I am with stupid-was Politik, Frauen und mein Buch „Filme fahren“ miteinander zu tun haben

I am with stupid-was Politik, Frauen und mein Buch „Filme fahren“ miteinander zu tun haben

Ich beginne mal mit etwas Provokation: Ich rede nicht mehr so gern über Politik weil mir die Dummheit auf die Nerven geht. Sie tut mir regelrecht körperlich weh, macht schlechte Laune.  Mir gehen platte Parolen, mangelndes Hintergrundwissen, Naivität und Uninformiertheit auf die Nerven. Die Aufforderung, ich müsse unbedingt wählen gehen. Mit einer Hysterie, die mich so nervt, dass ich gerade nicht wählen gehen möchte. Und wenn es dann beim Wählen nur darum geht, nicht die Afd zu wählen. Von Politik musst du keine Ahnung haben. Mach dein Kreuz nur nicht bei der falschen Partei. Nee. Ganz ehrlich: Das ist mir zu doof.

Warum? Weil es mich an meine Kindheit erinnert. Da ging es auch darum, das Richtige zu sagen und zu tun. Ich bin aber schon lange kein Kind mehr. Doch ich bin von Kindern umgeben: Von großen und kleinen Kindern.

Wenn ich mit Frauen rede, ist es noch deprimierender: Kaum Eine traut sich eine eigene Meinung, einen Standpunkt, zu. Die Gründe sind interessant: Oft sind es die Väter, die in der Familie ihre politische Meinung so penetrant klarmachen mussten, die andere Sichtweisen gar nicht zuliessen, dass diese Frauen nur eines dachten: Ich darf nichts Dummes sagen. Politik löste in ihnen nur Erinnerungen an die Monologe des Vaters aus, also informierten sie sich nicht. Steht die Wahl bevor, wählen diese Frauen die Partei aus, die für sie, für ihren kleinen privaten Kosmos etwas tut. Weltpolitik ist für sie völlig uninteressant. Weil ihnen eingeredet wurde, dass Politik ein Thema ist, für das man sich interessieren kann oder nicht. Weil ihnen eingeredet wurde, dass Frauen sich nicht so dafür interessieren. Die sind ja eher so für das Gefühlige, vielleicht noch Familienpolitik oder was mit Umwelt. Welche Frau in einer „Frauenserie“ redet denn über Politik? Es geht um Männer, Männer und nochmal: Männer. Um Kosmetik (Um sich schön zu machen für einen Mann)  Um Freundschaften(Freundinnen, mit denen über Männer geredet wird). Oft spüren sie intuitiv, dass etwas nicht stimmt. Doch sie können nicht argumentieren.

Und dann gibt es da noch eine Sache, die beide Geschlechter betrifft, Frauen vielleicht etwas mehr, weil sie gefallen wollen: Die Relativierung. Es ist normal geworden, immer einen Konsens zu finden. Doch ich frage mich: Wie soll das gehen? Wenn ich eine Meinung habe, impliziert das doch, eine andere Meinung abzulehnen-weil ich ja eine andere habe. Für alles offen zu sein, alles zu verstehen-das macht alles beliebig. Und chaotisch. ich bin nicht für alles offen. Ich lehne vieles komplett ab. Zu einem beliebten Mitmenschen macht mich das nicht. Es ist aber ehrlich. Ich finde es wichtig, sich zu positionieren. Das muss ja nicht bedeuten, andere Meinungen nicht hören zu wollen. Mir geht es um die Sache. Nicht um ein Machtspiel. Überzeugt mich jemand davon, dass etwas sinnvoll ist, tue ich nicht so, als ob es nicht so wäre, nur um meine Meinung zu behalten. Doch wenn ich etwas unlogisch finde, sogar dumm und verrückt-dann ist das eben so. Dann haben wir eben verschiedene Standpunkte. Dann gibt es eben mal Streit. Ist das so schlimm?

„Filme fahren“ ist der erste Teil einer Trilogie, die aus diesem Gefühl heraus entstand. Aus dem Nebel der Politikverdrossenheit meiner Generation. Gestern hatte ich eine Diskussion mit einer Person, die der Meinung war, ein Kontext ist nicht nötig, der kann auch weggelassen werden, einzelne Sätze zählen. Das ist vielleicht eine Folge der digitalen Gesellschaft, des beiseite-wischens, wenn was nicht passt. Nur landen wir mit dieser Denkweise irgendwann wieder bei unseren Großeltern. Bei den Omas und Opas, die „beim Hitler auch nicht alles schlecht“ fanden. Die Autobahn zum Beispiel. Im Gespräch mit alten Leuten ist das nämlich genauso: Ja, das war schlecht. Aber das war gut. Weil sie manches schlecht und manches gut fanden, wählten sie Hitler. Weil sie manches gut und manches schlecht fanden, unterstützten viele Ex-DDR-Bürger die Stasi. Weil alles realtiv und egal wird, wenn der Kontext fehlt. Wenn die Geschichte abgelegt wird wie ein altes Kleidungsstück. Die Nationalität. Die Familiengeschichte. Das Geschlecht. Dann ist man nur noch ein gemütlicher Klumpen, der alles irgendwie ok findet. In „Filme fahren“ versuchen sich die Protagonisten aus diesem Klumpendasein zu befreien. Sie versuchen es auf verschiedene Art und Weise.

Diese Thematik stört manche Menschen. „Zu biographiespezifisch“ sei das Buch, sagte ein Buchhändler. Interessant für ihn, weil er etwas über eine andere Zeit und einen anderen Ort erfuhr, doch das interessiere eben nur Wenige. Eine andere Leserin sagte etwas Ähnliches: Was haben denn alle , die nicht in der Ex-DDR aufgewachsen sind für einen Bezug dazu?  Das ist doch kein weit entferntes Land, sagte ich. Das ist doch ihr Land. Doch so nahm sie es nicht wahr. Das ist für sie Ausland, viel weiter weg als jedes wirklich andere Land. Sie interessieren sich nicht dafür, weil es vorbei ist. Es ist ein Abspalten von einem Teil , der eigentlich dazugehört. Nur weil es nicht selbst erlebt wurde, ist es doch trotzdem passiert. Und prägt bis heute die Politik. So ist es auch mit der Nazivergangenheit. Dass Geschichte als ein abgeschlossener Block wahrgenommen wird, vorbei und vergessen, das führt dazu, dass die wenigsten Deutschen wissen, was Antisemitismus ist. Sie wissen nichts über die damaligen Ereignisse, wissen somit auch nicht, was Nazis sind. Ganz dumpf wabert da etwas von Rassismus, alle sollen gleich sein und die Nazis, die wollten das nicht, die waren für Hass und nicht für Liebe und deshalb waren die böse.

Viele Frauen geben ihren Vätern, ihren Partnern die Schuld. Weil die sie in Grund und Boden quatschten, konnten sie ja nicht anders. Viele Wessis geben ihren Eltern die Schuld: Die haben uns ja nix erzählt. Und so bleibt jeder Mensch eine Insel. Gefangen in der eigenen Filterblase, verbunden nur durch das politische Bewusstsein eines Kleinkinds: Liebe gut, Hass böse.

Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, wollte ich das thematisieren. Den Zusammenhang zwischen den Dingen und Menschen, das Wiederfinden der eigenen Identität im Zusammenhang mit Politik und Geschichte. Ich habe das alles genauso erlebt. Ich habe lange versucht, mich nicht für Politik zu interessieren. Ich habe lange versucht, mich nicht für meine eigene Geschichte zu interessieren. Das zu sagen, was alle so sagen, um möglichst unbeschadet durchs Leben zu kommen. Nur habe ich mich dann wie ein halber Mensch gefühlt. Das Glück finden die Protagonisten am Ende vielleicht nicht-aber sie werden wieder ganz. Zu echten Menschen. Und dazu gehört es auch mal, keine Ahnung zu haben. Erst einmal über eine Sache nachdenken zu müssen. Eine Meinung scheiße zu finden. Irgendwann eine Position einzunehmen. Ich glaube nicht daran, dass uns das voneinander trennt. Ich glaube eher, dass es uns zusammenbringt, wenn wir nicht länger als Inseln leben. Sondern als Menschen, die gemeinsam in der Welt leben.

Filme fahren: Bei Amazon, Thalia, Hugendubel unter der ISBN: 9783745011463

oder bei mir direkt: Schickt eure Adresse an : u.melzer@live.de

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Mein Thema oder brauchen wir Bücher über die DDR?

Mein Thema oder brauchen wir Bücher über die DDR?

Falls ihr es noch nicht bemerkt habt: Ich habe diesen Blog gestartet, weil ich ein Buch geschrieben habe. Es heißt „Filme fahren“ und ist bald als Taschenbuch und E-Book zu erwerben. In diesem Buch geht es um  Menschen, die einen DDR-Background haben. Die Hauptfigur hat die DDR nur in ihrer Kindheit erlebt. Nur?

Es gibt viele Menschen, die der Ansicht sind, was wir als Kinder erleben, zählt nicht. Quasi ein Blackout, diese Zeit unseres Lebens. Dass diese Theorie Schwachsinn ist, wissen Psychologen schon lange. Die Kindheit prägt uns, macht uns sogar zu den Menschen, die wir als Erwachsene sind. Ich habe viele Erinnerungen an meine Kindheit. Ich sehe manche Szenen direkt vor mir, weiß noch genau, wie es damals aussah, was ich gefühlt habe. Im Vergleich zu anderen Erinnerungen ist das trotzdem sehr wenig. Doch was die DDR für mich bedeutet hat, das weiß ich noch. Auch, weil es nie wirklich aufgehört hat. Dieses Gefühl, eingesperrt zu sein. Ich hatte das Gefühl, von einem Gefängnis ins Nächste zu kommen. Was den Wunsch nach Freiheit nur noch stärker werden liess. Im Kindergarten wurde darauf geachtet, dass sich jedes Kind gut ins „sozialistische Kollektiv“ einfügt. Was bedeutete, dass Fantasie immer schlecht war, Individualismus noch schlechter, dass Sadismus als Erziehungsmaßnahme normal ist.  In der Schule wurde das schlimmer. Ich erinnere mich an die Fahnenappelle, die Pionierrituale, die gedrückte Stimmung des nicht-sagen-dürfens. Ich erinnere mich an die Krankenschwester, die mir sagte, ich würde meine Mutter nie wieder sehen,  weil ich nun für immer im Krankenhaus bleiben müsse. Familie, Zusammenhalt, Freundschaften, die nicht staatlich reglementiert waren, wurden nicht gern gesehen. Staatliche Einrichtungen sollten die Kinder erziehen, nicht die Eltern. Das systematische Runterputzen, das Erniedrigen, gehörte zu diesem Erziehungsprogramm dazu.  Auch Sadismus und Mißbrauch gehörten für viele Kinder dazu. Eine Ärztin, die uns in der Kinderklinik solange in den Po kniff, bis wir Blutergüsse bekamen? Die Kindergärtnerinnen, die Kindern die Hosen herunterzogen und sie vom ganzen Kindergarten auslachen liessen? Sozialistische Erziehung.  Mein Klassenlehrer gehörte allerdings eher zu den liebevollen Idealisten, die im DDR-System eine Lösung all ihrer Probleme gefunden hatten. Seine Paranoia quälte nur ihn, seine SchülerInnen förderte er und war ihnen ein guter Lehrer. Eine große Ausnahme. Doch von dieser Paranoia waren wir trotzdem umgeben, wie von einer grauen Decke. Auch für einen Freund meines Vaters, der als Kommunist in den USA verfolgt wurde, bot die DDR eine Zuflucht. Hier erlebte er nur Positives. Was ihn blind machte, für all Diejenigen, die in der DDR verfolgt wurden. Es ist eine Ignoranz, die man verstehen kann. Die trotzdem falsch ist. Beide, mein Lehrer und der Freund meines Vaters, glaubten an ein Paradies. Ein Ort, an dem alle Menschen glücklich sind, wo es gerecht zugeht. Ausnahmslos. Das gab ihnen Kraft, Unrecht zu erkennen und sich dagegen zu stellen. Doch das machte sie gleichzeitig auch zu Ignoranten. Denn dieser Wunsch nach dem Paradies, nach eigenem Glück, liess eben auch jedes Mitgefühl in ihnen sterben.

Die Großeltern eines Freundes aus Hessen kamen aus dem „Sudetenland“, für sie war Deutschland dieses Paradies. Sie hatten sich als wertlos, als Verfolgte und Menschen zweiter Klasse erlebt. Also musste ignoriert werden, was wirklich geschah. Bis zum Schluss verehrten sie Hitler als ihren Retter. Die Juden seien ja nur freiwillig umgezogen, sagte die Großmutter. Ihr Sohn glaubt bis heute irgendwie an diese Überzeugungen, sieht sich als Nachfahre einer bedrohten Minderheit. Und natürlich war das ja ganz schlimm, was der Hitler so alles gemacht hat, klar. Das wussten die Eltern doch nicht. Aber: Nicht alles war schlecht. Er versteht seine Eltern und wählt nun die Afd, weil da auch vernünftige Leute dabei sind, die verstehen, dass nicht alles schlecht war. Dass Heimat und das christliche Abendland, Tradition und Nationalismus noch etwas bedeuten. „Die junge Freiheit“ lesend, sitzt er oft  rauchend am Küchentisch und erzählt melancholisch von seinen Eltern. Von kleinen Dingen, wie der Kalbsbratwurst, die es immer an Feiertagen gab. Oder der Mühle, die den Eltern in Teschechien gehörte, als sie noch jemand waren.

Ähnliche Geschichten lese ich in letzter Zeit über die DDR. Melancholische Betrachtungen, Erinnerungen an eine Zeit, in der die Eltern „noch jemand waren“. Als sie wichtig waren, zählten, wertgeschätzt wurden. Und das ist es dann. Das Argument. Das zählt dann als Rechtfertigung für die Verharmlosung all der Anderen, denen es um mehr ging, als darum ,  „jemand zu sein.“ Die von Anfang an niemand waren, weil sie die falsche Religion, Lebenseinstellung oder Herkunft hatten. Denen es nicht nur darum ging, ein Haus und einen Beruf zu haben. Die das, was uns Menschen ausmacht-Denken, Fühlen, Entscheidungen treffen,  wollten. Denen es darum ging, dass alle Menschen das konnten. Die Glück nicht mit rein materiellen Werten gleichsetzten.

Dass es in Kauf genommen wird, andere Menschen einfach auszublenden, der Ideologie zuliebe, den eigenen schlimmen oder guten Erlebnissen -das ist eine Erfahrung, die ich auch nach dem Ende der DDR immer wieder gemacht habe. Wie meine Eltern hatte ich erst mal dieses wunderbare Freiheitsgefühl: Das Leben genießen, in fremde Länder fahren, einfach glücklich sein. Meine Eltern mussten sich aber bald damit auseinandersetzen, dass Religion, Glauben nun nichts Schlimmes mehr war, doch auch nicht mehr die Bedeutung hatte, die ihnen einen Lebenssinn gab. Als Religionslehrerin stellte sich meine Mutter bald die Frage, ob Religion überhaupt etwas in der Schule verloren hat. Die für sie befreiende Religion wurde von anderen Menschen plötzlich als Zwang erlebt. Ich wurde in meiner Pubertät sehr kirchenkritisch, was mich aber auch meiner Spiritualität beraubte. Und diese wiederum hatte mir in meiner Kindheit eine innerliche Freiheit gegeben, die mich den Sadismus in staatlichen Einrichtungen auishalten liess. Doch den Dogmatismus in der Kirche ertrug ich einfach nicht mehr. Meine Eltern konnten noch so liberal sein, mir reichte es schon, in der Kirche meine Sünden bekennen zu müssen, um mich wieder unfrei, eingesperrt zu fühlen. Ich war mit 15 weiter als Andere in diesem Alter. Ich empfand eher wie eine 20jährige, las Nietzsche, Camus und de Beauvoir und suchte nach dem, was ich verloren hatte.

Ein Freund meiner Eltern erzählte uns mit glänzenden Augen von einer Gemeinschaft namens Taizé. Wo Christen jeder Konfession Sommer für Sommer zusammenkamen um dort mit einem Gottesdienst, ganz  ohne Predigt, ohne Dogma , ihre eigene Spiritualität zu finden. Alles sei dort bewusst einfach, es ginge um Gemeinschaft, Freude. Ich war sofort begeistert. Meinem Vater sah ich sofort an, da er da eigentlich nicht hinwollte. Diese Angst in seinen Augen kannte ich gut. Gemeinschaft? Lange Schlangen vor der Essensausgabe? Das kannten wir doch schon. Und als wir dann dort ankamen, sah ich diese Angst wieder. Ja, es wirkte ein bisschen so wie ein riesiges Pionierlager. Wir wollten sofort weg. wir blieben aber-was auch an Frankreich lag, diesem wunderschönen Sommer, dem idyllischen Haus in dem wir wohnten. Wir sangen Pete-Seeger-Lieder auf der Wiese und versuchten diesem Lager etwas Eigenes, Individuelles entgegenzusetzen. Ich lernte dort, mir meine Freiheit einfach zu nehmen, eine Art Konfrontationstherapie. Die Gottesdienste wirkten fernöstlich, hatten mehr mit Buddhismus als mit Christentum zu tun. Gesänge, die immer wiederholt wurden, keine Predigt. Ich fand viele Freunde, die wie ich aus protestantischen Familien kamen, wir hatten alle ungefähr das Gleiche erlebt, hatten ähnliche Traumata und eben auch diese Sehnsucht nach Freiheit. „Die Diktatur war das Beste, was dem Christentum passieren konnte“ sagte einer dieser Freunde mal bei einer Glaubensdiskussion. Diesen Satz habe ich in meinem Buch meinem Protagonisten Wladi in den Mund gelegt, weil es authentischer wirkt, wenn das Einer sagt, der dieses Christentum selbst miterlebt und gestalltet hat, aber eigentlich sagte das einer, der wie ich 1981 geboren wurde. Das Schicksal seiner Eltern war sein Eigenes. Wir rebellierten gegen den starren Dogmatismus der Protestanten und Katholiken, den wir nun erkannten. Gegen den Dogmatismus der Hippies und New Age-Jünger, die Taizé zu einer Art Woodstock machten. Gegen den Dogmatismus der Drogis, die sich in Taizé  ebenfalls wohlfühlten. Wir erfanden dämliche Rituale die uns angeblich dem großen Weltgeist näherbringen sollten, verkauften Pfefferminzsalbe als „krasse Droge“ und Matetee als psychedelisches heiliges Kraut. Weil Frauen im Gottesdienst dazu gezwungen wurden, sich mit Tüchern die Schultern zu bedecken, banden mir meine Freunde aus diesem Tuch einen Hidjab. Wir lachten einfach alle aus. Doch die Sehnsucht nach einer spirituellen Zugehörigkeit war trotzdem da. Ich lernte eines Tages Jesus Freaks dort kennen, eine charismatisch-evangelikale Jugendgruppe, die sich sehr kämpferisch und unangepasst gab. Durch sie lernte ich andere evangelikale Gruppen kennen. Sektenartige Gruppierungen, wie die „Holy  Force“-Gruppe in Filme fahren. Ich fand mich plötzlich wieder in den Strukturen, denen ich eigentlich entkommen wollte. Während ich darauf achtete, nichts zu tun was „dem Teufel gefällt“, starb meine innere Freiheit. Die Paranoia, das Filmefahren kam zurück. Ich entdeckte die hässliche Seite der evangelischen, und freikirchlichen Welt. Manipulation, Erpressung, patriarchalische Strukturen, strenge Hierarchien, Dogmatismus. Und doch suchten wir in unserer eigenen kleinen Jesusfreaksgruppe nach einer freien Spiritualität. Wir schrieben Songs, malten Bilder, suchten Gott in Kunst und Literatur, in sozialen Aktivitäten. Doch den unfreien Strukturen konnten wir nicht entkommen.

Auch in linken Gruppen erlebten wir das so. Manchmal kam es mir so vor, als wäre jeder Mensch in meinem Umfeld Teil eines Kults: Esoterik, Verschwörungsideologie, Linksradikalismus, Rechtsradikalismus, konservative Religionen, Sekten, Kriminalität, sogar Menschen, die in satanistischen Familien aufwuchsen, begegnete ich. Und fragte mich, warum begegne ich diesen Menschen immer wieder? Warum suchen wir DDR-Kinder, die in christlichen Familien aufwuchsen, immer wieder neue unfreie Systeme? Warum werden wir immer wieder damit konfrontiert?

Vielleicht, weil wir ein Leben lang begreifen wollen, was das für eine Welt war, in die wir hineingeboren wurden. Und weil die Suche nach Freiheit so zu einem Lebensthema wird. Wenn ich mich jetzt mit den Freunden von damals unterhalte, stellen wir fest, dass wir nicht mehr zu Gemeinden und Gruppen gehören. Dass uns sogar Gottesdienste zuviel werden. Wir beschäftigen uns lieber mit Philosophie und trauen uns endlich, liberal zu sein. So sind wir unserer eigenen Spiritualität nähergekommen, als in jeder religiösen Gruppe. „Wir sind doch Teil einer Gruppe“ sagte eine Freundin mal. „Unserer Gruppe“. Zugegeben-wir sind eine Gruppe von Individuen, die sich auf nichts einigen kann. Doch sie hat recht: Mit diesen Freunden fühle ich mich wirklich manchmal wie in einer „Gemeinde“. Es ist vielleicht ein ähnliches Gefühl, wie es meine Eltern und ihre Freunde zu DDR-Zeiten erlebt haben. Als es nicht um Liturgien und Bibelstellen ging. Sondern um Mensch, Welt, Gesellschaft, Politik, Freiheit. Und die Einheit dazwischen. Um Freundschaft, die als spirituelle Gemeinschaft eine Gegenrealität zum allgemein Anerkannten und Geduldeten bildet.

Darum geht es in „Filme fahren“ und den Fortsetzungen „Disclosure“ und „Übertragung“, an denen ich gerade arbeite. Oft habe ich mich, oft wurde ich gefragt, ob wir wirklich noch ein Buch über die DDR brauchen. Denn jeden Tag würden wir doch geradezu mit DDR-Dokus im Fernsehen und Zeitungsartikeln „berieselt“. Ja genau-berieselt. Solange es noch Menschen gibt, die so wie die Nazi-Omma von nebenan behaupten, „damals sei ja nicht alles schlecht gewesen und weil sie keine schlechten Erinnerungen an „damals“ habe, sei es eben auch nicht so schlimm gewesen, wie immer alle behaupten“, solange die Nazi-Omma dafür verurteilt, die Ostalgiker jedoch ernstgenommen werden, können gar nicht genug Bücher geschrieben werden. Eben gerade nicht zum Berieseln.

Um die DDR geht es in diesen Büchern gar nicht mal direkt. Es geht um diese Suche nach innerer Freiheit, die für mich aber untrennbar mit der Kindheit in der DDR zu tun hat.

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann mein Buch bei mir erwerben: Schickt mir dazu einfach eine Mail: u.melzer@live.de . Dann lasse ich ein Buch für euch drucken und schicke euch ein signiertes Exemplar für 15 Euro.  Auch bei Thalia könnt ihr „Filme fahren“ ab heute erwerben: https://www.thalia.de/shop/home/suggestartikel/ID73972514html?sq=Filmefahren&stype=productName

 

 

 

I love Dick-von der Sehnsucht als Stilmittel

I love Dick-von der Sehnsucht als Stilmittel

Ich habe mir mal Gedanken über die Themen gemacht, die man  in  Büchern aufgreift. Da gibt es einmal ein Grundthema, einen roten Faden-und dann viele andere Themen, die vielleicht nur kurz angerissen werden, aber ebenfalls wichtig sind. Die Themen bauen aufeinander auf, werden zur Komposition, zur Mixtur , die am Ende etwas Einheitliches wird:  Das fertige Werk.

Als Autorin kann ich einen Blog dazu nutzen, auf diese Themen einzugehen, zu erklären, warum sie für mich wichtig sind. Oft lese ich dann Bücher, oder sehe Serien oder Filme, höre Musik, die ebenfalls diese Themen aufgreifen-das finde ich immer besonders spannend. Dann erst wird mir bewusst, dass nicht nur mich das interessiert, sondern meine Vermutung gestimmt hat-tatsächlich gibt es Themen die auch für Andere interessant sind, für viele Menschen.

Heute geht es um ein Thema, das schon irgendwie ein Hauptthema für mich ist und war: Sehnsucht.

1997 erschien das Buch „I love Dick“  von Chris Kraus.  Entdeckt und gewürdigt wurde es erst jetzt, ich habe es in der deutschen Übersetzung gelesen.  Zufällig spielt auch „Filme fahren“  zu dieser Zeit. Ich habe seit den späten 1990ern diese Idee mit mir herumgetragen, ein Buch zu schreiben, dass als Grundthema eine Sehnsucht nach einem Menschen hat, einem Menschen, der etwas symbolisiert, der die Hauptfigur verändert und über eine schlichte Begegnung oder Liebesbeziehung hinausgeht. Bücher die mich dazu inspiriert haben waren „the great Gatsby“ von F.Scott Fitzgerald  und „On the Road.“ von Jack Kerouac.  In beiden Büchern, so unterschiedlich sie auch sind, gibt es diesen einen Menschen, der für die Hauptfiguren alles verkörpert. Dabei  es geht nicht um Verliebtheitsgefühle.  Dagegen ist  nichts zu sagen. über diese Art Liebe wurde viel geschrieben. Doch darum geht es mir nicht. Es geht mir auch nicht um das groupiehafte Anhimmeln. Es geht vielmehr um einen Menschen als Türöffner zur Welt. Der Mensch der hilft,  diese Welt zu verstehen, der uns hilft uns selbst zu erkennen. Oft wünscht man sich eine Erwiderung dieses Gefühls, wünscht sich eine gemeinsame Erforschung, ein gemeinsames Genießen dieser neuen  Welt. Doch oft sind diese Sehnsuchtsobjekte undurchschaubar, emotional nicht greifbar. Nicht die Zurückweisung ist das Thema, sondern ein Gefühl von Verstörtsein, Angst. Es gibt Menschen, die sich mit Freude und Enthusiasmus in solche intensiven Begegnungen stürzen. Und es gibt Menschen, die ängstlich, manchmal auch aggressiv davor zurückweichen. Immer ist das Erlebnis ein Gemeinsames, immer ist es für beide lebensverändernd. Doch es sind Männer, denen diese Fixierung irgendwie zugestanden wird. Eine weibliche Erzählerin müsste dann schon ein psychisches Problem haben. Oder einen gewalttätigen Ehemann. Frauen und Begehren, Frauen und Intellekt, Frauen und Gefühle und all das zusammen wird gern hysterisch und  narzisstisch genannt und damit abgetan. Chris Kraus ist es so ergangen, bis weibliche Bekenntnisliteratur und Kunst einen Weg gefunden haben, in eine Welt, die langsam offener, doch noch immer skeptisch auf die peinliche Frau schaut, die ihr Inneres nicht brav zurückhält, sondern fast aggressiv vor aller Welt ausbreitet.

Es waren diese Bücher, eigene Erlebnisse und das immer unfreiwillige Erzählen solcher Geschichten. Immer wieder wurde ich von Menschen angesprochen, die mir dann mal was erzählen wollten…ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Geschichten dieser Art es gibt. Wie viele unterschiedliche Menschen so einen oder mehrere Menschen in ihrem Leben getroffen haben, die ihren Horizont erweitert, sie irgendwo getroffen haben. Und in einer idealen Welt lebten diese Menschen jetzt alle glücklich zusammen. Doch diese Welt ist nicht ideal-und so bleibt da diese Sehnsucht, die uns antreibt. Faszinierend fand ich, wie diese  Gespräche,  die zuerst eine Begegnung als Thema hatten, schnell zu allgemeinen Betrachtungen über Leben, Welt, Religion, Politik, Geschichte und Philosophie, Gesellschaftskritik und Popkultur wurden. Man müsste einen Roman über diese Sehnsucht schreiben, dachte ich damals, der dann zu viel mehr wird. Der durch das Sehnen hin zu den großen Lebensthemen führt. Dahin, wo das Private politisch ist. Das war der Grundgedanke zu „Filme fahren.“  Dieses Sehnen nannten wir „Filme fahren.“  Deshalb der Titel.

Tja, Chris Kraus hat das so umgesetzt.  In ihrem Buch geht es um eine Begebenheit, die ihr selbst passiert ist. Als gescheiterte Künstlerin und Ehefrau des angesehenen Literaturprofessors Sylvere Lothringer, mit dem sie eine freundschaftliche aber asexuelle Beziehung führt, ist sie nicht vorbereitet auf die Begegnung mit einem Mann, der so anders ist als alles was sie kennt: Dick, Kulturwissenschaftler und Cowboy. Auf eine andere Art intellektuell, nämlich straight und radikal eigensinnig. Sie ist fasziniert von seinem Charisma und es scheint so, als ginge es ihm mit ihr ähnlich-doch es passiert nichts.  Dick ist der mysteriöse Rätselhafte der sich selbst ein Rätsel ist und vielleicht gerade deshalb auf andere so eindrucksvoll  wirkt. Ein Mann, der so scheint es, sich nicht reflektieren kann. Also macht das Chris für ihn. Sie schreibt ihm Briefe,  die sie nicht abschickt. Es fängt beim Begehren, beim Sehnen an-und wird dann etwas ganz anderes. Eine endlose  Reflektion über Kunst, Kultur, Männer, Frauen, Menschen, Politik….Chris schreibt Dick und sie schreibt sich frei. Sie erkennt durch ihre eigenen starken Gefühle wie wenig solche Gefühle bei Frauen erwünscht sind. Wie sehr sie sich den Dialog auf Augenhöhe mit einem Mann wünscht, den sie als Seelenverwandten erkannt hat. Dick irritiert das nur. „Du kennst mich doch gar nicht“ sagt er und möchte auch nicht gekannt werden.  Chris erkennt,  dass sie in einer Falle steckt, Rollen zu spielen hat, die ihr nicht liegen. Und sie möchte einen anderen Weg gehen: Sich ihre Gefühle bewusst machen. Sie annehmen. Und so erkennt sie irgendwann, worum es ihr auch als Künstlerin geht. Sich von einer Rolle als Frau freizumachen, die von männlichen Erwartungen geprägt ist. Irgendwann bekommt Dick die Briefe, reagiert unfassbar grausam, es kommt zur Annäherung, die er passiv-aggressiv initiert , die er nicht aushält  und mit unbeholfener Schroffheit wieder von sich weist. Es ist Chris Ehrlichkeit die ihn irritiert. Die ihm ohne Spielchen und Verhaltensregeln sagt was sie will und denkt. Sie möchte auf eine Ebene mit ihm kommen, die für sie als Vision schon klar zu erkennen ist. Doch eine Frau kann nicht einfach mit einem Mann über gemeinsame Interessen diskutieren, sie darf nicht sagen, dass sie eine Verbindung spürt, ihr Begehren nicht äußern und nicht vorschlagen, dass es nach einer Nacht ein weiteres Treffen geben könnte. Sie muss kichern, flirten, unterwürfig und unerreichbar sein, vor dem Telefon warten. All das tut Chris nicht. Sie will als Mensch mit einem anderen Menschen kommunizieren. Dabei geht sie so selbstbewusst und ehrlich vor, ohne jegliche Koketterie. Sie versteckt ihren Intellekt nicht, nichts von sich.  Dick scheint verärgert über diesen Regelbruch. Und so kommt Chris am Ende einer Reise die mit Begehren anfing, beim Feminismus an. Und das nicht, indem sie ihre Gefühle als alberne Schwärmerei abtut, Dick und alle anderen Männer fortan hasst, um nun als starke Frau ihren eigenen Weg zu gehen. Bis zum Schluß bleibt Dick für sie  „dear Dick“ . Ich sehe was das du nicht siehst und lasse dich los ohne dich zu verleugnen. Ohne die Welt zu verleugnen, die ich durch dich erkannt habe. Chris findet durch die Sehnsucht,  durch die radikale Darstellung ihrer Emotionen,  ihre eigene Stimme als Künstlerin. Sie stellt sehr kluge Fragen in diesem Buch, Fragen nach der Verletzlichkeit und der Angst vor der Verletzlichkeit der Frau. Woher kommt das? Warum gehen Männer und Frauen so miteinander um, ohne dieses Verhalten zu hinterfragen? Warum darf Manches nicht sein, warum darf eine Frau -egal ob in Beziehungen, als Künstlerin oder Intellektuelle-nur bis zu einer bestimmten Grenze gehen?

In „Filme fahren“ geht es mit einer solchen Begegnung los: Rena begegnet Niko. Niko begegnet Rena. Rena trifft zwei Freunde, die ebenfalls von solchen Begegnungen geprägt sind. Judith trifft Judith, Karen trifft Jasper. Im zweiten Band, an dem ich gerade schreibe, begegnen sich die Brüder Niko und Walter in der DDR der 1980er neu, als Halbschwester Alina und die politische Lage sie dazu zwingen, ihren Hass aufeinander zu besiegen. Und im dritten Band geht es um das was bleibt, von diesen Begegnungen. Das Ineinandergreifen von Politik, Kunst  und Beziehungen.

„Sich Verlieben ist ein revolutionärer Akt“  hat mal irgendein Kumpel zu mir gesagt. Na ja, wir waren sehr jung und pathetisch,  fanden die Antifa toll und so …

Doch jetzt ist mir dieser Satz wieder eingefallen und ich finde ihn gerade sehr passend. Weil wir dann dazu bereit sind, Regeln ausser acht zu lassen, weil dann ein Interesse für die Welt entsteht. Weil wir dann bgreifen, dass jede Begegnung etwas unheimlich Kraftvolles und Radikales ist. Auch wenn es nicht so endet wie wir uns das erträumt haben. Trotzdem passiert etwas  zwischen zwei Menschen. Und wenn wir selbst ein Teil davon sind, kann es uns öffnen, für diesen Gedanken, dass Kunst nicht nur sich selbst genügt, dass Politik nicht nur etwas ist, dass andere betrifft und von „denen da oben“ gemacht wird, dass kurz gesagt, alles, was in dieser Welt gedacht, gemacht und gefühlt wird, uns angeht weil wir ein Teil davon sind.

Als ich anfing mit dem Schreiben von „Filme fahren“, waren viele Menschen irritiert von dieser jungen Frau, die nach einem intensiven Blickkontakt so dermaßen fasziniert von einem Mann ist, den sie nicht kennt. Sie waren irritiert von der Peinlichkeit, die mit solchen Frauen immer verbunden wird. Man erniedrigt sich nicht so. Man wartet ab. In diesem Abwarten liegt die uralte Überzeugung, dass Frauen kein Begehren, keine Lust, kein eigenes Gefühl entwickeln können-sie lassen sich abholen, mitnehmen, sie machen mit. Die Verbindung wird vom Mann erkannt und von der Frau freudig bejaht oder abgelehnt. Sie darf das nicht sehen und schon gar nicht ansprechen.

Ähnlich ist es , wenn Frauen beschließen, eine politische Meinung zu äußern, wenn sie kreativ werden. Dann ist eine feste, klare Meinung und Haltung, ein Selbstbewusstsein gegenüber der eigenen Kunst, nicht gern gesehen. Eine Frau, die lang und ausführlich über intellektuelle Themen redet-das gilt bei Frauen als narzisstisch. Männer machen das so. Klar. Eine Frau will sich so nur in den Mittelpunkt stellen. Und da gehört sie nicht hin. Denn da ist kein Platz für zwei.

Chris Kraus sagt, „Fuck it“ und stellt sich einfach dazu. Sie redet, auch wenn ihr Partner nicht zuhört. Sie tut so, als ob. Und vielleicht, irgendwann, hört man ihr zu. Hört Frauen zu, betrachtet ihre Kunst als Kunst, ohne Pathopsychologie, ohne Herabwürdigung. Danach sehne ich mich. Und diese Sehnsucht ist es, die mich antreibt.

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TrendThemen

Sehr oft stolpere ich in letzter Zeit über den Begriff „Modethema“ oder „Trendthema“. Wenn ein Thema häufig in den Medien, in Büchern und Musik/Kunst/Film auftaucht, erklärt man es zum Trend, das macht man jetzt so, darüber redet man jetzt, das ist halt schick. Und es schwingt immer eine gewisse Abfälligkeit mit. Warum eigentlich?
Mode, Trend-das bedeutet doch nur, dass ein Thema gerade gesellschaftlich relevant ist, diskutiert wird. Und wenn es vorher nur ein Nischendasein gefristet hat, ist das doch gut. Nimmt die Öffentlichkeit Notiz von etwas, heißt es ja nicht, dass es vorher nicht existiert hat. Zuerst war es der angry young Man, jetzt die angry young Woman, plötzlich wollen alle FeministInnen sein und alle sind auf einmal vegan. Ich empfinde solche Trends positiv. Denn nicht alle sind plötzlich….sie setzen sich nur damit auseinander. Und das Schweigen hört auf. Man traut sich plötzlich, zuzugeben, was man ist, was man denkt. Und das ist doch positiv.
Ich habe in meinem Buch und den Folgenden, sehr viele „Trendthemen“. Und habe ernsthaft überlegt, ob das so eine gute Idee ist. Weil mir dann vielleicht vorgeworfen wird, auf einen bestimmten Zug aufspringen zu wollen. Deshalb möchte ich heute mal die Geschichten zu einigen, von mir verwendeten Trendthemen, erzählen.

1. Polyamorie
Ich schreibe gerade den letzten Teil der „Filme fahren“-Trilogie. Meine Protagonisten sind Mitdreissiger, und sie leben jetzt, Im Jahr 2017.Erst seit Kurzem ist Polyamorie nicht mehr etwas für Freaks, man redet tatsächlich ernsthaft darüber, lässt Argumente gelten, die vorher nur belächelt wurden.Meine Figur Karen lebt in einer offenen Beziehung. Warum ich das thematisiere? Weil ich Polyamorie spannend finde. Und weil ich es interessant finde, wie sich die Wahrnehmung in der Gesellschaft verändert hat. Darum geht es ja in meiner Trilogie-wie prägen gesellschaftliche Veränderungen unseren Alltag, unser Beziehungsverhalten? Hat die Art wie wir lieben Einfluss auf Politik und umgekehrt?
Ich habe mich schon immer gefragt, warum es so verpönt ist, mehrere Menschen zu lieben. Warum niemand zugeben kann, dass es sehr wohl möglich ist, ganz verschiedene Gefühle gleichzeitig zu erleben. Und dass jede Beziehung zu einem Menschen anders ist, dass man Menschen weder austauschen, noch vergleichen kann. Warum man von fremdgehen und Betrug spricht, obwohl der Partner doch nichts Böses getan hat-nur Sex mit einem anderen Menschen hatte? warum man das Eine besser als das Andere finden muss. Warum sich Menschen kaputt und unglücklich machen, indem sie abgrenzen und ausschließen, statt sich einfach zu entspannen und zu sich zu stehen. Denn Heimlichkeit tut weh. Er/sie ist besser als du, mehr, weniger, etc…tut weh. Jemanden aus manipulativen Gründen zu betrügen, jemanden vorsätzlich zu verletzen-all das tut weh. Doch zwei Menschen oder mehr, gleichzeitig zu lieben -dafür muss man nur ehrlich zu sich und Anderen sein. Und es kann unheimlich befreiend sein. Solche Gedanken zu äussern ,kam nie in Frage. Denn das ist ja unreif. Sich entscheiden für die eine oder andere Seite, galt als erwachsen. Doch genauso wie ich Etikette-schwul, lesbisch, bi-albern finde, finde ich es auch albern so zu tun als gäbe es eine lebenslange Fixierung auf einen einzigen Partner. Das erste Mal fand ich eine Bestätigung dieser Gedanken in dem Buch „Sex-die wahre Geschichte“ von Christopher Ryan und Calcida Jethá. Da werden wissenschaftliche Mythen auf den Prüfstand gestellt und auf anschauliche, intelligente und witzige Weise, wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt, die diesen ehrlichen Blickwinkel zulassen. Ohne die Polyamorie zu veherrlichen oder als einzige Lebensform zu betrachten. Nur als Möglichkeit. Als Realität. Und zu meinem Buch passt es, dass sechs Menschen, die auf der Suche nach Glück und Sinn sind, sich auch in dieser Hinsicht ausprobieren. Ich möchte meinen Figuren die Möglichkeit geben, alles auszuprobieren und die Zusammenhänge zwischen privaten Befindlichkeiten und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen zu erforschen.

2. Histamin, Gluten, Laktose und Co….

Oft wurde es mir angeraten, nun mache ich es wahr: Ich schreibe ein Kochbuch. Und springe damit auf den Zug der „Ohne alles“-Bewegung auf. Denn ich leide unter sogenannten Modekrankheiten: Histamin-Fruktose-Laktose-Intoleranz, Hashimoto.
Glaubt man den zahlreichen Zeitungsartikeln zum Thema, denken sich irgendwelche Mittehipsterbobos oder wie auch immer man das nennt, sich in ihren schicken Altbauwohnungen Krankheiten aus, weil ihnen so langweilig ist. Und sie verzichten auf leckere Lebensmittel weil sie das irgendwie besonders macht. Solche Texte machen mich wütend. Denn an diesen Krankheiten ist nun wirklich nichts, aber auch gar nichts glamourös. Es sei denn, man findet Darmprobleme, Über-oder Untergewicht, Verzicht und soziale Isolierung irgendwie glamourös. Natürlich gibt es diese Leute, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Ich habe allerdings eher Menschen getroffen, die unter ihren Krankheiten leiden. Und die froh sind, sich endlich in Internetforen darüber austauschen zu können, Mit Ärzten zu reden, die sich dieser Nischenthemen angenommen haben und mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen helfen wollen. Ernährung spielt bei diesen Krankheiten die entscheidende Rolle. Ich bin ein totaler Genussmensch, habe Currywurst, Burger und Pasta geliebt, gern Alkohol getrunken und Kaffee wie Wasser konsumiert. Ich wollte auf nichts verzichten und habe nach einem Weg gesucht, mein altes Ich nur minimal abzuändern…und deshalb heißt mein Buch: Lieblingsessen. Ich habe Rezepte, mit denen ich Gäste und mich selbst bekocht habe, leicht abgewandelt. Bei diesem Thema ist es mir wirlich wichtig, zu betonen, wie gut es für Betroffene ist, endlich aus ihren Nischen herauskommen zu können. Ich habe manchmal das Gefühl, wir Kranken sind diejenigen, die schon lange wissen, dass die Erde keine Scheibe ist, während die Welt um uns herum das erst langsam begreift. Und egal wie viele Journalisten noch immer wütend dagegen anschreiben, können auch sie sich nicht ewig gegen die Realität stellen. Dazu muss man kein Verschwörungstheoretiker sein.(Denn auch die gibt es leider zahlreich in diversen Internetforen zu diesem Thema) Es genügt, sich an die moderne Wissenschaft zu halten. Wer krank ist, erlebt so etwas ganz unmittelbar, unfreiwillig. Unsere Erkenntnisse über den menschlichen Körper sind noch sehr gering.

3. Feminismus

Nach einem Gespräch mit männlichen Freunden und Bekannten aus der Hip-Hop-Welt, entstand mein Text „Barbara“. und „Frauen.“ Ich schreibe in diesen Texten einfach auf, was diese Männer so sagen, wenn sie sich unbeobachtet glauben. Sie würden das anders formulieren, wenn jemand zuhört. Alternative und intellektuelle Zuhörer rümpften die Nase, denn zu diesen Prolls gehörten sie natürlich nicht. Irrtum. Auch sie habe ich in diesen Texten zitiert. Denn einen Unterschied habe ich zwischen diesen beiden „Gruppen“ nicht feststellen können. Na gut, die erste Gruppe trug Tattos und Goldkettchen, die zweite Nerdbrille und ironisches T-Shirt. Der Frauenhass war gleichermaßen ausgeprägt. In diesen Momenten entstanden wütende, satirische Texte. Und diese Momente machten mir klar, dass ich ja wohl irgendwie anders ticke. Denn andere Frauen fanden ja nichts dabei. Sie zogen mit ihren Freunden über „Schlampen“ her, sie liessen sich ganz cool und freiwillig schlecht behandeln, sie wurden nicht gesehen und wollten sich selbst nicht sehen. Sie lächelten ihren schlau daherredenden Freunden bewundernd zu, und hauchten mit Feenstimmchen nachdenkliche SingerSongwriterliedchen über die Welt die solche Angst macht, über Blumenwiesen, Kinderlachen und Love. Und dass sie in Love with the bad Boy sind und so herrlich suizidal leiden wie Lana del Rey. Und die Möchtegernbadboys lachten. Mit Goldzähnen und Zahnstocher, oder mit dem selbstironischem Lächeln des intellektuellen Denkers, dessen vom Kaffeekonsum gelb verfärbten Zähne, er hinter seinem Hipsterbart versteckt. ich habe Frauenhass erlebt, gesehen, ständig. Frauen gegegen Frauen, Männer gegen Frauen, Frauen gegen Männer. Deshalb musste ich ein Buch darüber schreiben. Und bei all dem Quatsch, der ja wirklich in all den feministischen Blogs und Artikeln abgesondert wird, finde ich auch viele gute Texte, die all das beschreiben, was ich seit Jahren nur im privaten Kreis besprechen konnte. Manchmal nicht mal dort.

4. Politik-Religion-Flüchtlingskrise, links, rechts….aaahhhh

Ja, ja, ich weiß. Aber ich komm da nicht drumherum. Denn wenn ich darüber schreibe, was Politik mit privaten Problemen zu tun hat, wenn die Geschichte nicht mehr in den 1990ern oder den 1980ern spielt, muss es eben auch darum gehen. Denn wo sie politisch hingehören-auch das beschäftigt meine Protagonisten. Viel Raum möchte ich Christoph geben, der in „Filme fahren“ nur Randfigur war.Seinen Weg skizzieren, vom Christen in der DDR zum Spitzel, vom Spitzel zum Theologie-Professor zum Buchautor und Talkshow-Gast. Kirche und Politik-das sind die Themen, an denen er sich abarbeitet. Ich nehme keine bestimmte Position ein, denn das, finde ich, ist nicht die Aufgabe eines Schriftstellers. Ich dokumentiere. Und dann kann jeder selbst schauen, wie er das dann interpretiert.
Ich bin wie meine Protagonisten in den 1990ern aufgewachsen. Da war das noch einfach mit der Politik. Bist du links oder rechts, wurde ich von Mandy aus dem Nachbardorf im Schulbus gefragt. Links war gegen, rechts für Nazis zu sein. Also sagte ich links, natürlich! Also, ich bin rechts sagte Mandy. Denn die Ausländer nehmen uns doch die Arbeit weg. Ihr Onkel sei arbeitslos geworden und ein Scheißkanake kriege den Platz der doch ihrem Onkel zustünde. Aber ich toleriere dich, sagte sie großmütig. Solange ich nichts gegen Nazis sagte, zumindest. Ich hielt die Klappe. Ich wurde toleriert. Auch von einer Neonazischlägermädchengruppe wurde ich toleriert, weil ich behauptete, ihre Weltanschauung zu teilen. „Warum siehste dann aus wie ne Zecke?“ brummte die Anführerin. „Das ist doch nur Tarnung.“ Sagte ich. „Clever“ sagte sie. Ich toleriere dich, sagte auch Emine, die ich im Krankenhaus kennenlernte, viele Jahre später. Sie und ich, wir teilten die Histaminintoleranz und waren beide religiös. Emine bewunderte Mohammed, ich Jesus. Bedingung unserer Freundschaft war meine Zustimmung zu ihrem Dogma: Jesus war nur ein Prophet. Er hat keine Bedeutung.
Ich toleriere dich, sagte auch ein muslimischer Mann, mit dem ich ein Date hatte. Bedingung:Ich sollte mir ein Video über Mohammed ansehen und nicht dabei lachen. Zugeben, dass Jesus keine Bedeutung hat. Dass Michael Jackson vom CIA umgebracht wurde. Und dass Israel und die USA an allem schuld sind. Na ja, sagte ich. Die Toleranz wich aus seinen Augen. Mit Analsex könne ich allerdings weiterhin toleriert werden. Das ginge. Ich toleriere dich, sagten fanatische Katholiken. Ich solle mich nur züchtiger kleiden. Ich toleriere dich, sagten freikirchliche Jesus-Anhänger. Solange du Gott als deinen Herrn anerkennst, keinen Sex vor der Ehe hast, niemals abtreibst, …und den Zehnten spendest. Ich toleriere dich, sagten Protestanten, wenn du die Ehe als heilig anerkennst, die Bibel nicht in einer bestimmten Art kritisierst, und dich ebenfalls züchtig kleidest. Ich toleriere dich, sagten Linksliberale,Links -Extreme und Linke aller Art,wenn du so denkst wie wir. Ausnahmslos.
Ja ich war umgeben und eingehüllt in eine Toleranz der Bedingungen. Und wusste selbst irgendwann nicht mehr, was ich eigentlich denke, wer ich bin und was passiert wenn ich mich das frage und alles laut ausspreche. Denn das war ja gar nicht wichtig, das zählte nicht. Deshalb schreibe ich im letzten Teil davon. Von der Suche nach der eigenen Stimme. Und dem Grund für die Politikverdrossenheit meiner Generation, die eben oft nur eine Verweigerung dieser falschen Toleranz darstellt.

Was ist das eigentlich für 1 Buch? Über das fehlende Echo

Was ist das eigentlich für 1 Buch?  Über das fehlende Echo

Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, tat ich das,ohne Bestätigung dafür zu bekommen, einfach weil ich es wollte und musste. Aber meine Texte schrieb ich nicht für mich selbst, also war es mir wichtig, Menschen zu finden, die sich von diesen Texten angesprochen fühlten, die möglichst oft und viel von mir lesen wollten. Ohne dieses Echo hätte ich vielleicht nicht weitergemacht.

Für mein Buch „Filme fahren“ habe ich bisher nur wenige Reaktionen​ bekommen. Ich kann nur vermuten, woran das liegt- vielleicht scheuen sich einige Leser vor negativer Kritik. Vielleicht haben sie es nicht verstanden. Oder gekauft und noch nicht gelesen. Ich bin froh,in meinem Umfeld literaturaffine, ehrliche Menschen zu haben. Jede/r hat etwas Anderes für sich darin entdeckt. Jedes Echo war wertvoll für mich, am meisten gefreut hat mich die Bestätigung, dass die Idee mit der Trilogie richtig war- das Buch lese sich wie ein Auftakt. Das ist es auch…Man wolle immer weiter lesen.

Es ist ein schönes Gefühl,wenn Menschen etwas ganz Eigenes für​ sich in meinem Buch entdecken können, wenn sie es verstehen. Wenn sie das was ich tue nicht nur gutfinden, sondern etwas für sich daraus mitnehmen.
Eine etwas bizarre Rückmeldung habe ich von einer Autorenkollegin bekommen,die mein Buch auf ihrer Seite bewarb: Das Titelbild polarisiere,weil zu politisch. Da war einmal die Berliner Mauer und dann der Zug. Ersteres assoziierten die Leser dieser Seite mit der DDR, Letzteres mit der Nazi-Zeit. „Was ist denn das? Schon wieder 3. Reich?“ So lauteten u.a. die Aussagen.
???
So ist das oft- Menschen interpretieren etwas ganz falsch, lesen nicht mal den Klappentext. Interessant fand ich allerdings,dass diese Angst, diese Weigerung,sich mit Geschichte auseinanderzusetzen, wirklich so groß ist. Lehrer sind erschrocken​, wie wenig die Schüler über die DDR wissen. Die Tochter meines Freundes fragte mich mal, ob ich aus einem anderen Land käme. Sie dachte , die DDR sei ein weit entferntes Land. So empfindet es der Großteil der Schüler Innen. Weit weg, nichts mit mir zu tun. Ein Besuch in Buchenwald ist lästige Pflicht,die Auseinandersetzung mit Geschichte ist wieder ganz weit weg. Oft liegt das aber auch daran, dass es auch für die Lehrer ganz weit weg ist. Dass man Angst hat, einen zeitgemäßen Bezug herzustellen. Nicht weil es den nicht gibt, sondern eher weil dann deutlich würde, wie nahe all das „weit Zurück liegende wirklich ist. Deshalb habe ich eine persönliche Geschichte geschrieben, es geht viel um Emotionales, Beziehungen, eben die persönliche Geschichte in der Großen.

Ohne​ diese Spiegelungen, ohne dieses Echo, ist es schwer eine Geschichte weiterzuentwickeln. Weil sie durch die Leser lebt. Am Anfang habe ich mich gefühlt, wie ein Straßenmusiker dem niemand zuhört. Als ob ich mich fallen lasse, um dann nicht aufgefangen zu werden und auf dem harten Boden zu landen. Wie ein wichtiger Brief, der nicht beantwortet wird. Ich denke, das wird unterschätzt. Autoren haben Angst vor negativen Kritiken, doch nicht vor dieser Leere, dem Nichts. Dabei ist es doch dieser Gedanke-was wenn ich was schreibe und niemanden interessiert es- der wirklich beängstigend ist.
Mein Tipp: Lasst euer Buch vor der Veröffentlichung von Testlesern bewerten. Meldet euch nach der Veröffentlichung bei Lovelybooks an.
Gebt es möglichst vielen Menschen zum Lesen, bittet um ehrliche Rezensionen. Schließt euch Autorengruppen an.
Und versucht, eure Zielgruppe zu finden. Ich kann z.b. nicht erwarten, dass Fantasy-Leser etwas mit meinem Thema anfangen können.
Und macht nicht den Fehler, jedes Echo als „die Wahrheit“ zu definieren-die gibt es nicht. Die Kritiken, ob gut oder schlecht, spiegeln lediglich die Wahrnehmung eurer Leser. Ihr könnt so eine Verbindung herstellen, doch die Kritiken als Urteile zu betrachten, wird euch nicht in eine gute Beziehung zum Leser bringen. Dann gibt es wieder einen Chef und einen Untergebenen, doch so funktioniert das nicht. Kreativität ist frei von hierarchischen Strukturen.

Es ist ein lebenslanger Lernprozess, herauszufinden, was das eigene Buch bewirken kann. Die Veröffentlichung ist der Anfang. Und oft auch der Anfang vieler neuer Ideen und Inspirationen für das neue Buch.

Nebenbei

Nebenbei

Es gibt beim Schreiben oft diesen Moment, wenn ich Hauptfiguren und Nebenfiguren klar definieren muss. Das fällt mir schwer, weil ich es so empfinde, als ob ich den sogenannten Nebenfiguren damit weniger Wert beimesse. Sie sind nur „Sidekicks“. Irgendwie unverzichtbar, als Ideengeber, als die kleinen Rädchen im Getriebe. Sie sind das „auch“ und immer dabei, nie mittendrin. Man bedankt sich artig bei ihnen, so, als wären sie nur existenzberechtigt, weil sie das Leben der Hauptfiguren in die richtige Richtung lenken. Was sie denken,fühlen, ist nur von Bedeutung, wenn es den Hauptfiguren irgendwie nützt. Ich würde diesen Mechanismus gern durchbrechen, die Geschichte jedes Einzelnen erzählen. Deshalb gibt es so viele Figuren in meinem Buch, deren Geschichte ich nun auf zwei weitere Bände verteile…
Nur eine Rolle im Film anderer Leute spielen-diesen Gedanken hat meine Hauptprotagonistin Rena, diese Erkenntnis steht am Ende des Buches. Politisch gesehen, hatte meine Generation diese Rolle gespielt: Wir haben nur von dem profitiert, was eine andere Generation vor uns erkämpft hat. Das emanzipieren, das erwachsenwerden, hat in „Filme fahren“ also nochmal eine andere Bedeutung: Das Geschenk nicht nur annehmen und genießen, sondern selbst etwas erkämpfen. Nur was? Wo stehen wir eigentlich politisch und wollen wir überhaupt irgendwo stehen? Gleichzeitig erleben sie dieses „im Schatten stehen“ auch privat. Beziehungen, in denen sie nur Nebenrollen spielen. Wichtig, aber nicht wahrgenommen.

Auch im „echten Leben“ gibt es das, Menschen, die nur eine Rolle im Film anderer spielen.
Ich lese gerade viel über Zelda Fitzgerald, die das Paradebeispiel für so eine Rolle ist: Sie inspirierte ihren Mann mit ihren Briefen, mit den Dingen die sie sagte. Was sie selbst wollte und konnte, zählte nicht. Beim Film sind es oft die Drehbuchschreiber, in der Musik die Songwriter, die heimlich im stillen Kämmerlein anderen zum Ruhm verhelfen-ohne selbst richtig wahrgenommen zu werden. Es gibt „Ghostwriter“-ein schönes Wort, Geliebte und Gagschreiber.

Die Auffassung, dass man das akzeptieren muss, ist weit verbreitet. Vielleicht bin ich ja idealistisch und naiv, aber ich glaube, in diesem ekelhaften Gefühl, das man erlebt wenn man eine solche Rolle spielt, liegt die Wahrheit: Wir spüren dann unsere Lebendigkeit, unsere Energie, die nicht unterdrückt werden will. Die lautstark einfordert, gesehen, wahrgenommen, wertgeschätzt zu werden. Wir sollten dieses Gefühl nicht unterdrücken, nicht einen Teil unserer Persönlichkeit nehmen lassen. Es geht mir dabei gar nicht um Gerechtigkeit, nicht darum, dass keiner zu kurz kommen darf. Es ist eher dieser hässliche, menschliche Zug, alles gegeneinander ausspielen zu wollen, dieses entweder-oder. In Wirklichkeit ist es doch so, dass wir unterschiedliche Geschichten erleben, unterschiedliche Menschen treffen und jede Geschichte, jeder Mensch einzigartig und wichtig für uns ist.

Ihr werdet also die Geschichten von Alina, Christoph, Marion, Wladi und Niko erfahren. Von Karen und Judith und Jasper. Und in meinen neuen Büchern werde ich einen neuen Stil ausprobieren: Weg von der Ich-Perspektive, als Erzählerin die Geschichten verschiedener Menschen erzählen. Natürlich braucht es eine Hauptfigur, Jemanden, auf den/die man sich etwas mehr konzentriert, dessen Perspektive für den Roman ausschlaggebend ist. Sonst fehlt es an Struktur und Klarheit. Das bedeutet aber nicht, dass die Geschichten der anderen Protagonisten nicht genausoviel Wert und Bedeutung haben.

Glück

Glück

Glück ist ein Wort, mit dem ich oft konfrontiert werde wenn ich schreibe. Ob meine Protagonisten aus meinem Debutroman „Filme fahren“ das Glück finden, wurde ich beim Interview mit dem Blitz-Stadtmagazin  gefragt. Lese ich Artikel , geht es auch darin viel darum, das Glück zu finden. Songtexte, Gedichte, Bücher handeln davon. Ich weiß nicht wie es euch geht-ich bin dann immer ratlos. Was ist denn „das Glück?“

Bedeutet es, Glück zu haben? Oder, sich am Ende in einem Zustand ewiger Glückseligkeit zu befinden? Oder Zufriedenheit?

Ja, sie finden das Glück, habe ich gesagt. Meine Protagonisten finden es. Aber, während ich gerade davon schreibe, merke ich wie schwer mir das fällt, weil ich für mich gar nicht definieren kann, was Glück ist. Wie sollen es meine Protagonisten dann finden?

Ich weiß, oder ahne schon, was gemeint ist: Werden sie ihre Träume verwirklichen können? Ein geordnetes Leben führen können? Liebe finden? Ich glaube , dass wir da etwas durcheinander bringen-ein Leben in geordneten Verhältnissen macht uns nicht unbedingt glücklich. Vielleicht nicht mal zufrieden. Ich habe eher das Gefühl, Menschen sind nie zufrieden. Wir erleben glückliche Augenblicke. So beschreibt es mein Protagonist Milosch: Wir erleben eine Reihe von perfekten, kleinen Augenblicken. Wir jagen dieser Perfektion nach und oft möchte ich meine Mitmenschen fragen: Glaubt ihr das wirklich? Dass ihr einen Menschen findet, der euch ausnahmslos täglich glücklich macht? Der alle Regeln aus Beziehungsratgebern befolgt, der von Jedem akzeptiert wird-und der dich so glücklich macht? Weil er alle Regeln befolgt, deine Lieblingsfilme kennt und immer das Richtige sagt und tut? Der einen Job hat und gleichzeitig immer Zeit? Mit dem es nie langweilig wird und nicht zu aufregend? Eine Arbeit, die euch glücklich macht und reich? Ein spannendes, cooles und gleichzeitig spießiges Leben? Gelassen sein, niemals wütend und doch immer kreativ?  Das kann doch nicht sein…

So denken tatsächlich viele Menschen. Die Realität die ich erlebe, sieht allerdings etwas anders aus: Menschen machen mich glücklich und unglücklich. Manchmal mehrmals am Tag. Ich mich selbst übrigens auch 😉 Und Regeln aus Beziehungsratgebern machen mich unglücklich. Immer. Auch diejenigen, die sie befolgen. Oft sind es Unterschiede, die mich weiterbringen. Das Suchen nach richtig und falsch. Wenn ich  Geld verdiene, habe ich keine Zeit mehr. Wer Gelassenheit braucht, kann nicht gleichzeitig ein superaufregendes Leben führen. Kreative Menschen sind eben meist nicht diejenigen, die alles richtig machen. Gefühle zuzulassen macht kreativ-aber nicht unbedingt cool. Und Liebe ist immer unpassend.

„Filme fahren“ ist der erste Teil einer Trilogie. Der zweite Teil handelt von 1980ern in der DDR, von Ereignissen, die im Buch nur angerissen wurden. Jetzt schreibe ich den dritten Teil, der in der Gegenwart spielt. Beim Schreiben merke ich, dass auch ich meinen Protagonisten gern ein bisschen Ruhe gönnen möchte. Aber ich erkenne, dass es nicht mit einem geordneten Leben getan ist. Da bleiben immer Fragen offen, werden wahrscheinlich nie beantwortet. Es wird anstrengend, peinlich und unbequem. Das Glück, das sie am Ende finden, hat etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Sich immer mehr in Richtung Wahrhaftigkeit bewegen, sich befreien von allem, was angeblich glücklich macht. Wenn ich so etwas wie dauerhaftes Glück kenne, dann ist es Ehrlichkeit, die ich aushalte. Mich und Andere annehmen zu können, ohne Sicherheitsabstand und Alltagslügen. Wenn ich schreibe, komme ich, ob ich das will oder nicht-immer in diesen Prozess der gnadenlosen Ehrlichkeit. Dann verschwindet nach und nach jeder beschwichtigender Gedanke. Das zu akzeptieren, es sogar zu lieben-das macht mich glücklich. Nicht immer, nicht jede Sekunde. Doch die perfekten Augenblicke werden mehr.