. Vielleicht schämt man sich irgendwann für das was man mal gesagt hat. Aber was ist denn die Alternative? einfach ruhig bleiben und den Lauten das Feld überlassen? Es geht mir nicht darum, sich gegenseitig nur mit Samthandschuhen anzufassen. Nicht um Political Correctness. Nicht um zwanghaftes Nettsein. Es geht um Respekt für die Meinung des anderen. Ich muss sie nicht teilen. Ich muss aber auch nicht darüber herziehen und mich benehmen wie ein  Teenager, der es seinen Alten mal so richtig zeigen will.

Künstler in der Spielecke

Als ich meine ersten Artikel schrieb, suchte ich vergeblich nach Magazinen, Onlinezeitschriften und Blogs, bei denen ich mich als freie Texterin bewerben konnte. Doch ich fand stattdessen ominöse Online-Communitys“. Ich „darf“ Artikel schreiben, Geld bekomme ich dafür nicht. Warum? Keine Ahnung. Je mehr solcher Aufrufe ich las, desto stärker wurde das Bild eines kleinen Kindes, dass unbedingt schreiben will. Was machen wir nur mit dem Problemkind? Komm doch in die Online-Community, da sind andere schreibwütige Kinder. Da könnt ihr euch austoben. Ähnlich erlebe ich das auch wenn ich Lesungen machen möchte: Zuerst wird mir immer gesagt, dass eh kaum jemand Interesse an „Vorlesungen“ habe, dann, dass ja kaum noch gelesen wird, dass man am Abend Besseres zu tun hat, als an einer Lesung teilzunehmen. Und wer sich doch dazu herablässt, mal bei einer Lesung „vorbeizuschauen“ bleibt natürlich nicht. Manche kommen nur vorbei, um für ihr Konzert/Ausstellung/Lesung zu werben und gehen dann wieder. Eine Lesung sei keine Party, deshalb müsse man die ganze Zeit verkrampft rumsitzen und Geld ausgeben für einen unbekannten Autoren, das wäre ja noch schöner….AArgh!  Kunst, Musik, Literatur soll einfach immer da sein. Wie Schnee, der einfach so vom Himmel fällt.  Respekt muss man diesen Schneeflocken nicht geben. Doch ohne diesen Respekt gibt es all das nicht mehr. Eine Welt ohne Kunst, Musik und Literatur wäre nicht mehr lebenswert. Man muss einem kreativen Menschen keine Spielecke geben, damit er sich austoben kann, sondern Respekt für seine Arbeit. Natürlich kann eine Lesung eine Party sein. Ein schöner Abend, der zum gemeinsamen Feiern genutzt wird. Der Spaß macht, weil die Zuhörer Interesse an dem Buch haben, das vorgelesen wird. Weil sie Lust auf ein Gespräch haben. Oder einfach nur Zuhören möchten. Betrinken, Handy anlassen, alles kein Problem. Ein Problem habe ich mit respektlosen Menschen, die nicht das geringste Interesse für die Veranstaltung aufbringen,die sie besuchen.  Sehr schön dargestellt wird das bei der Netflix-Serie „Nola Darling“ , einem Remake des Spike-Lee-Klassikers „She´s gotta have it“. Im Mittelpunkt steht eine junge Künstlerin aus Brooklyn. Ihre erste Ausstellung wird ein Desaster, weil ihr als unerfahrener Newcomerin kein Respekt entgegengebracht wird. Ein Künstler kommt eigentlich nur, um Werbung für seine eigene Kunst zu machen. Er glaubt, als junge Künstlerin, die noch unbekannt ist, könnte sie vielleicht sein Fan werden. Die Ausstellung selbst interessiert ihn nicht.

Und was wenn es einfach nicht klappt?

Manchmal geht es einfach nicht mehr. Wenn dein Mitmensch dämliches Zeug erzählt und du ihm sagst: Interessant. Und heimlich denkst du-Moment. Sieht so ein Dialog aus? Darf ich wirklich nie wütend sein? Darf ich nicht mal ehrlich sein? Nein, das wäre ja aggressiv und wer weiß, vielleicht liegt er ja richtig…ach nee, richtig und falsch gibts ja nicht, jede Meinung ist ok. Gut, dann lass ich ihn einfach labern. Und dann gehe ich, weil ich noch was Wichtiges vorhabe….Oder wenn du auch nach stundenlanger Diskussion immer noch von deinem Standpunkt überzeugt bist und dich deswegen schlecht fühlst, weil du dich nicht auf eine andere Meinung einlassen kannst. Wenn du auf einer langweiligen Lesung bist und einfach nur schreien willst: Aufhören! Und dann gehst du früher und bdeankst dich für den tollen Abend. Dieses Verhalten führt zu nichts, nur zu großer Unzufriedenheit. Kommen wir uns so näher? Nein, wir entfernen uns voneinander mit dieser aufgesetzten Freundlichkeit.  Ich glaube, Respekt hat nicht immer was mit der Wortwahl zu tun. Wenn wir andere Meinungen und Wörter zensieren, bringt uns das nur näher an eine unfreie, diktatorische Gesellschaft. ich liebe unsere bunte, vielfältige Welt. Ich liebe es, dass wir alle nebeneinander existieren, dass wir uns auf die Nerven gehen , streiten, unterschiedlich sind und doch in vielem so gleich. Deshalb möchte ich weiterhin unterschiedliche Menschen kennen. Doch wenn sie gegen diese Meinungsvielfalt sind und doch selbst ihre Meinung frei äußern möchten, wenn sie Andersdenkende bedrohen oder beleidigen, wenn sie einem Menschen das Gefühl geben, nichts wert zu sein, dann ziehe ich mich zurück. Weil dann der Respekt fehlt, die Grundlage für jeglichen Dialog. Ich werde es nie bereuen, dass ich einem Mann der mich mal auf einer Party regelrecht totquatschte, das sagte, was ich in diesem Moment dachte: Du redst nur Scheiße.  Er lachte. Und danach entwickelte sich das Gespräch noch richtig gut. Weil wir offen und ehrlich über Gott und die Welt redeten. Wir waren viele unterschiedliche Menschen, die alle von ihrem Standpunkt überzeugt waren. Doch an diesem Abend versuchten wir, einander zu verstehen. Wir stritten, beleidigten uns und trotzdem war die Atmosphäre nicht mal ansatzweise aggressiv. Im Gegenteil. Weil es irgendwann nicht mehr um uns ging, sondern um die Sache selbst. Und weil wir uns von zu hoch gesteckten Idealen verabschiedeten und einfach nur ehrlich waren. Plötzlich fand ich es gar nicht mehr so schwer, andere Meinungen zu akzeptieren.

Ich wünsche euch eine friedliche, lebendige Adventszeit. Mit ganz viel Respekt.

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Der kleine Unterschied

Der kleine Unterschied

Ich arbeite gerade an meinem Buch „Mädchen“: Eine Sammlung verschiedener Kurztexte: Gedichte, Geschichten, Essays, zum Thema-ja, was eigentlich? Feminismus stimmt so nicht. Vielleicht könnte man am ehesten sagen: Es geht um meine Wahrnehmung des Mysteriums namens Weiblichkeit. Meiner und die anderer Frauen, denen ich begegnet bin. Es geht um diesen kleinen Unterschied, der uns immer wieder von anderen Menschen separiert. Wir wollen das nicht. Es fühlt sich nicht gut an. Warum? Liebe Männer, stellt euch mal vor, ihr würdet immer, stets und ständig auf eure „Männlichkeit“ angesprochen, nach ihr beurteilt werden. Nervig, oder? Stellt euch vor, es zählt gar nicht, was ihr als Menschen so tut. Stellt euch vor, alles was ihr tut, würde immer durch die Brille der Männlichkeit betrachtet werden. Ob privat, im Berufsleben oder in der Kunst. Schreibt ihr ein Buch, ist das „männliche Literatur.“ Habt ihr Erfolg, seid ihr das „Herrenwunder.“ Als Künstler seid ihr in erster Linie ein „männlicher Künstler“, der „männliche Kunst“ macht. Wie fühlt es sich an, als Mann in der Musikindustrie? Der hat sich sicher hochgeschlafen!  Euch würde immer die Tür aufgehalten und die Jacke abgenommen -weil ihr als Männer sowas nicht könnt und die Frauen einfach freundlich sein wollen. Auf der Straße wird euch nachgepfiffen und „Ey, Süßer“, „Chico“ oder sowas gebrüllt. Stellt euch vor, ein eigener Sexualtrieb würde euch abgesprochen. „Ihr habt das halt nicht so stark wie wir Frauen“ sagen sie euch dann, den Kopf tätschelnd. „Ist doch toll. Wir Frauen haben es wirklich nicht leicht-wir denken ja an nichts anderes. Ihr wollt immer eine ernsthafte Beziehung. Ihr wollt heiraten. Ihr wollt Kinder. Das ist doch schön. So-rein und unschuldig, irgendwie.“ Stellt euch vor, ihr dürft euch nicht in der Öffentlichkeit überall da kratzen, wo ihr wollt. Ihr dürft nicht ohne rasierte Beine und Achseln in die Öffentlichkeit. Ihr müsst euch erstmal lange „zurechtmachen“, bevor ihr euch aus dem Haus wagen könnt. Sonst werdet ihr als „Homo“ oder „asexuell“, „Ökoonkel“ bezeichnet. Gleichzeitig sagen euch die Frauen, dass es sie nervt, wie lange ihr im Bad braucht. Dass sie auf natüürliche Schönheit stehen. Um euch dann, ganz ohne Make-Up, mit Pickeln und trockener Haut auf eure „Ungepflegtheit“ anzusprechen.  hr werdet in Literatur und Film als kleine Dummchen dargestellt. Oder als intrigante Arschlöcher.  Fühlt sich alles ziemlich demütigend an, oder?

Genauso demütigend, wie das Beurteilen nach Hautfarbe und Religion. Du bist so und so, wegen deiner Hautfarbe. Du kommst doch daher, da sind die Menschen doch soundso und du auch….Du bist Christ? Schäm dich für die Kreuzzüge, Hexenverbrennung Kirchensteuer, Bush und Trump! du bist Jude? Schäm dich für die Politik Israels und den Zionismus! Du bist Moslem? Schäm dich für die Terroristen! Du bist eine Frau? Schäm dich für deine Unweiblichkeit!

Das ist der kleine Unterschied. Der in unserer Zeit oft sehr subtil und doch immer schmerzhaft wahrnehmbar ist. Dieses „Du bist anders“. Ich habe mich gefragt, warum dieser Unterschied für manche Männer so unglaublich wichtig ist. Ich habe festgestellt, dass dahinter eine Angst steckt. Regeln, Grenzen-sie helfen uns, das Leben besser zu verstehen. Und besonders ängstliche Menschen errichten einfach selbst Grenzen, wenn da keine sind. Diese Grenzen haben etwas Beruhigendes. Wer in der Frau nicht einfach einen Menschen sieht, wem es in Beziehungen um Macht geht, der braucht diese Grenzen. Diesen Unterschied. um die eigene Identität zu spüren. Weil da ein eigenes Bewusstsein fehlt. Wer sich heimlich fragt, was es mit dieser Männlichkeit auf sich hat, braucht das Andere, das Fremde, als Gegenstück. Weil sie anders ist, bin ich es nicht. Nur in der Dissonanz begreift der Mann die eigene  Männlichkeit. die ihm, wenn er ehrlich ist, ein großes Rätsel ist.

Ich möchte mal erzählen, wie ich das erlebt habe: Diese Tatsache, dass ich eine Frau bin. Ich war als Kind mal Junge, mal Mädchen. Je nach Lust und Laune. Mal wollte ich mein Zimmer rosa streichen, spielte mit Barbies, Puppen, trug süße Kleidchen und Zöpfe, verkleidete mich als Prinzessin. Und dann trug ich kurze Hosen, kämmte mich nicht, kletterte auf Bäume, spielte mit Autos und verlangte, von nun an Jonathan genannt zu werden. Ich hatte Eltern, die das mitmachten ohne es  zu problematisieren. Meine Freundinnen fanden mein Verhalten komisch. Mein älterer  Cousin fragte mich mal, warum ich nicht mehr meine schönen Kleider trage. „ich verstehe nicht, warum Mädchen nicht Jungs sein können wenn sie das wollen“ sagte ich daraufhin entrüstet. „Da haste eigentlich recht“ sagte er.

Auch als Jugendliche fühlte ich mich so-nur war das Trennende weg. Ich fühlte mich als weibliche Person, die auch männliche Eigenschaften hatte. Ich wollte nicht unbedingt schön und süß aussehen, Kleidung war für mich wie Kunst. Genauso war das auch mit Makeup. Fasziniert von David Bowie und Patti Smith, entdeckte ich das Wort androgyn und dachte, das ist es. Das passt zu mir.  Gleichzeitig nervte es mich, dass schon wieder so eine künstliche Grenze geschaffen wurde. Ich hatte das Gefühl, dass Unterschiede zwischen Mann und Frau viel geringer waren, als allgemein angenommen. Inspiriert von Bowie wurde schwarzer Kajal zu meinem Markenzeichen. Ich lief mal in Lederhosen, mal in Männerhemden rum. Eine sehr „weibliche“ Freundin wollte mich schminken, „etwas aus mir machen.“ „Danke, ich mach schon genug aus mir“ erwiderte ich. Ich fand Freunde, die auch so waren wie ich. Eine Freundin, die ebenfalls als androgyn galt, die kurze Haare, Männerjeans, Kleider und bauchfreie Tops trug, die mal so, mal so war. Die nicht über Mädchenthemen redete, keine Mädelsabende veranstaltete. Die wie ich, auch mal Frauen attraktiv fand. Die sich  bei Bukowskigedichten und anderen , von Männern geschriebenen Büchern in die Rolle des Mannes versetzte und sich bei den Frauenbeschreibungen in Grund und Boden schämte. Wir blendeten die einfach aus. Weil es uns in diesen Momenten peinlich war, eine Frau  zu sein. Nein, uns wurde nie nachgepfiffen. (Erst Jahre später, mit langen, blonden Haaren) Wir wurden von Metal-Typen, Rockern und Punks gemocht. Von Männern in der Midifecrisis. Von den Jungs in unserem Alter wurden wir gern als geschlechtsneutrale Personen zu Rate gezogen, wenn es mit einem „richtigen“ Mädchen mal wieder nicht klappte.  Dann fand ich meinen ersten männlichen Kumpel . Von den Mädchen wurde er verächtlich  als „Schwuchtel“ bezeichnet. Er trug gern Kajal, schwarze Hemden und hatte etwas dandyhaftes an sich. Er  mochte es ebenfalls, mit männlich und weiblich herumzuspielen. Ich war begeistert. Solche Männer, die innerlich freier waren, bin ich danach noch oft begegnet, genauso wie männliche gute Freunde, die mich so mochten wie ich war, die aber diesen Dumme-Mädchen-Fetisch hatten. Ich stellte irgendwann fest: Ich komme nur mit Männern klar, die dieses Freie in sich haben. Die sich nicht über ihr Männlichsein definieren. Mit allen anderen sogenannten Normalen, kam es innerhalb einer Beziehung immer zu einem Machtkampf. Zum Demütigen und in Mädchenschubladen stopfen wollen. Und wenn das nicht ging, zur Wut, zur Aggresion. Dabei mag ich die Unterschiede, feiere sie sogar: Ich mag dieses eigentlich unerklärbare sich weiblich fühlen, ich mag es wenn ich Männer als anders , als Gegensatz wahrnehme. Nur bedeutet das für mich nicht, schwach und rosa zu sein. Es bedeutet nicht, anders zu empfinden und zu denken. Ich sehe es leichter, spielerischer. Der kleine Unterschied ist für mich etwas eher Körperliches, etwas, das anzieht, das neugierig macht. Es gibt Dinge, die nur Männer kennen, Dinge, die nur Frauen kennen. Doch wenn wir den Anderen nicht mehr als Feind sehen, sondern als ebenbürtigen Partner, begreifen wir, wie nahe wir uns eigentlich sind. Lange waren Kontakte zu Männern für mich mit einer unbestimmten Angst verbunden. Wenn sie Unterschiede als  trennend und negativ bewerten, Frauen als Feinde sehen, dann ist jeder Kontakt zu ihnen unglaublich anstrengend. Wenn ich dann doch mal den „anderen“ Männern begegne, ist das immer wie ein Aufatmen. Ich spüre, wenn sie mich nicht in Schubladen stopfen wollen. Mein Körpergefühl ist dann ein ganz Anderes: Ich bin entspannt und irgendwie glücklich mit mir , mit allem. Man sieht es diesen Männern nicht an, oft sind das ganz „maskuline“ Typen, die nicht mal was Besonders sagen und tun. Ich spüre es einfach. Die Art wie sie Frauen sehen, mit ihnen umgehen: Da wird keine Grenze gezogen, da wird überlegt, ob sie dem was die Frau sagt, zustimmen. Die Frau ist dann einfach Diskussionspartner. Wenn sie Interesse bekunden,hat das nie diesen abwertenden,   sexistischen Beigeschmack. Ich fühle mich von ihnen respektiert, angenommen, nicht bewertet. So geht es mir auch mit Frauen, die dieses Bewertungssystem  nicht anwenden. Mit Frauen, die so denken, komme ich ebenfalls nicht klar. Auch hier geht es nicht um Äußerlichkeiten: Eine meiner besten Freundinnen mag rosa KLamotten, künstliche Nägel, Make-Up und wurde oft als „Tussi“ bezeichnet. Sie gehört zu den intelligentesten, gebildesten und sensibelsten Menschen die ich kenne, während die Frauen die nur ihre äußere Fassade sehen, für mich viel eher Tussi sind. Weil sie sich als Frauen eigentlich nicht wohlfühlen und dazu klare Grenzen brauchen. Weil sie Rollen spielen und sich von Männern schlecht behandeln lassen um herauszufinden, was das ist-dieser kleine Unterschied.

Nein, ich glaube nicht, dass es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Doch sie sind nicht trennend, Es snd auch nicht so Viele, dass man ihnen ein so großes Gewicht geben muss. Es gibt mittlerweile genug wissenschaftliche Literatur und  Studien dazu. Jede/m steht es frei, sich zu informieren, sich historisch zu bilden und so zu erkennen, wie auch gesellschaftliche Ereignisse und Gegebenheiten, zu unserer Definition von männlich und weiblich beitrugen. Wir brauchen das nicht. Wir haben beides in uns, sind feminin und maskulin. Das muss keine Angst machen. Denn wer sich selbst nicht begrenzt, ist freier. Ist der eigenen Identität näher. Und ist frei dazu, eine eigene Definition von männlich und weiblich zu finden.

Schreiben als Therapie Part 2

Schreiben als Therapie Part 2

Mein letzter Sonntag war schoen. Ich besuchte eine Open-Air-Lesung und kaufte zwei tolle Buecher auf dem Flohmarkt, mit denen ich dann im Park saß. Ich dachte viel nach, weil die Lesung viele Fragen aufwarf,die mich beschaeftigen, schon seit langer Zeit. Die Autorinnen hatten sich der Lyrik und Kurzprosa verschrieben. Sie sagten etwas, das ich auch denke: Warum gilt in Deutschland nur ein Roman als „richtige“ Literatur? Es gibt viele Formen. Und das ist eben unsere.

Da war es. Ganz einfach und klar ausgedrueckt. Das Dilemma der Dichter. Ich wollte eigentlich nie Romane schreiben. Ich verstand nicht, warum Gedichte nicht verstanden werden. Doch so ist es. Das kann ich nach langer Forschung auf diesem Gebiet sagen: Lyrik ist hierzulande ein schwieriges Thema.  Weil sie noch mehr als erzählende Literatur, wörtlich genommen wird. Lyrik wird nicht mehr als Kunstform verstanden. Kurze Texte, egal ob Prosa , Lyrik, Songtexte: Sie werden so wörtlich genommen, wie einige evangelikale Christen die Bibel wörtlich nehmen. Da bleibt kein Raum für Fantasie oder Kontext.  „Um wen ging es denn in dem Text?“ wird gefragt. Egal, welche Songs ich schreibe, immer werde ich danach gefragt, um welchen Mann es dabei geht. Selbst wenn das gar nicht Thema des Songs ist. Lese ich Gedichte vor, denken die Zuhörer, ich beschreibe da meine Lebenserfahrungen. Und stellen mir dann komische Fragen. In „Filme fahren“ habe ich das mal aufgeschrieben. Da veranstalten Rena, Milosch und Karen ein Konzert. Rena wird dann gefragt, wie sie in ihrem Alter denn schon soviel Lebenserfahrung haben kann. Das wurde ich mal bei einer Lesung gefragt. Die Frau aus dem Publikum dachte, ich beschreibe da mein Liebesleben und wollte dann mit mir über meine persönlichen Erfahrungen sprechen. Als ich ihr sagte, dass ich diese Texte auf Grundlage von Beobachtungen in der U-Bahn verfasst hatte, sah sie mich ratlos an. Ich erklärte ihr, dass ich mich in die Leute, die ich beobachtete, hineinversetzte und mit eigenen Emotionen zu einer Geschichte machte. Dass mich Menschen, Zeitungsartikel, Filme, Kunst, Musik und das eigene Leben zu eigenen Geschichten inspirieren. Die Frau war, wie alle dieser Zuhörer, sehr nett und höflich. Sie dachte wirklich, dass es bei Dichterlesungen darum geht: Einen öffentlichen Seelenstriptease. Natürlich öffnen kreative Menschen ihre Seele immer mehr als Andere. Doch das funktioniert nicht, wenn sie fremde Menschen pornoesk an ihren privaten Erfahrungen teilhaben lassen.

Ich vergleiche Gedichte  gern mit abstrakter Kunst, Kurzfilmen und Songs. Eine Art zweite Realitaet. Ich nehme mein Leben oder beobachte. Lasse mein Unterbewusstsein sprechen. Was dann herauskommt, ist genauso echt und wahr,  wie der Ausgangspunkt. Wenn ich eine Landschaft male, ist die auch im abstrakten Gemaelde zu erkennen. Wenn ich dem Kurzfilm einen Titel gebe, ist der auch Teil des Films. Wenn ich einen Song schreibe, ein Album aufnehme, entwerfe ich eine Art zweite Realitaet zu meiner Alltagsrealitaet. Und genau damit koennen viele Menschen nichts anfangen. Gut beobachten laesst sich das bei Lana del Rey und Beyoncé. Lange hat niemand verstanden, was Lana del Rey tut. Ihre depressiven Klagelieder, das rueckstaendige Frauenbild, die Nostalgie, die Amerikaflagge-all das wurde woertlich genommen : Eine depressive, schwache Frau,  die sich immer in den falschen Kerl verliebt und sich ihm unterwirft. Eine Patriotin,  die dem Amerika alter Zeiten nachtrauert und nichts von Feminismus haelt. Pfui!

Liest man Interviews mit der Saengerin, ergibt sich ein ganz andetes Bild: Elizabeth Grant ist ein froehlicher Mensch, Sozialarbeiterin aus New York, Saengerin und Songschreiberin aus der alternativen Downtown-Szene. Als Jugendliche hatte sie eine Weile ein Alkoholproblem und  Beziehungen zu  Maennern aus der Drogenszene. Diese Zeit inspiriert sie zu ihren Songs. Das und ihre Liebe zur Literatur, v.a.  Gedichte  der Beat-Autoren.  Sie reagierte in Interviews erstaunt, dass Kritiker sie für eine depressive und das alte Hollywood verehrende, naive Möchtegern-Marianne Faithful hielten. Ihre Gedichte und Videos  werden bei ihr zu dieser  zweiten Realitaet. Zu einem Film ueber einen weiblichen amerikanischen Outlaw: Die Diva Lana del Rey, die in der Liebe und Hingabe eine Droge und Religion findet. Die bei wilden Maennern Freiheit sucht und verliert.  Und diese Freiheit nun am Ende ihres neuen Albums „Lust for Life“ bei sich selbst gefunden hat. Die erste Single „Video Games“  schrieb sie, als in ihrem Leben nicht viel passierte. Als sie als Außenseiterkind mit ihrem Außenseiterfreund in einer schaebigen Bude lebte, sie klimperte auf ihrer Gitarre, er spielte Videospiele. Zwei Unscheinbare,  Unbekannte, die gluecklich in ihrer eigenen kleinen  Welt lebten.

„Born to die“ handelt von einer Beziehung zu einem Suechtigen. Davon,  wie man sich immer gegenseitig herunterzieht. Zumindest waren das die Ausgangspunkte. All das ist nichts Besonderes. Fast jeder Mensch hat in seiner Jugend Grenzerfahrungen gemacht, „krasse“ Leute getroffen, sich in  Gefahr begeben. Nun lebt die Sängerin mit ihren Geschwistern in einer WG und lebt dort ein normales Leben. Inspiration schöpft sie aus ihrer Jugend.  Was  diese Durchschnittserfahrungen besonders macht, ist die Kunstfigur Lana del Rey, Streicher, Kitsch,  Texte, die Realitaet überhöhen.

Beyoncé unterstellte man, ihr Album „Lemonade“ handele von den Affaeren ihres Ehemannes Jay-Z. Dabei war es ein Kunstwerk, vielleicht aus Eifersucht entstanden. Doch es geht ja um viel mehr. Um Rassismus, Emanzipation. Lemonade ist ein Kunstwerk. Es ist doch egal, was im Privatleben dieser Kuenstler passiert. Ob es jemals einen Seitensprung gab, ist nicht bekannt. Es geht um Kunst,  die immer weiter gehen muss, universell. Und sie verstehen es einfach nicht, die Kritiker die verzweifelt das Privatleben dieser „Stars“ ausspionieren und damit die Kunst kaputtmachen. Hat man David Bowie gefragt, ob Ziggy Stardust nur ein „Fake“ ist? Ihm gesagt, dass er ja total unauthentisch sei, weil er doch gar kein Außerirdischer ist. 😉 Und so weiter….Machen wir einen Rückschritt? Sind wir nicht mehr in der Lage, Kunst zu begreifen?

Wenn ich schreibe, geht es nie nur um ein Thema. Es geht um viele gleichzeitig. Wenn ich ein Liebesgedicht schreibe, habe ich viele Erlebnisse dabei im Kopf: Eigene, die Anderer, Filme, Buecher. Moechte ich ueber mich sprechen, tue ich das in Gespraechen mit Freunden. Gedichte sind unmittelbarer. Deshalb wird vermutet, es handele sich dabei um eigene Erfahrungen. Doch genauso wenig, wie ich in meinem Roman unmittelbare Erfahrungen aufschreibe, tue ich das bei Gedichten. Da sogar noch weniger.

Wie entstehen meine Gedichte?

Ich erlebe etwas, laufe durch die Stadt, sehe etwas. Und dann faengt es an. Ich nutze dieses Gefuehl und lasse mich unbewusst treiben. Ich sehe eine Geschichte vor mir. Oft sind es auch Songs, die mich inspirieren. Beispiel: Mein Gedicht „alte Wunden. “

Ich habe Zeitung gelesen und da das Wort Wunden entdeckt. Ploetzlich war es da: Alte Wunden. Daraus wurde ein Liebesgedicht. Ueber zwei Menschen, die sich an ihre Verletzungen gewoehnt haben. Ja , das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben sehr gut. Doch ein aktuelles Problem dieser Art hatte ich in diesem Moment nicht.

Das zweite Beispiel: Lost in Space. Da geht es um Nachrichten,  die eine Person ins Weltall sendet. Diese Metapher fand ich so toll. Sie stammt aber nicht von mir sondern von einer Freundin. Es ging darum, dass wir den Eindruck haben, dass die Menschen nicht mehr miteinander kommunizieren koennen. Sie schicken Botschaften ins All, hoffen,  dass sie jemand liest. Wir schreiben Nachrichten und wissen nicht,  ob sie jemand lesen wird. Wir ignorieren einander. Wir blockieren einander,  wenn uns Meinungen nicht passen. Wir sind ganz schnell voneinander genervt. Darueber dachte ich nach und hoerte dazu „Space Oddity“  von David Bowie. Ich nutze oft das Bild eines Liebespaars: Ich und du. Das machen Songwriter auch. Liebeslieder sind auch oft Freunschaftslieder. Das Liebespaar ist ein Symbol. Meine Gedichte koennen von euch so benutzt werden,  wie ihr es wollt. Als Liebeskummergedichte, als Hassgedichte, als Freundschaftsgedichte, als politische Gedichte. Nur eines stoert mich: Wenn Gedichte nur dazu da sind, das Privatleben des Dichters zu erforschen. Das ist nicht wichtig,  das zaehlt nicht. Weil da viel mehr drin ist,  als mein Privatleben, mehr als eigene Gefuehle. Es interessiert mich nicht,  ob Saengerin  Y  in diesem Song die Trennung von Thomas X verarbeitet. Ich kenn sie ja nicht. Und wenn sie Kuenstlerin ist,  ist da hoffentlich ,  mehr drin als diese eine Trennung. Das ist eben dieses Missverständnis: Wenn ich schreibe, schreibe ich nicht Tagebuch. Wenn ich eine Therapie besuche, Tagebuch schreibe oder mich mit Freunden zusammensetze um über Probleme zu sprechen, ist das keine Kunst. Es ist nicht kreativ. Wenn ich jedoch einen Songtext oder ein Gedicht schreibe, bedeutet das, ich verlasse den geschützten Rahmen des privaten Kummers, ich erweitere meine Emotionen, mische sie mit denen Anderer, mit allem, was gerade so in der Welt, in meiner Stadt , geschieht. Erschaffe eine eigene Welt. Diese Welt ist ein wichtiger Schutzraum, ohne den wir Menschen nicht leben könnten.  Es ist die Welt der Kunst, Poesie, Literatur, Musik. Sie hilft uns, die Welt zu verstehen. Und auch wenn es in Gedichten und Songs sehr direkt zugeht, bedeutet das nicht, dass genau das gerade bei den Dichtern in ihrem Leben passiert. Viele Menschen glauben tatsächlich, Gedichte und Songs sind Bestandsaufnahmen, eine Art Dokusoap des eigenen Lebens. So funktioniert das aber nicht. So kann ich Leser nicht erreichen. Ich will nicht öffentliche Therapiestunden abhalten. Ich will nicht bei Lesungen über das Liebesleben eines mir völlig unbekannten Menschen informiert werden. Dichten hat mir dazu verholfen, mich nicht als einzelnes Individuum, sondern als  Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Nicht nur mir passieren immer diese schlimmen Dinge-die passieren uns allen. Und wer in der Lage ist, sie auf eine andere Ebene, die der Kunst, zu verlagern, kann anderen Menschen helfen-das kann dann durchaus therapeutisch wirken. Für beide Seiten.

 

vom Aushalten

vom Aushalten

In letzter Zeit-eigentlich seit Beginn der sozialen Medien-höre ich immer wieder die Überzeugung, dass man Trolle nicht füttern, auf Hass im Netz nicht reagieren und Hater einfach ignorieren soll. Beleidigungen sollen einfach ausgehalten werden. Denn das sei klug. Der Klügere gibt doch nach oder etwa nicht? Diese Haltung gab und gibt es natürlich auch im sogenannten realen Leben. Auf Hass einfach nicht zu reagieren, das wird Frauen und Mädchen häufiger gesagt als Männern. Ja, auch mir wurde das so beigebracht: Immer ruhig, immer nett sein. Damit zeigst du Überlegenheit. Diplomatisch sollen wir Frauen sein, ausgleichend. Und wenn wir beleidigt werden, einfach hinnehmen, einfach schlucken. Dahinter steckt die meiner Meinung nach irrige Annahme, das wirke irgendwie souverän, das würde die Angreifer beeindrucken und Stärke ausstrahlen. Was für ein Schwachsinn!

Ich habe mich lange nicht getraut, das so offen zu sagen. Ich wollte ja diplomatisch, souverän und cool sein. Das bin ich aber nicht. Ich könnte kotzen, wenn Männer mal ordentlich auf den Tisch hauen und Frauen, wenn sie das machen die komischen Nervensägen sind. Ich werde wütend wenn ich angegriffen und aggressiv beleidigt werde. Ich will dann zurückbeleidigen. Es wirkt nicht souverän, wenn sich die Angegriffenen einfach wegducken oder lächeln. Es wirkt defensiv. Schwach. Masochistisch. Es ändert nichts am Verhalten der Pöbler. Im Gegenteil. Wenn ihnen niemand Kontra gibt, wenn niemand kritisiert was sie tun, fühlen sie sich im  Recht.

Manchen Menschen wird einfach nie gesagt, dass sie unrecht haben, sie werden nicht kritisiert. Weil sie anstrengend sind und bei der kleinsten Kritik an die Decke gehen. Weil das nervt, versucht man, diese Diven nicht zu verärgern. Was ihr divenhaftes Verhalten nur schlimmer macht. Sie glauben dann, sie hätten das Recht, fremde Menschen einfach so zu beleidigen. Mama hat sie ja auch nie dafür kritisiert….

Es geht nicht darum, diese Menschen zu ändern. Es geht darum, sich zu wehren. Weil defensives Verhalten depressiv macht. Man schickt damit an sich und Andere eine Botschaft: Ich verdiene das. Ich bin klein und schwach. Ich kenne meinen eigenen Wert nicht.

Ich habe das in meinem Leben immer und immer wieder erlebt: In der Kindheit sollten sich Mädchen nicht mit Jungs prügeln, nicht auf Beleidigungen reagieren. Sich später sowohl im Job als auch privat, aus Streitgesprächen heraushalten. Wenn sich doch mal eine Frau wehrte, war sie streitsüchtig oder gestört. Es betrifft aber nicht nur Frauen, auch viele Männer-gerade die Ruhigen und Sensiblen oder Schlauen, haben keine Lust sich zu wehren, weil „ihnen das zu blöd ist.“ Nun, mir ist es zu blöd, mich beleidigen zu lassen. Mir ist es zu blöd, ein lebender Sandsack zu sein. Ich glaube, die Möchtegernyogis machen sich was vor. Gelassenheit wird überschätzt. Ich mag Wut. Wut ist ein Zeichen von Lebendigkeit. Natürlich wollen wir alle gelassen und ausgeglichen leben. Doch das bedeutet nicht, Emotionen einfach abzuschalten. Das funktioniert eh nicht. Denn dann veranstalten sie im Unterbewusstsein eine Party.

Ich habe mal in einem Callcenter gearbeitet. Eigentlich ein toller Job für Schreiberlinge: Man sitzt gemütlich am Computer und kann nebenbei schreiben. Aber Callcentermitarbeiter sind halt auch eine Zielscheibe für frustrierte Menschen aller Art. Was wurde uns gesagt? Natürlich, auf Provokationen nicht reagieren. Immer freundlich bleiben! Ich fühlte mich irgendwann wie ein Zombie. Ich ging wütend nach Hause und pöbelte meine armen Freunde an, die doch nur ein nettes Telefongespräch mit mir führen wollten. Ich fühlte mich ausgebrannt obwohl dieser Job nun wirklich nicht anstrengend war. Ich war ständig traurig und schlecht gelaunt. Irgendwann reichte es mir: Ich schimpfte zurück. Nicht übermäßig , aber so, dass die Anrufer erkannten, dass mir die Beleidigung etwas ausmachte. Plötzlich war ich nicht mehr passiv. Ich zeigte den Leuten Grenzen auf. Und das tat gut! Ich wurde wieder ein Mensch und war sozial wieder einigermaßen kompatibel.

Wer schreibt und sich der Öffentlichkeit stellt, hört oft den Satz: Du hast dir das doch ausgesucht. Dann musst du das auch aushalten können. Das gehört zum Job. Nen Scheiß muss ich! Ich bin mittlerweile der  Meinung, niemand muss irgendwas aushalten, nur weil wir Kreative sind, die ihre Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren. Wir stehen nicht am Pranger. Wir müssen wehrhaft sein. Das finde ich viel wichtiger. Es gibt Selbstverteidigungskurse wennn man körperlich angegriffen wird. Ich finde, es müsste auch Selbstverteidigungskurse für verbale Angriffe geben.

Wenn ihr bei Veranstaltungen oder im Netz angegriffen werdet, weil eure Hauptfigur im zweiten Band stirbt , weil ihr eine andere Meinung zu einem Thema habt, weil euer Buch nicht den Erwartungen eines Lesers entsprach oder weil ihr einfach Frauen seid, versucht doch mal euch zu wehren. Man fühlt sich eh furchtbar. Ob man sich nun wehrt oder nicht. Aber wer sich wehrt wird aktiv. Und dann passiert etwas. Das bringt euch zurück ins Leben. Weil ich immer wieder in meinem Leben aus dieser Rolle  des lieben Mädchens ausgebrochen bin, haben mir schon viele Menschen gesagt, dass sie mir dankbar dafür sind, dass ich etwas gesagt habe. Und das zeigt mir, wie viele Menschen so denken und sich einfach nicht trauen. Aber was passiert denn dann schon ? Nichts. Die Welt geht nicht unter, alles geht weiter wie bisher. Nur dass ihr euch wieder wie ihr selbst fühlt. Es gibt allerdings Ausnahmen: Nach dem Motto, mit Terroristen verhandelt man nicht, diskutiere ich nicht mit offensichtlich Verrückten und gebe da nicht Kontra. Das erkenne ich leider manchmal  zu spät. Aber wenn ich es erkenne, ist mir das Thema nicht mehr wichtig genug. Extremen Menschen sollte man aus dem Weg gehen.

AutorInnen wird ja immer wieder gesagt, sie sollen auf negative Rezis nicht reagieren. Das ist richtig, denn im Normalfall handelt es sich dabei um die Meinung des Lesers und die steht ihm frei. Es kann sogar hilfreich sein, eine negative Kritik zu bekommen. So lassen sich eigene Fehler und Schwachstellen erkennen. Aber wer gemein wird, beleidigt und sexistisch wird, muss ebenfalls negative Kritik bekommen. Unterschätzt nicht eure Selbstachtung. Mich hat passives Verhalten dazu gebracht, diese Selbstachtung immer wieder zu verlieren. Und damit auch mein Schreibtalent. Irgendwie scheint Beides miteinander zusammenzuhängen.

Ich liebe ja Popmusik und finde in ihr Inspiration für meine Texte. Sehr gern höre ich die Musik der RNB-Sängerin Banks und der schottischen Electro-Band ChVRCHES. Beide haben dieses Thema angesprochen. Lauren Mayberry, die CHVRCHES-Sängerin, wurde oft von männlichen „Fans“ sexistisch beleidigt. Sie lächelte das nicht weg oder tat es als KLeinigkeit ab sondern wehrte sich.  Sie antwortete auf ekelhafte Beleidigungen im Netz und antwortete  einem Mann aus dem Publikum , der ihr einen „Heiratsantrag“ machte. Natürlich hatte der nicht mit einer Antwort gerechnet. Sie fragte ihn nur, ob diese Masche normalerweise für ihn funktionierte. Normalerweise wird von Musikerinnen erwartet, so etwas einfach wegzulächeln und weiterzusingen. Weil das ja schließlich „nicht schlimm“ ist. Hey, ist doch witzig. Der findet dich hübsch. Ist doch ein Kompliment. Verklemmte Zicke. Ja, ja. Frauen wissen, dass diese Bemerkung eben genau das nicht bedeutet. Sie ist ein Code für: Warum stehst du auf der Bühne im Mittelpunkt? Was bildest du dir ein?  Sie ist ein Machtanspruch. Eine Reviermarkierung. Menschen kommunizieren über solche symbolischen Formulierungen miteinander. Das war schon immer so. Ich erwarte nicht von Männern, dass sie das verstehen. Doch mit Sicherheit erleben auch sie Dinge im  Alltag, die wir Frauen nicht nachvollziehen können.  Sie sollten dann einfach mal zuhören und uns glauben. Wer das ein Leben lang erlebt, versteht es irgendwann. Und ja, oft wird auch übertrieben. Ich bekomme jedenfalls sehr gern Komplimente und freue mich darüber. Ich werde gern von Männern angesprochen und werte nicht jede Kontaktaufnahme als sexistisch. Auch das hat etwas mit Selbstachtung zu tun. Doch ich erkenne, wenn es um ein Herabsetzen, eine „Reviermarkierung“ geht. Lauren Mayberry sprach öffentlich über all das, was Frauen sonst brav herunterschlucken. Sie sprach darüber wie ätzend es ist, als Frau in der U-Bahn belästigt zu werden und so nicht mehr ohne Begleitung ausgehen zu können.  Was dann passierte? Sie wurde zum Hassobjekt. Und bekam gleichzeitig Respekt und Bewunderung. Weil ihre Texte, fast ausnahmslos darum kreisen: Um diesen Kampf zwischen Mann und Frau um Macht und Machtmißbrauch.  Jillian Banks hat ein Lied geschrieben, dass „Fuck with myself“ heißt. Diese Redewendung don´t fuck with me, bedeutet , verarsch mich nicht. In dem Song geht es darum, sich den Angreifern entgegenzustellen: Ihr könnt mich nicht verarschen. Das mach ich schon selbst. Ihr seht, das ist es , was ich meinte: Wer in die Defensive geht, will sich nicht angreifbar machen. Glaubt also, stärker zu sein. Video und Text zeigen jedoch, dass diese Haltung zu Selbsthass führt. Am Anfang  glauben viele Frauen, sie machen sich stark durch dieses demonstrative Ignorieren. Bis sie langsam den Bezug zu ihrer Identität verlieren. Natürlich machen Männer das auch-ich habe es einfach öfter bei Frauen erlebt. Auch politisch ist diese Einstellung detruktiv: Ich hasse mich selbst so sehr, dass mich sonst niemand mehr hassen kann.

Ich habe keine Lust, zu lächeln und mich selbst dabei zu hassen. Ich möchte nicht, dass andere Menschen, ob Männlein oder Weiblein, über mein Leben bestimmen. Dass sie mir sagen, wer ich bin. Und das ist die Botschaft des Songs: Ich muss mich selbst genug lieben um den Hass Anderer nicht persönlich zu nehmen. Ihn von meiner Person abzuwenden.  Und ich denke, das gelingt nicht, wenn wir uns die Verletzlichkeit verbieten. Zum Menschsein gehört auch meine Angst, meine Traurigkeit, Unsicherheit, Wut. All das will ich zeigen. Deshalb ist Frida Kahlo ein wichtiges Vorbild für mich. Weil sie in ihren Bildern alles zeigt, nicht vor dem Schmerz und der Angst davonläuft. Weil auf ihren Bildern das Leben zu sehen ist. Und Schriftsteller sollten nicht die Verbindung zu dieser Lebendigkeit verlieren. Denn ohne sie verlieren sie auch die Verbindung zu ihrer Kreativität.

 

Was ich so mache…Juli 2017

Was ich so mache…Juli 2017

Kann man eigentlich auch einen Newsletter schreiben wenn gar nichts passiert?

Also, so gar nichts.

Ich habe den Juli mit einer fiesen Sommergrippe verbracht. Trotzdem habe ich mir gedacht, ein monatliches Update ist wichtig. Ich möchte gern, dass ihr regelmäßig etwas von mir lesen könnt. Und mir ist aufgefallen, dass auch in diesen unproduktiven Zeiten eine Menge passiert. Schriftsteller und Künstler reden nicht viel darüber. Sie posten Neuigkeiten. Informationen. Der Weg zum fertigen Produkt, die anstrengenden, nervigen, holprigen Wege lässt man aus. Schade, eigentlich.

Teil 1: Lesen!

Also, fangen wir mal an: Der Juni endete mit einer schönen, spontanen Aktion, die ich jedem Autorenkollegen und Kollegin nur empfehlen kann: Ein spontaner Auftritt bei einer Open Stage. Wie  kam es dazu? Ich hatte eine seltsame Bühnenphobie entwickelt und dazu noch eine Menge Selbstzweifel. Warum? Weil ich kein Echo bekam. Mein Buch ist noch nicht wirklich veröffentlicht-ein E-Book ist für die meisten Menschen kein richtiges Buch. Ja, Reaktionen und Einschätzungen bekam ich. Doch nur von sehr wenigen Menschen. Ich entschied mich also für eine Druckausgabe. Dazu mehr im zweiten Teil. Ich war mir nicht mehr sicher, ob mein Buch wirklich einem Publikum zugemutet werden sollte. Einen spontanen Auftritt kann man nicht lange vorbereiten. Das war der Grund, warum ich mich dafür entschied. Da muss man eben ganz unperfekt auf eine Bühne-egal was vorher war. Ob man gerade gestresst ist, scheiße aussieht, keine Lust hat, nicht vorbereitet ist-egal. Einfach los. Und so war es dann auch. Ich wusste nicht, was ich sagen soll. War nicht vorbereitet. Und es lief. Sehr gut sogar. Tolles Publikum, tolle Stimmung. Und die Erkenntnis: Das Buch sollte unbedingt einem Publikum zugemutet werden.

Teil 2: Das Buch

Kommen wir nun zum weniger erfreulichen Teil: Mein Buch kann zwar überall als Taschenbuch gekauft werden. Doch leider ohne Klappentext. Der wurde schlicht und ergreifend einfach vergessen. Das kann passieren, wenn man Aufgaben delegiert, die einem selbst nicht so liegen. Ich finde es trotzdem wichtig, weil ich mit Grafik und Technik  restlos überfordert bin.  Als wir den Fehler bemerkten, war das Buch schon auf dem Markt. Meine Grafikdesigner-Helferin war verreist und so half mir der Künstler, der auch für das Cover von „Filme fahren“ verantwortlich ist: Raziel. (Ticc Gallery) Er steuerte auch einen schönen Untertitel bei: Eine Urbane Reise zur eigenen Identität.  Da hatten wir nun einen schicken Klappentext auf einem schönen Cover-doch  die alten  Exemplare müssen nun noch irgendwie abverkauft werden, bevor das neue Buch verkauft werden kann. Ich versuche das gerade noch irgendwie zu retten. Ab August könnt ihr das Buch in der richtigen Version mit Klappentext bei mir kaufen. Schreibt mich einfach an: u.melzer@live.de. Dann bekommt ihr das Buch, bezahlt direkt bei mir. Auch eine E-Book-Variante für den schmalen Geldbeutel möchte ich neu herausbringen. Mehr dazu im August-Newsletter.

Teil 3: Nervkram

Ich habe den Juli mit dem Schreiben eines Artikels verbracht, der mir sehr wichtig war. Dafür habe ich alles andere-mein Buch, neue Bücher, Aufträge-hinten angestellt. Ich dachte, dass es vielleicht einige Änderungswünsche geben würde. Leider wurde der Artikel aber  abgelehnt. Ein Teil zumindest. Ich kann ihn noch ändern und habe so zumindest die Möglichkeit, dass all die Arbeit nicht umsonst war. Der andere Teil wurde nicht kritisiert. Er wird nicht erwähnt, nicht gedruckt. Einfach Schweigen. Was genau stört, was das Problem ist, weiß ich nicht so genau. Ich kann also nicht weitermachen und weiß nicht einmal, warum das so ist. So etwas passiert oft. Richtig schlimm ist es, wenn es dabei nicht nur um einen Text sondern einen Film, ein Buch oder einen Auftrag geht, von dem die nächste Miete abhängt. Ich kann nicht verstehen, warum man Menschen so in der Luft hängen lässt, die sich viel Arbeit gemacht haben. Wenn ein Auftrag nicht so ausgeführt wurde wie erwartet, ist die Sache klar. Dann muss man eben nochmal ran. Ärgerlich ist es , wenn nicht mal klar artikuliert wird, was eigentlich so störend ist.

Aber-es ist Sommer. Und ich liebe es, auf der Parkbank zu schreiben, denn da kommen mir immer die besten Ideen für meine neuen Bücher. Lesungen, Kunst, Eis, Wald, Bücher, Musik-der Sommer ist für mich immer eine Inspirationsjahreszeit….

Positiv an einer Sommergrippe ist, das man mal richtig Zeit zum Lesen hat. Und wenn man die mit einem Businessratgeber verbringt, ist das sogar richtig produktiv. Ich entdeckte dieses Buch ganz zufällig: Business für Bohemiens von Tom Hodginson. Ich kann dieses Buch nur empfehlen. Weil es für die Menschen geschrieben wurde, die mit Business eigentlich gar nichts anfangen können. Ich mag seine klare, sympathische Ausdrucksweise, die Ehrlichkeit. Das Buch motiviert mich, obwohl es weit entfernt vom Positive-Thinking-Quatsch ist, den sich AutorInnen oft reinziehen. Ich werde dazu einen extra Blogbeitrag schreiben.

Wie Patti Smith, nutze auch ich Erkältungen zum Gedichteschreiben. Hier könnt ihr sie nachlesen: https://www.facebook.com/Worte-Bilder-Gedanken-277302995790286/

und hier: Wortsucher.com/

Ich ordne gerade meine gedichte,  weil ich sie gern als Bücher herausbringen möchte. Dazu ein paar Worte: Mein erster Gedichtband „Morgendämmerung“ wurde im zarten Alter von 15 verfasst. Sie wurden beim Ausgehen in Bars geschrieben  und sind ähnlich romantisch-melancholisch und von Drama und Weltschmerz geprägt, wie die Alben von Lana del Rey. 😉 Und ähnlich nervig.

Ich habe sie passenderweise in Bars und Kneipen vorgelesen, mit musikalischer-natürlich melancholischer Begleitung.

Danach kam „Großstadtparanoia“. Urbanität, Transkultur, der Mensch und die Stadt, als Individuum und Teil einer Stadt, individuelle Einblicke in fremde Fenster anonymer Großstadtbewohner: All das waren Themen, die ich gemeinsam mit Künstlern zu einer Mischung aus Lesung und Ausstellung machte.

Danach kam „der goldene Turm“: Politik, Liebe, Religion: Das sind die goldenen Türme, in denen sich einer verirrt, der Andere will ihn retten. Ist gerade fertiggeworden.

Und im Moment arbeite ich an „Burning Bridges“. Es geht um Verbindungen-zwischen Menschen, Dingen, Zeiten.

Mehr dazu im August…..

So, ich trinke jetzt noch einen Tee, hoffe auf besseres Wetter und schnelle Genesung. Denn im August möchte ich wieder mit guten Neuigkeiten für  euch da sein. Wem das alles zu lange dauert, kann mein Buch ohne Klappentext bei Amazon, Hugendubel und Thalia bestellen.

liebe Grüße und bis ganz bald!

eure Rika

 

 

 

 

 

Kritik

Das ist ein Thema, welches AutorInnen immer wieder begegnet. Ein Thema, das sie nicht nur am Anfang sondern durchgängig beschäftigen wird.

Es gibt kein Thema, das so angstbesetzt ist und immer wieder falsch verstanden wird. Deshalb möchte ich euch allen , die ihr mit dem Schreiben angefangen habt, einige Erfahrungen mitgeben, die ich gemacht habe und die mir gezeigt haben, dass Kritik eigentlich nie das ist, was wir darunter verstehen.

Ich habe so oft erlebt, dass diese  riesige Angst vor der Kritik junge AutorInnen und eigentlich jeden kreativen Menschen so sehr gelähmt hat, dass sie einfach aufgehört haben. Bevor irgendjemand ihnen das sagt. So im Dieter-Bohlen-Stil. Denn so ähnlich treten „Kritiker“ oft auf. Ich denke: Das sind keine Kritiker. Es gibt echte Kritik und falsche. Dabei möchte ich gar nicht mal von destruktiver und konstruktiver Kritik reden. Ich denke, es ist oft viel einfacher und brutaler: Menschen spielen oft und gern Machtspielchen miteinander. Und sobald ihnen die Gelegenheit dazu gegeben wird, ist es vorbei mit Fairness. Dann geht es nur darum, stärker zu sein, Macht zu demonstrieren. Nur wenige Menschen setzen sich ernsthaft mit eurer Arbeit auseinander, nur Wenige sagen einfach ungefiltert ihre Meinung. Doch genau das braucht es, um wirklich zu kritisieren: Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit. Jeder Depp kann eine Amazon-Rezi verfassen oder bei Facebook rumpöbeln. Das hat nur mit Kritik nichts zu tun. AutorInnen, die eine berechtigte Angst vor diesen „Kritikern“ haben, glauben oft, sie seien zu dünnhäutig und damit nicht geeignet, auch mal „Kritik abzukönnen.“ Das ist schade. Denn sie haben leider noch nie echte Kritik erfahren, die für uns so wichtig ist, dass wir nicht darauf verzichten können. Zeit für eine Differenzierung.

Um mein eigenes Verhältnis zu Kritik zu beschreiben, muss ich ganz weit zurück gehen, in meine Jugend. Kritik war in meiner Fantasie eine strenge, ältere Dame mit einem langen, schwarzen Kleid, einem grauen Dutt, Zornesfalten um den dünnen Mund. Vor dieser strengen Madame Kritik hatte ich panische Angst. Sie war der Rotstift in meinen Aufsätzen, die ich für die nächsten Bestseller hielt. Sie war allerdings eher etwas, das ich noch gar nicht kannte. Von dem ich aber schon viel Furchtbares gehört hatte. Das kennt ihr sicher auch: Sobald man erzählt, dass man gerade etwas geschrieben hat, kommen dann folgende Kommentare: Schriftsteller ist ein harter Beruf. Da musst du stark sein und viel Kritik aushalten. Ich hab meinen Text bei Verlag Blabliblubb eingereicht und bekam ein hartes Urteil. Das war aber auch gut, irgendwie. Ich weiß jetzt, wo meine Schwachstellen liegen und kann an mir arbeiten. Und Prof. Blah Blah von Rhabarber hat gesagt, dass ich gar nicht schreiben kann und lieber Klofrau werden soll. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Der Mann weiß ja, wovon er spricht. Wenn er dir das sagt, musst du ebenfalls aufhören. Aber keine Angst! Dem musst du dich stellen! Nur die Harten kommen in dieser „Branche“ weiter….

Ich habe es also tunlichst vermieden, mich der Kritik zu stellen. Ich war ängstlich und stolz darauf. Denn so konnte ich einfach weiterschreiben und musste mir nicht von Anderen sagen, was ich tun sollte. Später wurde ich dann neugierig, wollte weiterkomen und mal wissen, wie das so ist, wenn man kritisiert wird. Ob ich dann auch Zusammenbrüche bekommen würde,wie meine Freunde, wenn sie von ihren Chefs, Lehrern oder Professoren „Runtergemacht“, pardon, kritisiert wurden. Ob ich dann auch mit falschem Lächeln behaupten würde, diese Kritik von Genie soundso hätte mir echt weitergeholfen. Natürlich bin ich schon oft und viel kritisiert worden: Nur war das meist nur absurd (In der DDR für zuviel Fantasie kritisiert zu werden, kam ja schon fast einem Kompliment gleich) oder nachvollziehbar , weil ich sie für alles bekam, was mir eh nicht lag. Ablehnungen von Universitäten und Verlagen waren dann schon eine härtere Nummer-nur nahm ich das nie als Kritik war. Ich wartete immer noch auf Jemanden, der mich kritisieren wollte und das auch vorher ankündigte. Nun ja, der Erste der das tat, war eigentlich kein echter Kritiker. Denn diese Kritik betraf nicht meine Arbeit sondern meine Person. Mein Mitbewohner kritisierte mich, weil ich seine Annäherungsversuche nicht erwiderte. Ich sei zu abwartend. Dass ich einfach nicht interessiert war, kam ihm nicht in den Sinn. Aus heutiger Sicht ist das absolut lächerlich. Doch ich ahnte damals, warum das mit der Kritik so eine heikle Sache ist. Unerwiderte Liebe oder Zuneigung ist immer hart. Das ist verständlich. Doch hier hatte jemand aus seinem persönlichen Schmerz einen Charakterfehler gemacht. Also,  ich sollte diesen Charakterfehler haben. Seine beste Freundin sagte : Du bist ein kleines Mädchen, das auf den Prinzen wartet. Statt das zu sehen, was direkt vor dir liegt.“

In den Augen dieser Menschen war ich also ein schlechter Mensch, weil ich meinen Mitbewohner nicht liebte. Obwohl ich schon damals erkannte, wie absurd das ist, offenbarte sich mir in diesem Moment, was es mit dieser Kritik auf sich hat: Der Grund warum ich die Beiden nicht sofort auslachte war ihre Tarnung als wohlmeinende Kritiker:  Denn so traten sie auf. Als wohlmeinende Wohltäter, die mir eine gutgemeinte Kritik zum inneren Wachstum schenken wollten. Ich sei ja auch nicht schlecht. Nur schwach, passiv, unrealistisch und dadurch rücksichtslos und egozentrisch. So ungefähr beschrieben mir diese  Freunde ihre „Kritiken.“ Und hier haben wir schon das erste Merkmal falscher Kritik:

  1. Es wird persönlich.

Vielleicht ist dein Professor, Lehrer, Chef in seinem Stolz gekränkt, wenn du ihn zurückweist. Vielleicht sind Menschen mit denen du arbeitest sauer auf dich, weil ihr auch privat befreundet seid und du da was gemacht hast, das sie verletzt hat.  Vielleicht hast du am Computer mehr drauf , als deine altmodischen Vorgesetzten. Vielleicht mögen sie dich nicht.  Vielleicht finden sie deine politische Meinung furchtbar. Vielleicht finden sie deine Religion nicht gut. Männer hassen dich, weil du eine Frau bist, Frauen hassen dich, weil du ein Mann bist. Vielleicht sind sie Rassisten. Vielleicht sind sie neidisch, finden dich einfach doof, whatever. Was auch immer die Gründe für eine persönliche Kritik sind: Sie sind ungerechtfertigt. Du erkennst eine persönliche Kritik an cholerischen Ausbrüchen, Geschimpfe, einem überheblichen Tonfall. An übermäßigem Lob am Anfang und übermäßiger Kritik am Ende-für die gleiche Leistung. Übertrieben ist immer ein Alarmzeichen. Wenn die Kritik ungefähr so ist, wie die Reaktion des  Sergeant beim  Army-Beitritt von  Forrest Gump , dann könnt ihr die Sache getrost abhaken.

2. kleine Fehler werden übertrieben herausgestellt

Kleine Fehler sind kleine Fehler und so sollte man sie auch bewerten. Für einen kleinen Fehler bracht man keine seitenlangen Abhandlungen per Mail, keine einstündigen Gespräche. Keine Weiterbildungsseminare. Ihr müsst euch wegen einem falschen Buchstaben, einem Kommafehler oder ähnlichen Vergehen, nicht in die Ecke stellen und schämen. Scham ist übrigens auch ein Gefühl, das ihr bei einer guten -also ehrlichen Kritik-nicht bekommen solltet.

3. Provokationen

Jede/r hat das schon mal erlebt: Der geniale Professor/Dozent/Lehrer, der eben wegen dieser Genialität regelmäßig ausrastet. Seine Kritik ist abkanzeln, fertigmachen-meist mit sich überschlagender Stimme, Gebrüll, Gemeinheiten. Gezielt sucht er nach persönlichen Schwachstellen, um dann mit Freude immer wieder hineinzupiksen. Und das wird dann Kritik genannt. Es sei eine große Ehre, von solch einem Genie kritisiert zu werden. So etwas müssen Leute im Sinn haben, wenn sie gezielt provozieren um das dann als Kritik zu verkaufen.  Die Wahrheit : Wer sich so verhält, ist einfach nur ein Arschloch. Ein großes Kind, das sich nicht im Griff hat und von anderen großen Kindern bewundert wird, die Wutausbrüche für Genie halten.

4. Nette Gemeinheiten

Kennt ihr das? Wenn euch die nette Kollegin/Chefin zu sich ruft um mal was unter vier Augen zu bereden. Das süßliche Lächeln und die Mickey-Mouse-Stimme, die lieb gemeinten Formulierungen: All das soll darüber hinwegtäuschen, dass jetzt was sehr Unangenehmes kommt. Und gerade deshalb-weil man mit Samthandschuhen angefasst und wie ein Baby behandelt wird, fühlt es sich so verdammt demütigend an. Und Demütigung ist keine Kritik

Wie geht es denn nun, das richtige Kritisieren?

Eigentlich ist es ganz einfach. Einem Menschen der Kritik übt, geht es um die Sache. Es ist also eigentlich eine ziemlich nüchterne Angelegenheit. Eigentlich. Denn wer ein Buch kritisiert, betrachtet eine sehr persönliche Sache negativ. Angenehm ist das nie. Deshalb verstehe ich diese Höflichkeitsfloskeln im Zusammenhang mit diesem Thema nicht. Niemand fühlt sich toll nach einer Kritik. Doch langfristig bringt es weiter. Beschämt, wertlos, schlecht-so sollte man sich nicht fühlen nach einer Kritik. Wie erkennt man nun eine echte Kritik?

  1. Der Respekt

Meine erste ernstgemeinte Kritik erlebte ich in einem Kurs für kreatives Schreiben. Ich hatte damals Angst davor, meine AutorenkollegInnen zu kritisieren. Und kam mit meinem Buch nicht voran. Genau das wurde kritisiert.  Ich fühlte mich mies. Aber gleichzeitig fiel mir gar nichts ein, was ich dem Kursleiter hätte vorwerfen können. Keine Gemeinheiten, keine Arroganz und keine Unwahrheiten. Er sah mich schon als Autorin, als einen Menschen, dem Schreiben alles bedeutet. Doch ich sah mich noch nicht so. Nach dieser Kritik war das anders. Denn die Kritik war zwar schonungslos und hart-aber respektvoll. Man kann das mit einem guten Freund vergleichen, der ja auch einfach und direkt sagt, was ihn stört. Eine Freundin von mir  macht das ganz gut: Wenn ihre Freunde zu obsessiv von ihren Liebsten reden, sagt sie immer: „XX geht mir tierisch auf die Nerven. Ich will nicht mehr stundenlang darüber nachdenken, warum sie/er tut, was sie/er tut. Meinst du nicht, langsam schafft er/sie das allein?“ Sie macht das also mit Humor. Alle lachen und ohne Erklärung ist das Problem klar. Warum? Weil unsere Freunde uns mögen. Sie sehen nicht auf uns herab und finden uns toll. Sie wollen uns nicht verletzen. Aus dieser respektvollen Haltung heraus, kann Kritik wirklich etwas bewirken.

2. Spiegelmenschen

Ich finde es immer toll, wenn Kritik ohne Worte geschieht, wenn uns Erlebnisse in eine gesunde Selbstkritik führen.  Wenn dich dein selbstmitleidiger Kollege tierisch nervt. Und du irgendwann erkennst: Scheiße, das bin ja ich! Wenn du auf diesen lächerlichen Möchtegern-Schriftsteller schimpfst und realisierst:  Oh Gott, ich schreibe genauso schlecht….Ich ändere dann sofort mein Verhalten. Nichts ist effektiver. Dazu eine Anekdote: Mit 24 war ich, wie viele BerlinerInnen, dem Akohol sehr zugetan. Ich verehrte Rimbaud und Jim Morrison und hörte mir an einem Sommerabend in U-Bahn mal wieder die Drogeneskapaden des Leiters der oben erwähnten Schreibgruppe an. Wir redeten wie Teenies über diesen Kram. Ich stieg aus, um ein unangenehmes Gespräch mit einem Mann zu führen, der sich an viele Ereignisse seines Lebens nicht erinnern konnte-er hatte ein ähnlich romantisiertes Verhältnis zum Alkohol. „Viel Glück!“ rief mein Lehrer. Ich winkte ihm lächelnd zu und betrat die Bar. Da saß er, der Mann meiner Träume und redete wirres Zeug. Brabbelte vom Vergessen durch zuviel Alkohol. Von vergessenen Träumen und vergessenen Menschen. Und ich sah mich da stehen, 10 Jahre später. Eine von vielen verwirrten Berliner Existenzen, Möchtegern-Schriftstellern und Künstlern, deren einzig revolutionäre Geste im Alkohol-und-Drogenkonsum bestand. Nein, so wollte ich nicht werden. An diesem Abend trank ich ein Ginger Ale, ging wieder zurück in die thüringische Provinz und trank nie wieder einen Tropfen Alkohol. Drogengeschichten nerven mich nur noch. Weil ich dann an diese Ausflüchte denken muss, das eigene Leben nicht zu leben. Sich aus Angst lieber weiterhin der Selbstzerstörung zu widmen, als das eigene Scheitern zu ertragen. Diese Spiegelmenschen sind wichtig. Die Spiegelmomente sind wie Markierungen auf unserem Lebensweg.  Und nur wer sich selbst kritisieren kann, ist auch in der Lage, Kritik von anderen Menschen anzunehmen.

2. das Gefühl

Erwarte nicht, dich nach einer Kritik gut zu fühlen. Das wird nicht passieren. Also lass passiv-aggressive Dankesbekundungen, von der Sorte: „Vielen Dank für deine Meinung!“

Was soll das? Wir sind Menschen, wir haben Gefühle. Das ist normal. Wenn du deinem Kritiker also gern eine reinhauen willst, dann bedank dich nicht wie ein Trottel. Geh einfach. Vertage das Gespräch. Betrink dich und pöbel in einer Bar. Kauf dir einen Sandsack. Schreib böse Songs über ihn. Lästere so richtig über ihn ab. Und wenn du dich irgendwann beruhigt hast, merkst du vielleicht, das der Kritiker dir einen großen Gefallen getan hat. Dann kannst du dich bedanken. Dann ist es ehrlich gemeint.

Die direkte Reaktion

Ist mir noch lieber als eine Kritik. Weil dann ohne viel Worte alles klar ist. Die Blicke deiner Leser, wenn alles gut läuft. Die interessierten Fragen. Oder ein kurzes: Das war jetzt nix….Lesungen sind deshalb immer eine gute Idee. Der Haken: Vielleicht ist dein Buch gar nicht schlecht. Vielleicht ist das nur das falsche Publikum.

Du musst selbst wissen, wie du dein Buch bewertest.

Und hier kommen wir zur Grundvorraussetzung, um Kritik annehmen und bewerten zu können: Ein gesundes Selbstbewusstsein. Du musst dich selbst als Schriftsteller sehen und dir nicht von Anderen dieses Label geben lassen. Du musst selbst überzeugt von deinem Buch sein. Warum solltest du es sonst verkaufen? Zumindest musst du eine Beziehung zu dem Ding haben, das du geschaffen hast. Unsicherheit ist nicht schlimm. Der Wille zu Lernen sogar nötig. Aber irgendwas musst du auch zu deinem Werk sagen und denken. Andere können dir das nicht abnehmen. Wenn du selbst viel liest, empfiehlt sich folgende Übung: Kritisiere Bücher, die du selbst gelesen hast. Und versuche so viel Abstand zu deinem Buch zu bekommen, dass du es selbst so lesen kannst wie diese Bücher. Dann trifft dich Kritik von außen nicht so hart. Und du kannst dein Buch wie etwas betrachten, das du gebaut hast-hier vielleicht nochmal schleifen, noch etwas Farbe oder Lack. Die wichtigste Frage: Bringt mich das, was meine Kritiker sagen weiter? Denn darum geht es bei einer Kritik: Als Künstler und Mensch zu wachsen. Etwas von Wert zu erschaffen. Etwas, das von dir kommt, das ganz nahe bei dir ist. Wenn du nach einer Kritik noch freier und authentischer wirst, war das wirklich eine Kritik.

Danke für deine Meinung!