Extrovertiert und trotzdem schamrot. Von dem Wunsch und der Angst mich zu zeigen

Extrovertiert und trotzdem schamrot.  Von dem Wunsch und der Angst mich zu zeigen

Heute mal etwas ganz Anderes: Ein Gastbeitrag!

Meine Bloggerkollegin Friederike hatte diese tolle Idee: Warum nicht mal gemeinsam was starten, ein „Text-Tandem“ zum Thema Extrovertiert und Introvertiert.Meinen Beitrag habe ich auf ihrem Blog veröffentlicht: http://schreibstimme.ch/intro-oder-extra-fck-ich-bin-beides/

Und jetzt bekommt ihr einen ganz wundervollen Text von Miss Extrovertiert: Friederike Kunath!

Ein paar Worte zur Autorin: Friederike Kunath ist als Autorin und Schreibberaterin tätig und betreibt unter schreibstimme.ch/blog  einen Blog über Kreativität, Selbstfindung, Schreiben und mehr. Ihr Hintergrund liegt im akademischen Bereich, wo sie als Theologin an der Universität Zürich tätig ist.

Der Test: Ich, extrovertiert!

Ich war in so einer Persönlichkeitstest-Phase, und dann war da eines Tages dieses Ergebnis: Ich bin ja extrovertiert!

Ich weiß nicht, wie ihr das seht, wenn ihr mich kennt (die Tatsache, dass ich hier im Blog sichtbar bin, muss ja gar nix heißen, gerade das Schreiben gilt ja als typisch introvertierte Tätigkeit). Mein Bruder fand spontan, das wäre ich nur in bestimmten Bereichen. Er ist allerdings wohl noch extrovertierter als ich. Vielleicht bin ich ja auch irgendwie beides (Nebenbemerkung: Das wäre sowieso das Beste, ich habe irgendwo gelesen, dass die Kombination aus Intro-und-Extraversion die größte Kreativität hervorbringt. )

Dennoch: Es geht ja dabei gar nicht um den Vergleich mit anderen. Sondern um die Frage, in welcher Bewegung du eher entspannst und deine Akkus auflädst: Wenn du dich zurückziehst, in Ruhe, für dich bist? Oder tendenziell eher, wenn du im Kontakt bist mit Menschen, im Gespräch, oder auch einfach ohne Worte? Da machte es Klick bei mir.

Für mich ist der Kontakt zu anderen eigentlich fast immer entspannend. Irgendwie lade ich da auf, die Energie geht hoch, es ist erhebend. Mit mir allein zu sein ist dagegen tendenziell anstrengend, es ist mit einem Gefühl von Arbeit verbunden-was ok ist, und der Grund dafür, warum ich dann auch oft arbeite, wenn ich allein bin. Allein zu entspannen, ist für mich eher schwierig.

Ich will aber noch tiefer, der Punkt über den ich schreiben will, liegt noch woanders.Dass ich extrovertiert bin, heißt nämlich, dass ich den Kontakt nach außen wirklich brauche. Kontakt und Austausch ist ein Bedürfnis, es ist existentiell, ich brauche davon eine erhebliche Dosis, jeden Tag.  Ich kann gut mehrere Tage und Wochen mit mehreren Menschen verbringen, aber mehrere Wochen oder auch nur Tage allein, wären der Horror für mich.

Extrovertiert: Das echte Bedürfnis nach Verbindung

Und genau über diesen Punkt, dieses echte Bedürnis nach nährendem Austausch, möchte ich schreiben. Denn nur weil ich extrovertiert bin, bekomme ich ja nicht einfach  die Art Austausch,  die mir tatsächlich gut tut. Ich muss, gerade weil ich es so sehr brauche, meine Verbindungen nach außen sehr gut überlegen, sie müssen stimmig sein. Wenn dich Musik entspannt, kannst du auch nicht einfach jede Art Musik hören, sondern du musst das finden, was dich am meisten beruhigt. Das ist eine immerwährende Suche.

Bevor ich wusste, dass ich extrovertiert bin, habe ich mich gewundert, warum mich Allein-Entspannen nicht beruhigt, sondern zusätzlich stresst. Jetzt ist das besser, aber jetzt muss ich die richtigen Verbindungen finden und aufbauen. Ich bin hungrig nach nährenden Beziehungen geworden, und liebe es inzwischen richtig, schnell Verbindungen  zu Menschen aufbauen zu können , die echt sind, authentisch.

Ich bin inzwischen richtig dankbar, dass mir das meine extrovertierte Natur einfach macht. Aber ich muss es eben tun. Rausgehen, ansprechen, Kontakte suchen. Denn sie fallen nicht einfach vom Himmel.

Extrovertiert und die Scham, mich wirklich zu zeigen

Extrovertiert zu sein, heißt nicht, dass ich alles von mir zeige. Im Gegenteil, in einigen Bereichen bin ich voller Angst und Scham. Erstaunlicherweise gerade da, wo ich sehr versiert und geübt bin, man könnte meinen, abgehärtet: Beim Singen.

Ich kann recht sensible Texte über Gefühl und Wahrnehmung veröffentlichen, Ich kann Vorträge halten und Seminare, ich kann öffentlich reden, aber beim Singen ist das völlig anders. Dabei kann ich singen, sogar sehr gut. Ich habe Erfahrung mit solistischen Auftritten, auch vor Publikum. Aber das waren bisher meistens Auftritte, wo ich meine Stimme eigentlich  verstecke. Was ich damit meine? Eingefasst als Chormitglied und gesungen wurde klassische Literatur. Man konzentriert sich auf die Technik, es geht um die richtigen Töne und einen gleichmässigen Klang, der Kratzer, Aussetzer und hörbare Luft peinlichst vermeidet. Man erzeugt ein Ideal, man überwindet die Schwächen der menschlichen Stimme. Man zeigt keine Emotionen, oder nur ganz gering dosierte Anzeichen von Emotion.

Sobald auch nur eine Kleinigkeit nicht  genau stimmt, werde ich schamrot. Ich will versinken, ich fühle mich blamiert. Ich bin damit beschäftigt, Fehler zu vermeiden, ich bin am Korrigieren, Schönmachen, permanent.

Wenn ich allein übe, habe ich eine ungeheure Scheu meine Stimme zu hören. Sie erscheint mir hässlich. Sie erscheint mir schwach und unberechenbar, als arbeite sie gegen mich. Sie wird von mir in einem endlosen Strom an Worten gemaßregelt, kritisiert, beargwöhnt.

Warum also singe ich dann?

Gegenspieler der Scham: Die unsgestillte Sehnsucht

Das ist eine gute Frage. Meine einzige Antwort ist: Es hat mich niemals in Ruhe gelassen, dieses Verlangen zu singen. Auch nicht, nachdem ich bei meinem einzigen Versuch einer Aufnahmeprüfung abgelehnt wurde. Auch nicht, als ich fast erleichtert und vorschnell  sagte: Na, dann soll es wohl nicht sein! Auch nicht, als ich mir gute und sehr gute Chöre suchte.  Das verstärkte den Wunsch nur, noch mehr, noch mehr selbstständig zu singen.

Nichts erfüllt mich mit mehr Freude, als zu singen.

Ja, auch das ist wahr, nach dem oben Gesagten. Und ich erlebe diesen Frieden nicht allein, nicht nur mit mir und meiner Stimme, sondern immer mit anderen Musikern und Zuhörern.

Ich muss also in den Kontakt und die Verbindung, ich muss nach aussen. Das erfüllt mich und quält mich von Zeit zu Zeit. Es ist, wie wenn du die dünnste und empfindlichste Stelle deiner Haut der Berührung aussetzt. Es ist das, was dich am meisten heilt. Und da liegt die größte Gefahr, verletzt zu werden.

Von der Angst dich in deinen Worten zu zeigen

Ich weiß, dass viele von euch Gefühle von irrationaler Scham und  Angst haben, wenn es darum geht, sich mit Worten zu zeigen. Mit Geschriebenem oder Gesprochenem. Ich habe lange versucht, das in mir nachzufühlen, doch in diesem Bereich geht es mir nicht so. Der Umgang mit Worten und das Zeigen darin fällt mir vergleichsweise leicht. Da bin ich ziemlich robust. Ich weiss was ich kann und traue mich.

Aber ich weiß trotzdem, wie sich diese Scham und Angst anfühlt. Ich kann gut nachfühlen, wie es ist, Angst vor Worten zu haben, vor den eigenen. Dass das dumm ist, was ich sagen will. Dass ich so viele Rechtschreib-und Kommafehler mache. Dass es nicht die richtigen, perfekten Wörter sind. Dass meine Sprechmelodie komisch wirkt und die Leute lachen oder einfach gar nicht hinhören. Dass meine Worte holprig wirken oder zu grossspurig. Dass einfach alles daran falsch ist. Zu klein oder zu groß. Zu seltsam oder zu normal. Zu banal oder zu exzentrisch. Dass meine Worte falsch sind und der Lehrer alles mit dem Rotstift durchstreicht. Dass ich blöd bin und mich total überschätze.

Auch wenn du Kritik von außen bekommen hast, kann es sein, dass du diese Ängste hast.

Auch wenn du eigentlich ganz gut schreiben und reden kannst und das auch weißt-theoretisch-und dir Menschen das sagen, kann es sein, dass du diese Ängste hast.

Dann kommst du dir noch dümmer vor, stimmt´s? Du denkst: Wie albern, ich bin doch eigentlich gut, das weiß ich doch, was ist denn nur  los mit mir?

Egal wie gut du verglichen mit anderen bist, du hast diese Angst und kennst diese Scham. Nämlich dann, wenn es wirklich darum geht,  wirklich DICH  zu zeigen.

Ich weiss, was mir hilft, jetzt nicht aufzugeben. Und das ist Unterstützung im geschützten Rahmen. Einerseits kompetente Unterstützung durch jemanden, der mir zeigt, wie man diesem Wunsch näherkommen kann. In meinem Fall Gesangsunterricht. In deinem Fall könnte es ein Schreib-oder Kommunikationskurs sein. Du willst von einer kompetenten Person konstruktives Feedback bekommen und umsetzbare Hinweise, wie du dich weiterentwickeln kannst. Andererseits hilft mir die Unterstützung von Menschen, die auf einem ähnlichen Weg sind und die mich ermutigen, auch wenn sie mit Gesang gar nix am Hut haben. Aber sie haben ihre Träume, die genauso fern und wichtig sind    für sie , wie meiner für mich.

Wenn du bis hierher gelesen hast und dich wiederfindest, wenn die Suche nach einem anderen, echterem Ausdruck deine Suche ist, lade ich dich ein, ein Teil von SchreibStimme zu werden. Trage dich für unseren monatlichen SchreibStimme-Letter ein und lass dich unterstützen. Es ist soviel einfacher gemeinsam.

Alles Liebe, Friederike

www. schreibstimme.ch