Kunst und Geld

Kunst und Geld

Vor zwei Wochen verbrachte ich den Sonntagnachmittag im Kino. Ich sah den Film „Loving Vincent“  und wie immer im Kino,  kamen mir während des Films viele Gedanken. Sie hatten nicht unbedingt etwas mit Vincent van Gogh zu tun. Viel mehr möchte ich ja hier etwas zum das Thema dieses Blogs veröffentlichen: Schreiben, Schriftstellerleben. Und dazu gehört auch das Thema Geld. Ich beschäftige mich gern mit den Biographien der KünstlerInnen, die mich besonders faszinieren und bewegen: Basquiat, Camille Claudel, Frida Kahlo, Emil Nolde, Max Liebermann, Paula Modersohn -Becker und eben Vincent van Gogh. Weil es mich interessiert, wie sie gelebt haben, wie sie es geschafft haben, ihr Leben der Kunst zu widmen. Vor einem Jahr habe ich den Film „Paula“ gesehen, ebenfalls ein sehr ungewöhnliches Biopic über die Künstlerin Paula Modersohn-Becker.

Der Film „Loving Vincent“  ist etwas ganz Besonderes: Weil es kein normaler Film ist, mit Schauspielern und Handlung im Mittelpunkt. Hier steht die Kunst im Fokus, denn der gesamte Film ist eine Gemälde von über  100 Künstlern. Die Zuschauer tauchen also in  Bilder ein, die  lediglich bewegt werden.  Ich habe noch nie so ein aufmerksames Kinopublikum erlebt. Die Story wäre zu dünn gewesen um einen einzigen Film zu tragen. Sie konzentriert sich ausschließlich auf die Umstände des Todes und vermeintlichen Selbstmordes  von Vincent van Gogh. Es ist ein Krimi  der tiefer geht: Denn die Gespräche, die Armand Roulin mit den Dorfbewohnern führt, machen deutlich, wie der Mann, den wir nur durch seine Kunst wahrnehmen und von dessen Privatleben  gerade mal  bekannt ist, dass er sich im Absinth-Rausch das Ohr abschnitt und sowieso „verrückt“  war, wirklich gelebt hat.  Denn dieser Film zeigt den Alltag des Malers: Dieser Alltag war einzig und allein von seiner Kunst bestimmt. Wie ein Arbeiter ging er an jedem Morgen aus dem Haus um von 8-5 zu malen. Diese Disziplin, dieser eiserne Wille, doch vor allem das Festhalten an der eigenen Berufung, haben mich beeindruckt  und nachdenklich gemacht. Gibt es in unserer Gesellschaft eigentlich noch ein Verständnis  für diesen Lebensstil? Es geht einzig und allein ums  Geldverdienen. Wenn du das schaffst, kannst du auch minderwertige Kunst produzieren. Egal. dann hast du deine Daseinsberechtigung, dann wird sogar etwas Schlechtes plötzlich gut. Weil du es gut verkaufen kannst. Künstler, denen dieses Talent nicht gegeben ist, werden schlecht bewertet. Deshalb gibt es so viele Kunst-Business-People, aber kaum noch Menschen, die für ihre Kunst leben.

Vincent van Gogh war kein  „Erfolgstyp“. Er gilt jetzt als großer  Künstler , damals war er nur der komische Vogel. Paula Modersohn -Becker gilt jetzt als eigenständige Künstlerin, damals hätte sie nur als Anhängsel, Ehefrau, Lernende, ihre Daseinsberechtigung gehabt. Ihr Leben war ein einziger Kampf um Eigenständigkeit. Sie wollte nur malen und ihre Bilder verkaufen.  Verkauft hat sie zu Lebzeiten nur fünf ihrer Bilder. So auch Vincent van Gogh, der sich nach vielen verschiedenen Job-Experimenten ausschließlich  der Kunst widmete. Er hat ein einziges Bild verkauft. Wir bewundern diese Menschen jetzt für ihre Kompromisslosigkeit. Ohne diese fast obsessive Hartnäckigkeit, wären sie nie bedeutsame Künstler geworden. Aber welchen Preis hatte diese Unbeirrbarkeit?

Wann immer ich mit kreativen Menschen  gesprochen habe, egal ob Schriftsteller, Künstler oder  Musiker, bekam ich zu hören, dass Geldverdienen das Wichtigste für sie sei. Niemandem „auf der Tasche zu  liegen.“ Erst dann kam die Kunst. Für Vincent van Gogh und Paula Modersohn -Becker kam die Kunst zuerst. Sie führten kein vorbildliches, selbstständiges Leben. Paula Modersohn bekam das Geld für ihre Ausbildung von ihrem Vater und wurde danach von ihrem Ehemann finanziert. in Paris lebte sie auf seine Kosten und wurde vorher von ihrem Vater gewarnt: Du musst langsam mal heiraten, ich kann dir kein Geld mehr geben. Vincent van Gogh lebte auf Kosten seines Bruders, der ihm nicht nur den Künstlerbedarf, sondern sein gesamtes Leben finanzierte. In diesem Konflikt stand er kurz vor seinem Tod: Im Film gibt es diese Szene, in der es einen Disput mit seinem Arzt und besten Freund Dr. Gachet  gibt. Van Gogh wirft ihm vor, eine Lüge zu leben, im Gegensatz zu ihm, dem kompromisslosen Künstler. Doch der Freund hat etwas, das Van Gogh fehlt: Eigenständigkeit. Er ist dazu in der Lage, sein Leben selbst zu finanzieren.

Es ist etwas, das in unserer Zeit in Vergessenheit gerät: Kunst fordert Opfer. Das liegt einfach in der Natur der Sache: Es hat mit persönlichem Geschmack, Zeitgeist und Zufall zu tun, ob deine Kunst in deiner Lebenszeit auf Gegenliebe stößt. Es ist keineswegs, wie einem all die Coaches und Motivationsredenschwinger erzählen wollen, einzig und allein Ergebnis deiner harten  Arbeit. Und wenn du das Geldverdienen an die erste Stelle setzt, dann bleibt die Kunst immer auf dem zweiten Platz. Vincent van Gogh und Paula Modersohn sind keine bewundernswerten Künstler, weil sie so ein vorbildliches Leben geführt haben. Sie sind große Künstler, weil sie große Kunst geschaffen haben.

Es ist eine Lüge, dass wir in unserer Zeit bessere Möglichkeiten haben. Es ist nach wie vor sehr schwer, sich als Künstler über Wasser zu halten. Weil Kunst Arbeit erdordert. Sie kann nicht ab und zu zwischendurch „passieren“. Kunst erfordert Hingabe und Disziplin. Ich habe Menschen getroffen, die nach Feierabend und am Wochenende schreiben, Künstler die von Hartz vier leben oder wechselnden Nebenjobs. Schriftsteller, die auf Urlaub und neue Klamotten verzichten. In meiner Lieblingsserie „Girls“,  hadert Hauptfigur Hannah damit, kein Geld mehr von ihren Eltern zu bekommen und fragt ihren Freund Adam, Schauspieler und „Holzkünstler“, wie er sein Leben finanziert. Die Oma gibt ihm monatlich Geld. Nicht viel, gerade genug um zu überleben. Doch er ist glücklich. Weil er das tun kann, was er gut kann. Das zahlt sich am Ende der Serie aus: Adam wird ein erfolgreicher Schauspieler. Auch Hannah schafft es am Ende, nach vielen, vielen angefangenen und wieder abgebrochenen Jobs und Sozialhilfe,  eine veröffentlichte Schriftstellerin zu werden-keine Große, die „mit Toni Morrison chillt“ wie sie es einem fiktiven , erfolgreichen Kollegen erklärt, aber „eben irgendeine Schriftstellerin“. Der Erfolg dieser zwei Figuren ist kein Mega-Erfolg. Er ermöglicht ihnen eine Bekanntheit in einer überschaubaren Szene, die ihnen aber die finanzielle Unsicherheit nimmt und ihnen dazu verhilft, gehört zu werden.

Von Zeit zu Zeit lese oder höre ich, wie Künstlern das Kreisen ums Geldverdienen im Weg steht. Es ist entweder der Wunsch, im Beruf erfolgreich zu sein, möglichst viel Geld zu verdienen, auf eigenen Beinen zu stehen, ein Beruf der viel Zeit fordert, kein Beruf und die Schuldgefühle, Jobsuche und Bewerbungen, tausend Nebenjobs und keine Zeit mehr zum Schreiben oder die Einwände des persönlichen Umfelds, dass damit doch kein Geld zu machen ist, die als große Hindernisse  im Weg stehen. Auf diese Weise fängt man gar nicht erst an oder bricht mittendrin ab.

Niemand weiß, ob es diese Sorge war, die Vincent  in den Selbstmord getrieben hat oder ob er tatsächlich erschossen wurde. Gut möglich ist es schon, dass ihm durch die Worte seines Freundes bewusst wurde, dass seine Arbeit, die ihm zu Lebzeiten kein Einkommen sicherte und keinen Erfolg brachte, zu einer großen Belastung und Einschränkung für seinen Bruder wurde. Doch sein (vermeintlicher)  Selbstmord war es, der seinem Bruder den Rest gab und statt Erleichterung ein vorzeitiges Ende bescherte. Theo van Gogh lag mit seiner Einschätzung richtig. Seine Investition hatte sich gelohnt: Vincent van Gogh gilt heute als Wegbreiter der modernen Malerei und einer der größten Künstler aller Zeiten.

Wer Kunst also nur etwas betrachtet, dass im Jetzt und Hier sofort erfolgreich sein  muss, hat nicht verstanden, dass Kunst so nicht  funktioniert. Sie richtet sich nicht nach den Regeln der Ökonomie, sie gehorcht nur ihren eigenen Regeln. Was ich daraus gelernt habe: Als einziges Ziel nur das Tun zu haben. Schreiben, egal wie und wo. Das an die erste Stelle zu setzen . Alles andere kommt danach. Vielleicht läuft alles scheiße im Leben, doch geschrieben wird trotzdem.

Diesen Tipp kann ich nur weitergeben. Viele AutorInnen konzentrieren sich zu sehr auf Nebenschauplätze:  Marketing, Schreibtechniken, Geldverdienen. Das ist auch wichtig, kommt aber erst danach, nach dem Schreiben. Das was wir zu sagen haben, kann kein anderer sagen. Also sollten wir es heute sagen. Morgen kann es schon zu spät sein.

 

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Musik und Schreiben-was hat das miteinander zu tun?

Musik und Schreiben-was hat das miteinander zu tun?

Das wird ein sehr persönlicher Text. Weil ich euch hier mal meinen ganz persönlichen Weg zum Schreiben nahebringen will. Und der führte, wie bei den meisten AutorInnen  unüblich, nicht über die Literatur. Natürlich war auch ich das, was man einen Bücherwurm nennt. Ich las alles was ich in die Finger kriegen konnte, schon vor der ersten Klasse. Doch es gab etwas anderes, das genauso stark war. Vielleicht noch etwas stärker: Die Musik. Ich sang immer mit, musste ständig Musik hören. Das Leben war für mich ein Film mit Soundtrack. Zu verschiedenen Szenen meines Lebens höre ich bis heute innerlich  Musik. Und diese Songs werden dann zu meinem ganz persönlichen Soundtrack. Ein Instrument kann ich nicht spielen. Aber ich singe. Als Kind übte ich stundenlang, um so zu klingen, wie die Kinder berühmter Chörte, später wollte ich dann eher Popstar werden. Nichts übt auf mich solche Anziehungskraft aus wie Musik. Mein Tag beginnt mit Musik und wird von ihr untermalt. Deshalb stand für mich als Jugendliche fest, dass ich mir unbedingt eine Band suchen musste. Die ersten Versuche in dieser Hinsicht unternahm ich das erste Mal in der Schulband. Wir schrieben einen einzigen Song, der wirklich gut war. Aber eine echte Bandprobe scheiterte, wie auch alle darauffolgenden Bandversuche, an der Disziplin.

Mit 18, 19 , versuchte ich in verschiedenen Bands mein Glück. Ich übernahm in diesen Konstellationen stets die Rolle der Spießerin, die doch tatsächlich glaubte. dass eine Bandprobe tatsächlich eine war und nicht ein Alibi für ein Besäufnis oder ein Treffen mit Freunden. Wenn Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden, gibt das Anlass,  sich selbst zu hinterfragen und besser kennzulernen. Ich lernte, dass mir nichts so sehr Spaß machte, wie die Arbeit an einem Song. Ich nehme stundenlange Wiederholungen gern in Kauf, wenn das Ergebnis stimmt.  Ich suchte nach einer Band , die das ebenfalls wichtig fand. Nach Menschen, die Musik an die erste Stelle setzten. Keine eiskalten Perfektionisten, sondern Visionäre. Eine solche Band  habe ich nicht gefunden, dafür aber meine Leidenschaft für das Schreiben.

Beim Schreiben bin ich nicht auf andere Menschen angewiesen. Ich kann alles so machen, wie ich es für richtig halte. Ich habe über Musik geschrieben, weil das etwas ist, was ich mit meinen Figuren gemeinsam habe. Weil ich weiß, wie es ist, wenn Musik das Leben bestimmt, ihm eine Richtung gibt. Niko findet in der Band Joy Division und dem Sänger Ian Curtis einen Weg, aus seinem trostlosen Leben auszubrechen. Für ihn hat Musik eine mythische Bedeutung. In der Band seines Bruders bekommt der die Gelegenheit, selbst Songs zu schreiben und aufzutreten. das gibt ihm Selbstvertrauen und Stärke. Seine erste große Liebe Mathias, ist der Drummer dieser Band und ebenfalls ein Teil dieser mythischen, befreiten Welt. Dass Marion, Niko´s Freundin und spätere Ehefrau, Musik nicht mag, ist da so etwas wie ein Zeichen. Die Songtexte die er für seine Schwester Alina schreibt, sind ein Versuch, sich selbst zu befreien. Nach Mathias´Verschwinden fühlt sich Niko innerlich wie tot. Erst als er den Techno-Club  Palace entdeckt und vor der Tür seinen alten Punker-Freund Detlef, wird er wieder lebendig und entdeckt in diesem Club dann seine zweite große Liebe: Rena, die ebenfalls Songs schreibt. Doch für Rena wird das literarische Schreiben ihr Befreiuungsschlag. Die Musik ist der Ausgangspunkt, das Schreiben ihr Weg zu sich selbst und weg von Niko.

Es ist so, wie Alina am Ende des Buches schreibt: Songs müssen einfach geschrieben sein. Sie müssen Filme im Kopf entstehen lassen. Diese Gabe, Dinge auf den Punkt zu bringen, habe ich ebenso wenig wie Rena. Doch das bedeutet nicht, dass die Musik wirklich verschwindet. Sie ist immer noch das Wichtigste, die Kraft, die mich antreibt und schreiben lässt. Manchmal höre ich ein Lied und bekomme durch dieses Lied eine neue Idee für einen Text. Musik inspiriert mich viel mehr  als Literatur. Doch wenn ich schreibe, gebe ich dem,  was ich beim Musikhören- und machen fühle, eine Stimme.

Nicht nur die Filme-fahren-Trilogie handelt von Musik. Auch mein zweites Buch „böhmische Dörfer“ dreht sich um Musiker. Die Hauptrolle spielt ein gescheiterter Musiker, der in seinem Heimatdorf musikalische Talente entdeckt und fördert. Für dieses Buch schreibe ich selbst Songs. in diesem Jahr werde ich gemeinsam mit Friederike Kunath eine Lesung mit musikalischer Untermalung veranstalten. Die Songs von Rena und Karen werden dann zu hören sein. Ich schreibe gern Songs für meine Bücher-denn das verbindet meine beiden Leidenschaften miteinander.

Oft stelle ich eine gewisse Voreingenommenheit bei AutorInnen fest: Man kennt sich in der Literaturszene aus, liest viel, interessiert sich allerdings nicht für andere Kunstformen. Die Grenzen werden ziemlich streng gezogen , Begegnungen zwischen Musikern, AutorInnen und Künstlern finden kaum statt. das möchte ich ändern. Ich mochte Grenzgänger immer gern: David Bowie, der sich sehr von moderner Kunst beeinflussen liess und deshalb dieser einzigartige Musiker wurde. Patti Smith, die eigentlich Dichterin werden wollte. Warum sollten wir uns selbst limitieren und uns auf eine Form beschränken? Warum nicht von allem beeinflussen lassen, ohne es gleich auszuüben? Musik ist für mich der Motor, die Kraft, die mich dann schreiben lässt, mir den nötigen Antrieb gibt. Deshalb gehört beides für mich untrennbar zusammen.

So sehe ich das. Dürfen Blogger ihre Weltsicht mit der Welt teilen?

So sehe ich das. Dürfen Blogger ihre Weltsicht mit der Welt teilen?

 

Ich war auf dem Weg zu einem Vortrag, telefonierte, während ich versuchte, die Hausnummer im Dunkel zu erkennen. Die Person am Telefon redete über Blogger. Denn seitdem bekannt ist, dass ich auch damit angefangen habe, bekomme ich ständig zu hören, wie wenig Verständnis man doch für Blogger habe. Das hätte selbstverständlich alles nichts mit mir zu tun. Ist klar.

Das Unverständnis bezieht sich auf diese simple Frage, die mir die Person X an jenem denkwürdigen Tag stellte, als ich schon vor der Tür stand, um mir die Weltsicht einer fremden Person anzuhören: „Warum soll es mich interessieren, was eine fremde Person für eine Sicht auf die Dinge hat, die in dieser Welt passieren?“ Weil sie Teil dieser Welt ist, vielleicht, dachte ich und sagte: Ich muss jetzt mal rein. Drinnen angekommen, lauschte ich also den Gedanken eines mir völlig unbekannten Menschen, machte mir Notizen und lauschte bald den empörten Gedanken eines anderen Fremden, der sich darüber empörte, dass er hier den Ausführungen eines fremden Menschen, pardon, einer Frau, zuhören musste, obwohl er doch seine Sicht auf die Dinge des Lebens mit uns teilen wollte und ihr, der Frau, die ja viel zu jung und unscheinbar wirkte, um ihm etwas zu erzählen, davon erzählen wollte. Leider wollte ihm niemand zuhören. Wütend schnaubte er in sich hinein und eilte nach Hause um dort die Gedanken eines Trolls zu übernehmen, der im Keller seiner Eltern einen von vielen Internetblogs mit wirren Halbwahrheiten für echte Männer und Wahrheitssucher betrieb. Vermute ich. 😉

Wer eifrig sucht, wird immer Gründe finden, warum er einem anderen Menschen kein Gehör schenken möchte: Keine  oder schlechte Ausbildung, fehlender  Doktortitel, Frau, Mann, zu klein, zu dick, zu dünn, zu schlau, zu dumm, zu, zu zu. Eigentlich egal. Denn es geht nur darum, einem anderen Menschen die eigene Meinung, die eigene Perspektive, abzusprechen. Ich weiß nicht, warum sich Menschen immer wieder diese künstlichen Hindernisse suchen. Ich weiß es zu schätzen, dass wir offen unsere Meinung sagen dürfen. Ich weiß wie es ist, wenn das nicht geht.

Vor einigen Jahren interviewte ich eine Künstlerin aus meiner alten Heimatstadt. Sie erzählte mir sehr anschaulich, wie es für sie war, als Künstlerin in der DDR zu (über)leben. Das Unausgesprochene, dieses Wissen, nicht frei sprechen zu dürfen, sich nicht ausdrücken zu dürfen, war für sie das Schlimmste. Und ich frage mich, warum tun sich viele mit dieser Freiheit so schwer, wollen anderen wieder den Mund verbieten?

Beim Bloggen geht es darum, wieder ein Bewusstsein für verschiedene Perspektiven zu schaffen. Es ist ein journalistisches Angebot: Es macht für mich keinen Unterschied, ob ich einen Artikel für die Zeitung oder meinen Blog verfasse. In beiden Fällen ist es Arbeit. Bloggen ist kein Hobby. In meiner Freizeit will ich mich entspannen. Schreiben ist eine ganz gewöhnliche Arbeit, die mir natürlich Spaß macht. Doch das ist ein ganz anderer Spaß, als ein Kinobesuch, ein Spaziergang, ein Konzert oder Netflixabende. Blogger bieten ihre Texte meist kostenlos an. Doch ich begrüße es sehr, dass sich auch hierzulande langsam eine neue Einstellung etabliert. Mit einem Spendenbutton biete ich die Möglichkeit, für meine Arbeit zu zahlen, mache die Bezahlung aber nicht zur Bedingung und kann so weiterhin viele Menschen erreichen. Das erste Mal hörte ich das Wort Blog von einem Freund, anno 2006. Er fragte: Na, hast du auch nen eigenen  Blog? Ich dachte, das sei eine Anspielung auf Sidos mein Block und antwortete: Klar. Mein Block ist der beste. Nee, antwortete er. Ein Blog mit G am Ende. Das ist sowas wie ein Internettagebuch. Den Sinn dahinter verstand ich nicht und bis heute kann ich nicht so richtig verstehen, warum ich meine persönlichen Gedanken mit der Welt teilen soll, ohne jegliche schriftstellerische Ambition, ohne den Wunsch nach Diskussion und Austausch. Warum soll ich das Leben als Mutter beschreiben, über Liebeskummer, Depresssionen oder andere Themen schreiben, die doch besser in privaten Gesprächen mit Freunden aufgehoben wären? Mein Freund war einer der ersten Blogger, die ich kannte,  ich fand es gut was er so schrieb, das lag aber auch daran, dass er das gut machte. Er schrieb über sein Studium, Musik und suchte das Gespräch mit der Öffentlichkeit. Es war witzig und nachdenklich. Doch bei anderen Bloggern  fühlte ich  mich oft peinlich berührt von den allzu intimen Gedanken fremder Menschen. Das Ganze wirkte wie eine öffentliche Gruppentherapie. Erst später, mit den ersten Literaturblogs, wurde mein Interesse geweckt. Auch Reiseblogs mag ich gern-eigentlich alle, die ein Thema haben. Viele Blogs sind besser gestaltet,  als so manches Magazin. Politik, Kultur, Musik-ich finde zu jedem Thema einen interessanten Blog. Als ich mein Buch veröffentlichte, hatte ich den Eindruck, Websites werden nicht oft besucht. Da passiert nichts-man schaut einmal rein und das war es dann. Ich fand es viel schöner, all die Gedanken, die mir beim Schreiben kamen, auch mit der Welt zu teilen. Es sollte nicht nur um mein Buch gehen. Auch das Verfassen von Texten, die ich eigentlich gern in einer Zeitung veröffentlichen würde, finden hier einen Platz. Ich habe einfach wenig Geduld und haue am liebsten alles sofort raus. 😉 Außerdem dient der Blog so auch als Visitenkarte. Beim Bloggen werde ich persönlicher, es ist direkter. Das ist der Unterschied, während mir sonst keiner einfällt. Das ist auch der Grund, aus dem ich es ok finde, wenn Blogbeiträge kostenlos sind. Weil nicht alles total professionell sein muss und die Kommunikation im Vordergrund steht. Deshalb möchte den Lesern die Entscheidung überlassen, ob sie meine Beiträge bezahlen wollen.Oder  ob sie den Blog nur als Info über meine Person nutzen, weil sie durch mein Buch auf mich aufmerksam wurden.

Doch diese Frage, ob ich das darf oder nicht, habe ich mir nie gestellt. Ich brauche keine Erlaubnis. Ich muss einfach schreiben. Und das nur für mich zu tun, finde ich albern. Denn ein Schriftsteller hat die Aufgabe, seine Texte mit der Welt zu teilen. Vielleicht liegt das Missverständnis bei den darauf folgenden Reaktionen. Es wird erwartet, dass die Reaktion immer positiv ist.Wenn das nicht geht, wollen viele gar nicht reagieren, um sich nicht unbeliebt zu machen. Mir wurden nach Veröffentlichung meines Romans  ausschließlich positive Reaktionen gewünscht, weil ich doch erstmal Unterstützung bräuchte. Das ist zwar richtig, doch zehn Pseudo-Rezis á la: Tolles Buch! Toll, toll, toll, genial,  wirken nur peinlich. Weil es ja eindeutig ist, dass diese Personen mein Buch nicht gelesen haben. Mir hilft es, wenn sich Menschen mit meinem Roman auseinandersetzen, echtes Interesse zeigen. Wer einem kreativen Menschen Mitleid entgegenbringt, entwertet ihn. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, sehe ich oft Straßenmusiker , die unglaublich gut sind. Leider fehlt mir die Zeit, ihnen länger zuzuhören. Aber wie ist die allgemeine Ansicht über Straßenmusik? So ungefähr: Das sind Penner, denen man aus Mitleid ein paar Cent in den Hut wirft. Ähnlich ist es mit Selfmade-Autoren: Och, die Kleine hat selbst ein Büchlein gebastelt? Süß. Schreiben wir ihr doch ne Mitleidsrezi oder empfehlen das Büchlein. Aber lesen? Ähm, nein danke!

Nach der Logik der Leute, die Blogger nicht verstehen, dürften wir also die Meinung unserer Mitmenschen nur ernstnehmen, wenn sie als Journalisten oder Verlagsautoren die Berechtigung dazu haben. Ein Doktortitel, ein Zertifikat, irgendeine Berechtigung. Wer sich künstliche Hürden errichtet, weiß nicht zu schätzen, dass wir in einer Demokratie leben. Ich versuche, das nicht zu vergessen. Mich an die Zeit zu erinnern, als das nicht ging. Dazu trägt auch das Schreiben bei. Die Gespräche mit Menschen, die andere Zeiten erlebt haben. Ihre Perspektive ist für mich nicht nur wichtig. Ich könnte ohne sie nicht schreiben. Mein Denkprozess würde sich stark verkürzen. Meine Wahrnehmung wäre sehr begrenzt.

Die Antwort, die ich diesen Leuten also immer wieder gebe, ist nach wie vor: Doch. Ihre Sicht ist wichtig. Die Sicht jedes einzelnen Menschen ist wichtig. Was nicht wichtig ist: Ob dir das gefällt. Wenn es dir nicht gefällt, musst du es nicht lesen. Aber anderen die eigene Perspektive zu nehmen, steht dir nicht zu. Vielleicht reicht aber auch die Erwiderung der Person, deren Vortrag ich besuchte, auf die Mansplaining-Attacke des Zuhörers: Ich habe keine Lust mehr mit ihnen zu reden. Denn sie lassen mich nicht ausreden. Sie interessieren sich nicht für meine Meinung. Warum also , sollte ich mich für ihre interessieren?

Da liegt das Problem: Wir würden irgendwann einfach aufhören, miteinander zu reden. Und die Konsequenz möchte ich mir lieber nicht ausmalren. Also redet, kommentiert, äußert euch. Hauptsache, wir verstummen nicht.

Bild: Marco Kral

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

In meiner Jugend gab es eine Band, auf die sich alle einigen konnten, die den harten Rocker und das sensible Singer-Songwriter-Mädchen vereinten: Tocotronic. Stundenlang analysierte ich mit Freundinnen Songtexte wie diesen: „Es ist mir egal. Aber so will ich´s doch nicht haben“ oder : „Ich möchte irgendwas für dich sein. Am Ende bin ich nur ich selbst.“ Keine andere Band brachte unser Lebensgefühl so auf den Punkt. Mit Selbstironie und dem Geist des Punk, sangen sie über unser Leben. Ein Thema war der Wunsch, irgendwo dazuzugehören-zu einem Menschen oder einer Bewegung, einer Gruppe:“Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, oder:  „Ich wünschte,  ich würde mich für Tennis interessieren.“

Ich habe in meinen letzten Texten über meine Abneigung gegen Kollektivismus geschrieben. Das war auch, und gerade in meiner Jugend,  so. Aber auch ich hatte diese Sehnsucht nach einem Untergehen in der Masse-weil das bequem ist. Weil man dann Liebe und Anerkennung bekommt. Das basiert vielleicht auf einer Lüge, doch wer sich gut belügen kann, wird auf diese Weise glücklich. Ein trügerisches Glück, das ganz schnell wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen kann. Trotzdem ist es für viele Menschen ein Lebensziel: Irgendwo dazugehören. In „Filme fahren“ gibt es den Satz: Ich möchte nur eine Nische in der Welt finden, die meine ist. Das reicht aber manchen nicht aus. Sie wollen Teil einer großen Sache sein. Weil sie dann das Gefühl, haben, einen Sinn in ihrem Dasein zu finden.

Wenn wir sagen: Man macht das so. Wenn wir Meinungen als Tatsachen bezeichnen. Dann fragen wir nicht mehr. Dann nehmen wir nicht wahr, wir übernehmen: Machen Meinungen Einzelner zu allgemeingültigen Wahrheiten.

Wenn ich über Identität schreibe, muss es auch darum gehen: Wo fange ich an, wo ordne ich mich nur einer Gruppe unter? Auch das ist ein Thema. Denn auch in ihrem privaten Leben fragen sich meine Protagonisten, wo passe ich rein? Niko fragt sich als junger Mensch in der Schule, in welche Gruppe passe ich? Er fühlt sich weder den „Bonzenkindern“ , noch den prolligen „Rockern“ zugehörig. Erst bei den Punks und Künstlern findet er diese Annahme. Doch auch da kommt er immer wieder an eine Grenze-den Hardcore-Punks ist er zu wenig Punk, den Künstlern zu punkig. Ähnlich geht es ihm mit seiner Sexualität: bin ich nun hetero oder schwul? fragt er sich. Und trifft auf Menschen, die sich all diese Fragen nicht stellen: Mathias, Mimi und Alina, die den Widerspruch leben und damit glücklich sind. Seine  Sehnsucht nach einer Gruppe bleibt dennoch bestehen und gipfelt schlussendlich (Mit Anfang 40)  in einer Querfront-Aluhut-Gruppierung.

Ich habe das thematisiert, weil es mich immer schon interessiert hat, warum Menschen sich unbedingt irgendwo einordnen  wollen und damit selbst limitieren. Ich hatte mal einen Freund, der sich immer unglücklich in vergebene Frauen verliebte. Als er mir mal wieder bei einem Bier sein Leid klagte, rückte er irgendwann mit einer anderen Geschichte heraus: Er erzählte mir, dass er mal mit einem Mann zusammen war. Wie kann es sein, fragte er mich, dass ich mich mein Leben lang nur für Frauen interessiert habe-und plötzlich kommt dieser Mann und ich verliebe mich , als wäre er eine Frau? Bin ich nun schwul?  Seine große Angst war, dass er sich nicht mehr definieren konnte. Für ihn schien es keine passende Schublade zu geben: Hast du dich für andere Männer interessiert? Nein, sagte er. Das war der einzige. Das ist doch komisch. Vielleicht bin ich ja ein verkappter Schwuler und will es mir nicht eingestehen….Er hatte Angst, dass ich ihn nicht verstehen könnte, weil er es nicht konnte. Er dachte, er müsse einen Teil seiner Identität unterdrücken, um in dieser Welt zurechtzukommen: Entweder müsste er sich sein Interesse für Frauen verbieten, oder das für Männer. Er kam gar nicht auf die Idee, dass er sich gar nichts verbieten muss. Irgendwann entschied er sich aber dazu, sich nicht selbst zu begrenzen. Nun ist er glücklich verheiratet mit einer Frau. Dieser eine Mann blieb die Ausnahme. Mir hat diese Geschichte gezeigt, dass wir Menschen vielfältig sind. Das kann Angst machen. Wer in seiner Kindheit dieses Gefühl der Zugehörigkeit nicht erfahren hat, wer unter Ausgrenzung litt,  möchte dazugehören. Und dazu gehört es , das eigene Chaos zu bekämpfen.

Ich habe meinem Freund damals von meinen eigenen Erfahrungen berichtet: Ich merkte auch irgedwann, dass ich mich manchmal auch für Frauen interessierte. Dass es diese Ausnahmen gab. Mir ging es ähnlich: Ich habe Frauen nie als sexuelle Wesen wahrgenommen. Bis auf einige Ausnahmen. Ich wollte das auch definieren. Dieses Ungenaue, Ungewisse,  machte mich wahnsinnig. Doch ich konnte mich nicht als bisexuell bezeichnen. Dazu war das Interesse für Frauen nicht groß genug. Ich traute mich auch eines Tages, das einfach zuzulassen: Das bin eben ich. Das sind meine Gefühle. Ich will mir diese Gefühle für einen anderen Menschen nicht verbieten, nur weil er/sie nicht das „richtige“ Geschlecht hat. Weil ich dann nicht zu einer „Community“ gehören darf. Ich brauche keine Community. Ich möchte mich nicht einer Gruppe unterordnen. Und das befreit. Weil es am Ende doch nur um die Liebe geht. Und die wird durch zuviel Definitionen und Regeln zerstört.

Für Kinder gibt es diese Einschränkungen nicht. Es ist immer faszinierend zu beobachten, wie sehr diese kleinen Wesen in sich selbst ruhen , ihr Chaos lieben und eins mit sich selbst sind. Wenn ich mit der Tochter meines Freundes spiele, leben auch mal zwei Barbies als Paar  zusammen in ihrem Schloss. Es gibt alles und wenig Unterschiede. Eifersucht, Besitzansprüche-das ist ihr alles fremd. Sie erzählt mir viel von ihrer Mutter und kann uns alle als große Familie sehen-unterschiedliche Menschen, die sich alle irgendwie gernhaben. Es ist befreiend, das zuzulassen und ohne Vorurteile, ohne Ängste alles einfach sein zu lassen, statt einander zu bekämpfen und auszuschließen.

Wenn ich Teil einer Gruppe war, kam ich immer an einen Punkt, an dem  meine Persönlichkeit mit der Gruppenmeinung kollidierte. Ein gutes Beispiel ist die Homophobie vieler evangelikaler Christen. Ich traf einen homosexuellen Mann der sich nach einigen Seminaren bei einem „Heiler“  einbildete, wieder hetero zu sein. Nie habe ich einen traurigeren Menschen kennengelernt. Auch für mich wurde eifrig gebetet, für das Verschwinden meiner sündigen Gedanken.

Ich bleibe deshalb kritisch und ordne mich nicht gern unter-weil das immer einen Verlust meiner Identität, meiner Persönlichkeit bedeutet. In einem meiner Gedichte gibt es die Zeile: „Sehnsucht nach einer Tür mit Schloss und Riegel.“ Ich kenne diese Sehnsucht auch, doch ich weiß was sie aus mir macht: Einen Lemming. einen Menschen ohne Rückgrat, feige und charakterlos. So ein Mensch möchte ich nicht sein. Ich möchte Leser ermutigen, sich selbst mit diesem Chaos anzunehmen. Zu einem Leben ohne verschlossene Türen.“ Denn am Ende sind wir nur wir selbst. “ und: „Pure Vernunft darf niemals siegen.“

Mein Roman Filme fahren: Mit persönlicher Widmung hier: u.melzer@live.de

Oder im Buchhandel: Hugendubel, Amazon, Thalia, Weltbild.

 

Liebe bleibt.

Liebe bleibt.

Als Kind war ich unheimlich fasziniert von meinem Radiergummi. Wie es dieses Ding wirklich jedesmal schaffte, Worte die ich falsch geschrieben hatte, zu vernichten. Es war so, als wären sie nie dagewesen. Das hat mich so sehr daran fasziniert: Die Dinge wurden wieder in ihren Ursprungszustand zurückversetzt.

Ich mag ja Silvester und Feuerwerk. Aus dem gleichen Grund: Ich habe das Gefühl, mit diesem Feuerwerk wird alles weggeknallt, das ganze Jahr. Ich kann nochmal von Neuem beginnen. Der Januar ist eine weiße Fläche, eine leere Leinwand.

Vor vielen Jahren, es war 1997 in Mailand am Silvesterabend, hatte ich plötzlich große Angst vor dieser leeren Fläche. Ich wollte nicht mit all den Feierwütigen das neue Jahr begrüßen. Ich versteckte mich mit einem Kumpel in einem kleinen, engen Raum, wir tranken Schnaps, ich hatte Angst vor diesem neuen Jahr, weil ich wusste, dass ich diesmal keinen Plan hatte, dass mir etwas passieren würde, nicht etwas, das ich selbst wähle.  Und er sagte: Ich habe auch keinen Plan für das neue Jahr. Ist das so schlimm? Ich weiß, es macht Angst. Aber vielleicht ist es auch eine Chance für etwas Neues, Schönes.  Mehr ist doch nicht nötig, sagte er. Und er hatte recht. Das, was mir so Angst machte, war, dass ich schon ahnte, dass sich das folgende Jahr nicht so leicht ausradieren lassen würde. Ich begann an diesem Abend meine Wahrnehmung von Zeit zu ändern. Und es kam so wie befürchtet. Doch ich bin froh darüber, denn ohne dieses Jahr 1998 hätte ich mein Buch nicht schreiben können.

Ich habe mir oft , sehr oft gewünscht, ich könnte Menschen und Ereignisse einfach ausradieren. Ich habe mich für mein gutes Gedächtnis verflucht, das mich jeden Moment, jedes Wort speichern liess, während doch die anderen Menschen nur mit Vergessen beschäftigt waren. Ich bin geradezu besessen von Geschichten, weil es mich interessiert, wie sich etwas entwickelt hat, wie sich ein Mensch verändert, wie sich die Welt verändert. Ich bin eigentlich dankbar über diese Gabe, weil ich mich noch an diesen Silvesterabend erinnern kann und daran, wie richtig meine Vorahnung war.

Gestern habe ich mir die letzte Staffel meiner Lieblingsserie „Girls“ angesehen. In einer Szene sagt Protagonistin Jessa zu ihrer Freundin Hannah: Du kannst Menschen nicht einfach aus deinem Leben löschen. das funktioniert nicht. Sie sagte, dass nur Psychopathen zu so etwas fähig seien. Wenn das stimmt, sind mir in meinem Leben schon viele Psychopathen begegnet. Ignoranz fand ich schon immer unbegreiflich-wenn sie aus dem Nichts kommt, unbegründet erscheint, umso mehr. Menschen, die so etwas tun, fühlen sich vom Leben überfordert. Sie haben diese Sehnsucht nach einer neuen Chance, einer weißen Leinwand. Und dafür sind sie bereit, alles was dabei stört,  zu löschen.

Können wir Menschen und Ereignisse aus unserem Leben löschen? Das ist die zentrale Frage in „“Disclosure.“  Geht Liebe irgendwann vorbei wie ein Virus? Oder lebt sie einfach weiter, auf einer anderen Ebene, in einer Paralleelwelt? Das Vergessen-ob politisch oder privat-ist das Lebensthema der Protagonisten. Sie werden immer wieder mit ihrer Familiengeschichte, ihrer Herkunft, ihrer Liebe konfrontiert. Soviel kann ich schon mal verraten: Milosch findet seine Eltern. Er ist sich nicht sicher, ob er sie tatsächlich finden möchte. Denn er hat sich jahrelang erfolgreich eingeredet, dass er die Liebe zu ihnen vergessen hat, sie etwas aus seiner Vergangenheit ist, das lange vorbei ist. Doch es kommt anders. Er findet durch die Begegnung mit seinen Eltern einen Teil seiner Identität, den er vor sich selbst versteckte. Er begreift, Liebe hört nicht auf. Egal, wie sehr man sich das oft wünscht. Sie kann nur zum Selbstschutz in eine Kiste verbannt werden. Die dann im Unterbewusstsein darauf wartet, irgendwann wieder von uns geöffnet zu werden. Etwas Ähnliches versucht Niko auch mit seiner Geschichte. Wie viele Menschen, redet auch er sich ein, die Geschichte seiner Eltern und Großeltern hätte nichts mit ihm zu tun. Für seine Schwester Alina ist sie eine Realität, ihre eigene Geschichte, die sie in ihrem persönlichen  Leben beeinflusst. Sie nimmt sich als Mensch mit Identität und Geschichte wahr, während sich ihr Bruder als losgelöst  von der Vergangenheit begreift. Immer wieder schließt er Türen und lässt Menschen und Welten hinter sich, erfindet sich ständig neu. Dieses Konstrukt bricht zusammen, als er mit der Stasi-Vergangenheit seines ehemals besten Freundes Christoph konfrontiert wird, mit einer Wahrheit, vor der er irgendwann nicht mehr weglaufen kann. Er möchte vergeben und vergessen und muss erkennen: Das ist unmöglich. Weil Christoph nicht wirklich begreift, was er getan hat. Es ist kein „Fehler“, den er als falsch erkannt hat. Das was er getan hat, ist Teil seines Charakters. Alles was er jetzt tun kann, ist seine Geschichte zu vermarkten. Ein Buch zu schreiben, dem weitere folgen. Christoph wird berühmt durch seine Fehler, seine Opfer scheitern im Leben. Das ist die bittere Erkenntnis, die Niko zu sich selbst finden lässt. Die ihm klar macht, was er selbst vor sich versteckt, welche Menschen er hinter sich gelassen hat. Er möchte es anders machen: nicht an Fehlern der Vergangenheit zerbrechen, sie nicht unter den Teppich kehren, sondern echte Vergebung finden. Echte Vergebung ist immer bewusst. Ich muss begreifen, wer ich bin, ich muss genau hinschauen, ohne Angst. Dazu ist es nötig, sich und Andere weder als Heilige noch als Monster zu sehen. Das genaue Hinschauen ist hart, doch es macht das Leben so viel reicher.

Immer wenn mich meine Mutter in Gießen besucht, reden wir über ihre Erlebnisse in der ehemaligen DDR. Es ist wichtig für sie, darüber zu reden. Obwohl ich die Geschichten kenne. Es geht darum, sich etwas bewusst zu machen, das andere bis heute verschleiern wollen. Darüber reden hilft. Viel Nebulöses ist passiert, eine Aufklärung wird es wohl nie geben. Da gab es Spitzel in ihrer Schule-wer, weiß sie nicht. Plötzlich abgebrochene Kontakte deuten darauf hin. Merkwürdiges Verhalten. Kontaktabbruch. Vielleicht waren sie es, vielleicht auch nicht….Eine Aussprache, eine endgültige Klärung wird es wohl nie geben. So geht es vielen Menschen-die Pseudonyme der Stasi-Mitarbeiter  lassen nicht immer Rückschlüsse auf die Identität der Täter zu.  Vor einigen Jahren habe ich einen Künstler interviewt, der ähnlich wie Wladi in einer kleinen Wohnung voller Krempel lebt. Das Interview wurde zu einer langen Geschichte über seine Kindheit und Jugend, die von der Stasi geprägt wurde. Erlebnisse, die ihn traumatisierten. Die Einsicht in seine Stasiakten hat er nie bekommen, den Grund weiß er nicht. Mit seiner Kunst hat er eine eigene Welt erschaffen, ein überwaches Bewusstsein ist seine Reaktion auf die Versuche, ihm die Kontrolle über sein Leben und seine Wahrnehmung zu nehmen. Nie bin ich einem Menschen begegnet, der so einen wachen Blick auf das Leben hat, Details erkennt und jeden Augenblick seines Lebens  genießt. Immer wieder wurde versucht, ganze Welten vor ihm zu verstecken. Das hat seinen Blick geschärft , ihn eine Welt erschaffen lassen, die nur ihm gehört. Er verleugnet nicht, verdrängt und vergisst nicht.

Eine ganze Welt, die man vor sich selbst versteckt-das kenne ich auch selbst sehr gut. Ich habe das immer wieder gemacht-Dinge denen ich mich nicht gewachsen fühlte,  zu verstecken. Und ich habe mir auch eingeredet, dass ich diese Kisten irgendwann wieder öffnen kann, wenn ich bereit dazu bin. Doch so funktioniert das nicht. Ich bin vor einiger Zeit mal wieder über so eine Kiste gestolpert. Und ich habe sie geöffnet und erkannt, dass ich auch an dieses Märchen geglaubt habe, vom Vergessen und der Zeit die alle Wunden heilt. Ich wünschte, ich hätte von Anfang an bewusst gelebt, wäre mutig gewesen, hätte meiner Wahrnehmung vertraut und nicht der anderer Menschen. Denn wir können im wahren Leben nicht auf einen Löschen oder Ignorieren-Button drücken. Wir können nicht blockieren was uns Angst macht. Wir können nicht auf “ Jetzt nicht“  drücken oder den Spam-Ordner einfach niemals öffnen. Wenn ich Gefühle unterdrücke, macht sich das immer bemerkbar: In komischen Stimmungsschwankungen, Ängsten oder Beziehungen, mit denen ich unbewusst versuche, das aufzuarbeiten. Das was ich unterdrücke, wird zu einer destruktiven Kraft, die nicht nur mir, sondern auch anderen schadet.  So ist es auch mit der Politik: Wird die Geschichte nicht berücksichtigt, fehlt historisches Bewusstsein und das  führt  zu fatalen Fehlentscheidungen.

Deshalb gehört für mich alles zusammen. Denn genauso wie sich  ein Mensch nicht von seiner Geschichte und seinen Gefühlen lossagen kann, kann ich nicht nur über Politik, nur über Liebe, nur über Familie schreiben. Deshalb werden  Disclosure und Übertragung Familiengeschichten, Liebesgeschichten von Menschen, die Politik direkt erleben, nicht als Theorie, nicht als Zeitungslektüre, nicht als ein Kreuz auf dem Wahlzettel. Wir könnten das Leben als eine Reihe unbedeutender Zufälle mit einigen Highlights betrachten. Doch  ich sehe es als Einheit. Weil das Wichtige bleibt. Weil Liebe bleibt. Bis zum Schluß und danach.

 

Es geht immer weiter

Es geht immer weiter

Wie ihr ja inzwischen wisst, ist die Frage, mit der ich am häufigsten konfrontiert werde, die nach den eigenen Erlebnissen und Erfahrungen. Ich habe gestern einen ziemlich unkonkreten Text geschrieben, heute möchte ich von einigen persönlichen Erfahrungen berichten. Ich könnte sehr viel dazu schreiben, möchte aber nicht zu sehr ins Detail gehen. Deshalb nur zwei kleine Begebenheiten.

Wie ist das,  wenn es immer weitergeht?

Ich habe, so wie viele ehemalige DDR-Bürger , wirklich gedacht, nach der Wende wäre es vorbei. Alles. Auch die Erinnerungen. Diese Erfahrungen werde ich nie wieder machen. Warum auch? Sie haben sich ja nun alle angepasst, auf einen Knopf gedrückt . Ein Irrtum, das merkte ich zum ersten Mal, als ich im Alter von 13 Jahren mit zwei Freundinnen an einer christlichen Jugendfreizeit teilnahm. Wir stellten uns das aufregend vor-zum ersten Mal allein Urlaub machen, am Meer, weg von den Eltern. Was sich Teenies eben wünschen. Schon als ich in den Bus einstieg, hatte ich allerdings  das Gefühl,  ein Ticket in meine Vergangenheit gebucht zu haben. Die Leiterin war eine hochgradig psychisch labile Frau, die gemeinsam mit ihrem irren Freund eine kleine Diktatur für zwei Wochen errichttete. Schwarze Pädagogik, nur diesmal in christlich. Ich reagierte darauf, wie damals in meiner Kindheit: Mit Depersonalisation/Derealisation, ein Zustand in dem sich der Körper vom Geist abkoppelt. Ich fühlte mich so, als sei ich gar nicht da. Das machte ich immer so, wenn  mir etwas zuviel wurde. Doch diesmal war es anders. Ich konnte meine Eltern anrufen, die zufällig gerade in der Nähe Urlaub machten.  Dass ich einfach gehen konnte, war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Die Zeit der Zwänge  war vorbei, ich  konnte sagen , wenn ich etwas falsch fand. Das hatte ich vergessen. Es gab die Möglichkeit, sich über diese Frau zu beschweren, was viele Eltern taten. Als ich ging , fühlte ich mich trotzdem nicht frei. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem anderen Land, doch ab und zu wurde  ich wieder in meine Kindheit versetzt, in Kindergarten, Schule oder Krankenhaus. Flashbacks nennt man das wohl. „Das war deine letzte Erfahrung dieser Art“ sagte mein Vater dann zu mir um mich zu trösten. Leider stimmte das nicht.

Ich war 18 oder  19, ich weiß es nicht mehr genau. Ich saß mit einer Freundin im Wohnzimmer ihrer Eltern, wir sahen uns alte Fotoalben an, redeten über unsere Kindheit. Ich sagte ihr, dass ich mich in der Schule oft nicht wohlfühlte. Dass all die schönen Kindheitsereignisse oft überschattet wurden, von dem beklemmenden Gefühl, sich unfrei zu fühlen, von Ausgrenzung und den Pioniernachmittagen, an denen ich nicht teilnehmen wollte. Ich erzählte ihr, wie ich meinem Lehrer den Pionierausweis zurückgab, von der dilettantischen Demo, die wir in der Schule veranstalteten und von dem Glücksgefühl, das ich dabei empfand. Meine Freundin konnte mit all dem nichts anfangen. Ihre Eltern waren nicht glücklich über das Ende der DDR, sie hatte nur positive Erinnerungen und sagte mir, dass sie mich als Kind nicht verstanden hätte. Dass sie auch jetzt nicht versteht, wie man etwas gegen die DDR haben konnte. Warum überhaupt etwas hinterfragen? Man muss sich anpassen, mitmachen. das war ihre Lebenseinstellung, die ich bisher gar nicht gekannt hatte. Egal was ich ihr erzählte, sie verstand es nicht. Ich spürte wieder diese ekelhafte, kalte Panik, schlimmer als damals, weil wir keine Kinder mehr waren.

Zwischen Freunden wurde diese Grenze gezogen: Was haben deine Eltern gemacht? Auf welcher Seite hättest du gestanden? Wir kämpften unbewusst weiter, taten so, als ständen wir immer noch auf verschiedenen Seiten. Ich war nur eng mit Leuten befreundet, mit denen ich in diesem Punkt übereinstimmte. Nie hätte ich mit Ostalgikern befreundet sein können, mit denen,  die sich die DDR zurück wünschten. Manchmal versuchte man, sich näherzukommen, zu verstehen, doch die Grenze über die wir kaum sprachen war stärker als jede Gemeinsamkeit in der Gegenwart. Wir mochten vielleicht die gleichen Bands und Filme, trugen die gleichen Klamotten und wurden von Nazis bedroht. Doch uns unterschied unser Verhältnis zur Freiheit so sehr, dass keine Annäherung möglich war. Nicht hinterfragen wollen, sich einen starken Mann wünschen, im Kollektiv untergehen , Individualität nicht zulassen, Angst vor dem eigenen inneren Kern haben, vor jeglicher Rebellion. Rebellion, die nur cool ist, wenn alle anderen auch mitmachen. Und die alten DDR-Überbleibsel dabei in die Gegenwart mitnehmen: Antisemitismus, Kollektivismus, Denunziantentum. Alles mitmachen, wenn es für eine vermeintlich gute Sache ist. Die Leute mit denen ich mich wohlfühlte, waren eine bunte Mischung aus Linksradikalen, Anarchisten und Liberal-Konservativen. Was uns einte: Unsere Eltern standen auf der regimekritischen Seite und wir ebenfalls, schon als Kinder und nun, da wir selbst erwachsen wurden, umso mehr. Wir konnten gut mit Widersprüchlichkeiten umgehen, mit unterschiedlichen Meinungen.  Unser Umfeld nach wie vor nicht so gut.

In „Disclosure“  gibt es diesen Satz: „Was macht ein Stasi-Spitzel nach der Wende? Weiter.“

Marion und Christoph machen im Privaten weiter, sie tun das, was man heute Gaslighting nennt, sie manipulieren, doch diesmal ohne Auftrag. Ich bin immer wieder in diese Vorbei-Falle getappt, dachte, die Ärzte und Lehrer und Beamte hätten eine innere Kehrtwende gemacht. Doch sie machten eben weiter, so wie sie es gelernt hatten. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist noch lange nicht vorbei. in Gießen habe ich gelernt, dass es auch hier weitergeht und Deutschland davon betroffen ist, nicht nur der Osten. Hier leben Menschen, die geflüchtet sind und Menschen, die sich einbilden, die DDR wäre das Land ihrer Träume gewesen.

Das Gefühl, sich von sich selbst zu entfremden,  ist ein persönliches Warnzeichen für mich, wenn ich mich in einer unfreien Situation und Umgebung befinde. Es zeigt mir aber immer wieder, was passiert wenn wir uns einreden, wir könnten uns von unserer Identität entfernen, zugunsten einer kollektivistischen Überzeugung: Wir zerstören uns selbst.

Filme fahren:  Bei mir mit persönlicher Widmung: u.melzer@live.de

im Buchhandel: Amazon, Thalia, Hugendubel  als Taschenbuch und E-Book.

Also, das Einzige was mich an deinem Buch stört sind die Christen.

Also, das Einzige was mich an deinem Buch stört sind die Christen.

Es ist Weihnachten. Es ist die einzige  Zeit im Jahr, in der die Kirchen voll besetzt sind. Als ich mir im diesjährigen Weihnachtsgottesdienst einen Treppenplatz auf der Empore erkämpft hatte und mir all die Menschen ansah, die normalerweise der Kirche fernbleiben, machte ich mir Gedanken über dieses Phänomen, über Kirche, Glauben und Religion.

In letzter Zeit gibt es viele erhitzte Diskussionen. Viele Menschen fragen sich, welche Bedeutung die Kirche eigentlich noch hat. Doch es geht weit über diese Frage hinaus: Immer wieder lese ich diese erbosten Kommentare unter verschiedenen Zeitungsartikeln zum Thema Kirche und Religion, die deutlich machen: Viele Menschen haben eine irreale, unbändige Wut auf Kirche und Christentum. Eine Wut, die meist jeglicher Logik entbehrt. Weihnachten ist ein Fest, dass jede/r so deuten und leben kann, wie er/sie mag. Für die meisten Deutschen bedeutet Weihnachten Familie, Gänsebraten und Weihnachtsmarkt. In die Kirche geht man wegen der Stimmung. Und niemand sagt etwas dagegen. Kein Christ brät dem ignoranten, atheistischen Weihnachtskirchgänger eins mit der Bibel über. Und doch ist da diese Wut. Eine Wut, die ich seit meiner Kindheit gut kenne. Ich dachte mal, nach der Wende würde diese Wut verschwinden. So langsam muss ich einsehen: Das wird nix mehr. Wir leben in einem Land, dass jedem Menschen freie Religionsausübung gestattet. Wir sind zwar angeblich ein christlich geprägtes Land, bestehen aber zum Großteil aus überzeugten Atheisten. Und trotzdem beschweren diese sich immer wieder, dass ihnen das Schimpfen nicht gestattet wird. Der Witz ist: Es wird ihnen ja gestattet. Was sie wollen, ist, dass die dummen Christen doch bitte ihre Fresse halten sollen. Sie sollen debil lächeln, während man über sie lacht. Am besten wäre es aber, sie würden ihre lächerliche, dumme Religion einfach ablegen, sich zum Atheismus bekennen. Obwohl: Auch wieder scheiße, dann hätte man ja kein Opfer mehr. Ihr merkt es schon: Dogmatismus gibt es auch bei nicht religiösen Menschen. Bei den angeblich so Aufgeklärten. Die sich in ihrer Kritik so primitiv und dumm artikulieren, dass es nur lächerlich erscheint, wenn sie dann die Aufklärung in ihre „Argumentation“ mit einbeziehen.

Es fühlt sich merkwürdig an, über die oppositionelle Kirche in der ehemaligen DDR zu schreiben, während ich im echten und virtuellen Leben stets und ständig von „Religionskritikern“ umgeben bin. Die mir ihre Ablehnung mit den Kreuzzügen begründen. Die ja schon ein Weilchen her sind….Es ist seltsam, weil sie sich immer als Opfer einer durch und durch christianisierten Mehrheit gerieren. ich war als Pfarrerskind in der Minderheit. Beschimpfungen gehörten schon seit dem Kindergarten zu meinem Alltag. Und es ging so weiter. Die Mehrheit zeigte mit dem Finger auf die wenigen Christen, um sich über sie  lustig zu machen oder in endlose, ermüdende Diskussionen zu verstricken. Nicht die Atheisten sind in unserem Land die Minderheit, die sich rechtfertigen muss, Sondern die Gläubigen. Und es waren  Christen, die sich in der DDR gegen die Staatsmacht aufgelehnt haben, die auf die Straße gegangen sind, die mutig waren. Wenn ich das thematisiere, höre ich immer, dass es nerven würde, wenn wir „keine Kritik zulassen“ , die Mehrheit mit unseren albernen Ritualen belästigen. dabei gibt es dieses „Wir“ so gar nicht. Ein Christ zu sein, bedeutet nicht, mit allen anderen Christen einer Meinung zu sein. Es muss noch nicht einmal bedeuten, mit der eigenen Kirche immer konform zu gehen. Die bekennende Kirche der NS-Zeit  war eine Minderheit, genauso wie die regimekritischen Initiativen innerhalb  der evangelischen Kirche der DDR.

Ich bin sehr kritisch. Ich bin so kritisch, dass ich kaum etwas Gutes an der Kirche finden kann. Oft frage ich mich, warum ich da überhaupt noch hingehe. Ich bin dem Christentum gegenüber extrem kritisch eingestellt. Das Leben des Brian ist einer meiner Lieblingsfilme. Ich lese gern satirische Bücher , die sich so richtig schön derb über meine Religion lustig machen. Wenn mir Freunde sagen, dass Religionen eigentlich eine gigantische Neurose sind, stimme ich zu. Ich bin genervt, wenn Mimosen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen und Bagatellen zu einer Staatsaffäre aufblasen.  Doch all das ist den „Kritikern“ herzlich egal. Das könnt ihr ja gern mal testen, indem ihr den Kritikern in einigen Punkten rechtgebt und trotzdem bei eurer Überzeugung bleibt. Dann wird nämlich schnell klar, worum es eigentlich geht: Nicht die Kirche, nicht die Religion ist für diese Leute das Problem-obwohl beides sehr wohl Kritik braucht. Nein, ihr Problem ist es, dass manche Menschen glauben, dass es etwas Höheres als uns Menschen gibt. Dass da etwas ist, nach dem Tod. Dass es ein höheres Bewusstsein als das Unsere gibt. Diese Überzeugung tut niemandem weh. Sie drängt sich nicht auf, ist privat. Und doch halten sie das nicht aus. Weil es anders ist, ungewöhnlich. Weil sie es nicht verstehen. Es geht gar nicht um Kritik. Es geht um das Unvermögen, das Andere zu tolerieren und zu akzeptieren. Es ist das Gegenteil des Liberalismus. Ich muss nicht alles verstehen. Es reicht, wenn ich mich selbst verstehe. Ich möchte frei leben und denken. Und wenn mir gesagt wird, dass ich nicht an einen Gott glauben darf, lasse ich mir das nicht verbieten. Wer Religion für sich ablehnt, sollte es nicht nötig haben, religiöse Menschen zu beschimpfen und zu beleidigen. Und wenn er es doch tut, muss er mit Widerspruch rechnen. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Ich kann Menschen einfach nicht ernstnehmen, die lautstark darüber jammern, dass sie als Atheisten in einer Demokratie nicht frei ihre Meinung äußern dürfen und dann Religiösen den Mund verbieten. Ein wirklich freier Mensch kann anderen ihre Meinung lassen.

Ich habe in dieser Adventszeit zwei Gottesdienste erlebt, die mir bewusst gemacht haben, wie lächerlich es ist, wenn wir in Deutschland beim Gänsebraten darüber jammern, wie gemein doch die bösen Christen sind, nachdem wir im Weihnachtsgottesdienst christliche Weihnachtslieder schmetterten-wegen der Stimmung.  Ein Adventsgottesdienst wurde von iranischen Christen gestaltet, die als Geflüchtete nach Deutschland kamen weil sie in ihrer Heimat verfolgt wurden. Der Grund? Ihre Religion. Sie konvertierten vom Islam zum Christentum. Darauf steht im Iran Gefängnis, im schlimmsten Fall die Todesstrafe . Alles, was für uns so selbstverständlich ist, so selbstverständlich, dass wir davon gelangweilt sind, dass wir kritisieren und uns beschweren, ist für sie ein Grund, dankbar und glücklich zu sein. Wir haben das, was sie sich so sehr gewünscht haben: Freiheit. Die Freiheit, zu glauben oder nicht zu glauben. Weder Religiöse noch Agnostiker kommen bei uns für ihre privaten Gedanken ins Gefängnis. Und das was mich bei diesen Diskussionen so wütend macht, ist das Unvermögen einiger Menschen, das zu schätzen. Ihren Wunsch nach Totalitarismus. Ihren Wunsch nach Verboten-nach verbotenen Wörtern und Überzeugungen.

Ein zweites schönes Erlebnis war ein Adventsgottesdienst in einer Dorfkirche, die ich eigentlich nur aufsuchte, weil ich aus unerfindlichen Gründen plötzlich Lust auf einen Gottesdienst hatte. Ich erwartete einen langweiligen Gottesdienst, traurige alte Leute und lieblos heruntergespulte Rituale. Stattdessen waren da lustige alte, junge und mittelalte Menschen. Eine Pfarrerin, die , ohne aufgesetzt cool zu tun, eine lebendige Predigt hielt. Die Gemeinde murmelte immer wieder ein zustimmendes „Ja!“ Ab und zu gab es Ergänzungen und Einwürfe. Es ging um Vertrauen. Ein Vertrauen in das Unbekannte. Es Es ist nicht wichtig, sagte sie, ob all das tatsächlich so passiert ist. Vielleicht ja, vielleicht nein. Es geht darum, zu vertrauen, auch wenn wir nicht auf alles eine Antwort haben, auch wenn wir kritisch sind, wenn wir nicht alles glauben können. Kritik gab es genug in dieser Predigt-Kritik an der Kirche, am Frauenbild. Ich bin mir sicher, einige Gemeindemitglieder sahen das völlig anders. Und das war ok. Der Glauben, den sie vermittelte, vereinte Kritik, unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Weltanschauungen und Meinungen. Dazu war weder peinliche Jugendsprache, noch politische Reden und auch  keine Band nötig. Tradition hatte einen Platz, genauso wie Humor, Zweifel und Kritik.

Beide Gottesdienste zeigten mir, warum ich immer noch gern in die Kirche gehe. Es sind diese Ausnahmen. Diese wenigen , die durch und mit ihrem Glauben Gutes bewirken. Ich zwinge diesen Glauben niemandem auf. Doch ich erwarte auch, dass mir niemand seine Weltanschauungen aufzwingt.

Es gibt eine Weltanschauung, die sich immer mehr verbreitet: Der Wohlfühl-Relativismus. Wer nicht glaubt, dass es Wahrheiten gibt, dass alles gleichzeitig wahr ist, hat natürlich auch ein Problem mit Religion. So einer macht nie etwas falsch, denn es ist ja nur die eigene Wahrnehmung, die das was der andere tut, als falsch erscheinen lässt. Auch andere Menschen können einem relativistisch denkenden  Menschen nichts Böses tun, denn es bedeutet ja nur, dass er sich in der Gegenwart von Menschen aufgehalten hat, die ihm nicht gut tun. Es gibt keine Wertung, kein Gut und Böse. Und ich frage mich, was es dann überhaupt noch gibt. Dogmatismus und Intoleranz habe ich bei solchen Menschen erlebt, nicht bei Gläubigen. Weil es sie unruhig macht, wenn Menschen Überzeugungen haben. Während sie wie ein Blatt im Winde dahinschweben und alles irgendwie in Ordnung finden. Nur nicht die Christen. Die sind böse.

Wenn ich über diese fiktive, oppositionelle Kirchengruppe in den 1980ern in der DDR schreibe, mache ich diese Gruppe nicht zu den Guten. Es sind höchst schwierige Individuen, die sich nie einig sind. Auch unter ihnen gibt es Dogmatiker, Ideologen, Fanatiker. Und trotzdem kann dieser zerstrittene Haufen etwas Gutes bewirken. Weil sie sich schlußendlich alle auf die Freiheit einigen können: Auf die Überzeugung, dass wir unterschiedlich sein dürfen. Weil sie eine Überzeugung haben, den Glauben an Jesus. Weil sie durch ihn eine Vorstellung von Gott haben,  die sie verbindet. Weil das Menschen sind, die im Gegensatz zu den Pseudoatheisten,  tatsächlich nicht akzeptiert werden, weil sie im Gegensatz zu ihnen nicht sagen und denken  dürfen, was sie wollen. Und die keinen Gottesstaat wollen sondern eine freie Welt, die für alle Platz hat.